Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Wo Intellektuelle lieber bloß 'Bahnhof' verstehen:
Die Tarifrunde '87 - Wochenarbeitszeitverkürzung, Tarifrunden-
pause, Flexibilisierung - wieder ein paar unbedeutende
FORTSCHRITTE DER BUNDESDEUTSCHEN KLASSENGESELLSCHAFT
Für ihren diesjährigen Tarifabschluß hat die IG Metall sich vol-
ler Begeisterung bei Gott und der Welt bedankt. Ihr Chef, Franz
Steinkühler, faselt in seiner Funktionärszeitschrift gar, wie der
PR-Mann von der Dresdner Bank, von einem "Band der Solidarität",
das seine Jungs "von den Gewerkschaften in die ganze Gesellschaft
hineinzuziehen" begonnen hätten.
Was davon gemerkt? Trotzdem sollten vielleicht sogar Studenten,
die im Tarifbereich der IG Metall nie oder allenfalls als Außer-
tarifliche - oder als Funktionäre? - tätig zu werden gedenken,
ein Stückchen ihrer kostbaren Nachdenklichkeit auf die zwei Er-
rungenschaften der Tarifrunde '87 verschwenden.
3 Jahre Pause
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vom jährlichen Tarifzirkus haben sich die beiden Gewerkschaften
gegönnt, die im DGB als die Radikalen gelten: IG Metall und IG
Druck. Die 2% mehr Tariflohn für '88/'89, die 2,5% für '89/'90
sind diesmal gleich mit ausgehandelt worden. Damit sind diese Ge-
werkschaften von den bislang wenigstens der Form nach festgehal-
tenen Standpunkt abgerückt, es gebe Jahr für Jahr im Verhältnis
zwischen Lohn und Leistung einiges wieder zurechtzurücken zugun-
sten der "Arbeitnehmer". Die sachlichen Gründe für eine solche
Korrektur sind in den konjunkturtheoretischen Begründungen der
gewerkschaftlichen Tarifpolitiker zwar schon längst nicht mehr
vorgekommen: Steigende Lebensunterhaltskosten nur in der verfrem-
deten Form der "Inflationsrate"; betriebliche Leistungssteigerun-
gen nur als Erinnerung an eine durchschnittliche Steigerungsrate
der Produktivität; Abgruppierungen innerhalb der Hierarchie der
Tariflöhne nur als Beschwerde; die zusammengerechnete Lohnerhö-
hungszahl nur als Ausgangsdatum, von dem man sich im Lauf der Ta-
rifrunde natürlich entfernt. Bemerkenswert ist dennoch, daß die
traditionellen "Vorreiter" einer jährlichen "Tarifbewegung" auf
drei Jahre hin Tarife vereinbart haben, die nur der anderen Seite
eine feste Kalkulation mit einem dauerhaft preiswerten Kostenfak-
tor erlauben. Die Sicherheit, die die "Lohnempfänger" davon ha-
ben, besteht darin, auf absehbare Zeit den Freiheiten der markt-
wirtschaftlichen Preisgestaltung und der betrieblichen Behandlung
ausgeliefert zu sein - ein ähnlich großartiges Geschäft, als
würde man mit dem Lebensmittelladen auf Jahre hinaus die Zahlung
einer festen monatlichen Summe vereinbaren und es dem Kaufmann
überlassen, was man dafür bekommt.
Immerhin, eine Gegenleistung der Unternehmer ist doch auch ver-
einbart worden:
90 Minuten weniger Wochenarbeitszeit,
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und damit eine tarifliche Unter-40-Stunden-Woche für alle hat die
Gewerkschaft errungen. Errungen allerdings gegen Tarifexperten
der Kapitalseite, die gar nicht - was ja die logische Gegenposi-
tion gewesen wäre - darauf bestanden haben, daß länger gearbeitet
gehört; das geschieht sowieso nach wie vor nach Bedarf der Firma
in Form von Überstunden und Sonderschichten. Die Unternehmerfor-
derung zur Arbeitszeit hat auf Flexibilität gelautet. Da haben
sie auch etwas festgeschrieben: Die Wochenarbeitszeit von 37,5
Stunden (ab April 1988) bzw. 37 Stunden (ab April 1989) soll sich
als Durchschnitt a) aus der Gesamtbelegschaft, b) über 6 Monate
errechnen. Mit Hilfe dieser Gummivorschrift, die durch Betriebs-
vereinbarungen ausgefüllt werden soll, aber genauso gut ohne ta-
rifvertraglichen Segen erproben die Unternehmen denen es darauf
ankommt, alle möglichen Arbeitszeit-"Modelle": 4x9-Stunden-
Schichten, 6-Stunden-Schicht rund um die Uhr, 20- bis 24-stündige
Wochenendschichten, 6-Tage-Woche mit Freizeitausgleich durch
freie Tage usw. Der ganze trostlose Erfindungsreichtum der Fir-
menmanager richtet sich auf die beiden Ziele, ihre schönen Kapi-
talanlagen erstens nie stillstehen lassen zu müssen, bloß weil
die Bedienungsmannschaft gerade Pause oder Wochenende macht:
zweitens soll der Produktionsprozeß ohne Verzug und ohne daß wo-
möglich eine gekaufte Kraft unbeschäftigt herumsteht, der aktuel-
len Auftragslage anzupassen sein.
Das beschleunigt den Umschlag des investierten Kapitals - und be-
reichert das Dasein der geehrten Damen und Herren "Mitarbeiter".
Erstens um einige U n r e g e l m ä ß i g k e i t e n, die die
Disziplin der Pünktlichkeit keineswegs erleichtern, weil sie
keine Freiheiten schaffen. Zweitens um die hochzivilisierte Er-
rungenschaft einer immer allgemeiner angewandten S c h i c h t-
a r b e i t zu wechselnden Tages- und Nachtzeiten, was der
Gesundheit besonders gut bekommt. Drittens um einen weiter
v e r d i c h t e t e n A r b e i t s f l u ß; denn wo es sich
mit neuen Schichtmodellen machen läßt, wird die vereinbarte
Arbeitszeitverkürzung vor allem aus den Pausen herausgeholt, die
den bislang gültigen 8-Stunden-Tag aufzulockern pflegten und bis
zu einem gewissen Maß sogar bezahlt wurden. Schließlich viertens
um ein neues Prinzip der hierarchischen S t a f f e l u n g
d e r L ö h n e. Neben die Einteilung nach Lohngruppen, Akkord-
richtsatz usw. tritt jetzt nämlich in zunehmendem Umfang die Ab-
stufung des monatlichen Gesamtlohns gemäß der jeweils festgeleg-
ten Normalstundenzahl nach unten. So schließt die Flexibilität
der Tarifarbeitszeit, die ja nur im Durchschnitt 37,5 bzw. 37
Stunden betragen muß, die unternehmerische Freiheit ein, Beleg-
schaftsteile dauerhaft kürzer arbeiten zu lassen und entsprechend
geringer zu entlohnen - Pfennig- und Mark-Beträge, die sich sum-
mieren und auf die es offenbar ankommt. Immer ausgiebiger machen
die Unternehmer außerdem Gebrauch von ihrer Freiheit - die IG
Chemie hat genau darüber dieses Jahr eigens eine tarifvertragli-
che Regelung abgeschlossen -, Leute außer der Reihe, an Wochenen-
den insbesondere, mit halber oder sonstwie geteilter Stundenzahl
einzustellen. Da kann sogar der Stundenlohn höher ausfallen als
der normale; die monatlich verdiente Summe bleibt trotzdem leicht
so weit hinter dem tariflichen Normallohn zurück, daß eine durch-
schnittliche "Arbeitnehmer"-Existenz damit gar nicht mehr zu fi-
nanzieren ist. Das sind dann die schönen neuen Arbeitsplätze, die
durch "Arbeitszeitverkürzung" zustandekomnnen.
Die IG Metall rühmt sich, folgende Unternehmerfrechheit erfolg-
reich abgeschmettert zu haben:
"Statt ein Angebot zu unterbreiten, stellte Gesamtmetall doch
zunächst extremistische Forderungen auf: Samstag als Regelar-
beitstag, tägliche Höchstarbeitszeit von zehn Stunden (ohne Über-
stundenausgleich in Zeit und Geld), wöchentliche Arbeitszeit bis
zu 50, in besonderen Fällen sogar 60 Stunden."
Jetzt h a b e n die Unternehmer die gewerkschaftliche Unter-
schrift unter: Samstag als Arbeitstag, sofern der Betriebsrat zu-
stimmt - was von bundesdeutschen Betriebsräten immer zu haben
ist; eine Höchstarbeitszeit von 9 Stunden pro Tag; und jede be-
liebige Arbeitszeit pro Woche, ohne Überstundenausgleich, durch
zusätzliche Kräfte mit speziell festgelegten persönlichen Ar-
beitszeiten. Denn an Arbeitskräften, die auf jede Stundenzahl und
Flexibilitätsregelung eingehen und mit unterdurchschnittlichen
Arbeitszeiten die Hierarchie der Löhne nach unten verlängern,
fehlt es nicht in unserer mit Arbeitslosigkeit gesegneten Über-
flußgesellschaft.
Natürlich melden sich nach diesem Tarifabschluß die Experten aus
der "Spiegel"-Redaktion und sonstigen Institutionen der demokra-
tischen.Sprachregelung mit frohen Botschaften. In diesem Fall mit
der FDP-würdigen Parole, die vereinbart Flexibilisierung wäre er-
stens ein Sachzwang und zweitens eine einzige Sammlung von
"Freiheitschancen für Arbeitnehmer"
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und käme deren "Individualität" unendlich weit entgegen. Als
Kronzeugen geistern ein paar hochzufriedene Wochenendarbeiter
durch die Zeitungsspalten und Fernsehberichte - was nun wirklich
leicht zu haben ist. Brave Bürger, die an gar nichts anderes ge-
wöhnt sind als an die Kunst, aus jeder Scheiße "das Beste" zu ma-
chen, entdecken natürlich auch an die Flexibilität, die sie nicht
beantragt haben und auch nie beantragt hätten, lauter interes-
sante Vorteile - n a c h d e m e s s i e e i n m a l g i b t.
Die wirkliche Freiheit, sich die Arbeit einzuteilen, so daß es zu
einer Begeisterung über einen Schwimnnbadbesuch unter der Woche
gar nicht erst kommt, bleibt nach wie vor Sache derer, die am an-
deren Ende der beruflichen Hierarchie zu Hause sind.
Auffällig ist immerhin, wieviel ideologischer Nachdruck hinter
die Lüge von der enormen Arbeitnehmerfreundlichkeit flexibler Be-
schäftigungverhältnisse gesetzt wird. Wer nicht entschlossen ist,
auf alles hereinzufallen, was als öffentlicher Schwindel zirku-
liert, kann der Ideologie durchaus anmerken, w i e v i e l
V e r a r m u n g sie schönfärben soll.
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