Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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URABSTIMMUNG UND STREIK

sind in der Metall-Industrie angesagt, seit das 2. Spitzenge- spräch vergangenen Dienstag in Düsseldorf abgebrochen worden ist. Und stellt sich jetzt die Öffentlichkeit darauf ein, daß die Ge- werkschaft durch Arbeitskämpfe dem Kapital eine materielle Rege- lung zugunsten der "Lohnabhängigen" abringen wird, daß diejeni- gen, die durch ihre A r b e i t der Reichtumsvermehrung nicht in ihren, sondern in den Händen ihrer Anwenden dienen, durch Ar- beits v e r w e i g e r u n g eine Lohn- und Arbeitszeit-Korrek- tur zu ihren Gunsten erzwingen wollen? Mitnichten! Die WAZ, kommentiert: "Die Erkenntnis, daß diese (Arbeitszeitverkürzung mit zumindest gleichbleibendem Lohn) ein unerreichbares Ziel ist, das auch mit Streik nicht durchzusetzen ist, dürfte sich herumgesprochen haben". Daß man mit Streik seine Forderung nicht durchsetzen k a n n, diese Lüge entspringt der arroganten Logik des Schreiberlings, der die Forderung einfach nicht mag. Dabei kann er sich - leider - auf eine Gewerkschaft verlassen, die diese Forderung nicht durchsetzen will, die das Ziel "35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich" gar nicht errei- chen w i l l. Der Kompromißlosigkeit des Kapitals in puncto (viel) Arbeitszeit und (wenig) Lohn, hat die Gewerkschaft nämlich nichts als "Kompromißbereitschaft" entgegengesetzt. Nach dem ersten Spitzen- gespräch hatte sich die IG Metall selber bezichtigt, das Arbeits- zeit-"Angebot" der Gegenseite: Flexibilisierung der Arbeitszeit nach Unternehmergeschmack - also mehr Abend-, mehr Nacht- und mehr Wochenendarbeit mit "kostenneutralem" Freizeitausgleich "nicht genügend ausgelotet zu haben", weil sie doch selber längst verkündet hatte, daß mehr Abend-, Nacht- und Wochenendarbeit durchaus "drin" sind: "Selbstverständlich ist die IG Metall be- reit zur Diskussion eines jeden Flexibilisierungskonzeptes inner- halb der 40-Stunden-Ebene". Noch für das zweite Spitzengespräch hatte sie weiteres Entgegenkommen angeboten: einen "langfristigen Stufenplan" zur Einführung der 35-Stunde-Woche (nach dem schönen Motto: Die Arbeitgeber wollen keine Minute (!) unter 40 Stunden) und längere (von 4 Jahren war die Rede!) Laufzeiten für die Ta- riflohnverträge. So stellte sie klar, daß sie alles andere als einen "Kompromiß" will, sondern kompromißlos alles drangeben will, was das Lohn- und Arbeitszeit-Interesse ihrer Mitglieder anbelangt. Da übersetzt sie lieber Arbeiter-Interesse in Egois- mus, um Interessenvertretung (ganz anders als ihr Gegner) als mo- ralisch anrüchig - angesichts der Überragenden "Sorgen" des Großen Ganzen - abzulehnen: "Was wir jetzt wollen, ist natürlich eine Forderung", die nicht an den Egoismus derjenigen appelliert, die sich durchzusetzen haben" (Stellvertretender DGB-Vorsitzender Muhr). Warum sich da die Kapitalvertreter nach quergestellt haben? Ganz einfach: sie wollen einen neuen Manteltarif, der eine einzige "Öffnungsklausel" darstellt: freie Hand dafür, jede "betriebs- spezifische" Arbeitszeitregelung nach eigenem Gusto ein- und durchsetzen zu können. Je anspruchsloser in einer Tarifrunde die eine Seite, um so anspruchsvoller und unnachgiebiger die andere Seite! Was die IG Metall an der "Flexibilisieirung der Ar- beitszeit" stört, ist dabei nicht deren (arbeiterschädlicher) In- halt, sondern die "Anmaßung" des Kapitals, sie ohne Anhörung und verantwortungsvolle Mitwirkung der Gewerkschaft durchziehen zu wollen: "Die Arbeitgeber wollen allein bestimmen, was in dieser Republik geschieht" (Steinkühler). Daß die Gewerkschaft mitbe- stimmen will, was alles zum Besten dieser Republik ist, was auch immer das ihre Basis koste: d a f ü r mobilisiert sie diese jetzt in Urabstimmung und Streik. Konsequenterweise sind ihr diese Mittel, etwas durchzusetzen, sehr suspekt! Monate hat sie ihren Standpunkt breitgetreten, es gelte Schaden von der deutschen Wirtschaft und dem deutschen Staat abzuwenden, wochenlang hat sie genau deswegen vor einem Streik gewarnt und beteuert, daß sie ihn zuallerletzt will, jetzt winselt sie in die Fernsehkameras: "Gesamtmetall hat es nicht an- ders gewollt... Gesamtmetall ist entschlossen, Produktionsverlu- ste durch den Arbeitskampf zu provozieren" - wo man selber doch zu nichts entschlossen ist, am allerwenigsten zu natürlich auf- schwungschädlichen Produktionsverlusten. So sehr teilt die IGM die Maßstäbe ihrer Gegner! So stehen die Verlierer und die Gewinner schon vor dem Arbeits- kampf eindeutig fest. Erstere bekommen mehr Arbeit und weniger Lohn, letztere ziehen daraus eine bessere Rendite. Darüber ist sich die Öffentlichkeit - bei aller geheuchelten Sorge um den Aufschwung sehr sicher: 1984 wird das Wirtschaftswachstum 3% be- tragen. P.S. Die linken Durchblicker von der taz haben - ideologisch auf der Höhe der Zeit - auch ihren Dreh gefunden, dafür, daß eines ganz und gar nicht gehen kann und sehr dumm ist: den Betroffenen in dieser Republik etwas Gutes tun zu wollen: "Wenn Janßen die Wahrheit gesagt hätte, hätte er darauf hingewiesen, daß die IG Metall sich in ein mehr als gewagtes Experiment gestürzt hat. Es wäre das erste Mal, daß ein so hoch gestecktes Ziel ausgerechnet in einer Situation erreicht würde, in der die Gewerkschaften po- litisch in der Defensive stehen und außerdem noch mit einer wirt- schaftlichen Krise und ihren deprimierenden Folgen für die Arbei- ter zu kämpfen haben. So vernünftig die Verkürzung der Wochenar- beitszeit sein mag, als politischer Kraftakt ist sie zur Zeit eine selbstmörderische Dummheit." So kann man den uralten falschen Gedanken von den (fehlenden) Bedingungen für kritische Politik radikal anti-kritisch zu Ende denken: "objektiv" können die Arbeiter nichts herausholen. Alles andere ist "dumm": das habt ihr vom Kohl gelernt! zurück