Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK HAUSHALT - Steuern erhalten die Herrschaft


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       Münchner Hochschulzeitung, 14.12.1983
       Sonderausgabe Sozialwesen
       

THESEN ZUR WIRTSCHAFTS- UND SOZIALPOLITIK

Im Rahmen der Haushaltsdebatte werden gerade wieder Beschränkun- gen des Lebensunterhalts der Bevölkerung beschlossen. Eins kann man den zuständigen Politikern sicher nicht vorwerfen, daß sie nicht wüßten, was sie Rentnern, Behinderten, Kranken, Arbeits- losen zumuten. Die "sozialen Folgen" ihrer Politik für "die Menschen draußen" führen sie selbst im Munde, mit einem "leider" - nur eben: "Es muß sein". I. Was soll man davon halten, wenn die Zuständigen selbstverständ- lich unterstellen, daß "gespart" werden muß, wegen der "schweren Zeiten" für die deutsche Wirtschaft? - Daß Sozialpolitik eben immer "konjunkturabhängig" ist, daß der Staat also auch in "schweren Zeiten" nicht anders k a n n, als den Lebensunterhalt der Bevölkerung niedriger zu setzen? - Sind Politiker denn O p f e r der Wirtschaft, die sie ein- richten und befördern? Kehrt diese gängige Vorstellung nicht den Bezug des Staats auf seine Wirtschaft um? Wenn die zuständigen Politiker die "Rettung der Wirtschaft" als Anliegen ihrer Haus- haltspolitik ausgeben, dann erklären Sie doch zumindest das eine, daß es ihnen auf die Wirtschaft ankommt - für die weltweite Gel- tung der BRD. Und für dieses staatliche Interesse "müssen" die "sozialen Folgen" deutscher Haushaltspolitik "sein", sprich: durchgesetzt werden. Also von wegen "Sachnotwendigkeit des Spa- rens". Der Verweis der Politik auf die Wirtschaft als Argument für die Verarmung der Bevölkerung ist kaum mehr als Heuchelei zu bezeichnen: der Maßstab, dem sich die Bevölkerung zu unterwerfen hat, ist offen ausgesprochen. Auf die blöde Tour von Politikern, sich als bloß ausführendes Organ anderswo aufgemachter Zwänge da- zustellen, sollte man sich nicht einlassen. So reden die Exekuto- ren der Staatsgewalt, die ihre Bevölkerung täglich zum Dienst an Staat und Kapital zwingen. II. Was soll man davon halten, wenn Politiker die ins Werk gesetzten Sparmaßnahmen unter dem Titel "Wir alle müssen sparen" laufen lassen? - Daß sie die Opfer ungerecht verteilen, weil "wir alle" nicht gleich, sondern ausgerechnet immer die Ärmsten immer am stärksten betroffen sind? - Wer sollte denn auch sonst vom Staat für Opfer hergenommen wer- den als die, auf deren Arbeit es ankommt. Ist es nicht reichlich absurd, darüber enttäuscht zu sein, daß Politiker "die Reichen" "den Armen" vorziehen? Offensichtlich beurteilen die ihre Bevöl- kerung von vornherein ganz anders als nach dem Kriterium reich und arm, also auch nicht danach, was einer z u m L e b e n bräuchte. Subventionen geben sie nicht an "Reiche" zum Verpras- sen, sondern an Unternehmer. Und "Arme" werden geschröpft, weil ihr Geld n u r zum i n d i v i d u e l l e n Verbrauch da ist und deswegen doch beim Staat besser aufgehoben ist. Deshalb ist es auch kein Widerspruch, wenn Sozialpolitiker den Armen "ausgerechnet dann, wenn sie Hilfe am nötigsten bräuchten", die Mittel kürzen. Leute, die wegen Lohn arbeiten und deshalb immer zu wenig Lohn haben, sind genauso wie Arbeitslose, die die Wirt- schaft für überflüssig erklärt, eine L a s t für den Staat, da wo sie Ansprüche an den Sozialstaat haben. Sozialausgaben sind "unproduktive Ausgaben", die sich nicht lohnen, demgemäß behan- delt der Staat seine Bevölkerung und deswegen brauchen Arme über- haupt "Hilfe am nötigsten". Man muß sich schon entscheiden: Will man den Staatshaushalt für einen Topf halten, aus dem Politiker nach Bedürftigkeit verteilen müßten und sich von der Politik mit schöner Regelmäßigkeit enttäuschen lassen. Oder will man mal festhalten, daß sich Politiker durch Hinweise auf die "Betroffenheit" der Bevölkerung nicht rühren lassen - die sie ja schließlich selbst herstellen. Daß das letztere unter dem Titel "wir alle ..." läuft, ist ja schon Hinweis genug darauf, daß Kohl und Blüm nicht gerade auf den Hinweis auf mangelnde Verteilungs- gerechtigkeit warten, um daraufhin ihre Politik zu korrigieren. Deren "wir alle" ist die Beschwörung einer i d e e l l e n N o t g e m e i n s c h a f t, das großzügige Angebot eines Ti- tels, unter dem "die Menschen draußen" jeden Dienst an Staat und Kapital als ihr "Schicksal" auf sich nehmen sollen. III. Was soll man davon halten, wenn Politiker heutzutage den Arbeits- losen bescheinigen, daß sie unverschuldet in ihre "Lage" hinein- geraten sind und arbeitslos zu sein "keine Schande mehr" ist? - Soll man zufrieden sein, daß Arbeitslose von höchstoffizieller Seite nicht mehr als "Faulenzer" und "Schmarotzer" beschimpft werden? - Offensichtlich haben die zuständigen Politiker das Problem doch weiß Gott nicht, die Opfer ihrer Maßnahmen "diskriminieren" und "ausgrenzen" zu müssen. Umgekehrt: Sie versichern sie ihrer "persönlichen" Wertschätzung und erklären jedem Arbeitslosen, daß er sich voll und ganz als "eingegrenzt" betrachten darf und sich damit trösten kann, daß er sich doch tatsächlich nicht selber, sondern andere ihn entlassen haben. Arbeitslosigkeit gehört nun mal d a z u - das ist die Botschaft der Politiker, die darin offen aussprechen, daß sie Arbeitslosigkeit nicht nur "in Kauf nehmen" Lohnarbeit ist schließlich kein "Selbstbedienungsladen" für die, die sie machen müssen sondern für die deutsche Wirt- schaft und wo diese die Arbeit der einen für sich lohnender macht, werden andere entlassen. Die Technik von Politikern ist es, ihre Wirtschaftspolitik als Sorge um "Wachstum u n d Beschäftigung" darzustellen. Auf die Tour stehen sie immer gut da: Sie s o r g e n sich ja um das "Problem Arbeitslosigkeit" - und setzen dabei als Gütesiegel in die Welt, woran sich jeder orientieren" m u ß: Arbeit, also das, was Arbeitende und Arbeitslose in ihre Lage" bringt. Deshalb ist es auch schlicht falsch, die "Lage" von Arbeitslosen als ein Problem mangelnder Anerkennung zu diskutieren. Anerken- nung findet die Armut doch gerade durch ihre politische Würdigung als dazugehörig. Ausgerechnet daran zu zweifeln, ob mit dieser Anerkennung auch genug für Arbeitslose getan ist - aus solcher Skepsis kann nichts anderes folgen, als Programme für die Hebung des "Selbstwertgefühls" und die "Aktivierung" der Betroffenen zu diskutieren. Daß sie gebraucht" und "gewürdigt" werden, das soll denen vermittelt werden, die für unbrauchbar erklärt sind. Ein heißes Angebot an Arbeitslose, Dienstbereitschaft zu praktizieren - nicht für Staat und Kapital, sondern für sich selbst: als das "Selbstwertgefühl" nämlich, eine "wertvolle Persönlichkeit" zu sein. Was soll denn aus diesem Gedanken Gutes für die Betroffenen rausspringen: So verpflichtet man sie theoretisch auf ihre Not- lage als die Chance, sich bewähren zu dürfen. zurück