Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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DGB vereinbart mit Arbeitgebern eine neue Tarif-Ostzone
DER ANSCHLUSS BEIM LOHN
Als die Bonner Regierung im Zuge der Währungsunion die DDR-Löhne
1:1 umstellte, da lautete der gewerkschaftliche Kommentar: "Die
DDR darf kein Billiglohnland werden!" Großspurig beruhigten da-
mals Graf Lambsdorff und Bundesbankpräsident Pöhl: "Nach dem 1.
Juli geht's bergauf. Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft,
wo der Lohn nicht einfach von oben festgesetzt wird, sondern frei
zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, den Gewerk-
schaften, ausgehandelt wird." Der 1. 7. sollte der Stichtag fürs
Loslegen sein.
Jetzt legt die Gewerkschaft los. Der DGB hat mit den Arbeitgebern
einen Pakt geschlossen, in dem er die am 1. Juli festgesetzten
Mickerlöhne unterschreibt. Gemeinsam diktieren die Tarifver-
tragsparteien den Lohnempfängern drüben so ungefähr ein Drittel
des Tariflohns der Arbeiter und Angestellten in Westdeutschland.
Das "einig Vaterland" hat eine Zone: Der Pakt hängt den Arbeitern
drüben als lohnmindernden Umstand an, daß sie mal Zonis waren.
*
Ein Billiglohn soll nötig sein zur "Überwindung der wirtschaftli-
chen Schwierigkeiten" in der ehemaligen DDR. Dabei geht aus die-
sen "Schwierigkeiten" eines eindeutig hervor: Mit dem Lohn können
sie gar nichts zu tun haben. Die Löhne s i n d doch niedrig,
und d a b e i gehen die DDR-Betriebe den Bach runter. Die
Gründe müssen also woanders liegen - und es ist auch kein Geheim-
nis, wo: Im Konkurrenzkampf auf dem westdeutschen Markt, der sich
nach Osten ausdehnt, kriegen die alten VEBs erst gar keine
Chance.
*
Es sei denn, ein westdeutscher Kapitalist nimmt einen ehemaligen
VEB in sein Produktionsprogramm auf. Aber dann stimmt doch erst
recht nichts an dem Standpunkt, mangels Produktivität
k ö n n t e n ehemalige DDR-Betriebe keine westdeutschen Löhne
zahlen. Warum denn nicht, wenn doch westdeutsches Kapital mit
seinen Mitteln und Konkurrenztechniken nach drüben geht.
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Der Grund für die Tariflöhne zweiter Klasse ist kein Sachzwang,
sondern das Interesse der Unternehmer. Die kalkulieren so: Wenn
es schon so billig ist, in der Zone Profite zu machen, dann soll
das auch so bleiben. Deshalb sagt Arbeitgeberpräsident Murmann:
"Keine tarifvertraglichen Vorgriffe auf Produktivitätssteigerun-
gen." So drückt der Mann das Unternehmerinteresse wie einen Sach-
zwang aus.
*
Hier schaltet sich nun die Gewerkschaft ein. Der Sachwalter der
Arbeitnehmerinteressen hat sich schon immer aufs Unterscheiden
verstanden. Er hat es schon immer für unbedingt nötig gehalten,
verschiedene Arbeiter unterschiedlich zu bezahlen - je nach dem,
was die Unternehmer bloß zahlen wollen. Deshalb leuchtet der Ge-
werkschaft auch das Unternehmerinteresse nach billigen Zonis voll
ein. Sie unterschreibt eine nationale Lohndifferenzierung in ganz
großem Stil. Probleme sieht Kollege Meyer, DGB-Vorsitzender, nur
in einer Hinsicht voraus: "Tarifpolitisch wird es etwas schwie-
riger werden" - wegen der zweierlei Gattungen von Tarifverträgen.
Doch das wird die Gewerkschaft auch noch schaffen.
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Die Gewerkschaft macht wieder mal ein Unternehmerinteresse zur
Tarifrechtslage und die Tarifrechtslage zu einer Frage der Ge-
rechtigkeit. Nämlich nach dem Grundsatz: "Leistung muß wie Lei-
stung bezahlt werden, sagte Meyer". Fragt sich nur: Woher weiß
dieser Mann, daß die Arbeitsleistung der Bewohner der ehemaligen
DDR im Durchschnitt bloß höchstens halb so viel wert ist wie die
eines Tariflöhners West? Hat er ermittelt, daß sie nur halb so
groß ist? Ganz einfach: Er hat eben mitgekriegt, daß es den Un-
ternehmern recht wäre, wenn sie nur ein Drittel vom westdeutschen
Lohn zahlen. Da hat er sich nämlich als guter kämpferischer Ge-
werkschafter gedacht: Die werden schon ihre guten Gründe haben.
Und schon war sie fertig, die gewerkschaftliche Leistungs-
ideologie für die deutsche Ostzone.
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Das schönste Argument dafür, daß ostdeutsche Arbeiter nur Bil-
ligstlöhne verdienen, darauf haben sich Murmann und Meyer auch
noch geeinigt - ist die Entdeckung einer u n g l a u b l i c h
h o h e n "v e r d e c k t e n
A r b e i t s l o s i g k e i t": Alle, die jetzt entlassen wer-
den, weil das Kapital sie nicht will, gelten als Beweis dafür,
daß sie schon längst hätten entlassen werden müssen. Wen küm-
mert's, daß sie j e t z t entlassen werden, weil seit dem An-
schluß ein neues Prinzip herrscht. So wird den Opfern des neuen
Systems, "des eiskalten Wassers der Marktwirtschaft" klargemacht,
daß sie selber der Beweis sind, daß sie es nicht besser verdie-
nen. Sie seien nicht "produktiv". Ihr Pech, ihre Schuld, ihr Ge-
burtsfehler.
Nun könnte man natürlich einwenden, daß es keinen Grund für Bil-
liglöhne mehr gäbe, wenn alle überflüssigen, weil unproduktiven
Arbeiter entlassen sind; oder auch, daß man keine unproduktiven
Arbeiter zu entlassen bräuchte, wenn man sie doch sowieso
"entsprechend" schlecht bezahlt. Aber das ginge natürlich an der
Sache vorbei. Denn in Wirklichkeit ist es ja eher so, daß gerade
die Entlassenen ein Druckmittel in der Lohnfrage sind, das bei
der deutschen Gewerkschaft allemal verfängt. Nach dem Grundsatz:
Je mehr Arbeitslose, desto weniger dürfen die anderen verlangen.
*
Nachdem also alles bestens geregelt ist - die Löhne niedrig, die
verdeckten Arbeitslosen aufgedeckt -, tun DGB und Unternehmerver-
band gemeinsam auch noch etwas für die Arbeitnehmer. Es wird qua-
lifiziert und umgeschult, daß die Schwarte kracht - zumindest
schon mal mit ein paar "nachahmenswerten Beispielen". Das ist
eine echte Bereicherung des ostzonalen Ausbildungswesens, nachdem
die herkömmlichen Schulen der ehemaligen DDR plattgemacht werden.
Außerdem werden so die frisch entdeckten Arbeitslosen gleich wie-
der in so schönen Einrichtungen wie "Beschäftigungsgesellschaf-
ten", "null Stunden Kurzarbeit" und "Qualifizierungsmaßnahmen"
versteckt, wenigstens statistisch. Dort können sie alle in ihrer
Freizeit wenigstens schon mal das eine lernen: die Lüge,
ausgerechnet im Kapitalismus käme es auf ihren persönlichen
Bildungs- und Leistungswillen ganz ungeheuer an. Das macht
nämlich den mündigen Lohnarbeiter aus, daß er sich für alles zu-
ständig erklärt, was das Kapital mit ihm anfängt. Das bringen
Murmann und Meyer den bevormundeten Werktätigen der DDR jetzt
bei.
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