Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 99, 10.7.1984
       

STREIKFOLGENABWICKLUNG

Zu den Selbstverständlichkeiten des sozialen Friedens und der Produktionsschlacht in der BRD zählt, daß ein S t r e i k, wenn er schon für die Arbeiter nichts bringt, auf keinen Fall "unserer" Wirtschaft schaden darf. So wird sofort der "Produktionsausfall" wieder reingearbeitet. Dabei gehen die Kapi- talisten mit dem Elan von Leuten ans Werk, der ihr Geschwätz von gestern Lügen straft, ohne daß dies irgendjemandem auffallen will. Am Donnerstag unterzeichnen die Tarifparteien den Leber- "Kompromiß", und schon "mit Beginn der M o n t a g s-Frühschicht wird in den sechs inländischen Volkswagenwerken wieder voll pro- duziert." Man erinnert sich, daß VW knapp eine Woche nach Streik- beginn in Baden-Württemberg die Produktion einstellen "mußte", weil "wichtige Teile aus Zulieferfirmen" ausgegangen sein sollen. Und nun, oh wunderbare Teilchenbeschleunigung, laufen alle Räder wieder, noch ehe im Streikgebiet die Urabstimmung gelaufen ist. Deren Ergebnis wird ohnehin als gesichert unterstellt, wobei die Gewerkschaft die "knappe Mehrheit" für ihr Ergebnis als "Bestätigung" dafür verbucht, daß die Basis immer noch zur Aus- gangsforderung steht, wie der Hund auf die berühmte Wurst, die man ihm vor die Nase hängt. Der Streik hat den Streikenden und Ausgesperrten zwar noch weniger als N u l l gebracht, aber im- merhin soviel an Lohnausfall g e k o s t e t, daß VW mit aller Aussicht auf Erfolg jetzt "erwägt, auf freiwilliger Basis auch in den Betriebsferien vom 23. Juli bis zum 10. August die Bänder in Gang zu halten, um den Produktionsausfall wieder aufzuholen." Ähnliche Pläne werden aus allen Autowerken gemeldet; und auch in mittleren und Kleinbetrieben beginnt der "Einstieg in die 35- Stunden-Woche" mit jeder Menge Überstunden und Sonderschichten. Der deutsche (Metall-)Arbeiter darf wieder arbeiten. Und weil er seiner Gewerkschaft zu einem "Jahrhundertdurchbruch" verholfen hat, mehr und billiger als zuvor. *** Die Garanten des sozialen Frieden reden Klartext ------------------------------------------------ Metall-Arbeitgeber Thiele: "Wir haben für einen großen Teil der Arbeitnehmer die 40 Stunden- Woche gesichert." "Durch diese Arbeitszeitregelung ist die volle Kapazitätsausla- stung in den Betrieben gesichert." "Dieser Abschluß ist der erste Schritt zur flexiblen Arbeits- zeit." "Das einzige, was uns bei diesem Abschluß stört, ist daß wir keine längere Laufzeit erreichen konnten." "Die tarifvertragliche Festlegung der Samstagsarbeit konnten wir leider noch nicht erreichen." IG-Metall-Mayr: "Wir werden viel Überzeugungsarbeit bei unseren Mitgliedern lei- sten müssen und viel Schulungsarbeit bei unseren Betriebsräten, damit sie die Betriebsvereinbarungen über die neue Arbeitszeit richtig treffen können." "Dieser Einstieg in die 35-Stunden-Woche ist bahnbrechend für Eu- ropa." "Wir können uns auf unsere Betriebsräte verlassen, daß sie Be- triebsvereinbarungen treffen, die zum Nutzen aller Arbeitnehmer sind." Blüm: "Das wichtigste an dem Abschluß ist, daß jeder Betrieb bestimmen kann, welche Arbeitnehmergruppe welche Arbeitszeit haben wird; damit ist endlich die Möglichkeit gegeben, im Punkte Arbeitszeit Maßanzüge für die Betriebe zu schneidern. Das ist ein neues Kapi- tel im Punkte Arbeitszeit, die Zeit der Dampfwalzen-Regelungen und des In-Kolonnen-Marschierens ist zu Ende. Die Volkswirtschaft kann sich nicht jedes Jahr einen Streik leisten." "Der Staat muß seinerseits ein beweglicheres Arbeitsrecht schaf- fen, das zur dynamischen Wirtschaftswelt paßt - sonst sind die Arbeitslosen die Leidtragenden". "Die Vorruhestandsregelung war schon ein erster Schritt in diese Richtung." Leber: "Der Arbeitskampf hat für alle viele Belastungen gebracht, er hätte eigentlich schon viel früher zu Ende sein müssen, aber die Situation war noch nicht da. Arbeitskampf ist aber zulässig, seine Kosten sind Verschleißkosten der freiheitlichen Demokra- tie." Moderator: "Die Tarif-Kontrahenten sind schon wieder ganz fröhlich und schütteln sich die Hände - ist alle Feindschaft schon vergessen?" Mayr: "Mit Wut im Bauch kann man keinen Arbeitskampf führen!" zurück