Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK HAUSHALT - Steuern erhalten die Herrschaft


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       Etatdebatte
       

DIE SANIERUNG DES VERWÖHNTEN BÜRGERS

Zwar wurden im Bundestag gerade erst die Milliarden für die in diesem Jahr bereits gelaufene und noch laufende Aufrüstung verab- schiedet, mit denen das deutsche Volk seine Bundeswehr verwöhnt. Verhandelt werden aber bereits die Großtaten, die im Zeichen der lang genug heraufbeschworenen "schweren Zeiten" für die Kriegs- vorbereitungsetats der nächsten Jahre anstehen. Gegenstand der Debatte ist dabei weder, o b, noch erst recht, w o f ü r denn eigentlich dem mit Arbeiten und Sich-Einteilen oder nur mit Sich-Einteilen vollauf beschäftigten Bürger noch mehr Geld aus der Tasche gezogen und gleichzeitig an ihm gespart werden soll. Einen rechten Gegenstand haben die bisherigen "Streitigkeiten" überhaupt nicht - dafür haben sie einen sehr eindeutigen Zweck. In erbittertem Streit und wechselseitiger üb- ler Nachrede setzen die demokratischen Parteien die S p r a c h- r e g e l u n g e n in die Welt, an denen sie mit ihren Initiativen zur Rettung der Staatsfinanzen vor den Ansprüchen der bedürftigen Untertanen gemessen werden wollen. Der Sozialstaat dreht sein Euter zu... -------------------------------------- Seit Beginn der "schweren achtziger Jahre" ist in unserem für- sorglichen Gemeinwesen unmißverständlich klargestellt, daß die von der "sozialen Marktwirtschaft" für unnütz Erklärten: die Mil- lionen von Arbeitslosen, Frührentnern und physischen Wracks, nicht als ein "Bodensatz" von speziellen "individuellen Härtefäl- len" zu betrachten sind, sondern als eine Dauereinrichtung des fortschrittlichen "Modell Deutschland". Komischerweise hat diese Klarstellung dem beliebten Märchen, hier handelte es sich doch bloß um die Schmarotzer der "sozialen Hängematte", nicht etwa ein Ende gemacht, sondern erst recht Auftrieb gegeben. Ständig werden "Mißbrauchsfälle" rausgekramt und zu regelrechten Gesetzesinitia- tiven "gegen den Leistungsmißbrauch" ausgearbeitet - gerade so, als hätte der deutsche Arbeiter ähnlich viele Gelegenheiten, Be- rater und Lobbys, um sich auf Staatskosten einen faulen Lenz zu machen, wie ein Wirtschaftsminister sie hat, um zugunsten seiner Parteikasse großzügige Spender zu legaler Steuerhinterziehung zu bewegen. Recht betrachtet ist das aber gar nicht abwegig, sondern sehr konsequent. Denn wenn man sich erst einmal hochoffiziell mit al- lem Nachdruck um den "M i ß b r a u c h" des "sozialen Netzes" gekümmert hat, dann scheint man sich als deutscher Politiker jede Unverschämtheit herausnehmen zu können. Dann kann man nämlich ganz "glaubwürdig" die von Anfang an angepeilte "traurige Ein- sicht" in die Welt setzen, mit dem "Abbau von Mißbräuchen" wäre es in diesen schweren Zeiten wohl trotz allem nicht mehr getan: um einen "substantiellen Eingriff" in die ansonsten ja höchst be- wunderungswürdigen "s o z i a l e n L e i s t u n g s g e s e t z e" käme man nicht mehr herum. Also: Hetze gegen angebliche "Schmarotzer" als erstklassiger Auf- takt, um jedem, der sich nicht als "Schmarotzer" fühlt - und das ist schließlich jeder! -, einen "harten Eingriff" als unumgängli- che Notwendigkeit anzukündigen! Dabei ist schon die Redewendung "Leistungsgesetze" eine einzige agitatorische Lüge. Hat denn etwa der Gesetzgeber die Gelder aus- gebrütet, mit denen die Arbeitslosen die Zeit überbrücken dürfen, in der ihre N i c h t-Beschäftigung den kapitalistischen Ge- schäftsgang fördert?, mit denen die Ärzte bezahlt werden, die die ruinierte Menschheit wieder gesundschreiben?, mit denen die Rent- ner das beliebte Gesellschaftsspiel bestreiten: Wie spare ich am meisten? Mit den Leistungen der deutschen Arbeiterklasse für und an ihren Staat sind diese "Leistungen" ja doch im Ernst nicht zu vergleichen! Sie stellen doch nur den geringen Bruchteil davon dar, mit dem der Staat seine Arbeiter darauf verpflichtet, für die absehbaren "Konjunkturen" eines modernen Arbeitnehmerlebens - Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter - die nötige Mindestvorsorge zu treffen. Trotzdem soll man jetzt erst recht fester denn je glauben, daß nicht etwa die Staatsgewalt sich überaus großzügig bei ihren Un- tertanen bedient, sondern daß sie ihr bequemes Arbeitervolk über seine Verhältnisse hat leben lassen. Ganz offenkundig hat dieses seine Staatsgewalt in den letzten drei Jahrzehnten allzu üppig mit seinem Gehorsam und seiner Leistungsbereitschaft verwöhnt! ...und nicht nur für den "kleinen Mann"! ---------------------------------------- Daß sie gemeint ist, wenn von der "Notwendigkeit" die Rede ist, die "Staatsfinanzen zu Sanieren" und deswegen mehr "Sozial- leistungen" in Form von Steuern einzustreichen und weniger an zwangsgesparten Lohnteilen wieder herauszurücken, das wird der deutschen Arbeiterschaft in sehr liebevoller Form mitgeteilt: N i c h t n u r auf ihrem Rücken soll dieses Geschäft vonstat- ten gehen. Mal im Ernst: auf wessen Rücken denn eigentlich sonst? Welchem Unternehmer werden denn die Abgaben an den Staat schon "an der Quelle" abgezogen? Welcher Unternehmer wäre denn nicht in der Lage, solche "Lasten" erstens gegen gewinnträchtige "Verlust- zuweisungen" aufzurechnen und zweitens trotzdem auf seine Preise zu "überwälzen"? Die deutschen Arbeiter dagegen haben eine ganze monatelange Tarifrunde hindurch den Beweis dafür angetreten, daß sie keineswegs entschlossen sind, i h r e gestiegenen "Lebens- haltungskosten", geschweige denn ihre vermehrten Leistungen für ihren wehrhaften Sozialstaat, auf die Käufer ihrer Arbeit abzuwälzen. Die versprochene Gerechtigkeit bei der vorgesehenen weiterer Be- lastung des "verwöhnten deutschen Volkes" ist für Politiker ent- sprechend billig zu haben. Mit großem Geschrei wird die unterneh- merische Übung angeprangert, Schlechtwetter-, Kurzarbeiter-, Ren- ten- und Arbeitslosengelder für die Minderung ihrer regulären Lohnkosten in Anspruch zu nehmen und damit hat es sich auch schon: Welche "Sozialleistungen" sollte man denn da jetzt strei- chen? Immerhin darf aber jeder "Arbeitnehmer" sich damit trösten, daß "seine "Politiker, insbesondere die aus "seiner" Partei, der SPD, die "M i ß bräuche" auf Kapitalistenseite genauso fest im Auge behalten, wie sie den Gebrauch des "sozialen Netzes" auf Ar- beiterseite einschränken. Denn so geht "soziale Gerechtigkeit". Noch dreister dasselbe bezüglich der geplanten Steuererhöhungen. Über die wird gleich schon so verhandelt, daß man sich Öffentlich bloß noch überlegt, w e l c h e Steuer es denn sein soll. Zur Zeit stehen die Chancen am besten für eine Anhebung der Mehrwert- steuer von 13 auf 15%. Das wäre erstens mal der nötige Brocken - und nicht bloß ein Bröckchen, wie die gerade erst eingestrichenen Milliarden aus der Alkohol- und Benzinsteuer. Außerdem hat diese Steuer den beachtlichen Vorteil, daß sie, ebenso wie die neulich erhöhten speziellen Verbrauchersteuern, bei den Kapitalisten nur einen durchlaufenden Posten darstellt und mit Gewißheit am Arbei- ter hängen bleibt - oder wann hätte der DGB je auf den Preis ei- nes Arbeiters die Erstattung der Mehrwertsteuer durch den Käufer draufschlagen wollen? Um arbeiterfreundliche Sprachregelungen ist man dabei selbstverständlich nicht verlegen: Die Anhebung der Mehrwertsteuer ist lt. Herrn Koschnick (SPD) schon allein deswe- gen sehr sozial und gerecht, weil bei einer Erhöhung der Lohn- steuer "durch die Steuerprogression überwiegend die kleinen Leute bedacht" würden - als wäre die Progression (= höherer Steuer s a t z bei höherem Einkommen) vor allem eine Schröpfung der Kleinverdiener; und soweit sie als solche wirkt, wenn einer in die Progressionszone ganz unten hineingerät: als wäre sie ein Naturgesetz, nach dem unsere souveränen Politiker sich in ihren souveränen Steuerbeschlüssen richten müssen! Derweil darf die SPD sich von der F.D.P. bescheinigen lassen, daß solche "arbeitnehmerfreundlichen" Aktivitäten der Koalition sehr gut bekommen; denn so erhält man den "sozialen Frieden". Und den hält nicht nur SPD-Ehrenberg, der allerzuständigste Minister, für "die wichtigste Produktivkraft unserer Nation". Mit einem ganz freiwilligen sozialen Frieden wollen sie sich alle gern verwöhnen lassen von ihrer Arbeiterklasse, unsere wehrhaften Weltpolitiker! Die demokratische Preisfrage: ----------------------------- Wer schädigt das Volk am glaubwürdigsten? ----------------------------------------- Die Opposition trägt, wie es sich in einer Demokratie gehört, das Ihre dazu bei, damit eine Alternative zu dem Entschluß der demo- kratischen Staatsgewalt, sich vermehrt bei ihren Untertanen zu bedienen, gar nicht erst in die Debatte gerät. Ihr schwerster Vorwurf an die Regierung lautet: I h r t r a u t E u c h n i c h t! Wo die Klarstellungen in der Sache an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, da wollen CDU und CSU entdeckt haben, daß die SPD "ihren Wählern nach dem Munde redet" - in ei- ner Demokratie offenbar das schlimmste Verbrechen, das eine mit dem "Wählerauftrag" ausgestattete Regierung begehen kann! -; und der "dünnhäutige" Kohl hat im Volk überhaupt bloß eine unerfüllte Sehnsucht festgestellt, nämlich die nach möglichst eindeutigen, "ehrlich" angekündigten, deswegen am besten von den Christen durchgesetzten Opferleistungen für den Staat. Das Thema und die einzige Alternative für die "Spardebatte" der nächsten Zeit steht damit fest. Wer ist am "ehrlichsten" und "offensten", also: Wer vertritt das staatliche Verarmungsprogramm gegen das Volk am unverschämtesten und d a m i t am glaubwür- digsten? - das ist das Kriterium, an dem die offizielle Opposi- tion die Politiker gemessen haben will. Und auf d i e s e n Streit haben F.D.P. und SPD sich in bewährter sozialliberaler Ar- beitsteilung schon längst mit Eifer eingelassen. Denn öffentlich zu b e g r ü n d e n brauchen sie jetzt nichts mehr; worüber sie sich mit der Opposition und in der Öffentlichkeit heftig streiten, ist die I n t e r p r e t a t i o n ihres staatlichen Selbstbedienungsprogramms: seine Ausmalung als Beweis für ihren "Mut" zur "U n popularität" - denn so führt man mit einer christlichen Opposition den Kampf um P o p u l a r i t ä t! Der wird deswegen auch ihr eigener Vorwurf zurückgegeben: Sie wäre ja selber zu feige zu sagen, wo sie denn die nötigen Milliarden loc- kermachen und einsparen will. Ein schöner Streit -, wo beide Seiten als die größte Selbstver- ständlichkeit von der Welt von der unverschämten Lüge ausgehen, "in diesen schweren Zeiten" wäre mehr Leistung für die Staatsge- walt und weniger Rückerstattung der zwangsgesparten Notgroschen - die längst für edlere Zwecke ausgegeben sind! - die einzige und allerbeste Sozialleistung, die der Bürger von seinem Regenten verlangen kann. Dem geehrten Bürger bleibt die d e m o k r a- t i s c h e F r e i h e i t in ihrer ganzen Schönheit: zu entscheiden, w e s s e n einschlägige Lügen und Sprachrege- lungen er für g e l u n g e n e r halten will. Und d a f ü r werden unsere Politiker sich noch manche Verrenkungen einfallen lassen. zurück