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MSZ-Humanitäres
TURBULENZEN AN DER FLÜCHTLINGSBÖRSE
Das gewohnte Gefüge an der freien Flüchtlingsbörse-West ist teil-
weise erheblich ins Wanken geraten. Erhebliche Kursgewinne konn-
ten die Afghanen (Ausgabe E, auf dem Euroflüchtlingsmarkt zuge-
lassen) auf dem Bonner Ratsmarkt verzeichnen. Ganz offensichtlich
bewirkte hier der sowjetische Staatsbesuch die gesteigerte Nach-
frage unter Politikern und Pressevertretern. Jeder im Bundesge-
biet börsenfähige Afghane konnte gute Preise erzielen und wurde
als Demonstrant gegen Breschnew aufmerksam verbucht. Zur Belebung
der vorher eher lustlosen Tendenz trug auch eine Option der römi-
schen Regierung bei, die sich noch 41 Afghanen sichern konnte. In
gut unterrichteten Kreisen munkelt man jedoch in diesem Fall von
einer Fehlspekulation, da das Ende des sowjetischen Staatsbesuehs
allgemein mit Einbrüchen nach kurzfristigen Gewinnmitnahmen ge-
kennzeichnet war. Ganz im Gegensatz zu den risikoverdächtigen
Euro-Afghanen notieren nach wie vor die auf Pakistan beschränkten
Afghanen P kontinuierliche Kursgewinne, die auf die hohen Rendi-
ten dieser Sorte wegen der hohen Abgangs- und Erneuerungsraten
zurückgeführt werden, ein Vorgang, der in westlichen Politkon-
junkturspekulantenkreisen aufmerksam betrachtet und auch prak-
tisch gefördert wird.
Der Versuch von Türken, die Börsengenehmigung zu erhalten, endete
kläglich: Berliner Börsensenatoren zerschnitten den 18jährigen
Türken nach alter Sitte die Krawatten und Hüte und warfen sie un-
ter großem Hallo durch das Schaufenster des Westens zurück in die
freiheitliche Diktatur.
Dem allgemeinen Trend konnten sich auch die Kurse der Rußland-
Deutschen nicht entziehen: Künstliche Verknappung, Sacharows Hun-
gerstreik und Kortschnois tragische Niederlage gegen die bolsche-
wistische Parapsychologie gelten allgemein als belebende Faktoren
der Nachfrage. Immer wieder wird auf das Massenreservoir an po-
tentiellen Flüchtlingen verwiesen, das dieses Land zu bieten hat,
und mit rechtlichen Ansprüchen bis auf die Verschleppung deut-
scher Bauern durch Katharina die Schreckliche untermauert. Beson-
ders belebend wirkte die Option von Reagans Stockjobber Eaglebur-
ger auf ganz Osteuropa, als er von seinem "tiefen humanitären In-
teresse... an den Völkern Osteuropas... wegen Millionen Amerika-
nern, die ihre Abstammung dorthin zurückverfolgen' sprach. Aller-
dings zeigt die Entwicklung der Polenpapiere, daß die Marktge-
setze auch an dieser Börse intakt sind: Flüchtlingsmakler Kreisky
nutzte die Gunst der weltpolitischen Stunde, als er während des
Breschnew-Besuches seinen Unterhändler Lanc nach Australien
schickte und unter öffentlichkeitswirksamer Androhung von Visa-
verweigerung beim dortigen Frazer ein stattliches Paket Polen un-
terbrachte.
Schon bei den Vietnamesen waren überhöhte Erwartungen der Grund
für eine künstlich angeheizte Hausse, in derem Verlauf gefälschte
Papiere zirkulierten: Wertlose Hungervietnamesen waren oft nur
unzulänglich als Libertyvietnamesen kaschiert. Wegen der damit
verbundenen Kurseinbrüche der Libviets (Fachjargon) ergriffen die
Regierungen der Länder an der Bonner Börse scharfe Maßnahmen ge-
gen die von der Flüchtlingshilfe AG Cap Anamur in Umlauf gebrach-
ten Zertifikate ohne Wert.
Rege Nachfrage herrscht nach Nicaragua-Somozas, die jedoch an eu-
ropäischen Börsen nicht zu haben sind. Die 43 Exemplare befinden
sich fest in US-Hand, und es gibt keine Anzeichen, daß die Besit-
zer an Veräußerung denken. Die Optionen europäischer Interessen-
ten dürften sich trotz (oder wegen?) der zukunftssicheren Aus-
sichten als Fata Morgana erweisen. In Fachkreisen munkelt man je-
doch, daß derartige Spekulationen leicht in die Hose gehen könn-
ten, wenn die US-Regierung ihre Überlegungen hinsichtlich der
Einführung von Nicaragua-Sandinistas auf dem Weltflüchtlingsmarkt
in die Tat umsetzen würden. Gerade deshalb sind Nicaragua-Somozas
eine hochspekulative Investition auf längere Sicht und ein Ersatz
durch Sandinistas wäre nicht ratsam. Die bitteren Erfahrungen mit
Chileflüchtlingen, die nach wie vor auf Null notieren, sollten
hier eine Lehre sein. Insidern, wie dem bayerischen Flüchtlings-
fachmann Franz Strauß, war schon damals klar, daß man bei solchen
Papieren aufs falsche Pferd setzt!
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