Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Tarifpolitik '87: Flexibel wie immer
ENTSCHIEDEN FÜR DIE FREI VERFÜGBARE ARBEITSKRAFT
Jetzt strahlt sie, wieder, die 35-Stunden-Sonne der IG Metall.
Jetzt heißt es wieder:
"Bundesweit gehen Metaller mit Witz und Phantasie zur Sache
Der Sonne entgegen" (metall 24, 12/86).
Jetzt werden Unternehmer wieder auf den Arbeitsplatz-'Prüfstand'
gestellt; werden Überstunden in Arbeiter, ersparte Stunden in ge-
wonnene Beschäftigte hin und hergerechnet. Der Gedichtwettbewerb
"Ist doch sonnenklar" - "O Sonnenschein! O Sonnenschein! Wie
scheinst du mir ins Herz hinein" - ist angelaufen. "Hämmern für
die 35" - "Beim Aktionstag in Ingolstadt bestanden die Metaller
die Nagelprobe" - sowie Stricken ist auch schon im Gange. Die IG
Metall hat mit dem vertraut kindischen Strickmuster für ihre Mit-
glieder die Tarifrunde '87 eröffnet, in der wieder einmal öffent-
lich Stimmung gemacht und das beschäftigungspolitische Programm
der Gewerkschaften propagiert werden soll, nachdem beim letzten
Mal ein paar Lohnprozente sang- und klanglos verabschiedet worden
sind. Wieder einmal macht die Arbeitervertretung mit ihrer
"Jahrhundertforderung" nach "Arbeitszeitverkürzung" ernst und
setzt die "35-Stunden-Woche-bei-vollem-Lohnausgleich" neuerlich
auf die Tagesordnung.
Gestritten wird allerdings weniger denn je um eine arbeiterge-
nehme Korrektur des Lohnarbeitsverhältnisses, von Arbeitszeit und
Leistung auf der einen, Bezahlung auf der anderen Seite; gestrit-
ten wird über die A u s d e h n u n g der täglichen, wöchentli-
chen und monatlichen Arbeitszeit. Die unumstrittene Verhandlungs-
grundlage ist die "F l e x i b i l i s i e r u n g der Arbeits-
zeit" - der eigentlich kontroverse Punkt, ob und wieweit die
"Fünf-Tage-Woche" aufgehoben und mindestens der S a m s t a g
N o r m a l a r b e i t s t a g werden soll. Ein für die Betrof-
fenen bitterer, aber konsequenter Fortschritt gewerkschaftlicher
Tarifpolitik und Tarifpartnerschaft, die da weitermacht, wo sie
1984 geendet hat: bei Revisionsansprüchen der Unternehmer an den
Arbeitszeitvertrag.
Flexibilisierung der Arbeitszeit - ein Unternehmerprogramm
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"Flexibilität" ist keine Förderung, für die sich Lohnarbeiter er-
wärmen könnten, sondern eine unerbittliche Gegebenheit eines ka-
pitalistischen Betriebs. Freie Verfügung über Arbeitskräfte, im-
mer wenn, aber auch nur dann und solange, wie es in die Unterneh-
merkalkulation paßt, das ist ein elementares Bedürfnis unterneh-
merischer Kostenkalkulation und ein ständiges Ergebnis ihrer Ver-
fügung über die Produktionsmittel. Alle tarifvertraglichen
Schranken, die angeblich Regelmäßigkeit und Begrenzung des Ar-
beitstages festschreiben, haben an diesem Prinzip nicht gerüt-
telt, sondern ihm eine Verlaufsform gegeben, die seine ruinösen
Wirkungen auf die Lohnabhängigen mitberücksichtigt. Der Normalar-
beitstag war nie mehr als eine Berechnungsgrundlage dafür, was
als Über-Stunde, also als Ausnahme und Mehrbelastung gilt und et-
was besser bezahlt und entgolten wird. Die einschlägigen Tarifre-
geln haben der Arbeiterschaft immer schon eine alternative Rech-
nung mit weniger oder mehr Arbeit gegen weniger oder mehr Lohn
aufgemacht, über die nicht sie, sondern die Betriebsplaner ent-
schieden haben - und der Staat hat mit seinen Gesetzen diese Un-
ternehmerfreiheit gutgeheißen und geschützt. Und was die Ar-
beitsintensität angeht, die Leistungsvorgaben und -ansprüche, die
der Arbeitsplatz vorschreibt, so haben fortschrittsorientierte
Unternehmer jede Regelung des Arbeitstags als Auftrag und Gele-
genheit begriffen, die Grenzen der normalen Leistungsfähigkeit
während zehn oder acht Stunden immer wieder praktisch auszukund-
schaften, ohne sich deshalb an diese Zeit zu halten.
Wenn dagegen seit einiger Zeit von Umternehmerseite polemisiert
wird, so als ob ihr aus dem Tarifrecht lauter Schranken erwüch-
sen, dann vor allem deshalb, weil die Erfolge im Umgang mit den
Normalarbeitstagsbestimmungen unübersehbar sind. Was der Tarif-
vertrag als 'Ausnahme' regelt, ist längst die Regel; was die Ge-
werkschaft immer wieder mal als Auswuchs bejammert, gerade die
Normalität; was Unternehmer fordern, längst die Wirklichkeit: Mit
den Fortschritten der Technik hat auf der 'starren' Grundlage des
8-Stunden-Tages in der 40-Stunden-Woche die Teilzeitarbeit, das
Überstundenwesen, die produktionsorientierte Gleitzeit, die
Schichtarbeit - und das Conti-Schichtwesen rund um die Uhr und
die ganze Woche hindurch zugenommen. Und das aus gutem unterneh-
merischen Kosten-Grund: Jede Kapitalauslage in Arbeitsmitteln und
-bedingungen stellt neue Rentabilitätsansprüche; jede neue Ma-
schine ist Kost, die sich lohnen muß, also auch Anspruch auf le-
bendige Arbeitskraft, die sie möglichst billig und dauerhaft be-
dienen soll. Je entwickelter die Technik, desto unerbittlicher
und rücksichtsloser ist deshalb das Bedürfnis nach ihrer lohnen-
den Benutzung, desto primitiver die Methoden der
'Differenzierung' der Arbeitszeit: möglichst intensiv und lang -
von den Qualitäten eines modernen Arbeitsplatzes noch ganz abge-
sehen, an dem Aufmerksamkeit und Anpassung an die Eigenheiten des
Maschinenganges das Arbeiten eintönig und schwer machen.
Wenn jetzt die Unternehmer den normalen Tarifrundengang auf den
Kopf stellen und der Gewerkschaft einen Forderungskatalog in Sa-
chen Flexibilisierung vorgeben, dann wollen sie die Auflösung des
Normalarbeitstages auch noch zum Vertragsprinzip machen. Er soll
ausdrücklich als reine Rechengröße festgeschrieben werden, die
alle Freiheiten unternehmerischer Arbeitszeit'gestaltung' zur Re-
gel macht. Hier wie überall gilt nämlich, daß das Recht den Fort-
schritt kodifiziert und ihn damit beflügelt. Immer mehr Großbe-
triebe führen den Dreischichtbetrieb ein und melden Anspruch auf
den Samstag an, richten also die Arbeitszeit an einer möglichst
umfassenden Betriebsnutzungszeit aus und organisieren sie als ein
zweckmäßiges Untermoment ihres dauernden oder wechselnden Be-
darfs. Der Unternehmerverband legt diesen Anspruch zur prinzi-
piellen Unterschrift vor und verlangt von der Metallgewerkschaft,
die Grundsätze der "38,5-Stunden-Woche" zu Ende zu denken:
Normalarbeitszeit bis zu 12 Stunden pro Tag, über 40 Stunden pro
Woche an 6 bis 7 Tagen, Schichtarbeit rund um die Uhr; Kurzarbeit
nach Bedarf und jährliche Verrechnung zu einer durchschnittlichen
Normalarbeitszeit.
Was da gefordert wird, ist Flexibilität als Tarifvertragsgesetz:
Die wirkliche Tätigkeit und Anwesenheit im Betrieb mit all ihren
Konsequenzen für Freizeit, Mehr- oder Minderverschleiß soll ge-
trennt sein von ihrer Berechnung als Arbeitszeit und Grundlage
für die Lohnzahlung. So gilt dann ein 10-Tage-Schicht-Rhythmus
mit vier freien Tagen im Prinzip drei Fünf-Tage-Wochen gleich;
Überarbeit der einen Saison und Unterarbeit zur anderen soll sich
ausgleichen - nicht für den, der da anzutreten hat, aber für sei-
nen Lohn. Mehrarbeit ohne entsprechende Mehrbezahlung; Anpassung
der Arbeitszeit ohne entsprechende Zusatzkosten; mobiler, also
intensiverer und effektiverer Arbeitseinsatz ohne entsprechende
Mehrkosten; Arbeitszeitfreiheit der Unternehmer ohne laufenden
Regelungsbedarf mit Betriebsrat und Gewerkschaft - das soll die
gültige Definition der Normalarbeitszeit sein.
Bei alledem setzen die Herren über die Arbeitsplätze darauf, daß
sie mit diesem Ansinnen bei den Gewerkschaften, die sich für eine
beschäftigungswirksame Tarifpolitik und Mitgestaltung des techni-
schen Fortschritts stark machen, auf keinen grundsätzlichen Wi-
derstand stoßen. Die Probe aufs Exempel haben sie 1984 gemacht -
und Wende-Regierung, Paragr. 116 und Neue Heimat haben die Arbei-
tervertretung nicht unnachgiebiger, sondern radikaler gemacht -
was die gemeinschaftsförderliche Anerkennung von Sachnotwendig-
keiten der Arbeitsplatzbeschaffung und auch was die mangelnde Be-
reitschaft zu aufwendigen oder gar schädigenden Arbeitskampfmaß-
nahmen angeht. Zu verlieren haben Unternehmer sowieso nichts,
wenn sie eine 'realitätsgerechte' Novellierung des Tarifrechts
verlangen. Es hat ja den Realitäten gedient.
Die Forderung der IG Metall: Aber bitte!
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Die IG Metall hat für den Anspruch der Unternehmer, der aus der
gelungenen Akkumulation ihres Kapitals und den damit gesetzten
Konkurrenzmaßstäben erwächst, viel übrig. Soviel jedenfalls, daß
ihr neuer Vorsteher öffentlich angibt, "die IG Metall sei schon
seit Jahren bereit, die Arbeitszeit an konkrete Produktionsbe-
dürfnisse anzupassen", und mit diesem Selbstlob einen Forderungs-
katalog vorstellt, der dort anfängt, wo der Leber-Kompromiß auf-
gehört hatte. Was sich die IG Metall 1984 noch als ein Zugeständ-
nis für 1 1/2 Stunden Arbeitszeitverkürzung der Form nach abhan-
deln ließ, "flexible Arbeitszeitregelungen", das bietet sie jetzt
gleich selber an:
"Die Forderung für Arbeiter, Angestellte und Auszubildende
- Die regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit darf 35 Stunden nicht
überschreiten.
- Sie kann gleichmäßig oder ungleichmäßig auf 5 Werktage - Montag
bis Freitag - verteilt werden.
- Die tägliche Arbeitszeit darf 8 Stunden, die wöchentliche Ar-
beitszeit 40 Stunden nicht überschreiten.
- Die regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit muß im Durchschnitt
von 2 Monaten erreicht werden.
- Bei Arbeitern, in deren Arbeitszeit regelmäßig und in erhebli-
chem Umfang Arbeitsbereitschaft fällt, darf die regelmäßige wö-
chentliche Arbeitszeit 40 Stunden nicht überschreiten. Bei beson-
ders erheblicher Arbeitsbereitschaft kann bis zu 46 Stunden wö-
chentlich vereinbart werden.
- Zuschlagspflichtige Mehrarbeit ist jede Arbeitszeit, die außer-
halb der festgelegten täglichen Arbeitszeit liegt.
- Mehrarbeit ist bis zu 10 Mehrarbeitsstunden im Monat zulässig.
- Geleistete Mehrarbeit ist innerhalb der folgenden drei Monate
durch bezahlte Freistellung von der Arbeit auszugleichen.
- Mehrarbeitszuschläge sind grundsätzlich in Geld zu vergüten.
Auf Wunsch des Arbeitnehmers sind sie ebenfalls durch bezahlte
Freistellung von der Arbeit auszugleichen.
- Mehrarbeitszuschläge betragen:
An Arbeitstagen - für die erste Mehrarbeitsstunde 25 Prozent, ab
der zweiten Mehrarbeitsstunde 50 Prozent.
An arbeitsfreien Tagen - für die erste bis vierte Mehrarbeits-
stunde 25 Prozent, ab der fünften Mehrarbeitsstunde 50 Prozent.
- Diese Forderungen auf eine Verkürzung der regelmäßigen wöchent-
lichen Arbeitszeit beinhalten zugleich die Forderung auf den
vollen Lohnausgleich. Dieser volle Lohnausgleich für die Arbeits-
zeitverkürzung ist im Zusammenhang mit den im März 1987 aufzuneh-
menden Verhandlungen über eine Erhöhung der Löhne, Gehälter und
Ausbildungsvergütungen zu regeln."
Ein interessanter Vorschlag! Die tägliche Arbeitszeit ist nicht
festgelegt, die wöchentliche gleich gar nicht; freier Anfang und
freies Ende, Tag- und Nachtarbeit sind vorausgesetzt; alles an-
dere wird einem tarifvertraglichen Rechnungs- und Verrechnungswe-
sen anheimgegeben, das dem der Unternehmer allein in dem Rahmen
nachsteht, innerhalb dessen ein Arbeitszeitdurchschnitt als
"normal" definiert sein soll. Wie wenn noch nicht klar genug
wäre, daß hier Freiheiten verbrieft werden, liefert der smarte
Chef der Metaller noch ein Stück Klartext mit, wie diese
"Eckpunkte flexibler und variabler Arbeitszeit zu verstehen sind:
"...hinsichtlich der Lage und Verteilung der Arbeitszeit sei die
IG Metall flexibel...
Bei den Modellen der Arbeitszeitverteilung, die für die Arbeit-
nehmer nützlich seien, könnten die Arbeitgeber betriebswirt-
schaftliche Chancen verwerten...
Schon aus den Eckwerten der Fünf-Tage-Woche und der regelmäßigen
Höchstarbeitszeit von acht Stunden ergebe sich im Vergleich zur
35-Stunden-Woche eine Differenz von 5 Stunden, über die der Be-
trieb im Einvernehmen mit dem Betriebsrat zur Verlängerung der
Betriebsnutzungszeit disponieren könne." (Handelsblatt, 6.11.)
Und auch das, versichert der Mann aus Anlaß des Metallerkongres-
ses, ist nicht so eng und verbindlich gemeint, wie es sich für
einen gestaltungsfreudigen Gewerkschaftsfunktionär offenbar immer
noch ausnimmt: "Ich kann mir vorstellen, daß Betriebe statt bis-
her acht Stunden täglich in Zukunft etwa neun, zehn oder elf
Stunden lang produzieren. Dann ergeben sich unglaubliche Möglich-
keiten für flexible Arbeitszeiten... Wenn einmal neun Stunden Ar-
beit pro Tag nötig werden - etwa weil es der Betrieb erfordert,
oder vielleicht auch, weil es ausnahmsweise der Arbeitnehmer will
- dann wird eben an einem anderen Tag nur fünf Stunden lang gear-
beitet." (Süddeutsche Zeitung, 23.10.)
Wenn es darum geht, ihr Angebot ins rechte Unternehmerlicht zu
rücken, kennt die Vorstellungskraft der gewerkschaftlichen Er-
satzmanager offenbar keine Grenzen. Da sehen sie zielstrebig über
die Härten des Arbeitslebens an modernen Arbeitsplätzen hinweg,
die sie sonst gerne anklagend auflisten, und tun einmal so, wie
wenn sie gar nicht wüßten, daß es an diesen Beschäftigungsgrund-
sätzen liegt, wenn immer mehr Metallarbeiter "mit 54 Jahren als
Frührentner" aus dem Arbeitsleben scheiden. Ihre Phantasie beim
Entwerfen von Flexibilitätsmodellen, mit denen man den Tarifver-
tragsrahmen, den sie vorschlagen, ausfüllen könnte, ist schier
unerschöpflich:
"Klaus Zwickel nannte neben dem Sieben-Stunden-Tag und freien Ta-
gen auch noch diese Möglichkeiten: Früherer Schluß am Freitag
oder an einem anderen Tag, Kombination von Verkürzung an einem
Tag und freien Tagen in einem Zeitraum von zwei Monaten sowie bei
Schichtarbeit etwa Frühschichten von acht Stunden und Spätschich-
ten von sechs Stunden. Die Verkürzung könne aber auch in Gleit-
zeitregelungen eingepaßt werden..." (Frankfurter Rundschau,
30.11.)
Und diese Rechnungen, die sich um den Unterschied zwischen einer
statistischen Normalarbeitszeit und den ungemütlichen Wirkungen
ihrer unterschiedlichen realen Ausgestaltung bewußt nicht küm-
mern, sind weitaus ehrlicher gemeint als sämtliche Statistiken
über die ruinöse Arbeitswelt. Schließlich sollen sie beweisen,
wie ernsthaft die Tarifstrategen es mit den Angeboten an die un-
ternehmerische Gestaltungsfreiheit nehmen und in welche Richtung
sie sich eine Ausgestaltung des Tarifvertrags wünschen. Am lieb-
sten wäre ihnen ein Modellkatalog möglicher Arbeitszeitregelun-
gen, aus denen dann jeder Betrieb(srat) sein passendes Muster
auswählen könnte.
Das letzte Gewerkschaftstabu zum Brechen: der "freie Samstag"
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Bei aller gewerkschaftlichen Flexibilität gegenüber den Erforder-
nissen der kostspieligen Technik - sie hat auch ihre Prinzipien,
um die sie rechten möchte. Als neues Tabu schreibt die IG Metall
den arbeitsfreien Samstag und den Freizeitausgleich innerhalb von
zwei Monaten sowie die Verrechnung von Überstunden mit Freizeiten
statt Geld vor und findet kämpferische Worte für den Schutz des
geregelten Familienlebens - und des gewerkschaftlichen Ansehens:
"Der freie Samstag und der normale Arbeitstag gehören zu den
größten Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung. Sie dürfen
nicht betriebswirtschaftlichen Kostenbelangen geopfert werden."
So tönte Steinkühler auf dem IG Metall-Kongreß, nachdem er längst
mitgeteilt hatte, er könne sich auch Samstagsarbeit durchaus
'vorstellen'. Damit ist angegeben, worum man sich gleich gar
nicht streitet - Schicht-, Nachtarbeit und sonstige Lappalien -
und was man als Verhandlungsgegenstand ansieht, den man sich in
bewährter Manier 'abringen' lassen kann, an dem man die Rahmenbe-
dingungen der Flexibilisierung exemplarisch abstecken möchte. Da-
bei herrschen wie immer zwischen den Gewerkschaften unterschied-
liche Auffassungen, wie prinzipiell man noch auf einer
"Errungenschaft" bestehen soll, die man längst für revisionsbe-
dürftig und unhaltbar ansieht. Die Chefs der betont kooperativ
eingestellten IG-Chemie und IG Nahrung-Gaststätten-Genuß, Rappe
und Döding, nehmen wieder einmal das für unausweichlich gehaltene
'Verhandlungsergebnis' vorweg und stellen damit klar, worum wirk-
lich verhandelt wird:
"Ich kann mir vorstellen, daß an jedem vierten oder fünften Sams-
tag gearbeitet wird und es dafür an eine Wochentag frei gibt...
Auch den Gewerkschaften ist es wichtig, daß die deutsche Wirt-
schaft international konkurrenzfähig bleibt." (Süddeutsche Zei-
tung, 1.12.)
Eine interessante Kontroverse! Um "Wochenendarbeit - ja oder
nein" geht sie sowieso nicht: Da hat die Wirklichkeit alle als
denkbar ins Spiel gebrachten Gewerkschafts"vorstellungen" längst
überholt. Nicht einmal bloß darum geht es, auch wieder regelmä-
ßig am Samstag zu arbeiten; sondern um das Rundum-die-Uhr-Pro-
gramm moderner Betriebszeitenplaner, das unter dem Titel:
'Samstag soll Pappi leider auch mal wieder ab und zu dem Betrieb
gehören!' gewerkschaftsgerecht diskutiert wird.
Zur Debatte steht bei diesem Programm also einzig seine passende
tarifvertragliche Einkleidung - wo künftig die normale Arbeits-
zeit rechnerisch aufhört und wo das Ausnahmewesen anfängt, das
der betriebsrätlichen Zustimmung bedarf und extra geregelt ge-
hört. Und wenn erst einmal klar ist, daß betriebsgerechte Ar-
beitszeit und die verlängerte Verfügung über die Arbeitskräfte
Tarifregel werden soll, dann ist es um Freizeit und freies Wo-
chenende schlecht bestellt, egal ob die Tarifstrategen es in den
Rang eines Gewerkschaftsgrundsatzes erheben, der nur in notwendi-
gen Fällen durchbrochen werden darf - oder ob Samstag (und Sonn-
tag) umstandslos der betrieblichen Planung anheimgestellt und dem
normalen Durchschnittsrechenwesen zugeschlagen werden.
Das passende Schlagwort: "Zeitsouveränität"
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Auf das Prinzip, jede kapitalgerechte Einrichtung von Arbeitszeit
und -umständen für eine arbeiterfreundliche Segnung gewerkschaft-
licher Vertretung auszugeben, verzichten Steinkühler, Rappe und
Co. deswegen noch lange nicht. Darüber ist das Schlagwort von der
"Zeitsouveränität" in Mode gekommen, die die Unternehmer (bzw.
die Gewerkschaft) behindern (bzw. schaffen) täten. Arbeitnehmern,
die wie eh und je antreten, wenn es der Betrieb verlangt, wird so
das Programm der Flexibilisierung als sein glattes Gegenteil vor-
stellig gemacht und behauptet, je freier das Verfügungsrecht der
Unternehmer über Arbeit, Lohn und Arbeitszeit ausgestaltet sei,
umso besser ließen sich damit die Freizeitwünsche der Arbeiter
vereinbaren, ja, kämen dadurch erst so richtig zum Zuge. Der lo-
gische Unsinn, die Verpflichtung, jederzeit und betriebsgemäß als
Arbeitskraft einsetzbar zu sein, sei dasselbe wie selbstbestimmt
arbeiten; die Zumutung, im Prinzip immer bereitstehen zu müssen,
sei dasselbe wie zu arbeiten, wann man will - das ist allerdings
haargenau die passende Sprachregelung für eine Tarifrevision, die
der Arbeitszeit jeden Schein von gesicherter Normalität und Fe-
stigkeit nimmt und offiziell der unternehmerischen und betriebs-
rätlichen 'Gestaltung' überantwortet. Unklarheiten, was damit ge-
meint ist, läßt man dabei erst gar nicht aufkommen.
Die Unternehmer tragen ihre Wünsche nach Arbeitszeitverlängerung
und bedarfsgerechtem Arbeitseinsatz einfach als Herzensanliegen
der 'Mitarbeiter' vor und geben sich damit keineswegs der Lächer-
lichkeit preis, weil es längst gute Gewohnheit ist, jede Be-
triebsnotwendigkeit als Gegebenheit, oder, positiv, als 'Angebot'
zu verstehen:
"Hunderttausende wollen weniger arbeiten und dafür auch weniger
Geld bekommen... Menschen die zur Samstagsarbeit bereit sind,
weil sie dafür gerne am Dienstag in ein weniger volles Schwimmbad
gehen wollen... Wenn wir eine Nachtschicht organisieren, gibt es
viele Leute, die mitmachen. Die wollen eben nachts arbeiten."
(der neue Arbeitgeberpräsident Murmann in der Wirtschaftswoche",
50/86)
"Gehen wir doch einmal ganz einfach von den Menschen aus. Es gibt
sehr viele, die mehr Freiräume und einige Zeitautonomie wollen.
Der eine will nicht 40, sondern 35 Stunden in der Woche arbeiten,
ein anderer aber vielleicht 45 Stunden... Schließlich gibt es
auch Menschen, die bereit sind, dafür zu sorgen, daß die Maschi-
nen auch nachts laufen... Man kann auf Dauer keine Tarifpolitik
gegen die Menschen machen." (derselbe in "Stern", 50/86)
Und die Gewerkschaft setzt dem auch nur die trockene Versicherung
entgegen, daß ihre Variante, dem Unternehmerbedürfnis Rechnung zu
tragen, dieses Angebot erst wirklich zu einem machen würde, wohl
wissend, daß sich die Betroffenen sowieso nach dem zu richten ha-
ben, was sie mit den Unternehmern aushandelt:
"Denn je kürzer die Arbeitszeit wird, desto größer wird der
Wunsch der Arbeitnehmer, bei der Lage und Verteilung der Arbeits-
zeit mitbestimmen zu können, die 'Zeitsouveränität' zu erhalten.
Schon die Flexi-Möglichkeiten des Leber-Kompromisses sind... von
den Betrieben akzeptiert worden." (Steinkühler, Handelsblatt,
6.11.)
"Kürzer arbeiten zu sozialen Zeiten... Die Arbeitszeitwünsche
sind äußerst vielfältig. Nicht alle müssen unerfüllt bleiben. Die
35-Stunden-Woche bietet da Chancen... Wahlmöglichkeiten für die
Beschäftigten... Versetzte Arbeitszeiten zum Beispiel... Gleit-
zeit... die 'Wiedergutmachung' von Überstunden in Freizeit... Je-
der merkt es: Soziale Arbeitszeiten und die beabsichtigte Unter-
nehmer-Flexibilisierung sind etwas Grundverschiedenes."
(Gewerkschafter Sonderdruck 11/86).
So kann man den Betroffenen auch beibringen, da es um Arbeits-
zeitverkürzung nicht geht.
"Arbeitszeitverkürzung" '87: Gewerkschaftliche
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Beschäftigungspolitik auf den Begriff gebracht
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Was die "35-Stunden-Woche" angeht, das Firmenschild, unter dem
die IG Metall die Neuregelung der Arbeitszeit in die Verhandlun-
gen einbringt, so hat die von vorneherein den Stellenwert, der
ihr in einem Programm frei verfügbarer Arbeitskraft zukommt: den
einer Bezugsgröße für die Kalkulation, wie lang die intensiv ge-
nutzte Arbeitskraft für den Betrieb taugt. Wenn die gewerkschaft-
lichen Tarifstrategen als Ausgleich für betriebsgerechtes Arbei-
ten einen niedrigeren Durchschnitt fordern, dann setzen sie damit
der Tendenz moderner Arbeitsplatzausfüllung gar nichts entgegen,
sondern machen auch hier daraus bloß ein gewerkschaftliches Ta-
rifprogramm. Es ist längst Kapitalrechnung, da mancher moderne
Arbeitsplatz am Bildschirm der Arbeitszeit Schranken setzt, daß
manche 'Arbeitswoche' in Wechsel- oder Conti-Schicht Extra-Erhol-
zeiten nötig und für den Betrieb lohnend macht. Wenn die Gewerk-
schaft aus diesen Konsequenzen steigender Maschinenauslastung und
Arbeitsintensität ein Arbeitszeitverkürzungsprogramm macht, so
ändert das gar nichts an der Sache, daß bestenfalls um betriebs-
genehme Kompensationsregelungen gestritten wird. Es sagt aber ei-
niges darüber aus, daß sich die Arbeitervertreter und Anwälte ei-
nes humanen Arbeitslebens Arbeitszeitverkürzung nur als unumgäng-
liche Folge betrieblicher Freiheit im Umgang mit den Arbeitskräf-
ten vorstellen können - und als Grundlage für deren Fortschritt.
Entsprechend umstandslos rechnen die 35-Stunden-Wochenkämpfer ja
auch Arbeitszeitverkürzungen in "Produktivitätssteigerungen",
also Leistungsintensivierung um, als sei dies eine natürliche
Qualität der Arbeit.
Zweitens ist dieses Entschädigungsprogramm sowieso dem gesell-
schaftspolitischen Auftrag untergeordnet, dem die Gewerkschaften
mit ihrer Tarifpolitik dienen wollen: der besseren = gerechteren
V e r t e i l u n g d e r A r b e i t. Zum tausendsten Mal
werden die Rechnungen aufgetischt, die davon ausgehen, lohnende
Anwendung von Arbeitskräften sei so etwas wie eine gesamtgesell-
schaftliche Aufteilung eines festen Topfes an Arbeit. So absurd
und unernst gemeint es ist, wenn Überstunden in neue Ar-
beitsplätze, fünf Stunden weniger Arbeit - minus "induziertem
Produktivitätszuwachs von 50%" - in 250.000 weniger Arbeitslose
übersetzt werden, so hart ist der praktische Arbeitsbeschaffungs-
standpunkt, den die IG Metall als Vorreiter mit diesen Rechnungen
bebildert: Bessere Betriebsnutzung ist der einzige Weg zu mehr
Beschäftigung. Wer Arbeitsplätze sagt und wie die Gewerkschaft
auf seine Fahnen schreibt, der akzeptiert auch, daß sie nur nach
den Geschäftsgrundsätzen des Kapitals zustandekommen. Also gilt
es die auch zu erfüllen, ehe man an sie den Anspruch knüpfen
kann, der geschäftliche Erfolg solle sich in Beschäftigung nie-
derschlagen. Die Arbeitsplaner der Gewerkschaft beherrschen diese
Logik lässig, daß nur die bessere und billigere Anwendung der Ar-
beitskraft, also die Ersparung an Arbeitskräften, zu neuer Be-
schäftigung führt. Sie setzen gar nicht auf Arbeitszeitverkür-
zung, sondern auf die heilsamen Wirkungen der Flexibilisierung,
die sie mit dem gewerkschaftlichen Ideal versehen, der Standpunkt
der Mehrbeschäftigung möge doch in der Durchschnittsrechengröße
und den Überstundenregelungen anerkannt werden.
Wenn die Metallgewerkschaft den 24-Stunden-Tag und die Sieben-
Tage-Woche bei Siemens als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme interpre-
tiert, wenn Samstagsschichten bei VW und ihre spätere Freizeit-
verrechnung 4000 Arbeitsplätze geschaffen haben sollen, dann
kommt das der Sache schon näher, wie sie auch von der fort-
schrittlichsten Kraft im Lande gesehen wird: Wenn die Betriebsan-
lagen länger und intensiver genutzt werden und sich entsprechen-
der geschäftlicher Erfolg einstellt, dann werden unter diesen ka-
pitaldienlichen Bedingungen auch Arbeiter zusätzlich angewendet.
So macht sich die Arbeitervertretung mit ihrem tarifpolitischen
Beschäftigungsprogramm zum Agenten des Gesetzes, daß mit dem
Wachstum des Kapitals immer mehr Kapital immer weniger Arbeits-
kräfte anwendet, Mehrarbeit ohne mehr Arbeiter mobilisiert wird.
Sie setzt darauf, daß die Ausweitung unter diesen Umständen zu-
sätzliche Arbeitskräfte benötigt und fügt ihren entsprechenden
Angeboten das in Rahmenforderungen eingekleidete Drängen hinzu,
Neueinstellungen vorzunehmen. Dafür dürfen alle intensiver und zu
allen möglichen Zeiten arbeiten.
Der Lohn: Wieder mal eine solidarische Lohnsenkung
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Nach derselben Logik nimmt sich die IG Metall der anderen Seite
des Lohnverhältnisses an - der Lohnsumme. Es ist ihr selbstver-
ständlich, daß Arbeitszeit Kost ist, die beim Lohn nicht mehr zu
verteilen geht.
Zielstrebig führt sie die 1984 getrennten Termine der Tarifver-
handlungen über Arbeitszeit und Arbeitslohn wieder zusammen, so
daß sich die Lohnforderungen diesmal gleich daran bemessen, wie-
weit ein Lohnausgleich für die neuen Arbeitszeitregelungen er-
reichbar ist. Einerseits kennt sie den Lohn also nur als Entschä-
digung für kapitalistischen Umgang mit Arbeitskraft. Andererseits
hält sie ihn für im Prinzip so ausgezeichnet - die Kostenbela-
stung der Unternehmer umgekehrt für so unerträglich -, daß sie
den Arbeitern ohne weiteres ein Lohnopfer für die rechnerisch er-
sparte Arbeitszeit zumuten zu können und zu müssen meint. Auch
hier taugt die Vorstellung von einem festen - möglichst gerecht,
und das heißt 'beschäftigungswirksam' zu verteilenden Topf einzig
dafür und wird auch nur dafür bemüht, den Unternehmern Kosten für
Arbeit zu ersparen, sie also lohnender zu machen, auf daß sich
das in Arbeitsplätzen niederschlage. Das sind für Gewerkschafter
eben die unumgänglichen Solidaropfer und Vorleistungen, damit das
Kapital seinen gesellschaftlichen Dienst versehen und zu ihm an-
gehalten werden kann.
Für Tarifstreit ist genügend gesorgt. Schließlich geht es neben
der abweichenden Lesart der ehernen Grundsätze lohnender Beschäf-
tigung ja auch noch darum, gewerkschaftliche Erfolge vorzuweisen.
Da muß nicht nur der Ansehensverlust durch die Neue Heimat bewäl-
tigt, sondern auch die Lehre aus dem Arbeitskampf '84 gezogen
werden. Ob man sich durch demonstratives Einvernehmen mit den Un-
ternehmern wie die IG Chemie oder in der Manier einer kämpferi-
schen Gewerkschaft wie die IGMetall besser als Mitgestalter der
Arbeitswelt in Szene setzt - das gehört da zu den feinen, aber
für Gewerkschaftsfunktionäre entscheidenden Unterschieden. Eins
steht allerdings für alle fest. Den "Gewerkschaften bläst der
Wind ins Gesicht". Dementsprechend sieht die Planung der IG Me-
tall aus.
Ein Streikersatzprogramm
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soll nach dem Ende der Friedenspflicht und vor einer eventuellen
Urabstimmung über die Bühne gehen. Letztere, in der über Streik
abgestimmt wird, möchte man nämlich am liebsten erst gar nicht
stattfinden lassen. "Massenhafte Warnstreiks", Demonstrationen
während der Arbeitszeit, "zweitägige Symbolstreiks" - oder was
die Phantasie gewerkschaftlicher Tariftaktiker sonst noch erfin-
det - fungieren ausdrücklich nicht als Drohung, zu härteren Mit-
teln zu greifen. Gleichzeitig möchte man mit einem öffentlich-
keitswirksamen Tamtam (dazu gehört auch, daß die Mitglieder per
gedrucktem Kalender aufgefordert werden, mit irgendwelchen Akti-
vitäten, die im Kalender stehen, "Druck" vorzutäuschen) die mora-
lische Berechtigung, die gewerkschaftliche Macht ausdrücken und
an die Arbeitgeber das Signal geben, sie möchten doch bitteschön
die IG-Metall nicht dazu zwingen, einen Arbeitskampf ausfechten
zu müssen.
"Die Demonstration unserer Kampfbereitschaft und der sich ständig
steigernde Druck in den Betrieben - das sind auch in den kommen-
den Monaten die besten Garanten dafür, den Streik nur als letztes
Mittel einsetzen zu müssen. Damit wir nach Möglichkeit auch ohne
Arbeitskampf zu unsrem Ziel kommen: der 35-Stunden-Woche mit
vollem Lohnausgleich. Für alle." (Hans Janßen auf dem Gewerk-
schaftstag der IG-Metall)
Das ist nicht viel mehr als die bekannte Tour bei Politikern, die
einfach mehrmals betonen, daß sie ("um jede Stimme") kämpfen wer-
den, damit Öffentlichkeit und Wähler dieses mitbekommen. Der ein-
zige Unterschied liegt darin, daß dafür die Basis der Gewerk-
schaft ein bißchen - symbolische Beweglichkeit zeigen soll, vor
allem aber darin, daß dieser ohnmächtige "Druck", der in die Ab-
teilung public relations gehört, ein einziges Friedensangebot an
die Arbeitgeberseite darstellt. Die Gewerkschaft, die von dem Pa-
ragr. 116 schwer beeindruckt ist, weil sie von ihrer Streiktaktik
nicht abgehen will, hat sich durch die Angriffe der Regierung auf
sie in Sachen Neue Heimat in die Defensive bringen lassen. Weil
sie sich in ihrer politischen Rolle als sozialer Mitgestalter der
Republik sehr getroffen fühlt, gibt sie sich für die nächste Ta-
rifrunde kämpferisch und meint damit das glatte Gegenteil von
Druck.
Es hängt aber nicht von ihr ab, ob die Rechnung auf eine Verhand-
lungslösung ohne Streik aufgeht, sondern von der Arbeitgeber-
seite. Wenn die nämlich das angeschlagene Ansehen der Gewerk-
schaft ausreizt, kommt es womöglich doch zu einem Arbeitskampf,
weil die Gewerkschaft zu der Einschätzung kommt, nur so ihr Ge-
sicht wahren zu können. In diesen politmethodischen Höhen denken
Gewerkschaftsstrategen, wenn sie die Sonne der 35-Stunden-Woche
anpreisen.
Wenn Streik, dann gegen die kalte Aussperrung und den Paragr. 116
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Kommt es aus dem absurden Grunde zu einem Streik, daß die Gewerk-
schaft gern verhindern möchte, schlecht dazustehen, so besteht
für diesen Fall der aberwitzige Plan der IG Metall darin, den Un-
ternehmern ihre Begründung für die sogenannte "kalte Aussperrung"
nehmen zu wollen. Da die IG Metall nicht im Entferntesten daran
denkt, mit einer Schädigung der Wirtschaft die Unternehmer zu Zu-
geständnissen zu zwingen, sondern antritt zu demonstrativen Ar-
beitskämpfen, die zugleich Streikkasse und Wirtschaft schonen,
bekommt die Ausweitung der Aussperrung über die bestreikten Ge-
biete hinaus ihre Wucht. Sie schafft massenhaft Opfer, Arbeitneh-
mer, die ohne Geld dastehen, weil mit dem Paragr. 116 die Bundes-
anstalt für Arbeit kein Kurzarbeitergeld mehr zahlt, und die Ar-
beitnehmervertretung partout nicht zahlen will. So ist innerge-
werkschaftlich die Idee "Betriebsbesetzung" aufgekommen und vom
Vorstand abgelehnt worden, weil man nicht mit der Polizei in Kon-
flikt kommen will - und nicht etwa, weil der Inhalt dieser Idee
auf Kritik gestoßen wäre. Darin sind sich nämlich die maßgebli-
chen Gewerkschafter einig, daß ein gewerkschaftliches Druckmittel
darin besteht, den Unternehmern betriebliche Argumente für Aus-
sperrung zu nehmen oder auch nur "kalte Aussperrung" als unrecht-
mäßig hinzustellen.
"...ist unser Problem nicht, wie wir es schaffen, Produktion
lahmzulegen, sondern wie wir uns gegen ungerechtfertigte Pro-
duktionseinstellungen wehren. Die Organisation kann" (sie will
nicht) "im Bereich kalter Aussperrung außerhalb umkämpfter
Tarifgebiete keine Unterstützungsleistungen gewähren. Und das
Arbeitsamt soll nach dem neuen Recht nicht mehr zahlen. Und dafür
bieten Betriebsbesetzungen keine Lösung. Mit der Besetzung eines
Betriebs gibt es keinen Pfennig Geld für die Betroffenen - nicht
vom Arbeitsamt und erst recht nicht vom Arbeitgeber." (Hans Mayr
auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall)
Die gewerkschaftliche Streiktaktik macht Ernst mit der Verrückt-
heit, daß in dem einen Gebiet die Metaller ihre Arbeit niederle-
gen, während sie in einem anderen extra ihre Arbeitswilligkeit
zeigen, ja besonders zulangen sollen, damit die Arbeitgeber kei-
nen Anlaß fänden, die Produktion einzustellen.
"Es wurden betriebliche Beispiele dargestellt zur Minimierung der
kalten Aussperrung, darunter das Vorziehen von Aufträgen auf An-
trag des Betriebsrates und damit die Vorratsproduktion als Alter-
native zur Betriebseinschränkung oder -stillegung." (derselbe)
Bei einem solchen Tarifstreit ist der Gegensatz von Kapital und
Arbeit zweifelsohne in guten Händen.
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Eine einfache Rechnung
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"Bei VW in Kassel/Baunatal wurden allein 7000 Arbeitslose nur
deswegen eingestellt, weil täglich 700 Werksangehörige ihre Über-
stunden abbummeln und somit 'ersetzt' werden müssen... 'Obwohl es
am Anfang gar nicht so einfach war', erinnert sich Betriebsrats-
mitglied Willi Dilchert, 'unsere Kollegen zum Verzicht auf Über-
stunden zu bewegen; einige Kollegen haben auf bis zu 300 DM mo-
natlich verzichten müssen.'
Der IG-Metall-Betriebsrat hat nicht einfach ja und amen gesagt,
als die Firmenleitung im Frühjahr dieses Jahres mit Anträgen für
Samstagsarbeit kam... Mit einem Appell an alle Gewerkschafter
rechnet Metaller Dilchert vor, daß diese Regelung, auf das ganze
Bundesgebiet übertragen, rein rechnerisch bei 1,44 Milliarden
Überstunden etwa 850.000 Arbeitslose weniger bedeuten würde."
Macht wieviel bei 2,3 Millionen Arbeitslosen? Richtig! Nach Adam
Rieses Rechenschieber 3896470000 Überstunden = 487058800 Sams-
tagsschichten a 8 Stunden. Also nichts wie ran an die Bänder, da-
mit die Arbeitslosen endlich von der Straße kommen!
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Die besten Argumente gegen das "freie Wochenende"
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Arbeitsminister Blüm "Wenn die Menschen weniger arbeiten wollen,
müssen die Maschinen länger laufen."
Vorarbeiter Peter Scherr (Siemens Regensburg) "Daß ich oft Sams-
tag und Sonntag im Werk bin, stört mich nicht. In meiner langen
Freizeit kann ich viel besser Einkaufen, Banksachen erledigen,
Besuche machen."
"Bild" "Arbeit nach Wunsch: samstags, sonntags, nachts und gar
nicht"
Katholischer Unternehmerverband "Ein realistisches Bild zeichnet
den heutigen Sonntag als Teil des am Freitag beginnenden Wo-
chenendes mit Hektik und Unruhe, Lärm und Hast...
Ein Entzerren des Wochenendrummels würde für Mensch und Natur ein
großes Verdienst darstellen."
Gesamtmetallpräsident Stumpfe "Ich sehe nicht ein, warum ein
freies Wochenende nicht auch aus einem freien Sonntag und einem
freien Montag bestehen kann."
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Gewerkschaftslogik
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1. Lauter Auswüchse.
"Arbeit soll nicht kaputt machen
Durch die neuen Techniken wird die Arbeit nicht zum Telespiel.
Die Belastungen der Nerven und Sinne haben erschreckend zugenom-
men.
- Bis ins kleinste vorgeschriebene Arbeit: 12,6 Millionen Betrof-
fene
- Arbeit unter Lärm: 12,3 Millionen Betroffene
- Arbeit in gebückter Körperhaltung: 10,8 Millionen Betroffene
- Lasten von mehr als 20 kg tragen oder heben: 8,6 Millionen Be-
troffene
- Arbeit in Nässe, Hitze oder Zugluft: 10,8 Millionen Betroffene
- Nacht- oder Schichtarbeit: 5,5 Millionen Betroffene
- Arbeit in Staub, Rauch, Gasen oder Dämpfen: 9 Millionen Betrof-
fene
Jeder zweite Arbeiter muß heute als Frühinvalide seinen Arbeits-
platz verlassen."
2. Weil Gewerkschaft und Betriebsräte schon immer flexibel sind
"Zu starr sei die Arbeitszeit von heute, sagen die Unternehmer...
das sind die Tatsachen: Flexibel geht es schon heute zu. Oft mehr
als uns lieb ist. Oder wie starr sind Schichtarbeit, Kurzarbeit,
Mehrarbeit, Gleitzeit, versetzte Arbeitszeiten, die Doppel- und
Dreifachwoche?"
3. Also muß man die Angelegenheit den starren Unternehmern
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aus der Hand nehmen
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"Steinkühler sagte, der Begriff der Flexi-Arbeit sei 1984 von den
Arbeitgebern erfunden, jedoch nie mit Inhalten ausgefüllt worden.
Das täte nun die IG Metall, wobei sie selbstverständlich nicht
die Interessen der Arbeitgeber vertrete."
4. So daß die Auswüchse noch normaler werden
"Steinkühler: 'Hier ist überhaupt nichts festzementiert. Natür-
lich kann man durch Mehrarbeit auch über die effektive 40-Stun-
den-Woche hinausgehen, wenn es dafür betriebswirtschaftliche
Zwänge gibt. Auch ist natürlich bei solchen Modellen die Kombina-
tion mit Gleitzeit und Teilzeitarbeit möglich. Die Zeitsouveräni-
tät der Arbeitnehmer lasse sich bei einiger Phantasie vereinbaren
mit einer Verlängerung der betrieblichen Nutzungszeiten."
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Ein gewerkschaftlicher Kalender-"Druck",
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von dem sich die Unternehmer nicht wieder erholen werden
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"Aktionsfahrplan
12.-15. Dezember DGB-Veranstaltungen zum Thema Arbeitszeit
5.-10. Januar Veranstaltungen mit den Bundestagsabgeordneten be-
suchen
25.Januar Bundestagswahl!!!
1.-3. Februar Info-Material verteilen
19.-28. Februar In den Betrieben läuft die Aktion 'Unternehmer
auf dem Prüfstand' (Vertrauensmann, Betriebsrat fragen)
9.-11. März Unternehmer auf dem Prüfstand
16.-17.März Info-Material verteilen
23.-24. März Betriebliche Aktionen
1.- 2. April Info-Material verteilen
10.-12. April Über eine Oster-Aktion nachdenken
27.-30. April Betriebliche Aktionen, Info-Material verteilen
1.-4.Mai An Demos für Arbeitszeitverkürzung beteiligen
8.-18. Mai Neuen Aktionskalender entwickeln, wenn die Arbeitgeber
bis dahin noch keinen vernünftigen Kompromiß auf den Tisch gelegt
haben."
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Gewerkschaftliche (Selbst-)Kritik: Wer hat denn das 'erkämpft'?
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