Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute
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Bochumer Professoren präsentieren Ausländerfragen:
2. Hermann Korte:
WIE INTEGRIERT MAN FREMDE?
Ganz anders lesen sich die Auslassungen eines anderen Experten in
Ausländerfragen:
"In der Bundesrepublik leben mehr als vier Millionen Ausländer,
viele von ihnen schon länger als zehn Jahre. Wir müssen davon
ausgehen, daß etwa die Hälfte dieser Menschen bei uns bleiben
wird. Ihre Integration in unsere Gesellschaft ist eine der großen
gesellschaftspolitischen Herausforderungen der achtziger Jahre."
Wieso soll das eigentlich eine "große gesellschaftliche Heraus-
forderung" sein, jene Leute zu "integrieren", die nun schon zehn
Jahre lang in "unsere Gesellschaft" eingegliedert sind: auf den
untersten Stufen der Arbeitsplatzhierarchien bei entsprechend
niedriger Bezahlung und dem sich daraus ganz gerecht ergebenden
Anteil am Wohlstandsleben der Bundesrepublik? Mit der faktischen
Eingliederung des importierten Arbeitsviehs hat das
"Integrationsproblem" also nicht viel zu schaffen, das KORTE hier
präsentiert. Was die Lage der Ausländer hierzulande in den Rang
eines soziologischen Problems erhebe, ist nämlich nicht deren
Lage hierzulande, sondern der Umstand, daß der Sozialwissen-
schaftler an ihnen einen seiner Lieblingsgedanken vorexerzieren
will: das Glied eines Ganzen - das ist immer ein Problem, weil:
kein Glied ist das Ganze und auch das Ganze ist kein Glied; und
erst recht ist es ein Problem bei einem fremden Glied: ist er nun
mehr fremd oder mehr Glied, der "ausländische Mitbürger"? Der ist
deswegen auch prompt "orientierungsunsicher", was der Experte
ausgerechnet daran demonstrieren will, daß die Länge der Aufent-
haltserlaubnis im Ermessen des Gastgebers liegt:
"Ihr Aufenthalt in unserem Land, ihre Aufenthaltserlaubnis stehen
noch unter Vorbehalt, sind nicht auf Dauer gesichert. Dies hat
Folgen. So z.B. im Bildungsbereich, wo es ausländischen Eltern
schwer fällt, sich zwischen einer deutschen Regelklasse oder ei-
ner Nationalklasse zu entscheiden. Ebenso fehlt ihnen die Orien-
tierung bei der Beratung ihrer älteren Kinder bei der Berufs-
wahl... Die bestehende - z.T. subjektiv größer als objektiv gege-
bene - Unsicherheit ist eine Ursache dafür, daß die Ausländer
sowohl eine Integration fordern und sich gleichzeitig eine Rein-
tegration ins Heimatland offenhalten."
Daß die Ausländer ganz sicher damit rechnen können, zum nächsten
Termin abgeschoben zu werden, wenn sie die Bundesrepublik nicht
mehr braucht - gerade das soll die Fremden "entscheidungs-
unsicher" machen. Statt zur Kenntnis zu nehmen, daß den
ausländischen Mitbürgern hierzulande eben so manche Entscheidung
gar nicht offensteht, weil sie von anderer Seite für sie ge-
troffen wird. berichtet KORTE die Mär von den durch die vielen
anstehenden Entscheidungen überforderten Orientierunsloslingen:
hilflos pendeln sie zwischen "deutsch" und "national",
"Integration" und "Reintegration" - ob sie nun auf die Schule
müssen, einen Job suchen, stets plagt sie nur die eine Hilflosig-
keit. Trostreich, daß der Sozialwissenschaftler ihnen nicht nur
das Problem, sondern gleich auch etwas präsentiert, was er als
dessen Lösung interpretiert haben will:
"Nur wer die Chance hat, ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht und
einen Anspruch auf unbefristete Arbeitserlaubnis zu erwerben,
kann für sich und mit seiner Familie die Alternative dauerhafter
Integration oder zeitlich absehbarer Rückkehr ins Heimatland
sinnvoll überdenken und entscheiden. Die Bundesregierung wird
hierzu Vorschläge ausarbeiten",
kündigt KORTE in seinem Aufsatz im MONAT für die kommende Bundes-
regierung an (in deren Rolle sich zu versetzen er mit zehn ande-
ren Geistesgrößen aufgefordert war; eine Aufforderung, die allen
Beteiligten betont erkenntlichen Gefallen bereitet hat, gehört es
doch zu den Lieblingsbeschäftigungen in diesen Kreisen, sich in
die wirklichen Macher ganz tief hineinzudenken). Dieses Dauerauf-
enthaltsrecht, das SCHMIDT-KORTE einem "Teil der zweiten Genera-
tion" der Gastarbeiter deswegen gewähren will, weil "wir sie
brauchen", löst KORTEs Integrationsproblem ganz beträchtlich: als
"Chance", es zu kriegen, bietet es für alle, die es wollen, ein
festes Orientierungsdatum, und für die, die es haben, die Auffor-
derung, sich von nun an nicht mehr wie der letzte Ausländer auf-
zuführen:
"Auch können wir die ausländischen Mitbürger nur für eine Betei-
ligung an den geplanten Modernisierungen älterer Stadtteile ge-
winnen, wenn sie sich auf eine lange Wohndauer verlassen können."
Vom "Bürger wie du und ich" war da natürlich keine Rede:
"Ein mögliches Daueraufenthaltsrecht für Ausländer, die nicht aus
dem EG-Bereich stammen, erleichtert ihnen, kulturelle und natio-
nale Identitäten aufrechtzuerhalten. Dies ist für uns wichtig,
denn wir wollen niemanden germanisieren."
Diese treffliche Lösung ist dem Charakter des Problems durchaus
angemessen, weil sie die Schwierigkeit, als Ausländer von morgens
bis morgens ein Fremder im System zu sein, dadurch behebt, daß
sie ihm e r m ö g l i c h t, ein Fremder im System zu sein: so
weiß er endlich, wo er hingehört, wo er nicht hingehört, und zwar
wann und wie lange. Dafür ist natürlich jedes staatliche Gesetz
tauglich, weil es dem Soziologen allein darauf ankommt, geltend
zu machen, daß im bundesrepublikanischen Gesellschaftssystem eine
verbindliche Norm fehlt, die den Ausländer definieren könnte. Ein
soziologischer Vorbehalt, den man allerdings auch jedem Rechtszu-
stand entgegenhalten kann; denn in der Soziologie ist mit der
Tatsache, daß ein Gesetz gilt, noch lange nicht ausgemacht, daß
es auch für die Individuen als Orientierungsmaßstab wirkt. Kurz:
er tut so, als gäbe es keine Polizei.
(Zitate aus: DER MONAT, 2/80)
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