Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 4, 30.06.1982
       
       Der Veranstaltungskommentar
       
       "Arbeitskreis Ausländer in die Universität Dortmund"
       

WIE WERDEN FREMDE ZU FEINDEN?

Die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in der BRD und ihre "wissenschaftliche Untermauerung" (Heidelberger Manifest) nahmen letzte Woche Dienstag Wissenschaftler von der Uni und der Fach- hochschule zum Anlaß, in einer Podiumsdiskussion im HS 3 der FHS, ihrer Sorge hierüber Ausdruck zu verleihen und sich und die anwe- senden Studenten zu fragen, was man als Student und besonders als zukünftiger Sozial-/Pädagoge bzw. als Wissenschaftler, der mit der Ausbildung zu solchen Berufen befaßt ist, zu tun habe: "Haben wir nicht schon manches versäumt und müssen wir nicht viel mehr tun" war der Grundtenor, dem sich alle Podiumsteilnehmer zunächst einmal verschrieben. Diese Sorte Zuständigkeitserklärung, man müsse als ein mit Erziehung berufsmäßig Befaßter die moralische Pflicht, einer "bedrohlichen Fehlentwicklung" in unserem Staate entgegenzuwirken, enthielt schon den Grundfehler aller Beiträge seitens des Podiums; sie macht sich nämlich Illusionen darüber, 1. was Ausländerfeindlichkeit ist, 2. woher sie kommt und 3. was sie bewirkt. I. Daß es Türkenwitze, Schikanen am Arbeitsplatz, Bombenanschläge auf ausländische Geschäfte gibt, zeugt davon, daß es Leute gibt, die die Ausländer für ihre persönlichen Feinde halten. Nur, statt sich darüber Klarheit zu verschaffen, was das für eine Verrückt- heit ist, verurteilten die anwesenden Wissenschaftler solche Hal- tungen als etwas, was ihren moralischen Vorstellungen klar zuwi- derlaufe: man müsse versuchen, Fremde besser zu verstehen, ihre Eigenarten zu respektieren, sie integrieren, ohne ihnen ihre Be- sonderheit nehmen zu wollen, auf keinen Fall dürfe man ihnen als Feind (s. Veranstaltungstitel) entgegentreten. Dazu wurde zweier- lei angemerkt: 1. wird die Einstellung der Bürger verharmlose wenn man glaubt, sie kämen mit der "Fremdheit" der Jugos oder Türken nicht zurecht und 2. steckt in dieser Sorte moralischer Zurückweisung ein fatales Verständnis für solche Haltungen. zu 1. Wenn ein braver Bürger Asylanten für Schmarotzer hält oder meint, die Gastarbeiter nähmen "uns" die Arbeitsplätze weg, dann denkt er nicht: ich kenne diese Leute nicht oder ich will mit denen nichts zu tun haben (das sagt/denkt er sich zu x-Leuten, die ihm über den Weg laufen). Was er macht, ist, sich auf den trostlosen Standpunkt zu stellen, ihm als Deutschem könne es nicht recht sein, daß hier Leute rumlungern, die nichts Positives zum Erfolg der Nation beitragen. Ausgerechnet er, der von seinem Staat Tag für Tag vorgerechnet bekommt, was es heißt, ein ordent- licher Bürger zu sein, nimmt die Kennzeichnung in seinem Paß dazu her zu bekunden, daß ihm an seinem Staat etwas liegt. Mehr noch: von dessen Standpunkt aus und keineswegs von seinem eigenen In- teresse betrachtet er die Welt. E r weiß ja schließlich von den Asylanten nur aus der Zeitung, geht sogar in griechische Restau- rants und ist auch gar nicht neidisch auf Lohn und Arbeitsplatz des türkischen Müllmanns. Und trotzdem ist er sich in einem sehr sicher: daß Türken fleißig, aber Messerstecher sind, die die Si- cherheit in unserem Lande bedrohen, daß die Jugos zwar nicht so stinken, aber nur hier sind, um schnell abzukassieren und dann abzuhauen. Von seinen Einbildungen her über das, was für den Staat gut wäre, äußert er sich zu den Ausländerangelegenheiten und nimmt sich jede tatsächliche oder zurechtphantasierte Beson- derheit, die ihm an einem Ausländer auffällt (von der Kleidung über den Speisezettel bis hin zum Verhalten am Arbeitsplatz) als Beleg für den Nationalcharakter, der die Minderwertigkeit solcher Typen ausmacht (das geht auch in der Form der verächtlichen Be- wunderung von Sachen, die man selber nie machen wurde). Der Inhalt solcher Urteile ist nichts anderes als ein handfester Nationalismus, den sich derjenige leistet, der sich mit der Herr- schaft, der er unterworfen ist, nicht nur abfindet, jedes Opfer notgedrungen, aber freiwillig bringt, sondern auf seinen Staat setzt und bereit ist, für den Verständnis zu haben, sich dessen Angelegenheiten sogar zu den eigenen zu machen, bis hin zur Va- terlandsverteidigung. Wenn Herr SURKEMPER meinte, man müsse konstatieren, daß die Ar- beiter aus ihrer Erfahrungswelt Ausländer als Bedrohung (ihres Arbeitsplatzes) bzw. als Spalter erleben und ihnen demgegenüber nachzuweisen sei, daß sie es tatsächlich gar nicht seien, dann hatte das den Haken, daß er die Haltung der Leute verständnisvoll aufnahm und meinte, es handele sich bloß um "Vorurteile". Einen, der das verrückte Urteil fällt, diese Leute nehmen mir den Ar- beitsplatz weg (als wenn nicht die K a p i t a l i s t e n ra- tionalisieren wurden, um sich Lohnkosten zu sparen), zu belehren, deine Sorge ist zwar berechtigt, aber in diesem Falle - wie sich nachweisen läßt - unbegründet, ist schon ziemlich trostlos. zu 2. Positiv auf den Fehler, (es fehle an Toleranz gegenüber den Fremden), der auf dem eigenen nationalen Selbstverständnis be- ruht, ließen sich noch mehrere Podiumsvertreter ein. In ihrer Forderung nach mehr Verständnis für die Eigenheiten der Auslän- der, ihre Kultur, ihre nationale Identität und nach Integration unter Berücksichtigung ihrer Besonderheit kam dies zum Ausdruck. Wenn die Ausländerfeindlichkeit darin bestände, daß die Leute hier ihren Arbeitskollegen erklärten, warum es falsch ist, die Kinder in Koranschulen zu schicken, damit diese an Allah glauben und gute türkische Nationalisten werden, dann müßte man ja für eine solche Ausländerfeindlichkeit etwas übrig haben. Aber Aus- länderfeindlichkeit besteht ja gerade darin, daß man sich als Deutscher zu der Nationalität des anderen ins Verhältnis setzt, ihn als - weil nicht Deutschen - Fremden behandeln will, der sich nach "unseren" Interessen zu verhalten hat. Übrigens ist die vor- geschlagene und auch praktizierte Ausländerfreundlichkeit nur die freundliche Variante desselben Gedankens. II. Der Grund für die ausländerfeindliche Gesinnung ist - wie gezeigt - der Nationalismus deutscher Staatsbürger. Bleibt nur noch zu klären, warum diese gerade heute Konjunktur hat. Dies rauszukrie- gen ist wahrlich nicht schwierig: der deutsche Staat erklärt seit einiger Zeit ganz praktisch Gastarbeiter und Asylanten zum nutz- losen Gesindel und wimmelt sie per Gesetz ab. Dabei ist die Tour der Politiker: auf der einen Seite eine harte Gangart gegenüber denen anzuschlagen, deren Verbleib sie nun als Belastung der Staatskasse empfinden wollen, und gleichzeitig sich öffentlich darüber besorgt zu zeigen, daß die Ausländerfeindlichkeit in un- serem Lande zunehmen könnte. - Denn dem Staat ist es vorbehalten, praktische Schritte zu unternehmen, - gegen viel Verständnis für diese seine Maßnahmen bei seinen Untertanen hat er freilich nichts. Die zunehmende Ausländerfeindlichkeit, die ihren Grund darin hat, daß gute Staatsbürger den seitens des Staates und der Öffentlich- keit aufgemachten Gegensatz zu Leuten, mit denen die Nation nichts zu schaffen haben will, zu ihrer eigenen Angelegenheit ma- chen, war für die anwesenden Wissenschaftler Anlaß zu abgehobenen Spinnereien, die in ihren Disziplinen sehr anerkannt sind: so zi- tierte Herr ROLFF etwa Adornos Theorie vom autoritären Charakter, der daher rühre, daß unsere Väter geglaubt hätten, sie seien Her- renmenschen, nach dem verlorenen Krieg diesen Zug nicht ablegen konnten, also nur noch "autoritäre Hülsen" waren und ihre Emotio- nen nun nicht auf die Reihe bekommen konnten. Und was resultiert daraus?... Ausländerhaß bei den Kindern - eben. Während er sich an dem Inhalt der theoretischen wie praktischen Urteile der Bun- desbürger gar nicht kümmerte, um seine psychologische Generalin- terpretation: "...weil emotionale Probleme" loszuwerden, fand Herr HABEL so den Übergang zu seiner Sicht: Ausländerfeindlich- keit ist Teil einer Rechtsentwicklung, die er tautologisch da- durch erklären wollte, daß die linken Kräfte im Lande zu schwach seien. Herr KREIS diagnostizierte schließlich, daß die öffentli- che Diskussion der Ausländerfrage der politischen und ökonomi- schen Situation in der BRD nicht entspreche; das merke man schon daran, daß man mit Kategorien wie "Eingliederung" oder "Beiräte" hantiere, die ihre historische Verortung in der Nachkriegszeit und Vertriebenenpolitik habe. Ein etwas abenteuerlicher Gedanke: Staat und Öffentlichkeit denken zu sehr in alten Mustern, - als wenn sie jetzt nicht bestimmte Zwecke verfolgten. Die Idee taugt nur zu einem, die Politik und die Staatsbürgermoral zu entschul- digen, sie hätten die Vergangenheit nicht bewältigt und könnten deshalb nicht anders. III. Die Frage nach den Auswirkungen der Ausländerfeindlichkeit ist für sich schon falsch, tut sie doch so, als bestimmte die Gesin- nung der Bürger die politische Entwicklung im Lande. Nicht weil die Proleten hier Türkenwitze erzählen, fühlen sich die demokra- tisch gewählten Herrschaften bemüßigt, den Familiennachzug zu un- terbinden, sondern weil sie ganz frei entscheiden, daß die deut- sche Wirtschaft keine zusätzlichen Arbeitskräfte braucht und die Regierung darum auch lieber Geld für andere Zwecke ausgibt als für die Aufzucht einer vergrößerten Reservearmee. Von daher war denn auch - so der Tenor einer Reihe von Beiträgen aus dem Publikum - der Ausgangspunkt der Veranstaltung, man müsse sich - zumal als Erziehungsmensch - Sorgen um die Ausländerfeind- lichkeit der Leute machen, einer, den man besser nicht weiter verfolgt. Daß könnte einem schon daran auffallen, daß die Politi- ker selbst zu gerne von solchen "gefährlichen Tendenzen" in unse- rer Gesellschaft reden, um damit ihre Politik zu legitimieren. Diesen Ball aufzunehmen und mit dem Gestus aufzutreten, 'ja tra- gen wir nicht selbst dazu bei und müssen wir in der Wissenschaft uns nicht viel mehr mit der Problematik beschäftigen?' mag zwar dazu dienen, seinen "kritischen Anspruch" herauszustellen, ist aber nichts anderes als ein dummer Fehler. zurück