Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK INNERE-SICHERHEIT - Vom demokratischen Kontrollwesen


       zurück

       Dr. Horst Herold
       

ABSCHIED EINES STAATSDIENERS

"Der Clinch, den ich mit dem Terrorismus habe, verbindet mich und die Terroristen intensiver untereinander, als die und ich mit den übrigen Teilen der Gesellschaft verbunden sind. Das ist doch et- was Interessantes. ... Wenn ich mit jemandem ringe, so nah den Schweißgeruch und die Haut des anderen spüre - ein solches Erlebnis kann niemand ver- mitteln." (Herold) "Ich werde überall und immer mißverstanden als hätte ich etwas wie Gestapo im Sinn." (Herold) Die Ankündigung seines vorzeitigen Rücktritts in den Ruhestand hatte noch Furore gemacht. Darf sich der Staat so einfach von seinem "obersten Polizisten" trennen? - so hieß es im letzten De- zember. Inzwischen ist Dr. Horst Herold - Chef des BKA in den letzten 10 Jahren zum 1. April aus dem Amt geschieden, mit der dazu gehörenden schönen Abschiedsfeier in Bonn, dem "Großen Bun- desverdienstkreuz mit Stern" und vielen lobenden Worten hinter- her. Die Feier, die der Staat hier sich inszenierte und per Tagesschau dem Volk draußen übertrug, galt in der Tat einem Mann, der sich um diesen unseren Staat verdient gemacht hat. Herold - der "Mister Computer" und "geniale Polizist" bzw."Doktor Mabuse, der zwischen den Computern und Karteien seines Krimi- nalamtskellers den Weg zur Allmacht sucht" - war nacheinander Soldat, Richter, Polizeipräsident von Nürnberg und Chef des BKA. Frühe Aufopferung für seinen Staat war ihm eine Selbstverständ- lichkeit: "Herold leidet an den Folgen einer schweren Verwundung, die er 1942 als junger Panzerkommandant vor Woronesch erlitt. Rund hun- dert Splitter des Pak-Volltreffers, der den Turm seines Kampfwa- gens traf, sind in Brustkorb und Lunge verkapselt." ("Die zeit") "...Ich war fünf Jahre Soldat, ich bin fünfmal verwundet worden, das Gefühl der Angst kenne ich nicht." (Herold) Mit dem Wissen ausgestattet, wo der Feind steht, machte er sich später um sein Vaterland verdient, als er in seiner Vaterstadt Nürnberg durch die Erhöhung der Polizeidichte die Kriminalität im Bahnhofsviertel drastisch senkte. Als BKA-Chef baute er diese Be- hörde "zu einer der schlagkräftigsten Polizeiorganisationen der Welt" aus. Während sein alter Minister, Prof. Maihofer, über die "Mißerfolge" bei der Jagd nach den Schleyer-Mördern stolperte, hatte Herold das Glück, immer noch Beamter zu sein, als sich "seine" Methoden immer mehr auszahlten: Die Bevölkerung der BRD und insbesondere sämtliche "verdächtigen Kreise" wurden "vorbeugend" und in zig "Rasterfahndungen" (die letzte Telephon- rechnung auch wirklich selbst bezahlt?) so lange unter die Beob- achtung durch die Obrigkeit gestellt, daß der Erfolg - und sei er auch "nur" durch die "finale" Erledigung eines "Terrorismus- verdächtigen" bei dessen Verhaftung - nicht ausbleiben konnte. Herold war also äußerst erfolgreich. Er h a t die "Polizei als gesellschaftliches Diagnoseinstrument" eingesetzt und eine "Prävention neuen Stils" eingeführt, er h a t einen "Lieblings- gedanken der intellektuellen Szene", die "Verobjektivierung des Strafverfahrens" durch die Praktizierung des "wissenschaftlichen Sachbeweises", der "Zeugen und Richter entbehrlich macht", ver- wirklicht und er h a t die Polizei schließlich zu dem Instru- ment aufgerüstet, mit dem es möglich ist, gegen a l l e "Abweichler" rechtzeitig loszuschlagen, wenn man es für nötig erachtet. Durch die "gesellschaftssanitäre Aufgabe der Polizei" würde "auf eine höchst elegante Art und Weise eine Vielzahl denkbarer Abweichungsvarianten unter Kontrolle gehalten." (Herold) Ins Gerede geraten ist Herold erst, als er sich anheischig machte, mit seinem neuen Minister Baum um den persönlichen Erfolg bei der Terroristenhatz zu streiten. Diese widerliche Beamtenna- tur, die stolz darauf ist, im BKA-"Bunker" schlafen zu müssen und keine Privatexistenz zu kennen, die also voll in ihrer Aufgabe aufgeht und in den Terroristen den direkten persönlichen Gegner ausmacht (auch hier durchaus eine Komplementarität zu diesen), fühlte sich "von der Politik" nicht anerkannt. Weil Baum jeden neuen Schlag gegen die Terroristen als Frucht s e i n e r Ar- beit ausgab, beklagte Herold öffentlich, daß er ja nur ein klei- ner Polizist sei, dessen Konzeptionen die Politiker nicht zu wür- digen wüßten. Würde man das BKA noch mehr aufrüsten und seine Kompetenzen erweitern, ließe sich die Gesellschaft "in andere Bahnen lenken": "Wenn Polizei und Justiz befähigt werden, dieses Veränderungspo- tential" (der Intelligenz als neuem "revolutionären Subjekt") "ständig zu verarbeiten, ständig rückzukoppeln, den ganzen Prozeß zu dynamisieren, dann wäre ein Instrument geschaffen, das den Staat akzeptabel hält und nicht Staatsgegenmacht und Staatsfeind- schaft schafft, sondern Bewegung, Entwicklung, die der Staat im Griff behält. Es ist ja ein so simpler Gedanke! Man schämt sich fast, ihn auszusprechen. Aber er ist nicht machbar - im Augen- blick jedenfalls." (Herold) Weil solche Entscheidungen von Politikern, die genau wissen, wo ihre Kompetenzen liegen, getroffen werden; war das etwas zu weit vorgeprescht - und vergrößerte den Graben zwischen Minister und Beamten". Ein Polizist, der seinem Staat treu dient und öffent- lich eine Extra-Anerkennung verlangt, weil er sich für den ober- sten und verdienstvollsten Terroristenbekämpfer hält, kann seinem Dienstherrn auch lästig werden: Genau dies war das "Dilemma" und die Ursache des "tiefen Grolls" ("Süddeutsche Zeitung") von He- rold. Kein Widerspruch dazu ist es, wenn ihn der Staat mit großem Trara in die Pensionierung entläßt, weiß er doch um die wahren Leistungen des BKA in den letzten Jahren. Denn solche Sprüche und solcher Diensteinsatz eines Polizisten, bei dem Pflicht u n d Jagdleidenschaft zusammen den Beamten u n d den Charakter aus- machen, sind noch allemal gefragt: "Ich bringe sie Dir alle!" (Herold am Grab von Buback) zurück