Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK AUSLAENDER - Von der Sortierung der Leute
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Inländer und Ausländer
DER KLEINE MÖRDERISCHE UNTERSCHIED
I.
Genaugenommen sind von den ca. 5.060.000.000 Erdenbewohnern nicht
weniger als 5 Milliarden - A u s l ä n d e r. Als solche stören
sie allerdings nicht weiter, solange sie hübsch bei sich zu Hause
bleiben Und sich allenfalls "unseren" Besuch gefallen lassen.
Die Sache ändert sich, wenn Besuche in umgekehrter Richtung
stattfinden. Obwohl auch dann keineswegs alle Ausländer über
einen Kamm geschoren werden. Einem Ernst Happel oder Howard Car-
pendale wird ohne weiteres nachgesehen, daß der eine ein Öster-
reicher und der andere ein Südafrikaner ist. Einem amerikanischen
Präsidenten wird es sogar hoch angerechnet, wenn er sich als
"Berliner" bekennt, obwohl er gar nicht dort wohnt. Bei seinen
GIs, die Westberlin seit Jahrzehnten sicher machen, sieht es
schon etwas anders aus. Erst recht bei Türken, die dabei sind,
sich dauerhaft in Kreuzberg niederzulassen.
Bei aller Differenzierung in der Ausländerfrage bleibt irgendwie
aber allemal derselbe Standpunkt in Kraft: Man urteilt als Inlän-
der. Das Urteil über Tamilen und US-Touristen kann dann immer
noch nachsichtig oder gehässig, das über fremdländischen Staats-
oder Kulturbesuch abfällig oder geschmeichelt ausfallen, die an
den Tag gelegte Fachkunde der Lebenserfahrung als Taxifahrer,
Nachbar oder Zeitungsleser entstammen. Allemal ergeht ein Urteil
im Namen und mit dem Recht des kollektiven Subjekts, das mit den
einen Ausländern ein "Problem" und an den andern seine Freude
hat. Betroffen und insofern unzweifelhaft kompetent ist jedermann
als Mitglied des heimgesuchten Volkes.
Diesen Status hat sich keines der Mitglieder aus dem Vereinsregi-
ster herausgesucht. Man hat und behält ihn in der Regel kraft Ge-
burt, wie eine angeborene Eigenschaft. Dabei hat Volk mit Natur
nur so viel zu tun, daß die Staatsgewalt ihre Hoheit über neue
Untertanen als automatische Rechtsfolge ans freudige Naturereig-
nis knüpft. Dieser gar nicht zufällige Staatsakt will zum Dasein
des Individuums denn auch erheblich mehr und Gewichtigeres bei-
steuern als Gen und Umwelt. Vor allem eben den politischen Stand-
punkt, von dem aus und in dessen Namen der eingemeindete Mensch
Ansprüche stellt oder nicht, Probleme als solche anerkennt und
dann auch hat, mit anderen umgeht und mit sich umgehen läßt.
Ein solcher Standpunkt ist ganz etwas anderes als ein politisches
Urteil. Er will als Voraussetzung und Maßstab gelten, die ein je-
des Mitglied, ohne erst groß zu überlegen, in all seinem Tun und
Urteilen r e s p e k t i e r t - jenseits sämtlicher unter-
schiedlichen bis gegensätzlichen Lebenslagen, in denen sich die
diversen Staatsbürger praktisch zu bewähren haben; jenseits auch
aller politischen und weltanschaulichen Differenzen, die
gelegentlich die Genossen ein und desselben Volksvereins bis zur
Feindschaft gegeneinander aufbringen. Theoretisch soll ein jeder
sich haftbar fühlen, sich freuen oder schämen für alles, was in
"seiner" Nation los ist - am Ende sogar für deren terroristische
Gegner -, und sich nicht auf die Partei hinausreden, die er mal
"dafür", mal "dagegen" bezogen hätte; umgekehrt: Eine korrekte
Parteilichkeit speist sich aus dem Stolz bzw. Ärger, den man als
Inländer im Namen der Nation, als ihr ideeller Sachwalter und
berufener Apologet, empfindet. Praktisch gilt sowieso, daß
"Gemeinnutz vor Eigennutz" geht, weil nämlich nur in einer klar
begrenzten Minderheit der Fälle dem Gemeinnutzen auch der private
Gewinn nachfolgt. Und es steht außer Frage, daß der gemeine
Nutzen gar nichts rätselhaft Moralisches, sondern das zuständige
Nationalitätskennzeichen zum Inhalt hat.
Insofern haben US-Präsidenten und Asylanten, russische Soldaten
und römische Päpste zwar immer noch nichts gemeinsames an sich.
Vor allen Unterschieden steht aber schon fest, daß sie sämtlich
zu "den anderen" gehören: zu jener fremden Menschensorte, deren
Mitglieder theoretisch wie praktisch einem anderen als dem deut-
schen Gemeinwohl verpflichtet sind.
Das macht die Ausländer einerseits wieder zu sehr vertrauten Fi-
guren: Jeder Inländer versteht sie als leibhaftige Repräsentanten
eines nationalen Standpunkts zu nehmen und in Gedanken haftbar zu
machen, ihr Nationalgefühl anzusprechen und zu beleidigen; und
keiner wundert sich, wenn er an völlig fremden Staaten bis in die
Parteien- und Medien "Landschaft" hinein die ihm geläufigen For-
men des öffentlichen Lebens, der Subsumtion der Individuen unter
Staatsmacht und Volkstum, vorgeführt bekommt. Das Bewußtsein der
prinzipiellen Andersartigkeit, für die gar kein Prinzip angegeben
zu werden braucht und jeder Unfug gleich gut als Bebilderung
taugt, leidet darunter überhaupt nicht. Auch wenn die "sozialen
Merkmale" der eigenen wie der fremden Volksgenossen noch so iden-
tisch sind: Das nationale "Individuum", dem "die anderen" mit al-
len ihren wohlbekannten "Merkmalen" angehören, die höchste Ge-
walt, die über sie gebietet, der nationale Erfolg, für den sie
sich in Anspruch nehmen lassen - genau wie die Inländer für
Deutschland -, sind eben a n d e r e. Auf diese "Individuali-
tät" bezieht sich jeder politische Wille, jedes Parteiprogramm -
auch wenn es mit dem auswärtiger "Schwesterparteien" Wort für
Wort übereinstimmt -, jedes Gerechtigkeitsempfinden. Die
Nationalität ist des modernen Menschen "zweite", und zwar sehr
viel maßgeblichere "N a t u r".
II.
Diese Borniertheit hat keinen guten, aber sehr massive Gründe.
Zwar bekommt es der normale Mensch in seinem Alltagsleben prak-
tisch gar nicht weiter mit Ausländern oder mit dem Umstand zu
tun, daß er sich als Inländer von "den anderen" unterscheidet.
Seine Sorgen haben mit der Familie und dem Einkaufen, mit der
Wohnungsmiete und dem Geldverdienen, mit Arbeit oder auch Ar-
beitslosigkeit, Lohnabrechnung bzw. Arbeitsamt zu schaffen; zu
streiten und auszukommen hat er mit seinen Mitbürgern - auch wenn
sich zufällig Ausländer darunter finden -, sofern sie ihm mit
Rechnungen und Verkaufsangeboten, einem Arbeitsplatz oder einer
Kündigung, als Kaufmann oder Gläubiger gegenübertreten oder auch
als Lehrer, Pfarrer, Nachbar, Fernsehsprecher auf die Nerven fal-
len. Diese Unterscheidungen zwischen den Menschen, nach Beruf und
Eigentum nämlich sowie nach Verwandtschaft und Bekanntschaft, ge-
ben immer gleich gesellschaftliche Beziehungen zwischen ihnen
her, die Nutzen bringen oder Einsatz fordern - an praktischem Be-
lang gar nicht zu vergleichen mit der abstrakten Reflexion auf
die Farbe des Passes der beteiligten Personen.
Trotzdem hat diese Abstraktion auf fatale Weise recht, ohne daß
ein Aus- oder Inländer gerade das so sehen würde. Sämtliche ge-
sellschaftlichen Verhältnisse, die die Lebenspraxis der Leute
ausfüllen, sind immerhin das Werk der zuständigen Staatsgewalt.
Diese ist der unentbehrliche "Dritte" in sämtlichen Rechtsbezie-
hungen, mit denen moderne Menschen einander das Leben schwer ma-
chen; sie garantiert Eigentum und Eigentumslosigkeit mitsamt den
gedeihlichen Beziehungen des Kaufens, Mietens und Arbeitens gegen
Lohn, die sich daraus ergeben; sie richtet ein zuverlässiges Kre-
ditgeld und die Welt der höheren Werte und Kulturgüter ein, wel-
che die Glaubwürdigkeit von Nationen perfekt machen. Sie fordert
die ökonomischen Dienste ihrer Gesellschaft ein, stillschweigend
per Steuersatz auf jede Geschäftsaktion wie auch übers Kreditge-
werbe; dafür fördert sie auch wieder den Konkurrenzerfolg der Ge-
schäfte, die sie schröpft.
Der Grundstoff des materiellen gesellschaftlichen Lebens, das
Geld, trägt nationale Uniform; das ist kein äußerliches Abzei-
chen, sondern die Allgegenwart des staatlichen Dienstes für und
Zugriffs auf alles, was sich ökonomisch tut in der Gesellschaft
und bei jedem einzelnen. Ihre gar nicht mehr natürlichen Lebens-
bedingungen sind den Menschen mit ihrer Zugehörigkeit zu einem
Staat vorgegeben; damit ist ihrem Dasein eine Zweckmäßigkeit ver-
paßt, die ihrer freien Zwecksetzung nur sehr genau bestimmte und
nicht sehr viele Alternativen übrigläßt. Für die Probleme, die
sie ihren Bürgern so schafft - für die allermeisten handelt es
sich um recht elementare Probleme des Durchkommens -, läßt die
Staatsgewalt wiederum keine andere Abhilfe zu als auf dem Weg der
Pflichten, die sie ihrer Gesellschaft und jedem problembeladenen
Stand auferlegt: Ihre Zuständigkeit läßt nichts aus.
Das alles ist kein Grund - für die Mehrheit der zwangsvereinigten
Gesellschaft schon gleich kein guter -, sich auch noch auf den
Standpunkt der Gewalt zu stellen, die für Bestand und Funktionie-
ren einer nationalen Klassengesellschaft sorgt; sie als die ei-
gene höchste Angelegenheit zu akzeptieren, ausgerechnet wo sie
alles von sich abhängig macht. Eben deswegen kümmert sich die
Staatsgewalt auch noch sehr nachdrücklich um die Verstaatlichung
des Gemüts ihrer Bürger. Ihre wichtigste Erziehungsmaßnahme, auf
die daher kein modernes System verzichtet, ist die Wahl. Hier
werden den Bürgern "Probleme" angetragen und gewisse Personalfra-
gen ernsthaft zur Entscheidung vorgelegt, die sich überhaupt erst
stellen, wenn Bestand, Wirken und Erfolge der Nation gar nicht
mehr Gegenstand einer materialistischen Prüfung und Beurteilung
sind, sondern ein Objekt der A n t e i l n a h m e, ein
M a ß s t a b fürs Prüfen und Beurteilen. Die Sorgen eines ide-
ellen Aufsichtsrats der Republik soll der Mensch als Wähler sich
machen, zur Besetzung der höchsten Ämter sein Votum abgeben, sich
gegen Fehlbesetzungen engagieren und, wo Regierungsmaßnahmen ihn
stören, nicht sein Interesse, sondern sein demokratisches Mit-
spracherecht verletzt finden. Die Staatsgewalt selbst, die ihre
Bürger unter die gesellschaftlichen Verhältnisse des Eigentums
preßt, ihnen die Klassengesellschaft als Existenzbedingung vor-
setzt wird zwar nie zur Wahl gestellt; nach der Wahl bekommt der
Bürger aber allemal eine Rechnung präsentiert, auf der, jenseits
aller Lügen, wie prächtig er es getroffen hätte, die eine Wahr-
heit steht: Sein Wahlkreuz hat, wo immer es stand, der Staatsge-
walt als solcher auf jeden Fall gegolten; er hat die Paradoxie
vollbracht und dem Gehorchen zugestimmt.
So schafft die moderne Staatsgewalt sich eine Gesellschaft, die
in ihren sämtlichen Beziehungen auf staatsgewaltsam hergestellten
Bedingungen und Mitteln des Tätigwerdens beruht, die umgekehrt
den nötigen staatlichen Apparat erhält und alimentiert und sogar
den Dienst am Erfolg der höchsten Gewalt als ihr höchstes Recht
betrachtet. Die Scheidung zwischen "uns" und "den anderen" ergibt
und versteht sich da von selbst. "Wir" - das sind alle, die das
Recht und die Pflicht haben, sich um den Erfolg der Staatsgewalt
Sorgen und verdient zu machen, der sie gehorchen und dienen müs-
sen. Alle anderen sind - A u s l ä n d e r.
III.
Die große Masse eines Volkes hat kein praktisches Verhältnis zu
"den Ausländern" und kriegt so etwas von sich aus auch ihr Lebtag
nicht hin. Dafür geht der Staat, dem das Volk seine klassenge-
sellschaftliche Verfassung verdankt, um so aktivere Beziehungen
nach außen ein: zu anderen Souveränen sowie zu Land und Leuten,
die zunächst einmal gar nicht auf sein Kommando hören. Er bahnt
der Minderheit seiner Bürger, die anerkannte Interessen haben und
vertreten, für welche die nationalen Grenzen, egal wie weit ge-
steckt, allemal zu eng sind, den Weg ins Ausland. Der Erfolg ka-
pitalistischer Geschäftstätigkeit nämlich, an dem der höchsten
Gewalt gelegen ist, macht unausweichlich auch Warenangebote und
Absatzmärkte jenseits des Gültigkeitsbereichs der nationalen Wäh-
rung und Steuerhoheit interessant. Dieses Interesse wird mit
staatlichem Einsatz für internationale Rechtssicherheit fürs Ge-
schäftstreiben und mit Handelsabkommen bedient; außerdem mit Zöl-
len besteuert, die den Inländern nutzen, ausländischen Kaufleuten
einen Beitrag zum nationalen Nutzen auferlegen sollen. Das nötige
Einvernehmen mit dem anderen Souverän, der genauso denkt, gebie-
tet da allerdings Kompromißbereitschaft.
Über die entsprechenden Geschäftskalkulationen wird auch die
Masse der Inländer mit den ökonomischen Leistungen der verschie-
denen Auslande bekanntgemacht. Und das nicht bloß als Kundschaft,
die sich ihr Geld für ein internationalisiertes Warenangebot ein-
teilen muß. Internationalen Zuschnitt bekommen auch die Fabriken,
deren Waren sich auf einem Weltmarkt gegen Konkurrenz aus aller
Herren Länder durchsetzen sollen und bewähren müssen. Damit ist
für manche Berufe und viele Berufskarrieren das Ende angesagt:
teils weil das im Inland tätige Kapital ganze Geschäftszweige als
nicht mehr lohnend aufgibt oder "gesundschrumpfen" läßt; teils
weil die "Arbeitgeber" den Geschäftsgang durch Produktivitäts-
steigerung und Entlassungen auf das "Weltniveau" bringen, das der
anderswo beheimateten Konkurrenz das Nachsehen gibt.
Das Vermögen, zwischen "uns" und "den anderen" sachgerecht zu un-
terscheiden, wird mit diesen Wirkungen des internationalisierten
Geschäftslebens auf seine erste Bewährungsprobe gestellt. Im na-
tionalen "Wir" sollen sich alle Betroffenen einig wissen mit den
Urhebern und Herren und Nutznießern der Kalkulationen, die über
Preise, Löhne und betriebliche Leistung entscheiden und damit die
Betroffenheit herstellen; einig gegen "das Ausland", bei dem
gleichfalls nicht unterschieden werden darf zwischen den Firmen,
deren Geschäftserfolg ein fremder Staat als willkommenen Beitrag
zu seinem nationalen Reichtum schätzt, und den fremden Bürgern,
die diesem Erfolg als Lohnarbeiter bloß dienen. Ausgerechnet da,
wo die Zweckbestimmung des "Volkskörpers", n a t i o n a l e s
M e n s c h e n m a t e r i a l zu sein, einen konkreten Bezug
auf fremde Staaten bekommt, weil die Macher der eigenen Klassen-
gesellschaft unbedingt in deren Märkte hineinwollen, da ist logi-
scherweise eine höhere ideologische Leistung gefragt.
Dabei kann es sich, wenn das Menschenmaterial sich auf den Stand-
punkt seiner Benutzer aufschwingt, gar nicht um deren wirkliche
Standpunkt handeln. Geschäftsleute und Politiker fürchten ja
nicht die internationale Konkurrenz, sondern wollen und veran-
stalten sie; aufs eigene Volk beziehen sie sich als eine Manö-
vriermasse, die für diesen Zweck entweder effektiver auszunutzen
ist oder unter die Räder kommt. Ihre Kalkulationen sind also ein
einziges Dementi jeder eingebildeten Interessensidentität zwi-
schen der Masse der Inländer und den Praktikern des internationa-
len Erfolgs. Doch wer den Interessensgegensatz der gesellschaft-
lichen Klassen im rein einheimischen Alltag der Lohnarbeit und
des Konsums nicht wahrhaben will, sondern als Lebensbedingung ak-
zeptiert, der kann durch die Internationalisierung dieses Ver-
hältnisses auch nicht klüger werden. Seinen Beifall finden statt
dessen die berechnenden offiziellen Schwindeleien von "unserem"
Öl, für das "die Scheichs" "uns" eine von vorn bis hinten über-
triebene "Rechnung" präsentieren würden, sowie von "unserem " Ex-
port, den die Japaner oder die USA mit ihrem Dollar "uns" kaputt-
machen wollten - Milchmädchenrechnungen, die für den Inländerver-
stand das widersprüchliche Ideal des t o t a l e n e i n s e i-
t i g e n N u t z e n s aus dem Weltgeschäft plausibel aus-
drücken.
IV.
Je erfolgreicher ein Staat den Reichtum fremder Nationen seiner
Ökonomie und seiner Macht dienstbar macht, um so mehr wachsen
seine Ansprüche an die betroffenen wie auch vor allem an ähnlich
erfolgreiche konkurrierende Souveräne, und er sieht sich von wi-
derspenstigen bis aggressiven Störenfrieden umgeben. Für die Er-
ledigung der fälligen Konflikte erkennt eine Staatsgewalt keine
Rechtsinstanz an außer dem Respekt, zu dem sie ihre Kontrahenten
zu nötigen vermag. Deswegen schickt sie nicht bloß Diplomaten in
die Welt hinaus, die für die Vorteilhaftigkeit wechselseitigen
Respekts werben; vor allem verschafft sie sich Machtmittel, die
den anderen Souveränen die einseitige Nachteiligkeit mangelnden
Respekts drastisch vor Augen stellen, stattet ihre Diplomaten
also mit Argumenten von Gewicht aus, die dem Idealismus des
freundschaftlichen Einvernehmens Halt geben.
Diese Machtmittel kosten die Gesellschaft, der die Staatsgewalt
dient, weitere Finanzmittel sowie Dienst der härteren Art. Alle
tauglichen Inländer müssen sich für militärische Auslandsbesuche
ausbilden lassen und bereithalten. Die weniger tauglichen haben
sich darauf einzustellen, daß eine gegnerische Macht in ihrer
Person die Machtbasis ihrer Obrigkeit zu treffen und zu vernich-
ten sucht. Die Staatsgewalt, die ihre Bürger auf nationale Exi-
stenzbedingungen als "zweite Natur" festlegt, nimmt da sich als
Bedingung fürs Existieren sehr wörtlich: Sie ordnet das Überleben
ihrer Leute der nationalen Identität unter, mit der sie sie be-
glückt hat.
Im Ernstfall bekommt der einheimische Mensch eine sehr praktische
und direkte Beziehung zu anderen Leuten bloß in der Hinsicht, daß
es sich um Ausländer handelt. Ohne daß sie ihn oder er sie sonst
bei irgend etwas gestört hätte, hat er Feinde, die schon um des
eigenen Überlebens willen niedergemacht werden müssen. Die Situa-
tion, in die der Staat seine Bürger hineinreitet, läßt keinen
praktischen Zweifel an der brutalen Lüge zu, die Zwecke der Na-
tion seien gerade da, wo Leichen anfallen, die ureigenste Sache
der Bürger. Die werden mit diesem Zynismus in gewohnter Staats-
treue so fertig, daß sie alle h a s s e n, die sich vom feind-
lichen Staat genauso zum "Kanonenfutter" machen lassen wie sie
von dem ihren.
Die Bewohner unbeteiligter Staaten gehen bei dieser staatsbürger-
lichen Erziehung auch nicht ganz leer aus. Bei ihnen pflegen sich
Flüchtlinge zu melden, die auf ein Überleben im fremden Machtbe-
reich hoffen. Für die zuständige Regierung ist dieser nicht be-
stellte Zuzug ein "Flüchtlingsproblem", jede Entscheidung darüber
nämlich gleichbedeutend mit einer Stellungnahme zu dem fremden
Krieg, die nicht immer leicht fällt. Deswegen bewahrt sie ihre
neuen Untertanen in der Regel erst einmal wie Gefangene in Lagern
auf, um sie nach Kriegsende möglichst wieder heimzuschicken. Die
Regierten sehen sich durch das ausländische Flüchtlingselend in
ihrer Nationalideologie bestätigt, wie gut sie es bei sich zu
Hause getroffen hätten; allerdings ohne in ihrer Zufriedenheit so
weit zu gehen, daß sie den weniger glücklichen Nachbarn dasselbe
gönnen würden. Wo alle Welt das betroffene Volk nach Strich und
Faden unter die Interessen und Machenschaften seiner Herrschaft
subsumiert - die eigene Regierung benutzt ihre Bürger als lebende
Waffen, die feindliche behandelt sie ebenso, und die neutrale
würdigt die Geflohenen gleichfalls als heiße politische Ware -,
da wissen natürlich auch die Daheimgebliebenen Bescheid: Haftbar
sind die Flüchtlinge im Grunde schon selber, als Ausländer, für
die Notlage, in die ihre kriegführende Regierung sie gestürzt
hat; und daß sie sich dieser Haftung durch Flucht entzogen haben,
macht sie doppelt verdächtig - einer egoistischen Berechnung näm-
lich, die, einmal ganz grundsätzlich und überparteilich vom
Standpunkt der staatsbürgerlichen Pflicht aus beurteilt, ziemlich
verboten ist. So gesehen ist schon das pure Dableiben-Dürfen ein
unverdientes Zugeständnis!
V.
Der vorige Weltkrieg hat für einige bleibende Fortentwicklungen
in der Ausländerfrage gesorgt. Manches, was sonst nur Kriegszei-
ten mit sich bringen, ist zum Normalfall im modernen Weltfrieden
geworden.
Die siegreiche amerikanische Staatsmacht hat ihre Truppen in
großer Zahl in den besiegten Ländern und auch bei manchen Verbün-
deten gelassen; und sie hat Partnerstaaten gefunden, die diese
nachdrückliche Gegenwart US-amerikanischer Hoheit nicht als Be-
satzungsmacht und Schranke ihrer Souveränität aufgefaßt haben,
sondern als Geschäftsgrundlage einer neu gewonnenen Autonomie.
Die zwangsweise demokratisierten Völker waren da etwas rückstän-
diger; sie haben GIs und Coca Cola zunächst als Symptom einer
"kulturellen Überfremdung" abgelehnt. Mitgemacht haben sie aller-
dings eine Politik, die die Freie Welt sehr viel gründlicher als
bloß in Modefragen - deswegen mittlerweile auch in dieser Hin-
sicht - "amerikanisiert" hat.
Die Alliierten und die Verlierer des 2. Weltkriegs - mit Ausnahme
der Sowjetunion und ihrer Besatzungsgebiete - haben die fällige
Rundum-Erneuerung ihrer nationalen Klassengesellschaft nicht ein-
fach in eigener Regie und auf eigene Rechnung betrieben. Der Dol-
lar war immer mit dabei, wo es ums Akkumulieren kapitalistischen
Reichtums ging; und damit war die Herstellung aller nötigen ge-
sellschaftlichen Existenzbedingungen nur noch einerseits das sou-
veräne Werk höchster nationaler Gewalten. Die Restauration pro-
duktiver Eigentumsverhältnisse, die Bereitstellung einer Währung
und die Betreuung von Konkurrenz und Lohnarbeit hatte von vorn-
herein die andere Seite an sich, daß damit, Nation für Nation,
f r e i z u g ä n g l i c h e A n l a g e s p h ä r e n f ü r
D o l l a r k a p i t a l geschaffen wurden - also eine Welt-
wirtschaft, die diesen Namen verdient.
Seither bricht sich der Expansionsdrang eines erfolgreichen Kapi-
tals - wie auch der Einfluß der Staatsgewalt, die diesen betreut
- nicht mehr an der Souveränität, der interessante auswärtige
Länder und Märkte unterstehen und die erst durch Kriegsdrohungen
oder Krieg gefügig oder streitig gemacht werden muß. Ein ge-
schäftstüchtiges Unternehmen gleich welche Nationaluniform sein
Stammkapital trägt, tritt von vornherein als W e l t f i r m a
an: Es tritt in eine Konkurrenz ein, die alle nationalen Märkte
und Produktionsbedingungen längst praktisch aufeinander bezogen,
verglichen und sortiert hat. Ein moderner Staat findet nicht bloß
den politischen Willen der Weltwirtschaftsmächte, sondern ein von
diesen betreutes weltweites Kreditsystem samt Weltmarkt und
freiem Kapitalverkehr als seine materielle Existenzbedingung vor,
was ihm jede souveräne Entscheidung darüber erspart, ob und wie
er sich auf den Internationalismus der USA und ihrer engsten
Partner einlassen soll - die letzteren haben ihre Entscheidung
sowieso längst gefällt.
Die Bürger der Freien Welt sind so ganz unabhängig von ihrer Ge-
sinnung zu W e l t b ü r g e r n geworden. Wenn sie heute nach
ihrer Brauchbarkeit für ökonomische Konkurrenzerfolge verglichen
und entlohnt - oder auch nicht - werden, der oberpfälzische mit
dem südafrikanischen BMW-Klempner und der nordindische Tee-
pflücker mit dem schwäbischen Milchbauern, dann sind nicht bloß
gleichgerichtete Bemühungen und Ansprüche der zuständigen
"Arbeitgeber" und Wirtschaftspolitiker zu verzeichnen. Die ge-
schäftstüchtige Musterung des Menschenmaterials ist mehr als nur
ein Grundsatz, den jede Staatsgewalt für ihren Bereich und jedes
Kapital in seiner nationalen Sphäre nach Kräften gültig macht,
also auch modifiziert je nach Erfolg und Möglichkeiten. Sie ist
das Werk von Unternehmen, die die ganze Freie Welt als ihre
Sphäre betrachten dürfen und in ihren Kalkulationen den Nutzen
eines türkischen Betriebs gegen den einer Produktionsstätte in
Hongkong oder Chicago abwägen. Und sie genießt den Rechtsschutz
nationaler Staatsgewalten, die ihren Platz und Stellenwert in ei-
nem wirklichen System der Weltwirtschaft gefunden und zu ihrer
Staatsräson gemacht haben: als Gläubiger oder Schuldner im inter-
nationalen Zahlungsverkehr; als Rohstofflieferant oder Indu-
strienation; als Agrar-, Schwellen- oder HighTech-Land; als An-
bieter von Billiglöhnen oder Rekordproduktivität.
So wird die Menschheit nicht mehr bloß nationenweise zum Material
für kapitalistische Konkurrenz und konkurrierende Souveräne her-
gerichtet, sondern zu einer universalen Klassengesellschaft
durchsortiert, die das alte Ideal einer "internationalen Arbeits-
teilung" auf kapitalistisch in Erfüllung gehen läßt.
VI.
Der mitteleuropäische Lohnarbeiter und Angestellte bekommt heute
nicht mehr erst von seiner "Sozialistischen Internationale" mit-
geteilt, daß er in den verschiedensten Staaten über
"Klassenbrüder" verfügt, der ehrbare Stand des Lohnarbeiters also
ziemlich universell geworden ist. Die "Hausmitteilungen" seiner
eigenen Firma machen ihn mit der Existenz von "Kollegen" in den
entferntesten Ländern bekannt, deren Ausbeutung sich in denselben
Konzernbilanzen widerspiegelt wie seine gute deutsche Wertarbeit.
Nebenher werden dem entwickelten Arbeitnehmer fremde Länder und
Völker zu Besichtigung und touristischem Genuß feilgeboten, seit
in der Frage des jährlichen Erholungsurlaubs nichts mehr dem Zu-
fall überlassen bleibt und Dollar plus D-Mark auf der einen,
staatliche Devisenbedürfnisse auf der anderen Seite die Grenzen
für zahlende Besucher aller Art "durchlässig" gemacht haben.
Umgekehrt bekommt mancher Inländer an seinem heimischen Arbeits-
platz exotische Kollegen zu Gesicht - oder sogar unterstellt-,
die in derselben harten D-Mark entlohnt werden wie er selber. Wo
nämlich das Kapital in der ganzen Freien Welt Freizügigkeit ge-
nießt, die Benutzung keines Freien Volkes mehr den Konkurrenzer-
folgen oder -mißerfolgen einer einheimischen Kapitalistenklasse
und Politikerriege allein überlassen bleibt, da wird auch mit dem
Menschenmaterial freizügiger verfahren. Millionenweise werden
brave Menschen dorthin verfrachtet, wo sie sich als moderne Ar-
beitskräfte nützlicher machen können als in ihrer Heimat. Die
wird nämlich ihrerseits an den Weltstandards für lohnende Ge-
schäftstätigkeit gemessen und erweist sich da mit einem Mal als
hoffnungslos u n t e r e n t w i c k e l t - gerade dann, wenn
die Einheimischen auf ihre naturwüchsige Art bislang noch ganz
gut zurechtgekommen sein sollten. Gerade dort müssen Märkte hin,
also auch konkurrenztüchtige Lieferanten; Geld muß verdient wer-
den - wo es nun allerdings nichts zu verdienen gibt. Die Entwick-
lung des Landes erzeugt Not, und die Not macht mobil, belehrt die
verelendeten Massen freilich noch keineswegs darüber, wo sie denn
vielleicht gebraucht werden.
Hier haben Rekrutierungsbüros - der deutschen Wirtschaft und der
türkischen Regierung im tiefsten Anatolien, aber auch der men-
schenleeren Ölstaaten, in palästinensischen Flüchtlingslagern
oder ostasiatischen Großstädten - für zivilisatorischen Fort-
schritt gesorgt. "Internationale Schlepperorganisationen", je
nach Konjunktur staatlich eingerichtet oder als "Menschenhändler"
kriminalisiert, vermitteln das gesellschaftliche Verhältnis
zwischen bundesdeutschem Kapital - oder auch arabischem
Staatsreichtum - und überflüssig gewordenen Menschenmassen. Sie
stellen durch Menschen-Im- und -Export die menschliche Seite des
Verhältnisses fertig, das mit der universellen Bewegungsfreiheit
des Produktionsverhältnisses namens Kapital in die Welt gekommen
und per Entwicklung samt "Hilfe" und "Fehlschlägen" wirksam
durchgesetzt worden ist. Die um ihre Subsistenz gebrachten Massen
etlicher Länder sind ganz praktisch zur Reservearmee der
Weltwirtschaft gemacht worden; das ist ihr moderner ökonomischer
Begriff, dem sie ohne eigenes Zutun unterworfen und angepaßt
worden sind.
Diese ökonomische Bestimmung gilt im Übrigen ebenso für die sehr
viel zahlreicheren Massen, die nicht einmal als Gastarbeiter eine
Chance haben und deren Pauperismus mit "Arbeitslosigkeit" schon
sehr schönfärberisch umschrieben ist. Sie bevölkern einen inter-
nationalen Arbeitsmarkt, von dem sie sonst gar nichts wissen und
erst recht nie im Leben etwas haben; sie sind die durchs Kapital
definierte globale Ü b e r b e v ö l k e r u n g.
Von dieser politischen Ökonomie ihres Elends haben sie sicher
keine Ahnung; daß ihr Überlebensproblem globaler Natur ist, be-
merken sie schon eher. Es gibt ja die Angebote eines speziali-
sierten Geschäftszweigs, bei der Suche nach einer Heimat behilf-
lich zu sein, die sonst zwar keine Chance, aber die eine Perspek-
tive bietet: nicht zugrunde zu gehen. Das ist noch deutlich weni-
ger als das Abenteurertum früherer Auswanderer, die darauf aus
waren, sich eine Existenz zu schaffen. Es kostet allerdings noch
deutlich mehr, nämlich die Ausschöpfung der allerletzten Hilfs-
quellen und Opferbereitschaft ohne jede Sicherheit, daß sie in
den demokratischen Kulturnationen auch nur bleiben dürfen, in die
sie sich verfrachten lassen. Kenntnisse im internationalen Asyl-
recht wären für dieses Wahnsinnsprogramm eher hinderlich.
In dieser Herrichtung des globalen "Arbeitsmarkts" und seiner
"Reservearmee" bewährt sich auf ganz neue Weise die Sortierung
des Menschenmaterials nach Nationen. Damit ist nämlich vor allem
von vornherein sichergestellt, daß keine ungewollten, sondern nur
die gewollten Völkerwanderungen aus den hoffnungslosen Elendsge-
bieten der Welt in die Regionen stattfinden, wo relativ mehr pro-
duktives Personal angewandt wird, also eher ein Lohn zu verdienen
ist. Die Staatsgrenzen, die nach dem Idealismus aller maßgebli-
chen Weltpolitiker nur noch dazu da sind, "das Trennende zu ver-
lieren", haben heute praktisch vor allem die Funktion, überflüs-
siges Volk aus den "entwickelten Industriestaaten" herauszuhalten
und an entfernten Plätzen unter der Kontrolle einer einheimischen
Gewalt zu halten, die den definitiven Menschenüberschuß als sol-
chen behandelt.
Daher erfreuen sich ein paar andere Staaten eines wohlgeordneten
Arbeitsmarkts, wo das Kapital alles Nötige vorfindet, wo der
Übergang der Arbeitslosen ins Elend als staatlich organisierte
Karriere stattfindet und wo Ausländer nur in begrenzten und wohl-
definierten Kontingenten je nach Konjunkturlage zugelassen sind,
auch schon mal angeliefert, aber auch wieder wegsortiert werden.
Das Menschenrecht auf Freizügigkeit findet als illegale Einwande-
rung - auch in Form eines organisierten Asylrechts-Mißbrauchs -
statt sowie auf einem ansehnlichen Schwarzmarkt für Billigst-Ar-
beitskräfte, die ihren geschäftstüchtigen Anwendern auch noch So-
zialunkosten aller Art ersparen und deswegen nicht unattraktiv
sind. Dagegen wiederum bauen die USA einen elektronisch gesicher-
ten Grenzzaun; die BRD profitiert von ihrer exzentrischen Lage
und den satten Preisen für "Billigflüge" und "Fluchthilfe", kommt
daher mit dem Visumzwang als Abwehrwaffe ganz gut zurecht und muß
sich nur an der Durchlässigkeit der Berliner Schandmauer für die
falschen Ausländer ärgern. Die Hauptmächte der Weltwirtschaft
wünschen nämlich keine "W i r t s c h a f t s f l ü c h t-
l i n g e" - so passend titulieren sie die "Aktivisten" aus der
fremdländischen Reservearmee ihres Kapitals, die etwas von
Chancen für Proleten in Wirtschaftswunderländern mitbekommen
haben wollen.
VII.
Wenn die Bürger dieser Führungsnationen "die Ausländer" höchst
grundsätzlich von sich unterscheiden, dann nicht mehr aus natur-
wüchsiger Borniertheit. Eher schon berufen sie sich auf eine Bor-
niertheit: auf die "der Ausländer", die angeblich von ihrer Un-
kenntnis der deutschen Sprache, ihren Eß- und Kleidungssitten und
ihrem fremdartigen Charakter samt Hautfarbe nicht lassen wollen;
vor allem aber auf d i e e i g e n e. Mit selbstbewußter Stur-
heit machen sie gar nichts anderes als den Umstand geltend, daß
sie sich aus ihrem Geburtsland nie entscheidend hinausbewegt ha-
ben; und es ist geradezu Mode geworden, diese "Bodenständigkeit",
der jede materielle Selbstverständlichkeit, geschweige denn Not-
wendigkeit fehlt, durch Dialekt, Trachten - wenn's auch nur die
Lotsenmütze ist oder schwarz-rot-goldene Bekenntnisabzeichen zu
demonstrieren.
Gerade diese absichtsvollen, gekünstelten Formen der Scheidung
zwischen "uns" und "den anderen" verraten ein Bewußtsein da von,
daß es dabei um A u s g r e n z u n g geht und nicht mehr bloß
um eine falsche Auffassung von Grenzen als guten Gründen für na-
tionale Parteilichkeit. Es wird ein V o r r e c h t der eigenen
Staatsbürgerschaft reklamiert - was immer ein Eingeständnis ein-
schließt. Der bodenständige Mitteleuropäer hat durchaus mitbekom-
men, daß er eine Nummer auf demselben Arbeitsmarkt ist, auf dem
"seine" Firma sich nach Bedarf und Belieben auch an auswärtiger
Arbeitskraft bedient; nur deswegen fällt ihm zu seinen elementa-
ren kapitalistischen Existenznotwendigkeiten die Forderung ein,
A r b e i t s p l ä t z e sollten doch zuerst einmal den Inlän-
dern "zugute" kommen. Daß seine Staatsgewalt eine weltweite
Rechtsaufsicht ausübt, mit gewissen Erpressungsmitteln über
fremdländische Regierungen und, wo es nottut, auch direkt über
deren Untertanen, hält jeder demokratische Bürger für selbstver-
ständlich; deswegen will er aber erst recht nicht Ausländer als
Rechtssubjekte anerkannt und von der eigenen Obrigkeit mit sich,
einem Inländer, auf eine Stufe gestellt wissen. Überhaupt alles,
was einem nach den Regeln von Kapitalismus und Demokratie benütz-
ten Bürger zu schaffen macht, wird im Lichte des Weltwirtschafts-
systems in lauter Gesichtspunkte übersetzt, unter denen es die
eigene Regierung ihren Inländern offensichtlich nicht leichter,
"also" schwerer macht als den Ausländern.
Die Verwendung der Kategorie "Ausländer" ist daher von vornherein
polemisch. Sie enthält einen Protest gegen den Kosmopolitismus
der eigenen Staatsgewalt, der längst in einer imperialistisch
durchorganisierten Welt zur Realität und praktischen Existenzvor-
aussetzung für jedermann geworden ist. Für ihn muß bisweilen so-
gar im eigenen Volk von oben geworben werden, wenn es auf Auslän-
derimporte gerade ankommt; so ist den Gastarbeitern eine Zeitlang
das verlogene Kompliment zuteil geworden, sie seien schließlich
"auch Menschen". Beliebt sind sie dadurch nicht geworden. Heute
trifft "die anderen" wieder umstandslos der denkbar abstrakteste
Vorwurf: Sie sind "z u v i e l e".
Der Unterschied, welcher da als Grund für die - sträflich ver-
nachlässigte - staatliche Bevorzugung der eigenen Person geltend
gemacht wird, ist, jenseits aller gekünstelten Bebilderungen mit
völkischem Traditionsfirlefanz, ein pur moralischer. Dem Auslän-
der, der von den eigenen Machern und Politikern wie ein ange-
stammter Prolet und Untertan behandelt wird, wird schäbige Be-
rechnung unterstellt, allein deswegen, weil es nicht der Zufall
der Geburt ist, der ihn unter die Fuchtel "unserer" nationalen
Instanzen gebracht hat. Die Verkehrung des staatlichen und kapi-
talistischen Z u g r i f f s auf fremdländisches Menschenmate-
rial in eine egoistische K a l k u l a t i o n d e r
B e t r o f f e n e n gelingt Leuten sehr leicht, die an die
elementare staatsbürgerliche Heuchelei gewöhnt sind, für sich
selber jedes berechnende Wesen zu leugnen, i n d e m sie sich
darin versuchen. Im Vergleich mit den Ausländern nehmen sie für
sich die quasi-natürliche Selbstverständlichkeit ihres Inländer-
tums als unschlagbaren Beweis dafür in Anspruch, daß überhaupt
k e i n M o t i v, also schon gar kein berechnender Entschluß,
folglich nur die lauterste Unterwerfung in ihrer Staatsangehörig-
keit auszumachen sei. Reichlich pauschale und nur allzu wahre
Verweise auf selbstlose Dienste und erbrachte Opfer fürs Vater-
land begründen nicht - da ständen viele Gastarbeiter leicht als
die besseren moralischen Helden da! -, sondern bebildern dieses
R e c h t d e r G e b u r t. Das "Argument" für die moralische
Scheidung der Aus- von den Inländern, die die eigene Obrigkeit
mehr zu berücksichtigen hätte in ihrem praktischen Internationa-
lismus, ist der reine, von allem nicht moralischen Beiwerk gesäu-
berte R a s s i s m u s d e r n a t ü r l i c h e n
S t a a t s a n g e h ö r i g k e i t.
Einer imperialistischen Regierung ist dieser Wahn recht. Sie
trifft Maßnahmen, um Ausländer ins Land zu holen oder fernzuhal-
ten, wie sie gerade gebraucht werden; sie schließt sie von man-
chen arbeits- und sozialrechtlichen Regelungen aus oder stellt
sie schlechter und verleiht so ihrem sozialstaatlichen Einsatz
den Charakter eines P r i v i l e g s f ü r E i n g e-
b o r e n e. Sie schenkt ihren angestammten Untertanen nichts -
außer, daß sie deren Rassismus recht gibt, ihn dadurch bestärkt
und das als ihre schönste Sozialleistung hinstellt. Zufrieden
stellt sie ihre Inländer damit zwar nie; die arbeiten sich ja an
einer Weltsicht ab, die jede Härte ihres Daseins in die
mangelhafte Respektierung ihres Inländer-Status übersetzt, und
damit werden sie, der Logik der Sache gemäß, nie fertig. Das
sollen sie aber auch gar nicht. Schließlich ist eine moderne Aus-
länderfeindschaft die bequemste Garantie dafür, daß ein Volk von
seiner Herrschaft nur will, was diese selber will, nämlich immer
noch mehr und machtvolleren Einfluß auf den Lauf der Weltpolitik
und das Schicksal fremder Untertanen.
In die Frage, was dafür zu tun ist, läßt sich eine demokratische
Staatsgewalt von ihren Inländern ohnehin nicht 'reinreden. Sie
definiert fremde Staaten als viel zu egozentrische
V e r b ü n d e t e - oder sogar Führungsmacht -, als
A b h ä n g i g e von unterschiedlicher Widerspenstigkeit, als
S t ö r e n f r i e d e und als mehr oder weniger handhabbare
Feinde. Die entsprechend differenzierten Freund- und Feindbilder
kommen dann schon zustande, passend für jeden Publikumsgeschmack,
frei und einheitlich genug. Deren Neuordnung nach dem 2. Welt-
krieg hat das Ideal der Völkerfreundschaft, das moralische Gegen-
bild zu nationaler Kriegsbereitschaft, in den Verliererstaaten
erst mit der gehörigen Einseitigkeit zu Ehren gebracht, inzwi-
schen aber obsolet gemacht. Bürger einer maßgeblichen Weltwirt-
schaftsmacht - und die weniger wichtiger Staaten genauso wenig -
machen sich kein Gewissen aus ihrer nationalen Anspruchshaltung;
eher schon möchten sie das nationalistische Gewissen ihrer Herr-
schaft sein, die mit anderen Souveränen immer noch berechnend
verfährt - also allemal noch frecher auftreten könnte.
Für eine imperialistische Regierung geht damit ein politischer
Traum in Erfüllung: An solchen Untertanen hat sie einen
t o t a l m a n i p u l i e r b a r e n m i l i t a n t e n
V o l k s k ö r p e r.
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