Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Zum Arbeitskampf in der Metallindustrie
EIN ZYNISCHER STREIT MIT OPFERN
Der Sachverhalt
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Die IG Metall bestreikt im Tarifgebiet Nord-Württemberg/Nord-Ba-
den ein paar Zulieferbetriebe der Autoindustrie. Wenige Tage spä-
ter schließen die meisten deutschnationalen Autofabriken BMW,
Audi, Daimler, MAN, Volkswagen ihre Produktionsabteilungen. Be-
gründung: Teilmangel. Das Top-Management der bundesdeutschen In-
dustriejuwelen will nicht flexibel genug sein, angesichts eines
drohenden Streiks die Lager entsprechend aufzufüllen oder kurz-
fristig auf andere Zulieferer auszuweichen. Dafür sind die Herren
flexibel genug, die Schließung der Produktionsabteilungen zur Um-
rüstung und Reparatur der Anlagen zu nützen, die normalerweise in
den Betriebsferien stattfindet; dafür "darf" bis zur Hälfte der
Belegschaft weiterarbeiten. Angedeutet wird bereits ein Wegfall
der Betriebsferien in diesem Jahr.
Das werden die kalt ausgesperrten Autobauer auch brauchen können
- einschließlich der bereits geplanten Sonderschichten. Denn für
die Dauer der Arbeitslosigkeit, die ihre Chefs "wegen Teilmangel
infolge Streik" über sie verhängt haben, bekommen sie kein Geld:
weder von den Firmen, die partiell zumachen pikanterweise mit Zu-
stimmung ihrer Betriebsräte -, noch von der Arbeitslosenversiche-
rung. Gegen genau diesen Fall von Arbeitslosigkeit sind sie näm-
lich nicht versichert: das ist in dem sinnigerweise so genannten
"Arbeitsförderungsgesetz" in seiner sozialdemokratischen Fassung
festgelegt. Dabei besteht zwar noch ein Ermessensspielraum für
den Chef der "Bundesanstalt für Arbeit":
Er hat einzuschätzen, ob der Streik, in dessen Folge eine andere
Firma ihre Leute raussperrt, die Betroffenen überhaupt was an-
geht: ob sie als Nutznießer eines Streikerfolgs in Frage kommen.
Franke hat "eingeschätzt" und entschieden, wie Bundesregierung
und Unternehmer es von ihm erwartet haben - und die Gewerkschaft
kaum anders erwarten konnte - : Die betroffenen Arbeiter haben
für die angeblichen Streikwirkungen zu haften, bekommen also
keine Unterstützung. Einige hunderttausend Metallarbeiter dürfen
Sozialhilfe beantragen - oder, soweit organisiert, ihrer Gewerk-
schaft Streikgelder abfordern. Letzteres ist der gar nicht ver-
heimlichte Zweck des Unternehmer-Streiks. Indem sie einen unbe-
zahlten vorgezogenen Betriebsurlaub verhängen, der ihnen nicht
schadet, den sie vielmehr zu nutzen wissen, indem sie also ihre
Produktionsarbeiter mit einer finanziellen Katastrophe konfron-
tieren, wollen sie die Gewerkschaft schädigen - deren Streikkasse
- oder das Vertrauen der "Basis" auf die "gewerkschaftliche Soli-
darität" ihrer Führung. Soweit der Stand des Arbeitskampfes unter
dem Zeichen der sonnigen 35.
Und was denkt ein Student 1984 dazu?
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- "Ein Thema aus einer anderen Welt..."? Stimmt: irgendwo gehört
die akademische Schöngeisterei tatsächlich in die Welt des Luxus.
Und was geht's die Elite an, wenn an der "Basis" das Elend um
sich greift? Von so hoch oben herab betrachtet sind die Zufällig-
keiten des Frühlingswetters noch allemal bedeutsamer.
- "Das geht ja auch nicht, daß der Steuerzahler den Streik der IG
Metall bezahlt..."? Sehr brav draufgehört auf die öffentliche
Meinungsbildung von der Süddeutschen bis zur Bild-Zeitung. Man
braucht nur ein bißchen zu vergessen, wer das Steueraufkommen ei-
gentlich materiell erarbeitet und die Finanzen der "Bundesanstalt
für Arbeit": man braucht es nur natürlich und in der Ordnung zu
finden, daß Lohnarbeiter aus Armut untertänig werden und sich
durch Existenznot erpressen lassen müssen. Dann weiß man sofort,
was geht und was nicht.
- "Ein kluger Schachzug der Unternehmer gegen die Gewerkschafts-
funktionäre..."? In der Tat sehr klug und geschickt, mit den Waf-
fen des Reichtums und des Rechts einige hunderttausend Leute von
ihrer einzigen Einkommensquelle abzuschneiden: wirklich überaus
raffiniert, mit massenhaftem Lohnverlust Arbeitskampf zu führen.
Und sehr gerecht und angemessen, die Arbeiter als Manövriermasse
gegen ihre Funktionäre zu benutzen - die sich angeblich doch
längst von ihrer Basis meilenweit entfernt haben...
Das wären jedenfalls sehr angemessene Dummheiten für einen stan-
desbewußten Geistesknecht der neuen deutschen Republik.
Ehe man sich allerdings umgekehrt mit der IG Metall und ihrem Ab-
wehrkampf gegen Unternehmer, Staat und deren gemeinsame Verelen-
dungsstrategie irgendwie solidarisiert, sollte man doch vorher
noch folgendes bedenken:
Die Arbeiterfeindlichkeit einer staatstreuen Gewerkschaft
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- Die IG Metall hat den unverzeihlichen Fehler gemacht, einen Ar-
beitskampf anzuzetteln, der den G e g n e r nicht
s c h ä d i g e n soll. Um Deutschlands Wirtschaft zu schonen,
hat die Streiks auf wenige Betriebe beschränkt, auf das Niveau
bloß symbolischer Aktionen zurückgenommen. Damit hat sie ihrem
Gegner alle Freiheit gegeben, das Kampfgeschehen nach seinem Er-
messen und Vorteil auszuwerten. - Mehr noch: Die Gewerkschaft hat
ganz offenkundig d a r a u f s p e k u l i e r t, daß ihr Geg-
ner den Kampf ausweitet, - um ihn moralisch ins Unrecht zu set-
zen. Sie läßt den Gegner Opfer schaffen und rührt damit ihre bös-
artig absurde Politik fort, mit Unternehmern und Wirtschaftspoli-
tikern nicht um Vorteile für die Arbeiter zu streiten, sondern um
den schöneren Schein des höheren sozialpolitischen Verantwor-
tungsbewußtseins zu konkurrieren.
- Deswegen beantwortet sie die "kalte Aussperrung" in der Autoin-
dustrie auch nicht mit der einzig wirksamen Gegenmaßnahme: der
A u s w e i t u n g d e s S t r e i k s, vor allem auf die
Kräfte, die jetzt den Autofirmen in aller Ruhe die Produktionsan-
lagen überholen, neu einrichten oder umrüsten: also mit einem
Kampf, der den Unternehmern empfindlich s c h a d e t. Statt-
dessen jammert sie über die "geschlossene Front" von Wirtschaft,
Staat und Öffentlichkeit - auch eine Form, den Schaden der eige-
nen Leute hinzunehmen.
- Mit ihrer traditionsreichen Politik der Opferbereitschaft an-
stelle des Kampfes gegen Opfer der Arbeiter haben die DGB-Gewerk-
schaften, auch die "radikale" IG Metall, es dahin gebracht, den
so glorreich vertretenen Arbeitern das Fordern, das Kämpfen, ja
sogar das Bewußtsein davon, daß gewerkschaftlicher Kampf nottut
und taugen kann, um die eigene ökonomische Situation zu verbes-
sern, - das alles den deutschen Arbeitern gründlich abzugewöhnen.
So paradox es ist: diese Gewerkschaft hat es fertiggebracht, ihre
Massen zu Gewerkschafts g e g n e r n zu erziehen - so sehr, daß
sie es sogar selbst schon zu spüren bekommt.
Daraus folgt: D i e s e Gewerkschaft, mit s o l c h e n Kämp-
fen, verdient keine Zustimmung, nicht einmal die theoretische ei-
nes Studenten 1984.
Daraus folgt allerdings nicht, als bundesdeutscher Arbeiter hätte
man es nicht besser verdient - und schon gar nicht, als studie-
render Mit-M a c h e r der Nation hätte man das alles so zu las-
sen.
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