Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK HAUSHALT - Steuern erhalten die Herrschaft


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       Das Stichwort
       

STAATSVERSCHULDUNG

Die Staatsverschuldung ist neuerdings wieder ein wenig ins Gerede gekommen. Über Jahre hinweg wurde sie durch die Bonner Wendemann- schaft mit jährlichen Neuverschuldungen zwischen 25 und 36 Milli- arden DM zielstrebig angetrieben - dem Ruf der Christlich-Libera- len, sich gerade in Gelddingen durch besondere Seriosität und So- lidität auszuzeichnen (Kohl bleibe weiterhin Gütesiegel seiner Regierung, "daß wir keine Schulden machen"), tat das keinen Ab- bruch. Jetzt korrigiert die Bundesregierung die für das Jahr 1988 ursprünglich vorgesehene Nettokreditaufnahme von 29,5 Milliarden DM um schlappe 10 Milliarden DM nach oben - und auf einmal will die journalistische Mafia in den Redaktionsstuben und Fernsehstu- dios einen "peinlichen Wandel vom Sanieren zum Schuldenmachen" entdeckt haben. 'Peinlich' ist an der Erhöhung der staatlichen Neuverschuldung allenfalls ihre öffentliche Besprechung. Ausge- rechnet die Leute, die die ca. 150 Milliarden Mehrverschuldung durch die Wenderegierung locker unter dem Titel 'Sanierung' = Abbau von Staatsschulden abhakten und dem verantwortlichen Finanzminister dafür als dem leibhaftigen "sparsamen Haushalts- vater" und "soliden Kassenwart" "Bewunderung und Hochachtung" zollten; ausgerechnet dieser ökonomische Sachverstand wirft sich jetzt - neben der pflichtschuldigsten Befürwortung der Maßnahme in die Pose des Warners, der haargenau Staatsverschuldung "ausufert" und "zügellos" wird, warum ein Anteil der Staatsverschuldung am Bruttosozialprodukt von 2,5% stocksolide, von 3,5% dagegen schon bedenklich und von 4,4% gar dramatisch sein soll. Dabei können sie einem noch nicht einmal sagen, warum und inwiefern eine zu (wie?) hohe Staatsverschuldung so fürchterlich "alarmieren" soll. Mehr als den vom Vergleich mit dem Bürgerhaushalt lebenden Allgemeinplatz, daß nichts so weiter gehen kann, und daß man das irgendwann einmal wird bezahlen müssen, kommt dabei nicht heraus. Und diese Auskunft ist albern. 1. Wenn die Begründung für die Erhöhung der Neuverschuldung - ei- nerseits stünden wegen erhöhter EG-Beiträge mehr Ausgaben an, an- dererseits sei wegen sinkender Steuereinnahmen und Bundesbankge- winne mit verminderten Einnahmen zu rechnen - über etwas Auskunft gibt, dann über einen grundlegenden Unterschied zwischen Bürger- und Staatshaushalt. Während für den Normalmenschen das Geld, das er verdient, die ab- solute Grenze seiner Ausgaben bildet, die er durch Konsumenten- kredite nur zeitweise und um den Preis zukünftiger Einschränkun- gen durch Zins- und Tilgungsraten, also gar nicht überwinden kann, verhält es sich beim Staat ziemlich genau umgekehrt. Bei dem ist nämlich schon der Verdienst eine bemerkenswerte Sache: Der Staat befindet sich kraft seiner Hoheitsgewalt in der benei- denswerten Lage, durch Beschluß selbst festzulegen, wieviel von dem in seiner Gesellschaft geschaffenen Reichtum er für sich be- anspruchen will. Diesen Finanzbedarf bestimmt er nach seinen na- tionalen wie internationalen Vorhaben in puncto Rüstung und Poli- zei, Wirtschaftsförderung und Armutsverwaltung, Wissenschaft und Kultur. Und wenn sich dann unverhofft über das Jahr ein neues kostspieliges Staatsbedürfnis einstellt oder die Konjunktur, der Bundesbankgewinn usw. hinter den an sie gestellten Erwartungen zurückbleiben, dann stehen nicht das staatliche Anspruchsdenken, sondern zuallererst weitere Geldquellen zur Disposition. 2. Das heißt nicht, daß der Staat bei der Festlegung seines Fi- nanzbedarfs auf die Finanzkraft seiner Gesellschaft keine Rück- sicht nehmen würde. Gerade weil er sich an dem in seiner Gesellschaft geschaffenen Reichtum dauerhaft und in stets verehrtem Umfang bedienen können will., achtet er auf den Erfolg des Geschäfts und beurteilt kon- sequenterweise seinen Geldbedarf, zumal wenn er sich damit an die Wirtschaft wendet, auch als Beschränkung des Wirtschaftswachs- tums. Dieser Gesichtspunkt ist es denn auch, der ihn auf einen Unterschied in seinen Finanzierungsmöglichkeiten aufmerken läßt. Während jedenfalls eine Besteuerung des Geschäfts einen Abzug von dem Reichtum darstellt, der zu seiner Vermehrung zur Verfügung steht, ist die Finanzierung des Staates aus Krediten selber ein ausgezeichnetes Mittel, d.h. eine Anlagemöglichkeit für alle, die Geld übrig haben. Staatsschuldverschreibungen werfen nicht bloß einen sicheren Zins ab. Als vom Staat als Garantiemacht ausgege- bene Schuldtitel sind sie so gut wie bares Geld, weil sie jeder- zeit in solches verwandelt werden können: Sie können verkauft und gehandelt werden und dienen allseits bei denen, die sie gekauft haben, bei den Banken, bei denen sie hinterlegt wurden etc. - als absolut vertrauenswürdige Sicherheit für jede Menge weiteren Kre- dit. So stellt sich am Ende das wundersame Ergebnis ein, daß das private Vermögen, das der Staat durch die Kredite an sich gezogen und in Panzer, Politikerauslandsreisen und Beamtengehälter ge- steckt hat, seinen ursprünglichen Eigentümern gar nicht genommen ist, daß sich die gesellschaftliche Zahlungsfähigkeit durch die staatliche Inanspruchnahme nicht verringert, sondern erhöht hat. 3. Die Wirkung dieser Sorte Finanzierung der Staatsausgaben ist jedermann bekannt. Sie heißt Inflation und kommt daher, daß der so bewerkstelligten Ausdehnung der gesellschaftlichen Zahlungsfä- higkeit gar keine entsprechende Vermehrung des auf den Markt drängenden gesellschaftlichen Reichtums gegenübersteht. Auch wenn das Grundgesetz mit seiner Bindung der Neuverschuldung an die staatlichen Investitionen halbwegs so tut: Der Staat ist nun mal kein Gewerbetreibender, der Waren produziert und ver- kauft, der in der Erwartung lohnender Geschäfte Investitionen tä- tigt und diese durch Kredite finanziert, die sich durch vermehrte Verkäufe und Gewinne bezahlt machen. Der Staat finanziert mit seinen Schulden ausschließlich unproduktiven Konsum. Mögen sein machtvolles Auftreten nach innen und außen, seine Gerichte und Hochschulen für den Erfolg des Privateigentums noch so notwendig sein, er selber schafft keinen Reichtum, sondern verbraucht wel- chen. Im Gegensatz zu Geschäftsleuten erhält er Kredit nicht in dem Vertrauen darauf, daß er mit dem Geld lohnende Geschäfte an- leiern wird, sondern aufgrund seiner rein politischen Zahlungsga- rantie. Sein Machtwort ersetzt Wert. Nichts kindischer daher als das Getue von Ökonomen, die bedeutungsschwer die Staatsschuld in eine angebliche Pro-Kopf-Verschuldung der Bundesbürger umrechnen und so mit der Vorstellung hausieren gehen, daß die Staatsver- schuldung irgendwann einmal durch erhöhte Steuern beglichen wer- den müßte. Auf Rückzahlung ist die Staatsverschuldung wahrlich nicht berechnet die Schulden werden bedient - aber mit Geld aus neuer Verschuldung. Die Nettoneuverschuldung heißt ja gerade des- halb so, weil es auch eine Bruttoneuverschuldung gibt, aus der zunächst Zins und Tilgung für die alten Schulden bezahlt wird. Wechselreiterei, Bezahlung von Kredit mit neuem Kredit, ist das fortwährende Prinzip der staatlichen Verschuldung. Einstehen muß der Normalmensch für die staatliche Schuldenwirtschaft allerdings schon - und zwar bereits jetzt und laufend: Die etwas umständli- che Form der staatlichen Geldschöpfung gewährt nämlich der Ge- schäftswelt den geldmäßigen Spielraum, der es ihr erlaubt, die Preise allgemein und beständig heraufzusetzen. 4. Inflation hat für Staat und Kapital ihre angenehmen Seiten. Sie können sich gegenüber den Wirkungen der allgemeinen Verteue- rung schadlos haften. Der Staat durch genau das Verfahren, das schon den Ausgangspunkt des Ganzen bildete = weitere Verschul- dung. Die Unternehmen durch die Berücksichtigung der zu erwarten- den Teuerung bei der Gestaltung ihrer Preise. Schließlich sind sie es ja, die die Umsetzung der erhöhten Zahlungsfähigkeit in eine "inflationäre Entwicklung der Preise" überhaupt erst her- stellen. Ferner sorgt die Geldentwertung wie von selbst für eine schleichende Lohnsenkung bei den bloßen, Endverbrauch sie gezwun- gen sind, der beständigen Entwertung ihres Lohns mit der Forde- rung eines 'Inflationsausgleichs' hinterherzulaufen und die dank verantwortungsbewußter Gewerkschaften nicht einmal dieses Ziel erreichen. So gesehen handelt es sich bei der Inflation um ein konjunkturunabhängiges Gratis-Wirtschaftsförderungsprogramm. 5. Daß die Inflation den Staat trotzdem nicht kalt läßt, liegt daran, daß er mit seinem nationalen Geld in einem internationalen Vergleich steht. Seine eigenen Geschäftemacher wie auch die Geld- besitzer anderer Länder beurteilen längst sehr vorurteilsfrei, in welchen Weltgegenden und Staaten sich die Anlage von Geldkapital am meisten lohnt. Und für die Frage, "in welche Währung man geht", spielt es durchaus eine Rolle, ob sich das Geld. in dem man gute Gewinne machen will, laufend entwertet. Die Inflation ist daher eine Größe, die die weltweite Nachfrage nach einer Wäh- rung und damit ihr Wertverhältnis zu anderen Währungen beein- flußt. An diesem Außenwert seines nationalen Geldes ist wiederum der Staat sehr interessiert. Dieser Wechselkurs entscheidet nämlich darüber, welche Wucht dem in DM, Dollar oder Pfund hausenden Reichtum international zukommt. Er bestimmt darüber, ob ein z.B. in DM gemachter Profit wegen einer Verschlechterung der Währungs- paritäten im Weltmaßstab viel weniger darstellt und taugt. Er legt fest, in welchem Maß die vom Staat bewirkte Ausdehnung der nationalen Zahlungsfähigkeit sich tatsächlich international als vermehrte Kaufkraft bewährt. Dieses Interesse an einer "stabilen", "harten" Währung, die die Ausdehnung der Staatsverschuldung auch weiterhin erlaubt, ist es, was Staat eine gewisse Vorsicht in Gelddingen angeraten sein läßt. Eine Vorsicht, die die Bundesregierung jüngst immerhin zu der Absichtserklärung veranlaßt hat, die Erhöhung der Nettokre- ditaufnahme um 10 Mrd. DM "nur vorübergehend hinzunehmen", sowie zu dem Beschluß, die Verbrauchssteuern zu erhöhen und die "Subventionen" (welche wohl) zu senken. Zwar kann natürlich kein Politiker und kein journalistischer Schlauberger das Maß einer "soliden" Verschuldung angeben. Die Auswirkung der staatlichen Geldschöpfung auf den Außenwert der Währung ist nämlich eine Frage der internationalen Konkurrenz um die Attraktivität der na- tionalen Gelder, deren Ergebnis sich immer nur im nachhinein an der Bewegung der Wechselkurse ablesen läßt. Eine praktikable Schlußfolgerung kennen sie aber noch allemal: den Haushalt zu konsolidieren, indem sie die Steuern gegenüber den Richtigen er- höhen und die Ausgaben gegenüber den Falschen senken. So kommt der Normalmensch zuguterletzt noch einmal vor: als Manövriermasse für den Beweis der Solidität der Staatsverschuldung. *** Inflation gebändigt? -------------------- Seit zwei Jahren meldet das statistische Bundesamt ständig neue "Null"-Inflationsraten, Wirtschaftskommentatoren versteigen sich sogar zu dem euphorischen Urteil, die Inflation sei "gebändigt". Was weiß man eigentlich, wenn man in der Zeitung liest, daß "die" Verbraucherpreise 1987 um 0,2%, "die" Mieten um 1.8% gestiegen, die Preise für Strom, Gas und Heizung um 8,8% gefallen sind, und gleichzeitig feststellen muß, daß die eigene Miete, die immerhin fast die Hälfte eines Monatseinkommens verschlingt, um 20% teurer geworden ist? Es muß etwas damit zu tun haben, wie die Statisti- ker solche Preissteigerungen berechnen. Sinnfällig gemacht wird die Inflation über die Veränderung eines Teuerungsmaßstabs, dem sogenannten P r e i s i n d e x f ü r L e b e n s h a l- t u n g, der auf Grundlage eines von den Statistikern selbst zusammengestellten imaginären Warenkorbs einer "Durchschnitts- familie" ermittelt wird. Zunächst einmal sind nicht alle Waren und Dienstleistungen überhaupt in diesem Warenkorb enthalten. Zweitens werden die berücksichtigten Güter anteilsmäßig so g e w i c h t e t, daß Preisveränderungen je nach Wägungsschema sehr verschieden zu Buche schlagen können. D.h. drittens, daß sich hinter einer "durchschnittlichen" Verteuerung sehr unter- schiedliche Preiserhöhungen bei den einzelnen Gütern verbergen. 1,5% durchschnittliche Mietsteigerung allein im Monat November 1987 stehen da gegen um 5% sinkende Benzinpreise. Die sehr unterschiedlichen Auswirkungen auf die "Haushalte" von Lohnemp- fängern und Kapitaleignern tauchen in der Preissteigerungsstati- stik gerade nicht auf. Daß die "Entwicklungsländer" ihre Rohstoffe zwecks Schuldenbedie- nung nur noch zu Schleuderpreisen losgeworden sind, hatte in den vergangenen Jahren in Verbindung mit der D o l l a r a b- w e r t u n g zu einem für die deutsche Geschäftswelt erfreulichen Sinken der Importpreise für Rohstoffe geführt. Vor allem die über den Dollarsturz ausgelöste Veränderung der W ä h r u n g s r e l a t i o n e n hat die sogenannte "Ölrech- nung" der BRD auf D o l l a r b a s i s enorm verbilligt. Kann man aus diesen rein währungstechnischen Verschiebungen schließen, daß es keine Inflation mehr gibt? Mitnichten! Denn Staat und Geschäftswelt sorgen mit ihrem ständig steigenden Finanzbedarf dafür, daß die "inflationäre Entwicklung der Preise" nicht abreißt. Es ist also ein Irrtum zu meinen, in den offiziell gemessenen In- flationsraten einen brauchbaren Maßstab für die Inflation gefun- den zu haben. Denn diese geht flott weiter wie bisher. zurück