Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute
zurück
Münchner Hochschulzeitung, 04.06.1980
Sonderausgabe Sozialwesen
Ausländerarbeit in Haidhausen
VERRISS EINES RENOMIERPROJEKTS
Die Spezialisten in Sachen Ausländerarbeit pflegen trotz jah-
relanger Beschäftigung mit dieser Materie eine recht eigenwillige
Betrachtungsweise der Situation der Gastarbeiter in der BRD: Sie
sei eigentlich eine Panne des sozialsten Staates, den wir je auf
deutschen Boden hatten.
"Und sie sind trotzdem da, auch wenn es unsere staatlichen und
städtischen Behörden und sonstige Einrichtungen noch immer nicht
so recht wahrhaben wollen ..." ( Haidhauser Projekt Zeitung 4/14)
Ja, ist da der Staat vielleicht überrumpelt worden? Unseres Wis-
sens hat er sich selber diese Leute - übrigens weil sie besonders
billig sind und sich viel zumuten lassen, aber das wißt ihr ja
selber - an Land gezogen - was soll also das "Trotzdem"? Und an-
gesichts der umfangreichen Bestimmungen, mit denen der Staat die
Lebensbedingungen der Gastarbeiter angefangen vom Mindestwohnraum
bis zur Rentenversicherung, genauestens - in seinem Sinne - re-
gelt, scheint es uns doch ein bißchen kühn zu behaupten, die Be-
hörden wollten die Anwesenheit des importierten Arbeitsviehs
nicht wahrhaben. Ausgeführt lautet obige These: In den Ende
-60er- und Anfang -70er-Jahren hätte man nur die ökonomische
Seite gesehen jetzt träten zunehmend auch für den Staat die so-
zialen Probleme ins Blickfeld. Daran ist nichts wahr:
- Gastarbeiter hausen nämlich seit je her in miesen Unterkünften,
verdienen zu wenig, um ihren Traum einer besseren Zukunft reali-
sieren zu können, haben die ungesundesten Jobs, bekommen zwangs-
läufig Probleme mit ihren Familien, ob sie nun getrennt von ihnen
leben oder nicht - die Frau muß auch arbeiten, wenn es gut geht
(!) in einer anderen Schicht, die Kinder scheitern frühzeitig in
der Schule, womit ihre Zukunft besiegelt ist.
- So wenig neu die Lage dieser Menschen ist, so wenig neu ist die
heuchlerische Mitleidstour in der Öffentlichkeit, die vor allem
Verständnis dafür hat, daß sich diese "Probleme nicht von heute
auf morgen aus der Welt schaffen lassen."
- So alt ist schließlich auch die Rederei der Staatsfritzen, man
werde sich der ganzen Tragweite der "Problematik" erst jetzt all-
mählich bewußt.
So schwer ist es doch wirklich nicht, zu sehen daß das Elend die-
ser Menschen einkalkuliert ist und dank staatlicher Maßnahmen
sich reproduziert, und den Schluß zu ziehen, daß ihr
ö k o n o m i s c h e r Nutzen gerade darin liegt, daß sie ein
S u b proletariat sind. Bei gestandenen Projektlern hakt's da
aber offensichtlich aus: Angesichts dessen, daß Sozialarbeiter im
öffentlichen Auftrag damit befaßt sind, die Leute beim Zurecht-
kommen mit ihrer Not (vor allem moralisch) zu "unterstützen", er-
warten sie vom Staat doch etwas Verständnis für ihr schwieriges
Geschäft, und sie entdecken prompt überall "Verschärfungen" der
sozialen Problematik, um die Wichtigkeit ihres Unternehmens zu
unterstreichen. Daß der Staat mit der Lage der Gastarbeiter keine
Probleme hat, denn der setzt seinen Sozialetat so ein, daß der
ökonomische Nutzen dieser Leute gewährleistet ist, ansonsten sind
sie ihm wurscht, erfährt der Sozialmensch zwar laufend in der
Praxis, das hindert ihn jedoch nicht, sich den Staat als großes
Wohlfahrtsinstitut vorzustellen. Dieses kann doch dann nie und
nimmer wollen, daß es den Klienten dreckig geht. Also konstruiert
man sich die absurdesten Entschuldigungen für die Machthaber:
"Oder vielleicht wollen unsere Behörden, die ja leider auch einen
Großteil der Bevölkerungsmeinung widerspiegeln, gar nicht erken-
nen, daß unbedingt Gelder flüssig gemacht werden müssen für Ein-
richtungen, die ihnen helfen könnten, um sie besser zu integrie-
ren bei uns, unsere Sprache zu lernen oder eine richtige Ausbil-
dung machen zu können ... Denn, wenn sie nichts können, vor allem
die Jüngeren von ihnen, dann können sie den Unseren keine Ar-
beitsplätze und keine Ausbildungsplätze wegnehmen, und wenn sie
nicht arbeiten und trotzdem hier sind, dann machen sie vielleicht
etwas, was sie nicht dürfen, nach dem Gesetz, das wir (!) für sie
gemacht haben. und dann ... ja dann können sie ja ganz einfach
abgeschoben werden!" (4/14)
Die eigentlich Schuldigen sind also "Wir" mit "unserer" häßlichen
Arbeitsplatzneiderei, die Behörden fühlen sich dem Ansturm der
BMWler und Siemensianer nicht mehr gewachsen und vernachlässigen
ihre ureigensten Pflichten, ja der Staat in seiner Bedrängnis,
greift zu raffinierten Tricks, um im Rahmen der selbstgemachten
Gesetze sich aus der Affäre ziehen zu können. Krummer geht's kaum
noch! Wie kommt ihr eigentlich darauf, der Staat hätte nichts
Besseres zu tun, als sich dem Interesse der einheimischen Arbei-
tern anzubiedern? Glaubt ihr wirklich, Schmidt und Ehrenberg wür-
den nach der Meinung der Werktätigen fragen, wenn sie Gesetze ma-
chen? (außerdem: wo tritt denn schon jemand bei uns Politikern
auf die Füße?) Habt ihr noch nicht die Politikerstellungnahmen
gelesen, aus denen hervorgeht, daß die BRD auf die ausländischen
Arbeiter auch in Zukunft nicht verzichten will, weil sie noch
jede unangenehme Arbeit für billiges Geld verrichten; daß man nur
ihre Zahl gewaltsam mit Hilfe der Ausländergesetze der derzeiti-
gen Nachfrage anpaßt, weshalb eben auch Bestimmungen erlassen
werden, die bezwecken, daß die Ausländer auch wirklich die für
sie vorgesehenen Jobs im Bau und Gaststättengewerbe z.B. anneh-
men. Wieso glaubt ihr eigentlich die Ideologie, die Ausländer
nähmen den Deutschen Arbeitsplätze weg? Als wenn der Bestand der
Arbeitsplätze nicht von den Firmen abhinge: da wird nämlich z.B.
zwischen dem Einsatz von billigsten Arbeitskräften und Rationali-
sierungskosten, bzw. Produktionsverlagerungen und dergl. mehr
entschieden, so daß offensichtlich der Bestand der Arbeitsplätze
nicht einfach gegeben ist, sondern von der Kostenkalkulation der
Unternehmer abhängt. Und der Staat hat schließlich auch nichts
gegen Arbeitslosigkeit weder von Deutschen noch von Ausländern,
wenn er sie für eine wirtschaftliche Notwendigkeit hält - daher
die Rede von der Sockelarbeitslosigkeit. Und da kommt ihr mit dem
staatsidealistischen "Wir", demzufolge die Vorurteile und die un-
solidarische Einstellung der Deutschen gegenüber den Abdullahs
schuld an der beschissenen Situation der Gastarbeiter sei! Doch
dieses moralische Geseiche beherrscht ihr wirklich perfekt!
"Kann sich ein Land, das sich Arbeitskräfte für den Aufschwung
der eigenen Wirtschaft und seinen gehobenen Wohlstand geholt hat,
erlauben, diese bei Bedarf auszuweisen und dem Ausländer, der
etwa schon über mehrere Jahre im Lande arbeitet (Über diese An-
zahl der Jahre ließe man gerne mit sich reden!) entweder den
Familiennachzug erschweren, oder Familienangehörigen die Aufent-
haltsgenehmigung verweigern?" (Offensichtlich nicht, das sieht
man ja!) "Aus humanitären und völkerrechtlichen (ganz schön mas-
sive Geschütze fahrt ihr da auf!) Gründen muß die BRD sich ver-
pflichtet fühlen, Menschen, die in ihrem Land leben und arbeiten,
ein Dasein (man will ja nicht unverschämt sein) zu ermöglichen,
das sie nicht in Angst und Unsicherheit beläßt. (Als wenn man die
Gastarbeiter nicht ganz sicher sein können, daß sie gegebenen-
falls abgeschoben werden, vielleicht: "Für eine rechtzeitige Be-
kanntgabe der Abschiebung") Die Rechte des Ausländers müssen dem
der deutschen Bürgers gleichgestellt werden. Nur so lassen sich
gesellschaftliche Polarisierungen (?) vermeiden." (3/17)
Ganz vernarrt in den idealistischen Gedanken, bei etwas gutem
Willen aller könnte den Gastarbeitern ein "menschenwürdiges Le-
ben" beschert werden, plustern sich die Sozialmenschen hier als
Moralapostel auf, wischen kurzerhand die staatlichen Absichten
weg, die sich mittels Ausländerpolitik durchsetzen, leugnen die
ökonomischen Realitäten und konfrontieren den Staat mit ihren so-
zialen Idealen - was den wohl fix und fertig macht. Freilich wer-
den sie dabei nicht aufmüpfig, sind sie doch BRD-Fans genug, sich
als besorgte Bürger hinzustellen, die um das Ansehen "unseres"
Landes fürchten. Nebenbei: 1. ist die BRD international sehr an-
gesehen, 2. w e g e n ihrer ökonomischen Potenz, die sich ja
wohl der gelungenen Ausbeutung verdankt, und 3. ist in Regie-
rungskreisen allgemein der Vorwurf unüblich, das jeweilige Kapi-
tal würde mit Unterstützung der Regierung seine und auch fremde
Arbeitskräfte ausbeuten. - Und auch ein bißchen Demonstration von
Mitverantwortungsgefühl für "unser" Gemeinwesen macht sich offen-
bar nicht schlecht: Warnung vor möglicher Polarisierung, denn 1.
wird wohl niemand etwas gegen solche Besorgnis haben (wenn auch
niemand etwas darum gibt, schließlich sind Gastarbeiter notge-
drungen dankbare Zeitgenossen und die Polizei hat die paar
schwarzen Schafe unter ihnen gut im Griff) 2. ist es ja wohl das
Mindeste, was man von Sozialweslern verlangen kann, daß sie kri-
tisch die Werbetrommel für ihren Brötchengeber rühren.
Soziale Mangelwesen
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Nachdem sich die Projektleute zu dem s o z i a l e n
S t a n d p u n k t hochgearbeitet haben, daß sie sich fast
schämen, in einem Land zu leben, in dem sowenig für die Leute im
Elend getan wird - von wo aus die ganze Welt also ganz schön ver-
rückt aussieht - kommt es zwangsläufig dazu, die Nöte der Gastar-
beiter als "soziale Defizite" zu beschreiben. Je länger die Män-
gelliste ist, desto parteilicher ist man offensichtlich für den
Klienten:
"Probleme der Gastarbeiter: - Mangel an Sozialwohnungen - Mangel
an geeigneten Wohnungen für Arbeiterfamilien - Mietwucher und als
Folge Überbelegung von heruntergewirtschafteten Altbauwohnungen -
Ghettoisierung: einige Häuser sind zu 100% von Ausländern bewohnt
- damit verbunden: mangelnde Kontakte zur deutschen Bevölkerung
und Fixierung von Vorurteilen - Mangel an Plätzen in Kinderhorten
und Kindergärten - Sprachliche und schulische Defizite der Kinder
und Jugendlichen und, damit verbunden, geringe Chancen einer Be-
rufsausbildung - Mangel an Freizeiteinrichtungen für Kinder und
Jugendliche - Potentielle Verwahrlosung der Jugendlichen durch
Umweltsituation - Eine allgemeine Verunsicherung durch rechtliche
Diskriminierung - Uninformiertheit in allgemeinen Rechtsfragen
u.a." 13/4)
Keinem scheint aufzufallen, daß es doch ein wenig absurd ist, die
Gleichung aufzustellen: die Not der Gastarbeiter bestände darin,
daß ihre Not nicht hinreichend vom Staat kompensiert würde. Aber
das kommt wohl daher, daß man sich als Sozialprofi mehr als Mann
der konkreten Hilfe versteht. Was sollen da solche Spitzfindig-
keiten, wie die, daß derartige Mängellisten davon zeugen, daß man
die normale Armut der Proleten für Versorgung und damit nichts
Anstößiges hält. Billige Sozial(!)wohnungen (in denen man aus
gutem Grund selber nicht wohnen möchte) und ausreichend viele
Kinderhorte, wenn schon beide Eltern tagsüber arbeiten müssen,
was kann man denn mehr für die Angehörigen der Unterschicht ver-
langen? Konsequent will man auch bei der unteren Unterschicht
keine Armut, sondern soziale Unterversorgung feststellen, und das
ist der Skandal des 20.Jahrhunderts.
Sollten sich die Politiker nicht vielleicht doch, bitte schön, im
Rahmen des Vertretbaren, überlegen, ob es nicht ein wenig sozi-
aler zugehen könnte? - Wie man sieht, heißt Sozialarbeiter sein,
politisch Stellung zu beziehen. Jedenfalls tut mehr humanitäre
Sensibilität not, sonst verwahrlosen uns (!) die Jugendlichen
noch, und das kann "uns" doch - auch nicht recht sein, obwohl der
Staat auch dafür schon wohlweislich mit seiner Jugendhilfe ein
soziales Kompensationsmittel geschaffen hat.
Problembewußtsein ist also bei allen, nicht zuletzt auch bei den
Betroffenen selbst notwendig. Hier haben die Projektler übrigens
schon Erstaunliches geleistet, da redet nämlich ein 16jähriger
Grieche schon geradeso wie sie. Nach dem Motto - "Wenn's mich in
die Finger friert, geschieht's dir ganz recht!" meint er:
"Wenn wir eines Tages Landstreicher werden, da werden nicht nur
wir schuld sein, sondern auch die, die uns keine Lehrstelle geben
wollten." (3/10)
Der Junge ist für's Leben gerüstet!
Die sozialen Freunde der Ausländer begnügen sich also nicht da-
mit, die "gesellschaftlichen Dimensionen" der Gastarbeiterproble-
matik auszuleuchten, sie fragen sich auch ganz konkret, wo liegen
ihre Schwierigkeiten? Und sie kommen zu dem nur mittels soziolo-
gischer Studien erreichbaren Resultat: Sie sind mit zu vielen
Rollen überfrachtet und darauf nicht genügend vorbereitet:
"Die ausländische Frau: 1. E i n w a n d e r i n, die unter
gleichen Bedingungen zu leben hat, wie ausländische Arbeiter; 2.
E h e f r a u eines Einwanderers, die ihr Heimatland in der Re-
gel deshalb verlassen mußte, weil sie bei ihrem Ehemann leben
wollte; 3. a u s l ä n d i s c h e A r b e i t e r i n, die
für minimalen Lohn die schwierigsten und unangenehmsten Arbeiten
verrichten und darüber hinaus noch jede Art von Diskriminierung
und Schikanen zu ertragen hat; 4. A u s l ä n d e r i n, die
die Aufgabe hat, die Gebräuche ihres Heimatlandes zu bewahren und
lebendig zu erhalten und gleichzeitig den durch die Umsiedlung
entstandenen Kulturschock verarbeiten muß; 5. F r a u, die in
einer durch die dominierende Rolle des Mannes geprägten Indu-
striegesellschaft lebt und ursprünglich aus einer in der Regel
noch eindeutiger patriarchalischen Gesellschaft entstammt; 6.
M u t t e r deren herkömmliche Aufgabe es ist, ihre Kinder mit
der Sprache, den Sitten und der Religion ihres Heimatlandes ver-
traut zu machen, während in der Schule ausschließlich Sprache,
Wertsystem und soziale Verhaltensmuster des Aufnahmelandes ver-
mittelt werden." (4/3)
Das ist doch mal eine Analyse, wem ist schon klar, was sich in
folgender Situation wirklich abspielt? Eleni steht in der Küche
und brät Souvlakia, ihr Mann sitzt vor'm Fernseher und der kleine
Janis schaut ihr zu. Eleni muß da nicht etwa auf das Essen auf-
passen sondern auf einen Schlag gleich 5 von möglichen 6 Rollen
spielen, das ist eine Not! Ein Sozialwesler sieht die Problematik
eben glasklar. Trotzdem, wir halten nichts von der Vorstellung,
Eleni als Rollenset. 1. Ist zu durchsichtig, daß man künstlich
das Set aufgebläht hat: Einwanderin u n d Ausländerin, Frau
u n d Ehefrau nur um Mitleid zu schinden 2. ist das Rollengerede
so falsch, wie es gängig ist, denn niemand tut etwas, w e i l
er irgendwelchen Rollen gerecht werden will, weshalb die Rollen
auch nicht das heimliche Band sind, das die Gesellschaft zusam-
menhält, 3. paßt uns die Betrachtungsweise der Ausländer als exo-
tische Wesen nicht, also
Die Kulturschockideologie
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Wenn die Griechen lieber Souvlakis als Lüngerl essen, aber auch
hin und wieder bei McDonald's vorbeischauen, wenn sie nicht nur
Discos besuchen, sondern gelegentlich 'mal Sirtaki tanzen dann
kann man vielleicht darüber eine fruchtlose Diskussion über ihren
Geschmack anzetteln was sonst? Wenn die türkischen Jünglinge geil
auf Mädchen sind, die in Miniröcken oder engen Hosen und mit wip-
pendem Busen herumlaufen dann unterscheiden sie sich damit in
nichts von ihren deutschen Altersgenossen - sie haben höchstens
schlechtere Chancen bei den Frauen als diese, weil sie zu den un-
derdogs gehören. Wenn schließlich Türken ihre Töchter und
Ehefrauen auf islamische Weise als Sklavinnen halten und wöchent-
lich die Sex-shops frequentieren, dann unterscheiden sie sich in
erstgenannter Hinsicht zwar von den deutschen Proleten aber of-
fensichtlich merken sie auch auf die Dauer daß ihre Vorstellungen
vom Familienleben nicht weiter zu realisieren sind, spätestens
wenn Frau und Tochter in die Fabrik gehen - aber einen Kultur-
schock kriegen sie auch dann nicht. Diese Theorie ist nämlich
nichts als eine interessierte Betrachtungsweise: Von der Sorge
getragen, daß die Leute W e r t e brauchen, damit sie anständig
ihre Pflicht tun, dichtet sie den Ausländern das Problem der O r
i e n t i e r u n g s l o s i g k e i t an, wenn sie sich über
ihre religiösen Vorstellungen oder heimatlichen Sitten hinwegset-
zen. Wenn sich ausländische Jugendliche die Freiheit herausneh-
men, den halben Tag im Spielsalon zu flippern, nachdem sie so-
wieso arbeitslos sind, wenn sie Praktikantinnen im Freizeitheim
anpöbeln, sich ein Moped auf Raten kaufen oder ausflippen, fällt
einem Sozialmenschen gleich die soziale Problematik ein: die kom-
men leicht auf die schiefe Bahn. Als G r u n d dafür dann an-
zugeben, sie seien der bundesrepublikanischen Kultur nicht ge-
wachsen weil sie eigentlich noch eine andere hätten, ist dabei
die erste Lüge: Ärger entsteht schließlich noch immer daraus, daß
sie sich etwas leisten, was sie sich nicht leisten dürfen. Im üb-
rigen spricht auch niemand von einem Kulturschock, wenn ein Deut-
scher auf Rhodos Domaldakia verspeist, oder wenn Branko Oblek
Fair Bayern kickt. Und gegenüber letzterem hat auch niemand
Vorurteile, weil er weder in einem Wohnheim wohnen muß, noch je-
mand Grund hat, ihn zu verdächtigen, daß er mal seine Zeche nicht
bezahlen kann.
Die zweite Lüge besteht darin, denen, die ziemlich genau wissen,
was sie wollen, in psychologischer Manier ein P r o b l e m an-
zuhängen, weshalb sie mit s i c h nicht fertigwürden. Der öf-
fentlichen Ordnung wegen hält ein Sozialwesler also sehr viel von
der Pflege heimatlicher Gebräuche bei Ausländern und hat auch
viel Respekt vor ihren Glaubensüberzeugungen, die er anderer-
seits, wenn sie in Persien z.B. als Recht praktiziert werden, als
barbarisch bezeichnet. Wenn sie selbst in Italien auch nicht un-
bedingt als Dirndl- oder Lederhosenträgerinnen), die eigentlich
nur schuhplattln oder jodeln, angesehen sein wollen, an der bor-
nierten Atmosphäre griechischer Eckkneipen bewundern sie noch al-
lemal die Schlichtheit, Spontaneität und Unmittelbarkeit der Süd-
länder.
Sozialpädagogische Lebenshilfe
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Mit ihrer Sichtweise der Ausländerprobleme legitimieren sie denn
auch ihre praktische Arbeit mit den Gastarbeitern. Bei Kultur-
schockgeschädigten tut vor allem A u f k l ä r u n g s-
a r b e i t not, die dann darin besteht, den Leuten vorzuer-
zählen, daß sie es natürlich besonders schwer haben, weil sie
etwas ander seien, die Deutschen viele Vorurteile haben, sie
i h r e Probleme aber nur dadurch bewältigen können wenn sie
sich ein bißchen mehr am Riemen reißen.
Zwar weiß auch ein Sozialmensch, warum viele Türkenkinder in
Deutschland keine Schulbildung bekommen:
"Nach den Bestimmungen des Ausländersesetzes bedürfen Ausländer,
die das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet haben keine Aufent-
haltserlaubnis. Hieraus ergibt sich, daß die ausländischen Ar-
beitnehmer es vielfach umgehen, ihre schulpflichtigen Kinder zu
melden ... weil die in seltenen Fähen über eine Wohnung verfügen,
die den Vorschriften entspricht ... Die schulpflichtigen Kinder
müssen oft auf ihre kleinen Geschwister aufpassen und sich um den
Haushalt kümmern ... Trotz eines gesetzlichen Verbots der Kinder-
arbeit in Deutschland schicken manche Eltern ihre Kinder statt in
die Schule zur Arbeit (z.B. Putzen)." (4/19)
aber das hindert ihn nicht, das auf das ausländische Kulturmuster
zu schieben. Er hat nämlich gelesen, daß
"in der Türkei nur ca. 50% der türkischen Bevölkerung eine Schule
besucht bzw. die Dauer der Schulpflicht wesentlich kürzer ist."
(4/20)
Damit ist die Sache klar. Die Ausländerin, die ihre Rolle, die
Sitten ihres Heimatlandes den Kindern zu vermitteln, erfüllen
will, kommt mit ihrer weiteren Rollenaufgabe, den Kulturschock zu
verarbeiten, nicht zurecht, also muß der Sozialmensch ihr dabei
helfen und ihr beibringen, daß sie zur Lösung ihres Rollenkon-
flikts erstens, sich eine größere Wohnung leisten muß, zweitens
auf den Verdienst der Kinder verzichten muß und schließlich am
besten auch gleich selbst ihre Arbeit aufgibt, um sich um Haus-
halt und Kinder zu kümmern. Und weil die Zustände vorher ja wirk-
lich nicht rosig waren, hat man hier ganz konkret geholfen, dabei
fällt dann gar nicht mehr ins Gewicht, daß der nun integrierte
Haushalt finanziell noch blöder dasteht.
Bei den ausländischen Jugendlichen schlagen sich die Projektler
nicht nur mit der allgemeinen Orientierungslosigkeit herum, die
die Klienten ständig dazu treibt, bei McDonald's oder in Spielsa-
lons herumzulungern, anstatt 'mal sinnvoll etwas zu töpfern oder
für den Bazar zu basteln, oder wenigstens mit den Studenten über
ihre Probleme zu labern und sich dabei auf Video bannen zu las-
sen, damit das Projekt ihr Rollenverhalten studieren kann. Bei
vielen von ihnen wird die Arbeit der Sozialmenschen zusätzlich
unangenehm erschwert: sie sind arbeitslos, und laut sozialpädago-
gischer Diagnose, ist dadurch ihr Selbstwertgefühl nochmals zu-
sätzlich beeinträchtigt.
"Wir konnten beobachten, daß ihr Verhalten während der Gruppen-
abende ihren Freunden und uns Mitarbeitern gegenüber immer ag-
gressiver wurde. Teilweise fühlten (!) sie sich finanziell be-
nachteiligt (Kopf hoch! Die anderen haben gar nicht soviel mehr
und du kannst so fein töpfern!). Ihr Selbstwertgefühl nahm stän-
dig ab ... Freizeit (da würde sich mancher Student die Finger
nach lecken!) war reichlich vorhanden, die von ihnen nicht ausge-
nutzt werden konnte." (3/9)
Was braucht so jemand? Eine sinnvolle "Freizeit"-Beschäftigung:
"Der Sinn der Fußballgruppe und des Turniers besteht darin, ...
die Jugendlichen für kontinuierlichen (Gewohnheiten bringen Ord-
nung ins Leben) Sport zu gewinnen, - über Erfolgserlebnisse das
Selbstwertgefül des Einzelnen zu heben (was brauche ich Arbeit,
wenn ich Tore schieße), - wenigstens die Mitglieder der Jugend-
gruppe wegzubringen von ihren üblichen Treffpunkten wie McDo-
nald's. Spielsalon und Kneipen (Kicken besser als Kickern, weil
billiger) ... um das ... Gruppenzugehörigkeitsgefühl zu testen
(zwar gibts das auch bei den Stammkunden in den Kneipen, aber der
soziale Halt ...) ist die Teilnahme an den Spielen vom Besuch der
Gruppenabende (die müssen ja gemütlich sein) abhängig, um der
zweifellos vorhandenen Isolierung ein Gefühl des kollektiven Be-
troffenseins (was kann man sich dafür kaufen?) entgegenzusetzen
und daher in solidarischem Handeln (gemeinsames Aufräumen nach
den Gruppenabenden) gegen vorhandene Mißstände (eben) vorzuge-
hen." (3/11)
... und politische Arbeit
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Auch für den, der nicht nur die Leute belabern und auf Kinder und
Jugendliche aufpassen will, hat das Ausländerprojekt etwas zu
bieten: die Mieterarbeit. Diese hat drei Vorzüge:
1. sie ist politisch, besucht man doch mit den Betroffenen Bür-
gerversammlungen, wo richtige Politiker sich nichts sagen lassen,
2. ist hier vollständige Integration der Ausländer durchgesetzt,
Gastarbeiter werden sogar vorgeschickt, in gebrochenem Deutsch
die Verantwortlichen zu bitten, doch mehr Verständnis für ihre
Probleme aufzubringen,
3. verändert man etwas, indem man z.B. das Städtebauförderungsge-
setz radikal interpretiert:
"Die Interessen von Vermieter und Mieter gerecht gegeneinander
abwägen m u ß h e i ß e n: zugunsten der eindeutig benachtei-
ligten Seite - der Mieter!" (6/23)
oder indem man das geltende Recht voll ausschöpft, indem man zum
Widerspruch bei Kündigungen rät, wodurch die Hausbesitzer
i.d.R. erst nach entschiedenem Gerichtsverfahren ihre Häuser sa-
nieren dürfen.
Doch in einigen Fällen hatten die Prozesse sogar Erfolg, die
Gastarbeiter dürfen jetzt auch weiterhin in den heruntergekomme-
nen Löchern wohnen. Wenn das nichts ist!
Gegenüber den Gastarbeitern sehen die Projektler allemal gut aus,
sie gewinnen nämlich auf alle Fälle bei ihrer Arbeit:
"19.15 Uhr. Erschöpft aber zufrieden bauen wir unseren Informati-
onsstand ab. Wir haben manches gelernt und wir wissen, daß noch
viel Informationsarbeit notwendig sein wird, um gegenseitige Vor-
urteile abzubauen." (4/29)
man muß sich nur ein wenig engagieren. Und man kann auch auf den
'Theodor-Heuss-Preis' für 'demokratisches Engagement' schon ein
bißchen stolz sein, hat es sich doch bis in die obere staatliche
Stelle herumgesprochen, daß man sehr aktiv ist und wertvolle Ar-
beit leistet, wenngleich man sich über die 'Naivität der Hamm-
Brücher' ins Fäustchen lacht, die auch noch diese subversive Tä-
tigkeit mit 500.- prämiert. Ganz schön raffiniert, diese Projekt-
ler.
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