Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute
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ABSEITIGES ZUR "ASYLANTENFLUT"
"Jürgen Link
Inzwischen ist es soweit: In Neukölln haben Teile der Schweigen-
den Mehrheit ihr Schweigen gebrochen und "Asylanten raus!" gefor-
dert. Hier ein Gedankenexperiment: Sie hätten diese Forderung vor
zehn Jahren noch gar nicht formulieren können, weil es damals das
Wort "Asylant" noch gar nicht gab. Damals hätten sie noch sagen
müssen: "Flüchtlinge raus!" Hätten sie das sagen können?
Die Wörter auf "-ant " teilen sich, grob gesagt, in zwei Gruppen:
neutrale für Berufe ("Praktikant", "Intendant", "Fabrikant") und
ausgesprochen negative für "Charaktere": "Ignorant", "Simulant",
"Spekulant " usw. Drittens gibt es dann noch wissenschaftliche
Fachbegriffe wie "Signifikant" oder auch "Migrant". Meine älte-
sten Belege für "Asylant" gehören (vielleicht - vielleicht aber
auch nicht) zur letzten Kategorie: das Wort taucht..." ("taz,
24.7.86)
Richtig ist: Es gibt eine massive Hetze gegen Asylanten. Der
"Asylant" ist ein Wort gewordenes U r t e i l: Es ist jemand,
der sich schmarotzend an unseren Fleischtöpfen zu schaffen macht;
jemand, der als unerwünschter Ausländer nicht das famose Recht
genießen soll, hier leben zu dürfen. In diesem Urteil spricht
sich ein I n t e r e s s e aus: das des Staates, eine Sortie-
rung von nützlichem und unnützem = überzähligen Menschenmaterial
vorzunehmen; das von Bürgern, sich zur Pflege der Einbildung,
Nutznießer und Bevorzugte dieser Scheidung von deutsch und un-
deutsch zu sein, als Privat-Rassisten zu betätigen.
Über das W o r t "Asylant" wäre damit alles gesagt. Es ist, be-
stenfalls, ein Anlaß, einmal darüber nachzudenken, wie es um den
deutschnationalen Geisteszustand bestellt sein muß, daß ein Wort
(eine juristische Kategorie zudem) für eine ganze Weltanschauung
stehen kann. Es jedoch a l s W o r t in den Mittelpunkt des
Interesses zu stellen, zeugt von etwas anderem. Damit hebt ein
Wissenschaftler das Fachsimpln an; er nimmt den "Asylanten" zum
Anlaß, um auf sein Steckenpferd zu steigen.
Jürgen Link, Literaturwissenschaftler / Strukturalist / Symbol-
theoretiker / links, fordert zu dem "Gedankenexperiment" auf,
sich die Hetze gegen Asylanten ohne das Wort "Asylant" vorzustel-
len, und stellt die Frage, ob sie dann "möglich" sei. Dumme Fra-
gen verdienen dumme Antworten, und die gibt Link dann auch: es
hätte eben entweder ein anderes Wort gebraucht oder ein neues er-
funden werden müssen. Da das Wort "Flüchtling" für deutsche Ohren
immer noch einen mitleidig-sentimentalen Beiklang hat, mußte eben
der "Asylant" her. Schlußfolgerung 1: O h n e das Wort
"Asylant" wäre die Asylantenhetze nicht möglich. Schlußfolgerung
2. M i t dem Wort "Flüchtling" wäre sie erst recht nicht mög-
lich. Schlußfolgerung 3: Gelingt es, in der Öffentlichkeit den
"Asylanten" durch den "Flüchtling" zu e r s e t z e n, dann ist
damit die Asylantenhetze verunmöglicht. Blanker Unsinn!
Dann würde eben gegen "Flüchtlinge" gehetzt (hat es schließlich
auch schon einmal gegeben) oder gegen sonstwie titulierte Volks-
schädlinge - wie sie dann anders geheißen würden, wäre für unse-
ren Wortakrobaten sicherlich wieder eine 'interessante' Spekula-
tion. Daß dies jedoch ernsthaft ein Problem wäre; daß im Ernst
das Wort i d e n t i s c h mit dem politischen Willen sei, der
sich in ihm ausdrückt; daß also Wort gleich Macht sei, wie es
eine dumme Redensart will; daß schließlich politischer Wille und
Macht aufgeschmissen wären, verfügten sie nicht mehr über das
Wort - dies alles glaubt ein Link selbst so wenig, wie er beim
Wort genommen werden will. Stellen wir ein "Gedankenexperiment"
an: durch g e s p i e l t werden will der Gedanke, dann ergeben
sich die schönsten Perspektiven - im weiten Feld eingebildeter
akademischer Verantwortung für den Lauf der Welt nämlich.
Ist erst die Behauptung erhoben; diese Welt würde sich akkurat um
jene Dinge drehen, für die ein Wissenschaftler (hier: der Litera-
tur- und Sprachforscher) in seiner Profession (wie es der Zufall
will) zuständig ist, so liegt die Folge auf der Hand: der Wissen-
schaftler muß auf sie aufpassen. Die politische Parole der
"Meinungsführerschaft" wird durch die Farce (18. Brumaire, Herr
Link) einer Wortwächterschaft von links nachgeäfft. Daß dabei die
Seite der Lächerlichkeit nicht nur nicht gescheut, sondern ge-
sucht wird, dokumentiert schließlich sein Leserbrief an die
"taz", einige Wochen nach dem Artikel über die "Semantik " des
Asylanten:
"Betr.: Pförtner zählt Asylbewerber", taz vom 31.7.86
Am 24.7.86 brachtet Ihr meine "sprachkritik" am unwort "asylant".
dennoch scheint die redaktion es immer noch nicht zu wagen,
flüchtlinge aus südlichen ländern wie die aus östlichen einfach
"flüchtlinge" zu nennen. sonst hätte der titel Eures artikels vom
31.7.86 (s. 4) gelautet: "pförtner zählt flüchtlinge". statt des-
sen stand da zu lesen: "asylbewerber". warum eigentlich?
"flüchfling" ist ein kürzeres wort und gehört auch keineswegs zur
sogenannten abgehobenen..."
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