Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Steinkühler prophezeit:
"MORD UND TOTSCHLAG IN DER NÄCHSTEN TARIFRUNDE"
"Die IG Metall verabschiedet ein Aktions- und Arbeitsprogramm zur
Durchsetzung der 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich."
"Steinkühler fordert die Mitglieder auf, sich auf einen Streik
einzustellen."
"Metallarbeitgeberpräsident Stumpfe nennt die Kampfaufrufe einen
beispiellosen Vorgang, die den Unternehmen angesichts des bevor-
stehenden EG-Binnenmarkts schadeten."
Wenn man die Schlagzeilen der letzten Tage liest, könnte man mei-
nen, die Tarifrunde sei in vollem Gange. Es ist aber keine. Die
IG Metall hat sich die 37-Stunden-Woche 1987 mit einem auf drei
Jahre festgeschriebenen Verzicht auf Lohnerhöhung und einer Fle-
xibilisierung der Arbeitszeit abkaufen lassen. Inzwischen liegt
selbst die amtliche Inflationsrate weit über dem damals verein-
barten "Lohnausgleich", und die Ableistung der 37 Stunden an al-
len sieben Tagen der Woche ist fast schon zur Normalität gewor-
den. Arbeiter hätten also allen Grund, diese Nachteile zu korri-
gieren. Der DGB sieht das aber weder heute noch für die Ta-
rifrunde 1990 so und widerlegt damit alle, die meinen, eine Ge-
werkschaft sei zur Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter
da und nicht zur Sicherung des sozialen Friedens.
Schon die Möglichkeit einer Auseinandersetzung ist der Gewerk-
schaft ein Greuel. Um so größer das Getöse, mit dem sich Stein-
kühler und seine IG Metall zur Zeit ins Gespräch bringen, auch
wenn noch ein Jahr bis zur nächsten Tarifrunde ist. Daß sie da
auch nichts herausholen will, weil die Arbeitgeber so stur sind,
vermeldet die öffentliche Gewerkschaftspropaganda im Stile einer
Kriegsberichterstattung: "Die Fronten verhärten sich." "Starre
Fronten zwischen IG Metall und Arbeitgebern." "Schwere Gefechts-
lage bei Tarifrunde 1990." Jeder weiß, daß dieses großspurige Ge-
schwätz die Auseinandersetzung um den Lohn ersetzen soll. Obwohl
noch gar keine konkreten Forderungen der Gewerkschaft vorliegen,
droht Steinkühler mit einem Streik und sagt gleich dazu, daß er
ihn nicht machen will: "Die IG Metall will keinen Arbeitskampf,
aber gerade deshalb werden wir uns intensiv darauf vorbereiten."
Wozu aber dann der ganze Zinnober? Steinkühler hat alle Lohnsen-
kungsforderungen der Arbeitgeber für die nächste Tarifrunde von
wegen EG-Binnenmarkt, Standort Bundesrepublik, Qualifikation usw.
als Sachzwänge akzeptiert. Keine Frage: Wenn die Gewerkschaft ein
Jahr vor der Tarifrunde so viel von drohendem Arbeitskampf redet,
dann will sie nicht ihre Mitglieder auf einen Kampf um Lohn vor-
bereiten, sondern der Arbeitgeberseite kundtun, daß der Gewerk-
schaft nichts unangenehmer wäre als eine Konfrontation mit den
Unternehmern, die auf Streik hinausliefe. Die Rede vom drohenden
Arbeitskampf ist der Appell an die Unternehmer, tarifvertragliche
Regelungen anzubieten, mit denen die Gewerkschaft leben kann.
Zum Beweis, daß nicht s i e die Störer des Arbeitsfriedens
sind, erfinden die Gewerkschaften lauter saudumme Argumente,
warum Streik heutzutage weder wünschenswert noch machbar ist:
Erstens wären "Gewerkschaften nicht gut beraten, wenn sie es als
langfristiges strategisches Ziel ansehen, Produktionen stillzule-
gen." Das könnte ja der deutschen Wirtschaft schaden, wenn Arbei-
ter Produktionsstillegungen als ihr kurz-, mittel- und langfri-
stiges M i t t e l ansehen würden, um rücksichtslos ihre
I n t e r e s s e n durchzusetzen.
Zweitens geht Streik heutzutage kaum mehr: Angesichts der
"elektronischen Steuerung von Produktionsabläufen" würden die Ar-
beitgeber "in zunehmendem Maße streikresistent", weswegen "der
Streik als Waffe der Arbeitnehmer geradezu grundsätzlich in Frage
gestellt sei". Fragt sich nur, warum die Arbeiter in Steinkühlers
eingebildeten vollautomatischen Fabriken eigentlich noch rum-
laufen, wenn dort die Kapitalisten selber auf die Knöpfchen drüc-
ken.
Drittens, meint Steinkühler, daß Streiks nur dazu da wären, Pro-
bleme des Arbeitgeberverbandes zu lösen, wofür er sich als alter
Klassenkämpfer keinesfalls hergeben will:
"Das stärkt die Scharfmacher im Arbeitgeberlager und steigert die
Versuchung für Gesamtmetall, die eigenen innerverbandlichen Pro-
bleme dadurch zu lösen, daß der IG Metall eine neuerliche Kraft-
probe aufgezwungen wird."
Und viertens wirft die IG Metall ihr Geld doch nicht für die
Streikunterstützung ihrer Mitglieder zum Fenster raus, seit das
Arbeitsamt aufgrund des geänderten § 116 ihre Schwerpunktstreiks
nicht mehr finanziert:
"Es würde ein böses Erwachen geben," (fragt sich nur für wen!)
"wenn Arbeitnehmer durch die neue Vorschrift in existentielle Not
geraten - weil sie weder Geld aus der Streikkasse noch vom Ar-
beitsamt erhalten. Die Gewerkschaft ist nicht in der Lage, dies
aufzufangen. Ich weiß nicht, was diese Menschen dann alles an-
stellen... Was aber werden sie tun, wenn sie vergeblich das Ge-
werkschaftshaus gestürmt und im Tresor nichts gefunden haben,"
Daß sie der Gewerkschaft eine aufs Dach geben, daran denkt Stein-
kühler nur, um mit wildgewordenen Streikopfern, die die Gewerk-
schaft nicht mehr unter Kontrolle halten kann, zu drohen. So
denkt einer, der sich die Rolle der IG Metall als Stifter des so-
zialen Friedens als Leistung anrechnen lassen will.
Deshalb verwechselt auch niemand das "Aktionsprogramm" und die
Streikdrohungen für das nächste Jahr mit einem ernstgemeinten
Kampf für Arbeiterinteressen. Für Steinkühler war der Tarifkampf
ohnehin schon immer sowas wie eine Diskussionsrunde, bei der man
sich um die Tagesordnung streitet:
"Zum dritten Male steht die 35-Stunden-Woche auf der Tagesord-
nung. Sie kann nicht vertagt werden."
Wofür wurde denn bei den letzten beiden Malen gekämpft und ge-
streikt? Für die Beibehaltung der Tagesordnung im Jahre 1990? Das
kann ja eine lustige Tarifrunde werden.
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