Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK HAUSHALT - Steuern erhalten die Herrschaft


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       Marxistische Schulzeitung Bremen, 10.09.1981
       

VOLKSSPORT: WIR SPAREN 22 MRD. EIN!

Auf zum Sparprogramm '82! ------------------------- Der Bundeshaushalt '81 ist verabschiedet, der Bundeshaushalt '82 wird vorbereitet. Das Thema ist das gleiche: Es muß gespart wer- den, damit ausgegeben werden kann. Die Methode hat sich auch nicht geändert: Gespart wird, indem für alle, die im sozialen Netz zappeln, staatliche Leistungen beschnitten oder abgebaut und dafür Abgaben, Beiträge und Steuern erhöht werden. Die unbestrit- tenen Ausgaben fallen nach wie vor unter die Rubrik "unsere Ver- pflichtungen im NATO-Bündnis" und werden jeden Tag in der Zeitung neu vorgestellt: "Neues Tornado-Loch entdeckt" (sofort stopfen), "300 Mio Nachforderung für Fregatte - Arbeitsplätze auf dem Bre- mer Vulkan gefährdet" (zahlen, wegen Arbeitsplätze), "Trotz alter Schuhe stets einsatzbereit" (unsere Jungs in alten Schuhen Manö- ver, nie!), "Leopard-Elektronik an Moskau verkauft" (neue her!), "Sowjetisch-syrische Manöver im Mittelmeer" (wieso denn Fregatten nur für die Ostsee?). Neue Töne: Armut, ein Argument fürs Schröpfen --------------------------------------------- Und doch hat sich etwas geändert: Der Kanzler hat neue Töne ange- schlagen. Aus den "verwöhnten Deutschen" sind über Nacht arme Schlucker geworden: "Die Belastung der Deutschen mit Steuern und Sozialabgaben liegt nahe an der Grenze des politisch für sie Er- träglichen. Da soll man sich nichts vormachen!" sagt der Helmut Schmidt. Was er damit natürlich n i c h t gesagt haben will: 'Meine Regierung hat den lohnarbeitenden Deutschen mit ihren Steuer- und Sozialabgabenerhöhungen das Einkommen so beschnitten, daß sie kaum noch wissen, wie sie zurechtkommen sollen. Ich habe eingesehen, daß sich das für unsere Demokratie nicht gehört. Wir sind doch nicht im Ostblock. Also: Steuern runter, Abgaben run- ter, Leistungen rauf und überhaupt erst einmal das Einkommen ver- doppeln.' Was er damit gesagt haben will: 'Ich habe volles Ver- ständnis für Eure Lage, liebe Lohnempfänger und SPD-Wähler. Ich weiß, daß Ihr Euch einschränken müßt, und daß diese Einschränkung bis nahe an die Grenze des p o l i t i s c h für Euch Erträgli- chen geht. Dafür, daß ich soviel Verständnis für Euch habe, soll- tet ihr also sehr dankbar sein. Ich könnte nämlich Euch das Leben auch verteuern ohne ein einziges Wort des Mitgefühls. Nach Eurem Portemonnaie richten sich die Staatsnotwendigkeiten ja sowieso nicht, im Gegenteil! Ihr habt Euch nach den Staatsnotwendigkeiten zu richten, und deswegen mir die politische Gefolgschaft aufzu- kündigen, steht wirklich nicht an: Wo ich doch soviel Mitgefühl mit Euch zeige! Vergeltet mir lieber Gleiches mit Gleichem und bringt Verständnis für meine Lage auf. Diese ist noch viel düste- rer als Eure: Bei uns fehlen in der Kasse 22 Milliarden, wo bei Euch doch allenfalls ein paar Hunderter fehlen. Also ist doch klar, daß wir in Bereichen sparen müssen, die gerade uns Sozial- demokraten am Herzen liegen.' Dem Arbeitsmann die Spendierhosen angezogen ------------------------------------------- Soweit des Kanzlers neue Töne zum alten Thema. Und alle haben sie begriffen. "Wie sparen wir 22 Mrd. DM ein", wird öffentlich zum Breitensport erklärt. Nicht nur Regierung und Opposition legen ein Sparprogramm vor, die Arbeitgeber haben eins, der Bund der Steuerzahler, alle Wirtschaftsinstitute, die 5 Weisen, der STERN usw. Und das Merkwürdige ist, sie haben immer einen gemeinsamen Kern: Das Herzstück der "sozialen Marktwirtschaft", das "soziale Netz", neuerdings auch zeitgemäß "soziale Hängematte" getauft, wird als eine einzige Belastung für den Bundeshaushalt vorge- stellt. Weswegen es von vornherein ausgemachte Sache ist, d a ß beim Arbeitslosengeld, bei der Rente oder beim Kranken- und Kin- dergeld gespart werden muß. Fragt sich nur w i e und in w e l c h e m U m f a n g. Und da hat so jeder der öffentlichen Macher seine eigenen Vorschläge: Der eine ist mehr für die Kür- zung des Arbeitslosengeldes, der andere für die Bekämpfung der Schwarzarbeit oder die Verschärfung der Zumutbarkeitsregelungen, dem dritten fällt die Rente ein, usw. usf. Womit insgesamt bewie- sen ist, daß 1. k e i n e staatliche Zahlung, auf die der Nor- malbürger für seinen Lebensunterhalt angewiesen ist, aus der Kür- zung ausgenommen wird und 2. j e d e Kürzung sehr verantwor- tungsvoll und überlegt und begründet und deshalb auch gerechtfer- tigt vor sich gegangen ist. Und wenn das alles noch nicht das bringt, was der Staat haben will, kann man eben zum "letzten Mit- tel" greifen und auch noch die Beiträge von 3% auf 4% und mehr erhöhen. Natürlich - und da sind sich auch wieder alle einig - ist es wirklich das letzte Mittel", um die Nöte des dicken Stingl zu lindern. Da lacht doch der Spargemeinde das Herz im Leibe: Das Lohnarbei- terleben und sein Angewiesensein auf staatliche Sozialleistungen sind der reinste Gabentisch. Es muß nur erst einmal der Anfang gemacht werden, d.h. alle müssen sich einig sein, daß diesmal "leider" kein Weg an der "Revision des sozialen Leistungsrechts" vorbeiführt. IG Metall: Mit uns nicht - so ohne weiteres ------------------------------------------- Und die Gewerkschaft? Die ist natürlich dagegen. Ist ja klar. Auf dem Rücken des kleinen Mannes! Soweit kommt du noch. Du hat die Gewerkschaft nicht zugelassen und du wird sie auch in der Zukunft nicht zulassen. Und schon gar nicht eine Kürzung des Arbeitslo- sengeldes Karl Heinz Janßen vom IG-Metall-Vorstand: "Diejenigen, die darüber reden, wissen entweder gar nicht, worüber sie reden, oder sie sind ganz sicher, daß sie selbst nie in eine solche Si- tuation kommen werden." Gut gegeben, Kollege Karl Heinz! Die Bon- zen wissen wirklich nicht, was sie da reden. Aber Du weißt genau, worüber Du redest, wenn Du folgende Alternative vorschlägst: "Erst wenn nach Einführung den Arbeitsmarkt-Beitrages für Beamte, Selbständige und Freiberufler und der Abstellung von Leistungs- mißbräuchen immer noch ein Defizit vorhanden sei, könne man mit der IG Metall über eine Beitragserhöhung diskutieren, vorher je- doch auf keinen Fall." (Handelsblatt, 3.7.) *** Liebe Leser! Wie hätten Sie gespart? Das Bonner Sparprogramm liegt vor. Findet es die Zustimmung unse- rer BUNTE-Leser? Reichen Sie doch Ihre persönlichen Sparvor- schläge bei uns ein! Schreiben Sie an BUNTE, 5300 Bonn, Bundes- kanzlerplatz, Bonn-Center, A II 411. zurück