Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK HAUSHALT - Steuern erhalten die Herrschaft


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       Der Witz der Steuerreform
       

...DANN ZAHL' ICH EBEN EIN!

"Und für Stolti gilt dasselbe, ohne Deutschmark in die Elbe!" Der Staat besteuert die Einkommen aller seiner Bürger. Daß er da- bei nicht zu knapp zulangt, bekommen vor allem die vielen Normal- verdiener als unangenehme Last zu spüren, die von der Arbeit le- ben müssen. Dafür braucht es nicht erst die "Bild"-Zeitung, die errechnet hat, daß der Arbeiter oder Angestellte die Hälfte eines Jahres für die Steuer arbeitet. Von dem Lohn der Arbeitnehmer wird ein dicker Batzen Lohnsteuer abgezogen, so daß man sich fragt, was der Lohnabhängige eigentlich davon hat, daß er seinen Bruttolohn kennt, wenn er eh nur den Nettolohn ausgezahlt bekommt - zumal bei einer Erhöhung des Bruttolohns auch noch die Steuer- progression zuschlägt. Aber das ist ja längst noch nicht alles, was Vater Staat für sich beansprucht. Von wegen, der Nettolohn gehört dem Lohnempfänger. Bei allen Lebensmitteln, die er sich beschafft, zahlt er die Mehrwertsteuer, die im Preis enthalten ist. Kauft er sich ein Auto, fällt die Kraftfahrzeugssteuer an, die Benzinsteuer hat er beim Tanken hinzulegen. Auch seinen Durst kann er nicht ohne Alkoholsteuer löschen, der blaue Dunst löst sich zum Gutteil in Tabaksteuer auf, und was es sonst alles noch für Posten gibt, die unter die Steuer fallen. Daß die Steuer mit dem Kaufmittel direkt den Lebensunterhalt der Arbeiter be- schränkt, weiß der Staat. Deshalb zeigt er sich sogar so großzü- gig, bei Hungerlöhnen ab einer bestimmten Grenze nach unten keine oder fast keine Lohnsteuer mehr abzuziehen (die indirekten Steu- ern streicht er in dem Fall aber nicht). Vor allem zieht er die Lohnsteuer direkt an der Quelle ab - die Arbeitgeber überweisen das Geld ans Finanzamt -, weil sich der Staat sicher ist, daß sich die Lohn- und Gehaltsempfänger den steuerlichen Abzug ei- gentlich nicht leisten können und das Geld weg wäre, wenn der Staat erst zum Ende des Jahres abkassieren wollte. Die anderen, die vom Eigentum leben, zahlen auch Steuern. Aber das macht den Klassenunterschied aus, daß sie sich bei diesen Leuten nicht gegen den Lebensunterhalt richtet. Der fällt nämlich bei deren Geschäft, das Eigentum zu vermehren, selbstverständlich und nebenbei ab. Deshalb dürfen die auch zum Ende des Jahres eine Steuererklärung machen. Und da der Staat am Wachstum seiner Wirt- schaft schwer interessiert ist, erlaubt er ihren Geschäftemachern sogar, mit allen möglichen Tricks - wovon gar der Berufsstand der Steuerberater noch leben kann -, ihre Steuer niedrig zu halten, was mit einem Lohnsteuerjahresausgleich offensichtlich nicht zu verwechseln ist. - Die unterschiedliche ökonomische Funktion in der Wirtschaft macht den großen Unterschied, wenn der Staat aus allen Einkommen seine Steuer zieht. Daran, daß der Staat sich bei allen, auch bei denen, die gar nichts übrig haben, Geld abholt, gibt es keine Kritik. Das soll völlig einleuchten, daß die Obrigkeit finanzielle Mittel braucht. Niemand fragt im Ernst danach, was er denn davon hat; und Kon- trolle über die Verwendung der Steuermittel übt nur einer aus - der Staat selber mittels der dafür zuständigen Behörden. Steuern sind eben ein Hoheitsakt, mit dem der Staat sich eine freie Ver- fügung über gesellschaftlichen Reichtum sichert und den sonst gültigen Standpunkt 'Wer zahlt, schafft an' blamiert. Alle Witze, die der Menschheit zum Finanzamt einfallen, belegen nur, daß zum Beruf des Staatsbürgers das Steuerzahlen dazugehört wie die Pflicht, einen Personalausweis zu besitzen. Irgendein Gemecker gibt es immer dann, wenn der Staat seine Verfahren der Steuerer- hebung selbst für änderungsbedürftig ansieht, so wie jetzt bei dieser Steuerreform. Dann hat jeder Steuerzahler es immer schon besser gewußt. Gibt es die gerechte Steuerreform? ---------------------------------- Offenbar sahnt der Staat ganz schön ab bei seinen Bürgern, so daß ihm die Größe bzw. der Anstieg seiner Steuereinnahmen manchmal selbst zum Problem wird. Nicht in dem Sinne, daß er mit dem vielen Geld nichts anzufangen wüßte. Steigende Steueraufkommen findet er sehr gut, und er weiß auch immer, wofür er sie ausgibt. Aber er weiß auch, daß die Grundlage und Quelle seines nationalen Reichtums, seine Wirtschaft ist. Da aber deren Erfolg davon ab- hängt, ob die Wirtschaftssubjekte Geld haben, damit sie damit et- was unternehmen können, betrachtet er sein Steueraufkommen nicht nur finanzpolitisch, sondern auch wirtschaftspolitisch: als Geld, das er der Wirtschaft n i m m t. Diesmal hat den Politikern die Tatsache zu denken gegeben, daß immer mehr stinknormale Steuerzahler immer tiefer in die Steuer- progression geraten. Einkommenserhöhungen der letzten Jahre, die sich im Endeffekt als bloß nominell erweisen, werden mit immer höheren Einkommenssteuerprozenten belastet. Da konnte bei grund- sätzlicher Würdigung der Staatsquote der Verdacht nicht ausblei- ben, daß es "der Wirtschaft" gut bekäme, wenn man ihre Subjekte, und zwar egal, wie sie wirtschaftlich aktiv sind, steuerlich ent- lastet. Dieses Anliegen begründet die Regierung mit einem doppelten Ideal: Erstens mit der Gerechtigkeitsidee "Leistung soll sich wieder lohnen!" Diese Idee geht für die arbeitende Bevölkerung nie auf, weil die Erfahrungstatsache feststeht, daß von Arbeit zu leben nie lohnt, wurscht, wie hoch die Steuerlast ist. Aber auch für die Geschäftemacher und Eigentümer an Kapital entscheidet nicht ein Stück weniger Steuer die Konkurrenz um den Gewinn, so daß sich jetzt das unternehmerische Risiko eher lohnen würde. Zweitens soll die Steuererleichterung so etwas wie eine "Lokomotivfunktion" für die Wirtschaft haben. Wie nun aber Xaver Löhner, der vielleicht im Monat 30 DM weniger Steuern zu zahlen hat, damit die Wirtschaft in Schwung bringen soll, ist ziemlich schwer auszumachen. Denkt der Wirtschaftsminister in seinem Opti- mismus aber mehr an die betuchten Macher der Wirtschaft, so ent- scheidet die Veränderung einer Kalkulationsbedingung - Steuer - noch lange nicht, daß die jetzt loslegen und investieren wie die Teufel. Das rechnet die freie Wirtschaft schon noch selbst aus. Schließlich werden diese Ideale, mit denn der Staat seine Steuer- reform verkauft, nicht gerade wirklicher dadurch, daß er nach der beschlossenen Steuererleichterung darangeht, Die Finanzierung der Steuerreform --------------------------------- zu sichern. Das sieht eigentlich widersinnig aus: Erst soll die Gesellschaft ein wenig von der Steuerlast befreit werden, dann holt sich Vater Staat von derselben Gesellschaft das Geld, um das entstandene Loch im Haushalt zu stopfen. Für die Staatsmänner aber ist die Sache ganz natürlich: Selbst verständlich muß der Staatshaushalt stimmen! Ein Problem ist das einerseits nicht, weil jedes Defizit im Haushalt nur von der Freiheit zeugt, die der Staat sich bei der Kreditaufnahme leisten kann. Andererseits haben die staatlichen Verschuldungskünstler zwar keinerlei Krite- rien, aber ein todsicheres Gefühl dafür, daß man es mit den Schulden nicht übertreiben darf. Deswegen fällt so grundsoliden Kassenwarten wie Stoltenberg dann doch immer wieder die Steuer als solide Einnahmequelle ein, - und die Finanzpolitiker machen sich erfolgreich an das unmögliche Kunststück, den wirtschaftspo- litischen Gesichtspunkt der Steuererleichterung mit dem fiskali- schen der Erhebung neuer Steuern zusammenzubringen. Einerseits wird ein sogenanntes Loch definiert und die 19 Mrd. müssen her, also sucht man neue Steuerquellen, die diese Summe insgesamt her- geben. Andererseits soll die Neubesteuerung so geartet sein, daß nicht der Eindruck entsteht, als würde sie die Steuerreform und ihren Zweck zunichte machen. Genauer: Die Maßnahme muß sich so verkaufen lassen. Man ist findig geworden. Spezielle Streichungen von speziellen Steuervergünstigungen von Unternehmen sind das eine, worauf man gekommen ist. Aber da es für die Finanzierung nicht zuletzt auf die Masse ankommt, die die neue Steuerquelle hergibt, ist man auf eine beträchtliche Menge von Arbeitnehmern verfallen, bei denen was zu holen ist. Da unter arbeiterfreundli- cher Mitwirkung der Gewerkschaften die Nacht-, Sonn- und Feier- tagsarbeit von Jahr zu Jahr zugenommen hat - selbstverständlich nur, damit die teuren Maschinen der Unternehmen nicht stille ste- hen -, soll sie jetzt besteuert werden - sonst lohnt sich ja die Leistung derer nicht, die solche Arbeiten nicht verrichten dür- fen. Da die größeren Belegschaften der deutschen Autofirmen mit dem Jahreswagen beglückt werden, ist ihr Lohn tatsächlich höher, als auf dem Papier steht, haben die Finanzfachleute festgestellt. Also wird der Jahreswagen besteuert - sonst lohnt sich ja die Leistung derer nicht, die in der Chemieindustrie, am Bau oder in der Elektronikindustrie arbeiten. Schließlich soll noch ein ziem- licher Batzen dadurch reinkommen, daß Geldanleger, die bisher dieses Zinseinkommen der Steuerbehörde nicht gemeldet haben, an der Quelle besteuert werden, sich also nicht mehr drücken können - sonst lohnt sich ja die Leistung derer nicht, die so blöd waren zuzugeben, daß sie 100.000 DM auf der Bank liegen haben. Es ist auf jeden Fall für zweierlei gesorgt: Der Staat hat sein Geld und die Steuerzahler Stoff zum Räsonnieren über Gerechtig- keit und Ungerechtigkeit beim Steuerzahlen. zurück