Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute


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WOHER DER DUMPFE HASS AUF AUSLÄNDER?

50 Jahre, nachdem gute Deutsche ihre schlechte Meinung über die jüdische Rasse in der Reichspogromnacht praktizierten, wollte der Weser-Kurier wissen: Was denken deutsche Bürger heute über ihre nichtdeutschen Mitbürger? In einer Telefonaktion im September be- fragte er Bremer und Bremerinnen zum kommunalen Ausländerwahl- recht und zeigte sich über das Ergebnis entsetzt: "In den Gesprächen wurde häufig blanker Ausländerhaß spürbar." (Weser-Kurier, 10.9.88; daraus auch die folgenden Zitate) Der Weser-Kurier gab sich schwer enttäuscht. Nach eigenem Selbst- verständnis propagiert das Blatt nämlich Tag für Tag einen moder- nen, differenzierten Nationalismus, der das -ismus gar nicht ver- dient - und die vielen Leser bringen diese Parolen einfach auf ihren "blanken" Kern herunter. Die ungemein problembewußte Wort- schraube "Rückkehrförderungshilfe für ausländische Arbeitnehmer" haben die Anrufer einfach so ausgedrückt, wie sie gemeint war: "Ausländer raus!" Das kam den Redakteuren so "primitiv" und neben der Sache liegend vor, daß sie gar nicht mehr wußten, woher die Abonnenten des Weser-Kurier ihre Ressentiments gegen Fremde ei- gentlich beziehen. Der Weser-Kurier wandte sich daher an einen Experten und befragte den bekannten Münchner Diplompsychologen Jens Corssen nach den Ursachen: "Corssen: Es ist den Deutschen gegeben, auf Minderheiten herumzu- hacken." Ach so, es ist die Natur der Deutschen, die sie zum Minderheiten- Treten treibt. Interessant: Der erste Satz zur Erklärung des na- tionalistischen Rassismus wartet selbst mit einem kleinen Rassis- mus auf. Woher wissen denn deutsche Bürger immer so genau, welche Minderheiten zum Herumhacken da sind und welche ihre Hochachtung verdienen? Pogrome gegen Unternehmer, Politiker oder Großgrundbe- sitzer sind uns noch nicht zu Ohren gekommen. Auch Rothaarige, Kleingärtner und Dackelbesitzer bleiben gemeinhin ungeschoren. Anders gefragt: Wodurch wird ein Ahmed aus der Türkei, der sicher mitteleuropäischer aussieht als ein guter deutscher Neger wie Ro- berto Blanco, eigentlich zu einer ausländischen Minderheit? Ahmed wird vom deutschen Staat als Untertan einer fremden Gewalt definiert und behandelt, im Unterschied zu mit deutschen Ur-Ur- Ur-Großtanten begabten Polen, Rumänen und anderen Russen, die per definitionem deutsche Staatsbürger sind. Allein die staatliche Sortierung der Einwohner in In- und Ausländer macht Ahmed zur Minderheit; und oben wird ebenfalls entschieden, ob er zu einer zum Herumhacken freigegebenen Minderheit gehört: Ami-Soldaten z.B. werden bekanntlich nicht abgeschoben, sondern zu Weihnachten eingeladen. Wer den Nationalismus der Leute, der die staatliche Sortierung in In- und Ausländer mitmacht, in eine quasi n a t ü r l i c h e A b n e i g u n g gegen M i n d e r h e i t e n umdichtet, der hat sich ein kleines Problem geschaffen: Diese "Erklärung" gibt weder einen G r u n d für den Gegensatz an, noch kann sie sa- gen, warum er sich gegen w e l c h e Minderheit austobt. Warum sollten die Vielen (Mehrheit) bloß deswegen mit anderen aneinan- dergeraten, weil die wenige (Minderheit) sind? Hier kommt der psychologische Sachverstand zum Zug, um die "tiefverborgenen Ursachen" sichtbar zu machen: "Die Wurzel des Übels liegt in der deutschen Erziehung, die sich im Laufe der Jahrhunderte nicht wesentlich geändert hat. Kirche und Erzieher versuchen noch heute das sogenannte Böse im Menschen wie Triebhaftigkeit, Machtanspruch oder Besitzgier als schlecht zu brandmarken. Dies führe letztlich dazu, daß Deutsche dieses "Böse" verdrängen und im weiteren Leben auf Minderheiten proji- zieren." In diesem Menschenbild stimmt nichts: 1. Besitz- und Macht g i e r sind psychologische Erfindungen. Kein Mensch will kriterienlos alles besitzen und jenseits jeden Interesses Macht ausüben. Selbst ein Kohl weiß Ziele, für die er seine Macht gebrauchen will. 2. Seit wann wird das Streben nach Macht und Besitz als böse ver- teufelt? Die anerkanntesten Eliten zeichnen sich doch gerade da- durch aus, in diesem Streben Erfolg gehabt zu haben! Nur die Mas- sen sollen bescheiden und gehorsam sein. 3. Wenn der Mensch von seinen "bösen" Trieben und Begierden be- herrscht wird, wieso lassen sie sich dann überhaupt verdrängen? Ist der Mensch in der Lage, diese "Triebe" als schlecht zu beur- teilen und sich n i c h t von ihnen leiten zu lassen, dann be- herrschen sie ihn auch nicht - also braucht er auch nichts zu verdrängen! 4. Wenn der Mensch schon seine eigene Triebhaftigkeit, Besitzgier oder seinen Machtanspruch auf Minderheiten projizieren will, wieso nimmt er dann nicht Minderheiten wie Politiker, Millionäre oder Playboys, die zumindest mehr Material für diesen Vorwurf liefern als ein biederer türkischer Familienvater, der es Zeit seines Lebens weder zu Macht noch zu Geld, geschweige denn zu ei- ner Geliebten bringt? Egal, ob er vor Widersprüchen knirscht und in Zirkeln eiert, "dieser psychologische Mechanismus mach(t)e letzten Endes vor keinem Deutschen halt." Wie ist es dann möglich, daß es dennoch so ehrenwerte Ausländer- freunde wie Corssen und den Weser-Kurier gibt? "Nur wer sich bewußt ist, daß er Hitler in sich hat, ist nicht mehr so leicht für Parolen verfügbar." Abgesehen vom oben demonstrierten Unsinn der Konstruktion "Hitler in uns allen": Wie schief Meister Corssen mit seiner Schlußfolge- rung liegt, beweist er gleich im nächsten Satz: "'Die Furcht ist ja teilweise berechtigt. Ausländer halten sich nicht immer an unsere Grundvorstellungen und akzeptieren das Sy- stem nicht.' Außerdem hätten Ausländer real Arbeitsplätze inne. Die meisten Bürger fragten sich jedoch nicht, ob sie deren Stel- len überhaupt haben wollten." Er, der sich des "Hitler in sich" so "bewußt" ist, ist keineswegs für nationalistische Parolen wie behauptet unempfänglich! Er p r o d u z i e r t ja geradezu in seiner Argumentation nationa- listische Auffassungen. Das Argument: 'Türken nehmen uns die Arbeitsplätze weg!' leuchtet dem Psychologen so ein, daß ihm als Gegenargument nur einfällt: 'Diese Drecksarbeit will doch eh kein Deutscher machen.' Ja wenn's so wäre und die Türken würden auf den üblichen, gut be- zahlten, gesundheitsfördernden, vergnüglichen deutschen Ar- beitsplätzen sitzen, wäre auch dem Psychologen klar, daß die Ausländer guten deutschen Staatsbürgern Platz machen müßten. 'Aber den Türken geht es doch dreckiger als Euch, Euer Nationa- lismus wird doch voll befriedigt', ruft er den Ausländerfeinden zu und meint sicher, mit diesem schlagenden Argument den hier le- benden Ausländern auch noch einen Gefallen getan zu haben. Seine Inschutznahme der Ausländer ist nichts als die B e k r ä f- t i g u n g der Maßstäbe, mit denen sie als Schädlinge der Nation abgeurteilt werden. *** Ein schönes Beispiel für unerschütterliche Einigkeit von enga- gierten Ausländerfreunden mit ihrer Nation und ihrer politischen Herrschaft lieferte S. Miski in ihrer Stellungnahme zu oben besprochenem Weser-Kurier-Artikel in der Oktober-Ausgabe der STIMME, Zeitschrift für In- und Ausländer/innen im Land Bremen. "Es ist unstrittig, daß in jedem Deutschen ein "kleiner Hitler" steckt. Aber wichtig ist, wie die Verantwortlichen einer Gesell- schaft - dazu gehören Medien ebenso wie Politiker - mit diesem "kleinen Hitler" umgehen und auf welche Gruppen und wie, die Pro- jektion des Bösen von ihnen gelenkt wird. Auch der Psychologe be- gibt sich wieder auf eine fragwürdige Ebene, indem er bestätigt, daß bspw. die Furcht vor Überbevölkerung durch Ausländer teil- weise berechtigt ist oder Ausländer sich nicht immer an unsere Grundvorstellungen hielten und das System nicht akzeptierten." Das ist stark: Die Politiker, die den mörderischen Unterschied von In- und Ausländern in die Welt bringen und sämtliche Konjunk- turen von Juden- bis Türkenhaß inszenieren und die Medien, die sie verbreiten, sind jetzt die Berufenen, die gefährliche Triebe der Deutschen auf andere Minderheiten als auf Ausländer lenken! zurück