Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 71, 12.04.1983
Abschluß der Tarifrunde '83
(K)EINE WENDE AN DER ARBEITSFRONT
Mit dem Abschluß bei Chemie und Metall ist die Tarifrunde '83 ge-
laufen. Das Resultat in Geld für die Lohn- und Gehaltsempfänger,
berechnet auf die nächsten 12 Monate: 3,2% bei Metall, unter 3%
bei Chemie, brutto versteht sich und bezogen auf den Tariflohn.
Die arbeitende Bevölkerung hat also in den nächsten 12-15 Monaten
noch reichlicher als nach den Lohnsenkungsrunden der vergangenen
Jahre Gelegenheit, weitere Gegenstände ihres Bedarfs für einen
überflüssigen Luxus zu erklären, ohne den "es" auch geht - näm-
lich: den Pflichten der Lohnarbeit nachzukommen.
Von Anfang an waren sich beide "Tarifpartner" darin einig, daß
der Erfolg dieser Tarifrunde nur in einer happigen Lohnsenkung
bestehen könne. Daß die Unternehmer, wenn die Lohnrunde beginnt,
immer schon eine 12-Monate-Leistungssteigerungsrunde erfolgreich
durchgeführt haben - früher verschämt als zu verteilender
"Produktivitätsfortschritt" für eine Stelle hinter dem Komma in
Anschlag gebracht -, das sollte heuer auch nicht dem Schein nach
eine Rolle spielen. Dafür, daß der Staat ein Jahr lang Inflation
betrieben und den Lohn als Selbstbedienungsladen behandelt hat,
erklärte sich die Gewerkschaft von vornherein für unzuständig.
Während die Gewerkschaft bisher die Gestaltung des proletarischen
Lebensunterhalts gemäß dem Interesse der nationalen Wirtschaft in
der Form betrieb, daß sie Promillebeträge zu einem "gerechten"
Anspruch der Arbeiter an die Wirtschaft zusammenrechnete, formu-
liert sie ihre Verhandlungsposition im Jahr der Wende genau umge-
kehrt: Ansprüche seitens der Arbeiter werden d e m o n s t r a-
t i v n i c h t gestellt.
Die Lohnrunde stand unter dem Motto: "Erhaltung von Arbeitsplät-
zen" statt Lohn. Eingestandenermaßen wird mit den Abschlüssen
kein einziger Arbeitsplatz erhalten - wie auch? Dennoch ist
"Arbeitsplatzerhaltung" nicht bloß eine Ideologie. Es ist eben
nicht nur ideologisch gedacht, wenn die Gewerkschaft daraus, daß
das Kapital Millionen von Arbeitern von den Lohnlisten streicht,
die Konsequenz zieht, den Arbeitsplatz zu einem Wert und seinen
"Besitz" zur höchsten proletarischen Wunscherfüllung zu erklären
-- dieser Gedanke erläßt das Verbot, die Arbeit als M i t t e l
für den proletarischen L e b e n s u n t e r h a l t zu behan-
deln. Entsprechend sehen
die Anliegen der Gewerkschaft für die restlichen 80er Jahre
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aus, die sie durch den Inhalt ihres "zukunftsweisenden Abschlus-
ses" (Rappe, IG Chemie-Vorsitzender und SPD-MDB) signalisierte.
- Die übertariflichen Lohnzahlungen, die dank der mickrigen Ta-
riflöhne bis zu einem Drittel des tatsächlichen Lohns ausmachen,
sind durch die neuen Verträge nach wie vor der freien Verfügung
der Unternehmen überlassen; und das angesichts der Tatsache, daß
sie überall "abgebaut" werden, Die 3%-Vereinbarung für die Ta-
riflöhne soll also noch nicht einmal eine Untergrenze der Lohn-
senkung ziehen, die jedes Unternehmen ganz nach den Bedürfnissen
des eigenen Geschäfts abwickeln darf.
- Für eine "Alterfreizeit" (Chemie-Arbeitgeberchef Molitor) von
einem freien Nachmittag pro 14 Tage für die 58jährigen hat die IG
Chemie die 40-Stunden-Woche für alle bis 1987 festgeschrieben.
Das "Signal": Die Gewerkschaft will die zeitliche Verfügung des
Kapitals über sein Menschenmaterial nicht beschränken, sondern
die schrankenlose Verfügung verantwortlich mitgestalten. Schließ-
lich sind 40 Jahre zerstörerische Leistung nach den Kriterien des
Profits in einem Wechselbad von Überarbeit durch Überstunden und
Lohnkürzung durch Kurzarbeit der gewerkschaftlich verlangte Be-
rechtigungsnachweis für wöchentlich zwei Stunden Freiheit von der
Fron! Arbeiter gelten ihren gewerkschaftlichen Vertretern als Ar-
beitstiere, und nach diesem Rassismus entscheiden sie, welche
Schonung wem zukommt. Es ist reine Heuchelei, wenn Loderer jetzt
den "Alleingang" der IG Chemie "bedauert", denn "das große Ziel
(Arbeitszeitverkürzung) läßt sich nur durch eine gemeinsame An-
strengung erreichen". Er gibt damit ja schon bekannt, daß er im
nächsten Jahr, wenn die IG Metall Arbeitszeitverkürzung statt
Lohn zum großen Thema macht, den Chemie-Abschluß als einen
"Beweis" benutzen will dafür, daß Arbeitszeitverkürzung nicht
"drin" sei. Die Lohnkürzung aber immer!
- Während die IG Metall die Tarifrunde noch mit dem üblichen
Theater "schwieriger Verhandlungen", begleitet durch viel "neue
Beweglichkeit" der Basis, inszenierte, macht ihr Vorsitzender Lo-
derer diese Vorspiegelung von Kampf schon als "Gewürge" herunter,
das vom Standpunkt der vorhandenen nationalen Gemeinsamkeit, aus
völlig überflüssig sei. Da schwang sich die IG Chemie gleich zum
Vorreiter auf: Wenn schon Verhandlungen mit einem vorher festste-
henden Lohnsenkungsergebnis, dann aber auch im Rahmen einer zwei-
tägigen Einigkeitsschau abgeschlossen; unternehmerische Tabukata-
loge sind zu durchbrechen, die Gewerkschaft muß nur von Anfang an
deutlich machen, daß sie kein Tabu dabei kennt, dem Kapital jeden
Zugriff auf Einkommen und Gesundheit der Arbeiter zu ermöglichen;
kurz: statt vorgespiegeltem Einigungskampf für die Nation doch
gleich die Demonstration volksgemeinschaftlicher Solidarität von
Kapital und Arbeit!
Was will so eine Gewerkschaft? Sie will als eigene Kraft neben
Kapital und Staat in gemeinsamer Verantwortung für die Stärke
Deutschlands an der H e r r s c h a f t über die Arbeiter
b e t e i l i g t sein.
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Aufgespießt
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"Wir haben euch die Lebensmittelpreise erhöht, wir haben euch
Fahrpreise erhöht, wir haben die Zigarettenpreise erhöht, wir ha-
ben euch die Schnapspreise erhöht, wir haben euch die Preise für
Textilien erhöht, wir haben, euch die Automobilpreise erhöht, wir
haben euch haben euch die Benzinpreise erhöht, wir haben euch die
Heizölpreise erhöht, wir haben euch die Steuern erhöht, wir haben
euch die Lebenshaltungskosten erhöht, wir haben euch sogar die
Mieten erhöht, wir haben euch a l l e s erhöht - aber jetzt
auch noch die Löhne?" Die linke Rockgruppe "Floh de Cologne".
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