Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 16, 07.07.1982
Der Veranstaltungskommentar
DIE AUSLÄNDER UND IHRE FREUNDE
Am Dienstag, den 29.6. um 17 Uhr gab es in der Bogenhausener
Fachhochschule für Sozialwesen "anläßlich der Auseinandersetzun-
gen um 'das Stützle-Papier'" eine Diskussion zum Thema:
"Ausländer raus? - Kontinuität oder Wende in der Ausländerpoli-
tik". Auf dem Podium saßen die Dozenten Professor GRAF
(Bogenhausen). Dr. SCHWARZ (Dekan der FHS Aubing), ein Vertreter
des DGB, einer der Arbeiterwohlfahrt, Herr Frankowitsch als Vor-
sitzender des Ausländerbeirats, ein Mann von der Kirche und eine
Frau von der Volkshochschule. Von der Politik waren geladen: der
ehemalige Sozialreferent Hahnzog (SPD) sowie als Stellvertreter
des jetzigen Münchner Sozialreferenten Stützle ein Dr. Lans
(CSU).
So viele Freunde haben bei uns die Ausländer! Aber keiner von ih-
nen wollte das "Stützle-Papier": "Die verhütete Zukunft" einfach
verurteilen, in dem der Münchner Sozialreferent seine familienpo-
litischen Bedenken über deutsches (zu maßvolles) und nicht-deut-
sches (maßloses) Zeugungsverhalten zum besten gibt. Dafür gab es
für das Thema der Veranstaltung offenkundig viel zu viel her.
Gewissermaßen stellvertretend für alle Anwesenden, behandelte der
Obersozialarbeiter SCHWARZ die Opfer deutscher Ausländerpolitik
ausschließlich als Belegmaterial für den harten Kern seiner 6
Thesen, daß nämlich "eine auf Integration bedachte Ausländerpoli-
tik heute einer schweren Belastung ausgesetzt ist". Auch eine
Weise, dem "umstrittenen" Stützle, für den Ausländer "schwarze
Löcher im deutschen Bevölkerungsgewebe" sind, eines nicht abzu-
sprechen: Problembewußtsein. Immerhin reflektiert dieser Mann auf
die erschwerten Bedingungen sinnvoller Ausländerpolitik. Auf der
Grundlage solch' prinzipiellen Lobs an die Adresse der Politik,
weiß es der Wissenschaftler Dr. SCHWARZ dann allerdings viel bes-
ser. Für "einfache" Forderungen wie "Ausländer raus oder (!) Aus-
länder rein" dürfen sich Sozialarbeiter "nicht hergeben".
"Es geht uns nicht um eine zwanghafte Integrationspolitik, son-
dern um die Wahrung von Volksunterschieden. Sozialerbeiter müssen
Bündnispartner für eine kulturelle Identität von Ausländern
sein."
Die devote Versicherung, daß man angesichts "schwerer Zeiten"
beileibe nicht auf alten "Integrationsrezepten" beharren wolle,
tut so, als hätten "Ausländerprojekte" jemals mehr offeriert, als
Leuten zusätzlich zu der ihnen hierzulande von Staat und Kapital
aufgemachten und garantierten Identität als ausländische
A r b e i t e r eine i d e e l l e Identität zu verpassen. In
Zeiten, in denen der Sozialstaat noch nicht damit "überlastet"
war, "Ansprüche zurückweisen zu müssen", die aus verrichteter
türkischer etc. Lohnarbeit an ihn ergehen, in Zeiten, in denen am
Gastarbeiter mehr der A r b e i t e r unterstrichen wurde, galt
in Sozialarbeiterkreisen nichts als so hilfreich, wie den
"orientierungslosen" ausländischen Menschen deutsches Kulturgut
zu vermitteln. Ganz, als ob ein türkischer Familienvater nicht
spätestens, wenn Frau und Tochter in die Fabrik gehen, praktisch
gehalten wäre" "osmanische Familienvorstellungen" zu korrigieren.
Heute "müssen wir aufpassen", daß unsere "Gäste" Sinn in
i h r e n Werten finden!
Ganz zu recht mochte Prof. GRAF Hans Stützle aus dem Kreis solch'
höherer "Solidarität mit Ausländern" nicht "ausgrenzen". Gewiß
das "Papier" des Politikers enthalte darin bedenkliche T ö n e,
als "ausländerfeindliche Wirkungen" von seiner völkischen Termi-
nologie ausgehen könnten. Getreu der Logik, die Gewalttätigkeit
liege an der S p r a c h e, fühlte sich GRAF in seinem Schluß-
wort dazu verpflichtet, vorbildlich darauf hinzuweisen, daß man
auch diesem Politiker die "Chance zur Lernfähigkeit" nicht ver-
weigern dürfe.
Schöne Bündnispartner!
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