Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 21, 20.06.1983
Prof. Eibl-Eibesfeldts Theorie der Ausländerfeindlichkeit
NATURGEMÄSSER TÜRKENHASS
ln Deutschland wird wieder darüber gerechtet. welche Sorte Mensch
hier überhaupt ein Existensrecht hat. Im Parlament, den freiheit-
lich-demokratischen Medien und an Stammtischen werden Hunderttau-
sende identifiziert, deren Dasein nach dem Kriterium
'unbrauchbar, also schädlich' als zu beseitigendes Ärgernis iden-
tifiziert wird. Es wird auch Hand angelegt. Die Bundesregierung
setzt ihr Programm, in den nächsten Jahren 2 Millionen Landesbe-
wohner mit ausländischem Paß zu entfernen, energisch in die Tat
um. Was brauchbar heißt und wer deshalb Existenzzecht genießt,
das definiert der Staat nach seinem politischen Interesse, und er
bestreitet das pure Dasein nicht nur den Ausländern. Weil ihm die
Kosten für den menschlichen Auswurf der von ihm organisierten
Reichtumsproduktion zu hoch sind, gilt, daß die Bürger, die das
Kapital nicht mehr anwenden will, zu viele sind. Deutschen Rent-
nern, Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen macht er das Leben
zunehmend schwieriger. An ihnen exekutiert er radikal die kapita-
listische Gleichung, daß die Daseinsberechtigung eines Menschen
in seinem Dienst an fremdem Reichtum liegt und mit diesem Nutzen
entfällt. Gegenüber den Ausländern verfügt er über ein zusätzli-
ches Selektionskritertum: Da er sie nie als seine Untertanen an-
erkannt hat, wird ihr Recht auf Leben nicht bloß neu definiert,
sondern nach Maßgabe seines Interesses gestrichen.
Gerade sich kritisch bezeichnende Staatsbürger wollen diesen
Sachverhalt lieber nicht so sehen. Viel eher ringen sie sich zu
der festen Überzeugung durch, ihre ganz persönliche Einstellung
zu den Türken wäre verantwortlich für den staatlichen Umgang mit
den Ausländern und nehmen auch noch die Politikersprüche ernst,
nur wegen der schlechten Meinung der Deutschen über das Auslän-
derpack würden die Türken in ihre Heimat abgeschoben, weil das
dann für beide Seiten das Beste wäre.
Die Scheu, die aus der Wiege kommt
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Dieses falsche Urteil über das "Problem mit den Ausländern" er-
hebt Prof. EIBL-EIBESFELDT in den Rang einer wissenschaftlichen,
verhaltensforscherischen Theorie:
"Dazu (zu den wirtschaftlich und sozial bedingten Ängsten) kommen
in den letzten Jahren zunehmend Ängste, die sich aus dem Zusam-
menleben mit Menschen ergeben, die einer anderen Ethnie ansehö-
ren."
Doch im Unterschied zur Selbstbezichtigung des Normalbürgers fügt
EIBL-EIBESFELDT gleich noch eine speziell biologische Entschuldi-
gung hintan. Denn die Unbeliebtheit der Ausländer liegt einer-
seits schon an der "Angst" der Menschen vor einander, aber ande-
rerseits kann niemand wirklich was dafür, der wahre Grund liegt
ja in der Natur, was die "Reaktionsnormen" beweisen:
"Man spricht von einer Angst vor 'Überfremdung' ... wir haben mit
gewissen Reaktionsnormen des Menschen zu rechnen, die aus seiner
Natur erwachsen."
Zur Untermauerung seiner Theorie des naturwüchsig mit Fremden-
angst behafteten Menschen bemüht EIBL-EIBESFELDT ein Beispiel mit
Säuglingen als Hauptdarstellern:
"In den ersten Wochen seines Daseins ist der Säugling in seinem
Verhalten zu jedermann freundlich ... das ändert sich jedoch mit
fortschreitender Reife, und im Alter von sechs Monaten beobachten
wir ein deutlich ambivalentes Verhalten im Umgang mit Fremden.
Während der Säugling sich in diesem Alter Bezugspersonen weiter-
hin freudig zuwendet, ist diese Haltung Fremden gegenüber deut-
lich gebremst."
Die einfache Tatsache, daß Säuglinge halt so unfähig sind, noch
niemanden unterscheiden können und deshalb jeden, der zu ihnen
ins Bettchen schaut, angrinsen oder anplärren, je nachdem, wie
ihnen zumute ist, mit sechs Monaten dann langsam anfangen ihre
Umgebung in Bekanntes und Unbekanntes zu scheiden und ihre Zunei-
gung dementsprechend gezielter zum Ausdruck bringen, verdreht
EIBL-EIBESFELDT in das genaue Gegenteil: Mit "fortschreitender
Reife" wird aus den kleinen Bamsen gerade nicht ein Mensch mit
Willen und Bewußtsein, sondern die Natur die Instinkte und Triebe
übernehmen die Herrschaft. Es dauert zwar ein halbes Jahr, bis
sich das angeblich angeborene Verhalten des "Fremdelns" durch-
setzt, aber dann ist es nicht mehr zu bremsen:
"Die Scheu des Menschen vor seinem Mitmenschen gehört also (!) zu
den Universalien im menschlichen Sozialverhalten."
Erwachsene sind demnach nichts anderes, als etwas groß geratene
Kleinkinder, geprägt vom selben Instinkt. Trickreich übersetzt
EIBL-EIBESFELDT den vom Staat angezettelten Ausländerhaß der
Deutschen in eine universelle "Scheu des Menschen" vor seiner
Gattung und behauptet diese Erfindung als identisch mit dem
ebenfalls zurechtgebogenen "Verhalten" von Säuglingen. Das
gewollte Ergebnis dieser Theorie ist eine Naturkonstante mensch-
lichen Verhaltens, bei der sämtliche Beweggründe, die einen
braven Staatsbürger zu seiner Einstellung und seinem Handeln
bringen, unter den Tisch fallen. "Angstmotiviertes Mißtrauen"
gegenüber anderen gehört ab dem Alter von sechs Monaten eben zur
Ausrüstung eines Menschen und d a m i t ist für EIBL-EIBESFELDT
alles klar. Hat man den Gedanken: Fremd mach Angst mal
eingesehen, dann taugt seine schön Konsequenz: sehr fremd macht
viel Angst, auch zum Beweis, daß sich der inländische Mensch ganz
besonders vor fremden Rassen und ausländischen Bürgern fürchtet:
"Vom Gewohnten sehr abweichendes Aussehen fördert demnach die
Angst."
Doch schlau wie sie sind, haben die Menschlein auch da drauf eine
Antwort gewußt. Alle, die keine Angst voreinander haben, sollen
aufstehn, haben sie sich gesagt, und damit gleich zu ihrer not-
wendigen Identität gefunden. Eine rein negative zwar - das
"abweichende Aussehen" anderer ist der Grund für sie - aber was
stört das EIBL-EIBESFELDT, er baut diesen Fehler richtig schön
aus:
"Über Eigenarten des Brauchtums, der Kleidung, des Glaubens, der
Sprach - kulturell also - setzen sich Menschengruppen voneinander
ab."
Wer sich nicht fürchtet gehört zu uns
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Ein ziemlicher Kopfstand der Realität ist das. Während die will-
kürliche Kennzeichnung eines Gegenstandes mit einem Wort zwangs-
läufig verschieden ausfällt bei Leuten, die miteinander nie zu
tun haben, und die Bewohner eines Dorfes denselben Dialekt spre-
chen, weil sie sich ständig miteinander über dieselben Dinge ver-
ständigen, ruft EIBL-EIBESFELDT eine Menschenvollversammlung zu-
sammen, die alle Menschen in Gruppen einteilt. Diese beschließen
dann: Wir reden chinesisch, ihr spanisch usw., wir glauben an Mo-
hammed, ihr an zehn andere Götter und so zu, auf daß wir in Zu-
kunft so tun können, als wären sie (die Menschengruppen) ver-
schiedene Arten". Nach dieser Abmachung müssen sich die diversen
Banden in alle Himmelsrichtungen verflüchtigt und ein Stück Land
unter den Nagel gerissen haben, denn
"sie betrachten in der Regel auch bestimmte Gebiete als ihr Ter-
ritorium ... Auf vermeintliche oder reale Bedrohung ihrer terri-
torialen oder kulturellen Integrität reagieren sie mit aggressi-
ver Verteidigungsbereitschaft."
Der Staat ergibt sich so als das Resultat des gemeinsamen Be-
schlusses aller auf einem bestimmten Stück Land lebenden Men-
schen, deren Sinnen und Trachten einzig darauf absieht, sich von
anderen anderswo abzugrenzen und fortan darüber zu wachen, daß
ihre Gemeinsamkeit von keinem Eindringling gestört wird. Den bei-
den Fehlern dieser sehr verbreiteten Bestimmung unseres Gemeinwe-
sens: erstens, es wäre ein freiwilliges Abkommen derer, die in
ihm leben, so als könnten diese auch per Beschluß die Auflösung
festlegen, und Bundesgrenzschutz samt Polizei führen den Auftrag
dann aus; zweitens, der Staat hätte als Grundlage den einzig und
allein negativ bestimmten Zweck seiner Bürger, nämlich sich abzu-
sondern von Menschen, weil diese anders sind als sie, aber nie-
mand den Grenzverlauf angeben kann, fügt EIBL-EIBESFELDT einen
dritten, biologischen hinzu. Daß Menschen sich als Staatsbürger
gegenüberstehen und Staaten bestimmte Gebiete als ihren Herr-
schaftsbereich beanspruchen, bespricht er als aus der N a t u r
des Menschen instinktmäßig hervorwachsende Tatsache.
Ganz offenbar lösen aber die in nicht geringer Anzahl bei "uns"
stationierten Amerikaner keineswegs per se feindliche Gefühle
aus, obwohl man doch meinen sollte, daß ein Fremder in Uniform
weit bedrohlicher wirkt, als z.B. ein Türke im orangefarbenen
Müllabfuhrdress. Umgekehrt, wenn Kanzler Kohl vorschlägt, seine
Bürger sollten sich doch offen zur Deutsch-Amerikanischen-Freund-
schaft bekennen, können einige tausend GI's egal welcher Haut-
farbe fest damit rechnen, an Weihnachten zum deutschen Gabentisch
gebeten zu werden.
Daß jemand Ausländer ist, macht ihn also noch keineswegs zum Ge-
genstand von Haß und Diskriminierung. Es kommt eben sehr darauf
an welches Urteil der deutsche Staat über das Heimatland dieses
Menschen gefällt hat, und welchen Umgang er dementsprechend mit
den Bürgern dieses Landes pflegt.
Deutschland retten - den Türken helfen
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EIBL-EIBESFELDT jedoch will unbedingt auf die Erhaltung seiner
erfundenen "natürlichen" Ordnung pochen:
"Auf die Dauer kann kein Land beliebige Menschen von Bürgern an-
derer Länder bei sich aufnehmen, ohne in ernsthafte Schwierigkei-
ten wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Art zu kommen."
Es geht einfach nicht an, daß sich Nicht-Deutsche in Deutschland
wie die Karnickel vermehren, während die Deutschen selbst ganz
zivilisiert und verantwortlich bei "ihrer niedrigen Fortpflan-
zungsquote bleiben", so daß die Ethnie der Deutschen "biologisch
und kulturell" verdrängt werden könnte.
Und das trifft EIBL-EIBESFELDT bis ins Herz, auf daß er gar nicht
mehr weiß, wo er wohnt. Aus der anerkannt zweitstärksten Macht
des freien Westens, deren Politiker damit prahlen, wie kraftvoll
sie den deutschen Standpunkt im eigenen Lager, besonders aber ge-
genüber dem Osten vertreten und die dabei eine nationale Wirt-
schaft hinter sich wissen, die sich im internationalen Konkur-
renzkampf ebenso erfolgreich durchgesetzt hat, aus dieser BRD
macht er einen quasi süd-amerikanischen Großstadt-Slum, der aus
allen Nähten platzt.
Familienminister H. Geißler, dem die Anzahl der Deutschen beäng-
stigend gering vorkommt, wird vom Professor aber keineswegs wi-
dersprochen, ist er doch der Überzeugung, daß diejenigen, die we-
gen ihrer Masse Deutschland zum Untergang verurteilen, eben nur
die Ausländer sein können:
"Deutschland ist übervölkert. Es mangelt am Elementarsten: an
Wohnraum, Wasser, guter Luft." (Knoblauch) "Dazu kommt, daß sich
die Bevölkerung der Bundesrepublik keineswegs mehr im Notfall aus
dem eigenen Land ernähren könnte."
Schlimm steht es also um 'uns Deutsche', und die Republik ein
einziges Desaster, vor dem nur noch der sofortige, staatlich or-
ganisierte Rausschmiß der Ausländer Rettung verspricht:
"Die Regierungen haben sich verpflichtet, die Interessen des ei-
genen Volkes zu wahren. Das Grundgesetz der Bundesrepublik macht
da wohl keine Ausnahme." Für den, dem diese Wahrheit der Wahrung
der deutschen Interessen zu brutal dargestellt ist, bietet
EIBL-EIBESFELDT eine nettere Variante, indem er den Heimtransport
der 'Fremden' in eine Hilfe für "die Armen" verfabelt, für die
die Industriestaaten zuständig sind:
"Die übervölkerten Industrienationen können ihrer Verpflichtung,
den Armen zu helfen, nur nachkommen, wenn sie selbst nicht in den
Strudel der Massenvermehrung einbezogen werden. Das heißt, daß
die Hilfe nicht dadurch geschehen kann, daß man einige Millionen
einwandern läßt."
Das heißt, die Hilfe, die EIBL-EIBESFELD gewährt haben will, be-
steht
- im Rücktransport selbst, denn dann sind sie wieder ausgegrenzt,
und darauf kommt es ihnen doch letztlich von Natur aus an,
- im Verständnis für die jeweiligen "Eigenarten" der Völker, so-
lange sie sich auf 'eigenem' Boden befinden, weil es sich um
"Überlebensstrategien" handelt. Ungefähr in der Art, wie deutsche
Gerichte Folterungen in der Türkei als landesübliche Sitte ver-
standen haben:
"Nur dadurch, daß jedes Volk seine Eigenarten pflegt, bleibt uns
die ethnische Vielfalt erhalten, der die Menschheit ihre adaptive
Breite verdankt, denn abgesehen von den speziellen Wertschöpfun-
gen der Kulturen auf künstlerischem Sektor stellen Kulturen ver-
schiedene Antworten auf die Herausforderungen des Lebens dar -
Sie verfolgen verschiedene Überlebensstrategien. Mit anderen Wor-
ten: Vielfalt ist die Antwort des Lebens auf die Herausforderung
zu überleben."
Eine feine Leistung von EIBL-EIBESFELDT die unterschiedliche und
gegensätzliche Stellung der Staaten in der Welt und die sich dar-
aus ergebende Einstellung der Bürger dieser Staaten zueinander,
zum Ergebnis eines natürlichen Wettstreits ums Überleben zu er-
klären und die Aufrechterhaltung dieser Unterschiede als notwen-
dige Voraussetzung fürs Überleben der Menschheit zu legitimieren.
Ganz ohne Diskriminierung, voller Hochschätzung jeglicher Kultur
für den Kampf der Menschheit, bloß voller Sorge um das Gelingen
der "Überlebensstrategie" des deutschen Volkes, schließt sich
Prof. EIBL-EIBESFELDT dem "Türken-raus"-Rufen an - aber eben als
Fachmann für die biologische Reinerhaltung des Menschen.
(alle Zitate aus EIBL-EIBESFELDT: "Die Angst vor dem Menschen")
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