Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Gescheiterte Verhandlungen bei Druck -
Besondere Schlichtung bei Metall -
DER ANFANG VOM ERBÄRMLICHEN ENDE
Der Arbeitskampf in der Metall- und Druckindustrie ist noch nicht
zuende; und doch stehen seine Ergebnisse schon allesamt fest: Et-
liche Verschlechterungen für die Arbeiter, eine politische Nie-
derlage für die Gewerkschaften, eine Neuerung des "sozialen Frie-
dens". Offen ist nur noch, wie die Kapitulation der Gewerkschaf-
ten zur Blamage ausgestaltet wird.
Was wird aus der "35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich"?
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Überhaupt nichts - oder genauer: Es wird auf alle Fälle tarifver-
traglich eingeführt, was mit der sonnigen 35 von Anfang an ge-
meint und angepeilt war. Nämlich:
- Die Arbeitszeit wird noch flexibler als bisher. Die Firma kann
ihre Leute nach Hause schicken, wann immer sie die Arbeit nicht
auf Hochtouren laufen lassen kann, ohne Kurzarbeit anzumelden.
Sie kann sie länger dabehalten, wenn "die Auftragslage", sprich:
eine besondere Geschäftschance es erfordert, ohne Überstundenzu-
schlage zu zahlen.
- Die Schichtregelungen werden noch bunter als bisher. Ohne Rück-
sicht auf so "altertümliche" Einrichtungen wie den 8-Stunden-Tag
und die 5-Tage-Woche kann die Firma ihre kostbaren Anlagen Tag
und Woche durchlaufen lassen und ihre Leute nach den unmöglich-
sten Schichtplänen dazu einteilen.
- Die Arbeitszeitverkürzung wird zu einem reinen Rechenexempel,
das weniger als gar nichts bringt. Ein paar Freischichten, be-
stenfalls, die die "Jahresarbeitszeit" senken, werden so umge-
rechnet, daß es wie eine Kürzung der "Durchschnitts-Wochenar-
beitszeit" aussieht. Die wird selber keine Minute kürzer; eher
schon im Gegenteil: Weil sie aufs Jahr bezogen als kürzer
g i l t, als sie i s t, geraten bisherige "großzügige" Pausen-
regelungen in Gefahr, weil die jetzt auch als "Arbeitszeit-
verkürzung" in Anschlag gebracht werden können. Der Verschleiß
der werten Arbeiterpersönlichkeit findet schon gleich nicht "im
Durchschnitt" statt und wird durch ein paar Feierschichten im
Jahr, von der Firma nach Geschäftslage angeordnet wie Kurzarbeit,
schon gar nicht wieder gutgemacht. Gerechnet wird's aber wie ein
Vorteil.
- Diesen eingebildeten Vorteil haben die Beglückten mit Lohnsen-
kung zu bezahlen. Als könnten sie sich für weniger Jahresarbeits-
stunden was kaufen, werden diese als Lohnerhöhung verbucht und
von den Prozenten abgezogen, die schon seit Jahren noch nicht
einmal mehr die Teuerung ausgleichen. Und das wird gleich auch
noch auf Jahre hinaus festgelegt. Weshalb wir uns über dieses er-
bärmliche Ergebnis des Arbeitskampfs um "35 Wochenstunden mit
vollem Lohnausgleich" so sicher sind? Die "Lösungsvorschläge" der
Gewerkschaften sehen das alles vor. Schaut man sich die verschie-
denen "Modelle" und "Vorschlagspakete", die die streitenden Par-
teien einander und ihren Vermittlern um die Ohren hauen, einmal
unvoreingenommen an, dann kann ein normaler Mensch wirklich nicht
mehr unterscheiden, welcher Vorschlag von welcher Seite stammt.
Die einen "fordern" 3,3% mehr Inflationsmark ab Juli und jede 4.
Woche eine halbe Freischicht ab Januar 1985 und Ende 1986 dann
mal weitersehen; die anderen "bieten" 3% mehr ab Februar und eine
Freischicht pro Monat, aber nur für Schichtarbeiter, und dann
kein Theater mehr bis zum Ende des Jahrtausends. Und der Verhand-
lungsführer der IG Metall, Eisenmann, beteuert ein ums andere
Mal:
"Kein Unternehmer wird ab sofort mehr in der Lage sein, die von
uns geforderte Wochenarbeitszeitverkürzung aus Kostengründen ab-
zulehnen!"
und verspricht:
"Sollten die Arbeitgeber noch ein ernstzunehmendes wirtschaftli-
ches Argument gegen den Lösungsvorschlag der IG Metall vorbrin-
gen, so werde ich auch diesem Argument mit unkonventionellen Vor-
schlägen Rechnung tragen." (So der Gewerkschaftsklartext in der
Unternehmerzeitung Handelsblatt)
In der Tat sehr "unkonventionell": eine "Forderung" an die Unter-
nehmer, die die schlechterdings keinen Pfennig kosten soll! Dafür
hat die Gewerkschaft das löchrige "Tabu" des freien Samstags
schon längst drangegeben, läßt über 9 bis 12-Stunden-Schichten
mit sich reden, ebenso über Kurz- und Mehrarbeit auf Abruf und
und und... Mit der Last, die die wöchentliche Arbeit für einen
modernen bundesdeutschen Hochleistungs-Proleten bedeutet, und mit
dem Geld, das er dafür bekommt, und mit der Zeit, die er effektiv
für sich hat, hat das alles nur in einem Sinne zu tun: Das Geld
wird weniger, die Last unangenehmer und die Freizeit bestenfalls
nicht kürzer.
Ein herrliches Ergebnis!
Was hat der Schlichter da eigentlich noch zu "schlichten"?
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Ernst genommen, ist die Geschichte ziemlich absurd: Die streiten-
den Parteien setzen einen "Schlichter" zwischen sich ein, weil
sie sich nicht einig werden - und erklären damit ihren Streit für
ein Unding, dem sie ein Ende bereiten wollen. Ist letzteres nur
von einer Seite nicht ernst gemeint, dann ändert ein "neutraler
Mittler" daran überhaupt nichts, sondern "scheitert" - siehe Bie-
denkopf, den dessen eigene Gesinnungsgenossen eiskalt haben ab-
fahren lassen. Ist es beiden Seiten aber ernst mit der Beendigung
des Arbeitskampfs: wozu braucht es dann einen "Schlichter"? Damit
sie gemeinsam einen heben und aufeinander hören, wie z.B. die
Bild-Zeitung es gerne darstellt und das Fernsehen es vorführt?
Ein kompletter Quatsch. Die Unterhändler sind schließlich keine
kleinen Kinder oder zerstrittenen Eheleute, sondern eiskalte Ver-
handlungsprofis, die Fröhlichkeit oder Empörung nach Bedarf mi-
men!
Das Schlichtungsziel der Gewerkschaft:
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Lob von oben für anerkannte Sozialfriedlichkeit
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Das "Rätsel" löst sich erst einmal dahin auf, daß eine Partei,
nämlich die Gewerkschaft, den Vermittler oder Schlichter will und
braucht. An ihm, genauer: daran, daß sie sich mit diesem Anwalt
des "Friedensschlußes" einig erklärt, möchte sie nämlich vorfüh-
ren, wie ehrlich es ihr ums Aufhören zu tun ist. Was da als
"Kompromiß" formuliert wird, darauf kommt es der Gewerkschaft
schon gar nicht mehr an. Mit Biedenkopf war sie einig, obwohl
dessen Vorschlag klipp und klar festlegen wollte: 8-Stunden-Tag
und 5-Tage-Woche, macht exakt 40 Komma Null Stunden pro Woche,
als Regelarbeitszeit. Mit Leber ist die IG Metall sich sowieso
noch ehe der den Mund aufgemacht hat; schließlich hat sie ihn als
ihren Mann durchgesetzt.
Wie die Gewerkschaft darauf kommt, inzwischen nur noch ums Aufhö-
ren zu "kämpfen", ist ebenfalls kein Geheimnis. Sie hat den
Streik ja überhaupt bloß e r ö f f n e t, um mehr wirtschafts-
politische "Vernunft" in den marktwirtschaftlichen Alltag mit
seinen Millionen Arbeitslosen hineinzuzwingen. Sie hat nichts Ma-
terielles rausholen, sondern R e c h t b e k o m m e n wollen
für ihre "kostensparenden", gemeinwohldienlichen Arbeitszeitver-
teilungsideen. Sie hat gestreikt, um sich als unentbehrlichen An-
walt einer klugen, menschenfreundlichen Ausgestaltung des bundes-
deutschen Kapitalismus zu beweisen. Genau dieses Ideal wirt-
schaftspolitischer "Vernunft" aber fordert nach sechs Wochen Ar-
beitskampf nur noch eins, nämlich die B e e n d i g u n g d e s
S t r e i k s. Und prompt macht die Gewerkschaft sich das zu ih-
rem höchsten Anliegen: Sie streikt nur noch, u m damit wieder
aufhören zu können.
In diesem verrückten Anliegen spielt der neutrale Mann eine wich-
tige Rolle. Er soll offiziell bezeugen, was die Gewerkschaft sich
von ihrer schrankenlosen Nachgiebigkeit erhofft:
"daß die Unternehmer entweder unterschreiben oder vor aller Welt
als diejenigen dastehen, die sich aus ideologischen Gründen an
die 40-Stunden-Woche klammern und den Arbeitskampf mit allen sei-
nen Kosten und Opfern unnötig verlängern." (nochmals der IG Me-
tall-Eisenmann)
M o r a l i s c h soll der Schlichter sie i n s R e c h t
setzen, als die bedingungslos einigungswillige Partei. Um diesen
Lorbeerkranz ist es der Gewerkschaft also offensichtlich die
ganze Zeit gegangen, und jetzt geht es ihr n u r noch darum.
Das Schlichtungsziel der Unternehmer:
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Sozialer Friede ohne gewerkschaftlichen Segen
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Die Unternehmer sehen und handhaben die Sache mit der
"Vermittlung" bzw. "besonderen Schlichtung" genau umgekehrt. Sie
haben dem Zirkus zwar zugestimmt, aber gleich mit der Klarstel-
lung, daß sie sich dadurch zu gar nichts verpflichtet sehen. Die
Zurückweisung des Biedenkopf-Plans durch die Druckindustriellen,
todsicher abgesprochen mit denen von Metall und dem Wirtschafts-
ministerium, s o l l t e richtig deutlich machen, daß sie an
einer einvernehmlichen Einigung mit der Gewerkschaft
ü b e r h a u p t k e i n Interesse haben.
Das moralische Abseits, in das die Gewerkschaft sie manövrieren
will, schreckt die Unternehmer dabei offensichtlich nicht im Ge-
ringsten. Und zwar aus einem einfachen Grund. Sie, die Vertreter
einer halt sehr, sehr maßgeblichen Minderheit,
u n t e r w e r f e n sich nämlich nicht den Öffentlichen Richt-
linien für den "sozialen Frieden": S i e l e g e n s i e
f e s t. Schließlich sind sie die hauptberuflichen P r a k t i-
k e r all, der Kostengesichtspunkte, vor denen die Gewerkschaft
sich in allen ihren Vorschlägen so tief verneigt; sie entscheiden
in der Arbeitswelt, was die Gewerkschaft mit ihren Appellen an
sie als "Arbeitgeber" immerzu noch unterstreicht. Wenn sie eine
Gewerkschaftslösung oder ein Schlichtungsmodell ablehnen, dann
ist es also auch u n t a u g l i c h; da braucht es gar keine
Argumente mehr, warum es nicht gehen soll. So trifft auch die
moralische Blamage nicht die Unternehmer, wenn sie kompromißlos
bei ihrem "Nein!" bleiben, sondern die Gewerkschaft mit ihrem
bedingungslosen Friedenswillen. Daß deren Tarifexperten ihnen
mitten im Streik mit lauter Angeboten hinterherlaufen, eines
"kostenneutraler" als das andere, bringt die Unternehmer eben
nicht in "Zugzwang", sondern bestärkt sie in ihrer Freiheit, al-
len "Lösungsvorschlägen" rein nach ihrem Vorteil von oben herab
maßgeblich Bescheid zu erteilen.
Und diese Freiheit nutzen sie: ganz bewußt und absichtsvoll gegen
die Gewerkschaft und deren Lieblingsrolle als Anwalt wirtschafts-
politischer Vernunft. Planmäßig manövrieren sie die sozialen
Friedensfreunde vom DGB in die peinliche Entscheidung hinein:
Entweder sie müssen einen Arbeitskampf weiterführen, den sie als
verantwortungsbewußte Gewerkschaftler schon für in der Sache
überflüssig erklärt haben und nur noch beenden wollen - oder Sie
ziehen ihr gesamtes Projekt unter der sonnigen 35, die als
"Verkürzung" aufgemachte Neuorganisation der Arbeitszeiten in der
BRD, ganz klein und häßlich zurück. Die Unternehmer wollen deut-
lich machen, und der "Vermittler soll sich ruhig öffentlich dar-
über empören, daß sie an ein Entgegenkommen im Ernst nie gedacht
haben. Gerade so bestreiten sie der Gewerkschaft deren
L e b e n s l ü g e, auf ihr Mitwirken käme es ungeheuer an in
der Marktwirtschaft und würde auch sehr viel Wert gelegt von den
wirklichen Machern und Machthabern der Nation. Die Lebenslüge des
DGB zu blamieren: das ist den Unternehmern in Kohls Wende-Staat
sogar einiges an zunächst entgangenen Profiten wert.
Die Niederlage der Gewerkschaft: nur noch eine Stilfrage
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Inzwischen kann für die Unternehmerseite eigentlich gar nichts
mehr schiefgehen. Sie kann der IG Metall und ihrem Leber einen
Schlichtungserfolg zugestehen, und es ist völlig klar: Sie hat
die Gewerkschaft noch einmal davonkommen lassen; ein neuer Ver-
such zu so weitreichenden Mitbestimmungsansprüchen ist nicht
drin; man hätte auch anders gekannt - ein Begräbnis erster Klasse
für die 35 mit der halben Sonne drüber und ihre Sonnenanbeter.
Die Unternehmer können aber ebensogut die Sache auf die Spitze
treiben und Gewerkschaft samt Schlichter scheitern lassen und so
darauf bestehen, daß die IG Metall ihren Anspruch auf
"gestaltenden Einfluß" auf die marktwirtschaftliche Arbeitswelt
der BRD selber zu Grabe trägt. W i e r ü c k s i c h t s l o s
u n d w i e n a c h d r ü c k l i c h die Gewerkschaft poli-
tisch ausgeschaltet wird. D a s ist die einzige Frage, über die
in der "besonderen Schlichtung" entschieden wird. Und zwar - das
ist das einzig "Besondere" daran - weder durch Georg Leber noch
überhaupt zwischen den Tarifparteien, sondern im Einvernehmen
zwischen den Metallbossen und der Regierungsmannschaft in Bonn.
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