Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Tarifrunde 1989/90:
LOHN STATT FREIZEIT?
FREIZEIT STATT LOHN?
ODER KEINS VON BEIDEN?
Es geht mal wieder um den Lohn. Sogar zum Thema wird er in der
kommenden Tarifrunde gemacht. Das ist neu. Sonst wurde er festge-
legt, ohne daß öffentlich groß über ihn geredet wurde. Die
U n t e r n e h m e r waren zufrieden: Sie hatten Geld gespart.
Die G e w e r k s c h a f t war zufrieden: Sie hatte ohnehin
was anderes vor. Von den L o h n e m p f ä n g e r n war keine
Stellungnahme zu hören.
Jetzt ist (fast) alles anders. Die Tarifrunde fällt in den
B o o m. Die U n t e r n e h m e r bieten an, ausschließlich
über Lohnerhöhungen zu verhandeln. Die G e w e r k-
s c h a f t e n tönen: "Jetzt kommen wir dran." Und denken unter
anderem an eine "kräftige Erhöhung der Löhne und Gehälter". Nur
von den L o h n b e z i e h e r n ist erneut keine Stel-
lungnahme bekannt.
Was heißt das jetzt? Ist endlich die Korrektur der Lohnpolitik
des letzten Jahrzehnts fällig? Wird jetzt zusammen- und abgerech-
net? Kommt jetzt der große "Schluck aus der Pulle"? Korrigiert
die IG Metall, die doch keine "Lohnmaschine" sein will, ihre
Tarifpolitik? Und die Unternehmer? Rührt sich bei denen das
schlechte Gewissen? Wissen die nicht mehr wohin mit den
Überschüssen? Nehmen sie Abstand von ihrer Propaganda, daß die
deutschen Arbeiter verwöhnt seien?
Nichts von alledem!
Keine der beiden Tarifparteien denkt daran, das Einkommen der
Lohnbezieher kräftig aufzubessern, wenn sie vom Lohn reden.
Die Unternehmer...
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1.
Die denken doch nicht im Traum daran, dauerhaft ernstzunehmende
Lohnzuschläge zu zahlen. Dafür wäre wirklich keine Tarifrunde nö-
tig. Das könnten sie einfach so beschließen, ohne jemanden zu
fragen. Solche Lohnkorrekturen würden auch kaum zu ihrer betrieb-
lichen Praxis passen, jede Gelegenheit zur Einsparung bei den
Lohnkosten wahrzunehmen.
2.
Weil Boom ist und weil sie in aller Öffentlichkeit mit ihren
hübschen Gewinnen auch noch angeben, nur deswegen setzen sie von
sich aus den Lohn auf die Tagesordnung. Aber mit welcher Absicht?
Sie möchten möglichst dauerhaft jede Lohnbewegung an ihre
E r t r a g s l a g e knüpfen. Im Boom wollen sie ganz nach ei-
genem Ermessen eventuell ein paar Mark drauflegen, in der Flaute
wollen sie nichts dazutun, aber etwas abziehen dürfen. Sie wollen
also nicht das E i n k o m m e n spürbar a n h e b e n, son-
dern n e u e M a ß s t ä b e f ü r d i e L o h n f e s t-
s e t z u n g durchboxen.
Damit haben sie mit den freiwilligen einmaligen Nachschlägen be-
gonnen. Und das wollen sie in dieser Tarifrunde ausbauen. Das
lassen sie sich schon mal einige Millionen kosten. Sie sind sich
sicher, daß es sich nicht um rausgeworfenes Geld handelt.
3.
Sie wollen durchsetzen, daß bei der Lohnfestsetzung nur e i n
Kriterium zu gelten hat: die Lage ihres Gewinns. Nur von ihrer
G e s c h ä f t s k a l k u l a t i o n soll es in Zukunft
abhängen, was in der Tarifrunde über den Lohn beschlossen wird.
Keine anderen Kriterien sollen gelten. Weder die idiotischen von
der Gewerkschaft, also Kaufkraft, Gerechtigkeit usw. Und schon
gar nicht soll zählen, daß der Lohn immer noch das Einkommen ist,
von dem der Arbeiter sich und seine Familie ernährt.
4.
Warum wollen die Unternehmer dafür eigentlich Tarifrunden anset-
zen und mit der Gewerkschaft verhandeln? Das könnten sie sich
doch wirklich sparen, wenn ohnehin nur noch i h r e Kalkulation
die Lohnhöhe bestimmen soll. Nein, sie möchten, daß die
G e w e r k s c h a f t ihrer Kalkulation jedesmal zustimmt. Sie
möchten von der IG Metall, der für die Löhne der Metaller
zuständigen Organisation, den F r e i b r i e f erhalten, daß
außer ihrer Gewinnkalkulation nichts bei der Festlegung von Ein-
kommen zu zählen hat.
5.
Die Unternehmer führen sich dabei auf, als hätten die Beschäftig-
ten längst ausgesorgt. Als ginge es nur darum, sie gelegentlich
mal etwas am Gewinn schnuppern zu lassen; und zwar dann, wenn es
die Betriebe beschließen. Sie bieten also in dieser Tarifrunde
Lohnerhöhungen nicht etwa deswegen an, weil sie der Auffassung
sind, daß die von ihnen gezahlten Löhne dringend einer Aufbesse-
rung bedürfen. Sondern ganz umgekehrt: Sie bieten ein paar Pro-
zente an, weil sie eine Lohnerhöhung, die wirklich eine ist, für
vollständig ü b e r f l ü s s i g halten.
Da wird die Lohnfestlegung schon entsprechend ausfallen.
Die Gewerkschaften...
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1.
Die sehen das ziemlich ähnlich. Auf die Forderung nach einer
"kräftigen Lohnerhöhung" kommt die IG Metall nicht etwa deswegen,
weil es sie stört, was ihre Lohnverzichtspolitik im letzten Jahr-
zehnt i m P o r t e m o n n a i e d e r
L o h n b e z i e h e r a n g e r i c h t e t hat. Sie kommt
drauf, weil die Unternehmer G e w i n n e machen, daß es
kracht. Also nicht, weil jemand mehr Geld n ö t i g hat, fällt
ihr eine Lohnforderung ein, sondern weil auch ihrer Auffassung
nach, eine solche Erhöhung m ö g l i c h i s t.
2.
Allerdings hat sie nicht gefordert, daß in dieser Runde aus den
Gewinnen der Unternehmen die Verzichte der letzten Jahre
a u s g e g l i c h e n werden müssen. Das wäre wenigstens mal
was gewesen. Da hätte man die bescheuerte Begründung der Gewerk-
schaft glatt übersehen können. Doch darum geht es ihr nicht.
3.
Den von ihr entdeckten "tarifpolitischen Verteilungsspielraum",
den hat sie weitgehend anderweitig verplant. Ganz offen rechnet
sie vor, wieviel Lohnprozente sie sich von den Unternehmern dies-
mal für die letzte Rate der geforderten Wochenarbeitszeitver-
kürzung anrechnen lassen will. Einiges will sie zusätzlich dran-
geben, um ein "freies Wochenende", das es nirgendwo in Deutsch-
land gibt, zu "e r h a l t e n". Und neuerdings gibt es bei ihr
Überlegungen, sich auch für die Beteiligung der Unternehmer an
der gewerkschaftlichen "Qualifizierungsoffensive" ein paar Lohn-
prozente "abhandeln" zu lassen. Da bleibt nicht viel übrig.
4.
Die Arbeitszeitverkürzung, die in 5 Jahren außer Lohneinbußen und
Fleximodellen nichts gebracht hat, und die Verteidigung des
längst von den Betrieben eingeplanten "freien Wochenendes" stehen
also bei der Gewerkschaft in K o n k u r r e n z zur Lohn-
forderung. Daß man der Ertragslage der Unternehmen n i c h t
b e i d e s zumuten kann, das leuchtet der IG Metall schwer ein.
Und so entscheidet sie sich in der von ihr erfundenen Alternative
zwischen dem Einkommen der Leute und einer Arbeitszeitverkürzung
g e g e n den Lohn. Alles, was der "Verteilungsspielraum" her-
gibt, in eine L o h n forderung zu packen, das ergäbe außerdem -
wie Steinkühler ausgeplaudert hat - "eine v i e l z u h o h e
Forderung". Zu hoch für wen eigentlich?
5.
"Jetzt kommen w i r dran", sagt die IG Metall und meint das
auch so. Ihre Forderungen leitet sie nämlich nicht aus den Geld-
sorgen ihrer Mitglieder ab. Erst kommt das Aufpolieren des
Gewerkschaftsrenommees dran. Das macht sie, indem sie demonstra-
tiv unterscheidet zwischen einer "sozialpolitischen Verantwor-
tung" für den Arbeitsmarkt, zu der sie sich bekennt, und der
Lohnfrage. Klar, daß da das hohe Gut "Arbeitsmarkt" Vorrang hat
vor den bloß materiellen Anliegen von Lohnarbeitern.
6.
Der entdeckte "Verteilungsspielraum" ist also der Gewerkschaft
viel zu kostbar, als daß er für Löhne und Gehälter ausgegeben
werden dürfte. Löhne geben die Leute doch nur wieder aus und dann
auch noch ausschließlich für ihre ganz p r i v a t e n Be-
dürfnisse! Dafür baut die Öffentlichkeit der Gewerkschaft kein
Denkmal. Also gibt's das Thema 'Lohn' von der Gewerkschaft aus
nur deshalb, weil sie g e g e n ein Unternehmer a n g e b o t
nun wirklich keine "Nullrunde" durchsetzen kann. Das wäre blama-
bel. Vor allem, wo sie ständig damit angibt, daß der ganze Boom
überhaupt nur ihrer "maßvollen Tarifpolitik" zu verdanken ist. Es
wäre doch fürchterlich u n g e r e c h t, wenn diejenigen, die
- der Gewerkschaft sei Lob&Preis! - den Boom der Unternehmer mit
Arbeit und Lohnzurückhaltung bewerkstelligt haben, e r n e u t
v ö l l i g l e e r ausgehen würden!
Die Tarifrunde wird also entsprechend ausfallen:
Weder Lohn statt Freizeit. Noch Freizeit statt Lohn.
Nichts, was den Namen Lohnerhöhung oder Freizeitverlängerung ver-
dienen würde!
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