Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Metall-Tarifrunde '90
KEINESWEGS MEHR LOHN FÜR MEHR FREIZEIT
Die "härteste Tarifauseinandersetzung" seit Jahren tobt, in der
Öffentlichkeit, schriftlich und mündlich. Den Streitinhalt kann
man der Unternehmeragitation entnehmen, die seit Wochen in allen
westdeutschen Großstädten von den Plakatwänden prangt. (Wobei man
wieder einmal sehen kann, daß für die Burschen Geld keine Rolle
spielt, wenn es darum geht, bei ihren "Arbeitnehmern" Geld zu
sparen!)
"Jetzt kürzer arbeiten - der falsche Weg.
'Lieber mehr Lohn als mehr Freizeit.'
die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie"
Also: Lieber reich und krank als arm und gesund - oder wie? Oder
ist nur gemeint: Lieber Lohn und Freizeit nach freiem Ermessen
des Unternehmers als Freizeit und Lohn nach gewerkschaftlicher
Hochrechnung?
Originell an der Kapitalisten-Reklame sind nicht einmal die dum-
men Sprüche: Es war schließlich die Gewerkschaft selbst, wie im-
mer an vorderster Front die IG Metall, von der der famose Einfall
stammt, die L o h n f r a g e auseinanderzudividieren in
G e l d und A r b e i t s z e i t. Damit war ein offenherziges
Angebot an die Unternehmer auf dem Tisch, das eine gegen das an-
dere aufzurechnen, d. h. auszuspielen. Unsere Gewerkschaften ste-
hen so fest auf dem Standpunkt, daß man die Gewinne der Un-
ternehmer nicht strapazieren darf, daß sie folgende naheliegende
Fragen einfach für abwegig halten: Braucht man etwa weniger Geld
zum Leben deswegen, weil man im Jahresdurchschnitt pro Woche ein
paar Stunden weniger arbeiten muß? Oder andersherum: Was nützen
einem Arbeiter ein paar Mark mehr im Monat dagegen, daß die von
den Betrieben immer "flexibler" ausgenutzte Arbeitszeit ihn ver-
stärkt her- und mitnimmt?
Überhaupt: die Nutzenfrage! "Noch kürzer arbeiten - wem nützt
das?", fragen 7 ziemlich unbeschäftigte aussehende Belegschafts-
mitglieder von einem Plakat herunter. Na, wem wohl?!
Die abgebildeten Werbeagenturangestellten entschließen sich al-
lerdings nicht zu einer so einfachen Antwort. Sie behaupten statt
dessen: "Wir haben jetzt schon alle Hände voll zu tun." Der "wir"
sind genaugenommen "Die Unternehmer der Metall- und Elektro-
industrie". Und mit "alle Hände voll zu tun" meinen sie ihre
vollen Auftragsbücher. Fast hätte man sich's gedacht: Kürzer ar-
beiten nützt dem Profit nicht so übermäßig. Das verkünden aber
nicht nur die Unternehmer selbst; sie lassen es ihre Lohnarbeiter
verkünden.
Und das findet das lohnarbeitende Publikum ganz in Ordnung. Es
ist diese Betrachtungsweise anscheinend gewohnt.
Es sind doch gerade die Volkswirtschaftsgelehrten aus den ge-
werkschaftlichen Führungsriegen, die seit je Tarifforderungen aus
den Aufgaben, Sorgen und Problemen "unserer" "Wirtschaft" ab-
leiten und öffentlichkeitswirksam "begründen". Auf dem Feld sind
die Arbeitgeber natürlich noch besser. Schließlich sind sie "die
Wirtschaft". Gegen den simplen Trick mit dem "wir", das Unter-
nehmer und Arbeiter in einen Topf steckt, kann der IG Metall gar
nichts einfallen, weil sie sich selbst überhaupt nichts Schöneres
vorstellen kann, als ein ganz riesengroßes "wir": das komplette
Menschenmaterial der Bundesrepublik, voll eingespannt, um in der
internationalen Konkurrenz dem BRD-Kapital die Nase vorn zu si-
chern. Sowas sichert "langfristig" "Arbeitsplätze".
Deshalb ist es kein Wunder, daß sich Franz Steinkühler auf der
Zentralen Aktionskonferenz der IGM-Funktionäre am 3. März in
Frankfurt die "Forderungen" der Kollegen auf den Plakaten der Me-
tall- und Elektroindustriekapitalisten zu Herzen genommen und
konstruktiv umgesetzt hat.
"Wir bestehen nicht auf dem Inkrafttreten der 35-Stunden-Woche
zum 1. April 1990."
Und in konsequenter Befolgung der Unternehmerparole vom "Jetzt
kürzer arbeiten - der falsche Weg!":
"Die Einkommensverbesserungen müssen so hoch sein, daß sie eine
Verschiebung der vereinbarten Arbeitszeitverkürzung ausgleichen.
Sie müssen um so höher sein, je später die 35-Stunden-Woche in
Kraft tritt." (Süddeutsche Zeitung, 5.3.)
Gekonnt, wie es Steinkühler hinkriegt, daß die Jahrhundertforde-
rung eine zentrale Forderung der IG Metall bleibt, ohne damit die
Unternehmen zu drängeln. So spitzt sich der "Großkonflikt" auf
zwei äußerst spannende Fragen zu:
1. Taucht im Tarifvertrag die 3 5 - S t u n d e n - W o c h e
explizit für irgendwann nach 1993 auf, oder erzwingt die IGM von
den Unternehmern die Zusage, noch vor 1993 über die 35-Stunden-
Woche erneut zu v e r h a n d e l n, oder darf ein bißchen Ar-
beitszeitverkürzung sogar schon 1992 beginnen?
2. Wieviel Zehntelpunkte hinter der 5 vor dem Komma sind 1990
"lieber mehr Lohn als mehr Freizeit"? Kommen vielleicht sogar
runde 6% mehr heraus?
Mann, wird das spannend!
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