Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Lohnrunde '86
       

DIESMAL STEHT "PARAGR. 116" VOR DEM KOMMA!

Der Beitrag der betroffenen Arbeiter: ------------------------------------- Abwarten, Meckern und "die da oben" machen lassen ------------------------------------------------- Die erste finanzielle Enttäuschung des Jahres ist gelaufen. Die S t e u e r s e n k u n g, mit Riesen-Tam-tam angekündigt und von ihren Erfindern in den Himmel hochgelobt, hat beim Januar- lohn/-Gehalt erstmals zugeschlagen. Und was hat sie gebracht? 20 Mark mehr? Oder auch mal 50 Mark? Ein ganzer Hunderter soll ir- gendwo gesichtet worden sein? Sie hat eben bloß auf dem Lohnzet- tel stattgefunden, die Lohnsteuersenkung. Dort ist sie gleich ge- gen die Anhebung anderer Beiträge, zur Krankenkasse diesmal vor allem, verrechnet worden. Den schäbigen Rest darf man sinnlos verprassen. Die nächste finanzielle Enttäuschung wird nicht lange auf sich warten lassen. Schließlich findet mit einigem Tam-tam wieder mal die jährliche T a r i f r u n d e statt. Ab März, April wird neu abgerechnet. Und was wird sie bringen? Die ÖTV "will" 6% und "kämpft" um die 3 vor dem Komma. Die IG Metall "fordert" 7%, und möchte sich eine 4 vor dem Komma ausrechnen dürfen. Die Bauge- werkschaft hat die Zahl 5,8% genannt und peilt wahrscheinlich eine 8 hinter dem Komma an. Was wird das ausmachen, nach Abzug der Abzüge? 34,50 DM vielleicht? Wer auf die Lohnvereinbarung wartet wie auf ein verspätetes Christkind, der muß dann eben zu- sehen, was ihm auf seinem Lohnzettel mal wieder neu zusammen- und auseinandergerechnet wird. Genau das hat er dann davon: von sei- ner Arbeit und von der Tarifrunde. Denn wenn schon die betroffe- nen Arbeiter sich nicht darum kümmern, was ihre Arbeit i h n e n bringt - wieso sollte das dann ihre Gewerkschaft tun? Oder womög- lich die andere Seite: die "Arbeitgeber" und der geldhungrige Fiskus?! "Die da oben" haben andere Sorgen - solange "die Basis" ihnen keine Sorgen macht. Tarifpartner und Wirtschaftspolitiker unter sich: ------------------------------------------------- Der Lohn ein unerschöpfliches Thema ----------------------------------- Ein, zwei Monate im Jahr unterhalten sich "Arbeitgeber" und Ge- werkschaften heftig über den Lohn mit dem die "Arbeitnehmer" zwölf Monate im Jahr auskommen müssen. Dabei fallen immer wieder interessante Klarstellungen ab. Zum Beispiel: Die IG Metall "fordert" 7% mehr. Ein "neutrales" Wirtschaftsforschungsinstitut empfiehlt eine Lohnangleichung um die 3% damit die Konsumgüterindustrie nicht weiter schrumpft. Wie reagiert die Gewerkschaft? Erlaubt sie sich den Hinweis, das wä- ren immer noch 4% zu wenig für den Bedarf der Leute? Nein, sie freut sich: Da hat doch tatsächlich ein "neutraler" Blödmann auch mehr Lohn verlangt! Darum geht's also den gewerkschaftlichen Lohnexperten: um gute Noten bei einem Wirtschaftsforschungs- institut! Oder: Die Unternehmer fordern "differenzierte" Lohnabschlüsse, mit Rücksicht auf die jeweilige "Ertragslage". Die ist zwar über- all schlecht angeblich -, manchmal aber eben noch schlechter. Also muß der Lohn zwar überall niedrig sein, manchmal aber noch niedriger. Und die IG Metall? Hat die vielleicht den Hinweis auf Lager: Der Lebensunterhalt ist überall teuer und manchmal noch teurer? Nein: Sie verspricht "Flexibilität" und "betriebsnahe" Tarifabschlüsse. Auch ihr geht nichts über die "wirt- schaftspolitische Vernunft" des Gewinnemachens! Ein anderes Beispiel: Während Unternehmer und Gewerkschaften pflichtgemäß ihre Verhandlungsrunden durchziehen, diskutieren die Wirtschafftspolitiker der Nation ihre Ansprüche an das Ergebnis. Die einen stellen klar, warum und unter welchem Gesichtspunkt eine Erhöhung der Brutto-Lohnsumme in Frage kommen könnte: Der Fiskus, mitsamt all seinen Sozialkassen, berechnet den allergröß- ten Teil s e i n e r Einnahmen als Anteil an dieser Summe. Der Anteil ist bisher - bis zur diesjährigen "Steuersenkung" - dau- ernd gewachsen; jetzt soll auch wieder die Gesamtsumme wachsen. "Mehr Lohn" heißt also vom Standpunkt politischer Verantwortung aus betrachtet gar nicht: mehr Geld zum Leben für die "Lohnempfänger", sondern: leichteres Herumwirtschaften mit den Staatsfinanzen! Die Grenze dafür ziehen die anderen Verantwortli- chen: B i l l i g l o h n l a n d muß die BRD trotzdem schon bleiben, sonst leidet am Ende "der Aufschwung". Damit ist den Ta- riftunterhändlern ihre Rechenaufgabe gestellt: Der Lohn muß sich lohnen - für die Interessen "des Aufschwungs" und einen "gesunden" Staatshaushalt. Darum geht es den wirtschaftspoliti- schen Machthabern bei der Betreuung des Lohns. Und nochmals die Gewerkschaft: Kaum haben deren Tarifexperten sich zu einer Prozentzahl in Sachen Lohn verstiegen, schon bege- ben sie sich auf die Suche nach höheren Gesichtspunkten. Einfach m e h r G e l d - das ist ihnen zu wenig. M e h r G e r e c h t i g k e i t - das leuchtet ihnen schon eher ein. Das ist nämlich vor allem b i l l i g e r zu haben. So hat die ÖTV, "Vorreiter" der diesjährigen Tarifrunde, ihren Hauptskandal entdeckt: Den Krankenpflegeschülern sind die Vergütungen zusam- mengestrichen worden. "Das muß weg!" fordert die kämpferische Monika und kann als Ge- heimwaffe einen Brief von der neuen Bonner Gesundheitsverwalterin Rita vorzeigen, die die Schlechterstellung der Lernschwestern auch nicht einsieht. So kann man prächtig um ein Denkmal "sozialer Gerechtigkeit" streiten, ohne öffentlichen "Arbeitgebern" groß in die Tasche zu greifen. Die IG Metall führt denselben Zirkus mit ihren "unteren Lohngruppen" auf: Da kostet "mehr Lohn" am wenigsten und macht moralisch am meisten her. So dienen Lohn"erhöhungen" einem edlen Zweck - und nicht einem ver- werflichen Materialismus der Leute, die für den Lohn ja bloß ein bißchen zu arbeiten haben... Kein Streit ums Geld - ---------------------- aber bei den Paragraphen hört die Freundschaft auf. --------------------------------------------------- Viel interessanter und wichtiger als Lohnprozente ist für den ge- samten DGB diesmal aber sowieso ein Problem der Gerechtigkeit, das mit dem Lebensunterhalt der vertretenen Arbeiter, von vorn- herein gar nichts zu tun hat: der 116 des "Arbeits- förderungsgesetzes". Bei dem Geld, das als Lohn weggeht, ist die Freundschaft zwischen "Arbeitgebern" und "Arbeitnehmervertretern" unverbrüchlich. Das Geld, bei dem die Freundschaft aufhört, ist das arbeitsamtliche Unterstützungsgeld für arbeitskampfge- schädigte Gewerkschaftsmitglieder. Deswegen läuft die Lohnrunde diesmal nur so nebenher mit im gewerkschaftlichen Frühjahrs- programm. Hauptschlager sind Flugblattserien und Anzeigenkampagnen, "Gipfeltreffen" mit der Regierung und Redeschlachten zu dem Thema: "Die Regierung will uns Gewerkschaften das Streiken schwermachen, wo wir braven Gewerkschaften doch überhaupt so gut wie gar nicht streiken wollen!" Ob das Publikum eigentlich schon mal nachgezählt hat, um wieviele Ecken man herumdenken muß, um sich die Beschwerde des DGB zueigen zu machen, mit dem neuen 116 würde das Streiken unmöglich ge- macht? Erste Ecke: Streiken geht überhaupt nur als harmloses Punktstreiken. Zweite Ecke: Wenn die Unternehmer gar nicht punktmäßig, sondern republikweit aussperren, kann eine Gewerkschaft gar nichts dagegen tun, sie mag noch so stark an Mitgliedern und Finanzen sein. Dritte Ecke: Damit die Gewerkschaft trotzdem bei ihren Punktstreiks bleiben kann, muß jemand die Aussperrungsopfer versorgen. Vierte Ecke: Wenn das nicht die Arbeitslosenversicherung macht, dann kann die Gewerkschaft den Arbeitern überhaupt keinen Streik mehr zumuten. Fünfte Ecke: Diese Einschränkung ist von empörender Ungerechtig- keit, weil die DGB-Gewerkschaften sowieso nur streiken, um höhere gesellschaftspolitische Ziele und Ideale zu vertreten, und deswe- gen nur ganz selten und vorsichtig. Womit wir wieder bei Punkt eins wären! Vier Lügen und ein entlarvendes Eingeständnis: Damit machen die DGB-Gewerkschaften diesmal zur Tarifrundenzeit ihr öffentliches Schneegestöber. Theater um einen Paragraphen. Genau das und sonst nichts werden die Damen und Herren Lohnarbeiter am Ende also ge- rechterweise auf ihrem Lohnzettel vorfinden. zurück