Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Das Ergebnis der Metalltarifrunde 1990:
       

EIN BILLIGHEIMER BEIM LOHN, EINE ARBEITSZEITVERKÜRZUNG, DIE KEINE IST - - UND ALLE SIND STURZZUFRIEDEN

Ein paar Tage vorher waren die Tarifparteien noch sooo weit aus- einander wie nie, stand unheimlich viel auf dem Spiel, drohte der "härteste Arbeitskampf in der Geschichte der BRD". Dann hatten sie sich über Nacht geeinigt, und beide waren demonstrativ glück- lich. Und herausgekommen war justament das, was seit Monaten schon jeder irgendwie wußte: eine Lohnerhöhung von 6% und eine Einführung der 35-Stunden-Woche, die sich den Ehrentitel 'Jahrhundertforderung' redlich verdient. Beide, so hört man, haben damit "ihr Gesicht gewahrt und das ohne Arbeitskampf". Schön für die Visagen von Gesamtmetall und von der IGM. Und sonst? Ein "klassischer Tarifkompromiß" ist zu- standegekommen, der beide Seiten zufriedenstellt. Und - darf man mal wissen, was sie jeweils so zufriedenstellt? Die Zufriedenheit der Unternehmer: ---------------------------------- Freies Schalten und Walten der Herren über Arbeitszeit und Lohn Mit dieser Position ging Gesamtmetall in die Tarifrunde - und aus ihr auch wieder heraus: "Streiten wir uns heute nicht um kürzere Arbeitszeit. Einigen wir uns friedlich auf mehr Lohn und Gehalt". Also: 1. "Mehr Lohn und Gehalt", denn die sind dieses Jahr drin. Sagen die Herren Arbeitgeber. Mit dem Sprüchlein von der "Verteilungsmasse", die sowas möglich macht, haben sie klarge- stellt, wie das in bundesdeutschen Metallbetrieben zu laufen hat mit einer Lohnerhöhung. Erstens ist sie eine R e s t g r ö ß e, die dann übrigbleibt, wenn alles, wofür der Lohn für die Unter- nehmer gut ist, als das unbedingte Muß erledigt und abgehakt ist. Sprich: Lohnerhöhungen sind "machbar", weil und insofern der Lohn als Schmiermittel für den Erfolg des Kapitals gewirkt hat. Und das tut er dann, wenn eine möglichst niedrige Bezahlung und eine möglichst hohe Leistung eine gewinnexplosive Mischung eingehen. So war das mit dem "Lohnangebot" gemeint: Die Unternehmer haben freie Hand bei der Lohnfestsetzung - einen anderen Anspruch in Lohnfragen als den ihren lassen sie erst gar nicht gelten. Womit sie - zweitens - bewiesen haben wollten, daß sie es sind, die diesen Bonus dieses Jahr g e w ä h r e n. Wer zahlt, schafft an! Und dann: "Einigen wir uns" doch auf das, was wir anbieten! So daß ihnen auch noch ein kleiner sachdienlicher Hinweis gelun- gen ist, wie das mit der Tarifautonomie gemeint ist: die Unter- schrift des anderen Tarifpartners unter ihr Angebot. Und so ist es ja auch gekommen mit den 6 % und der einmaligen Sonderzahlung. 2. "Streiten wir uns heute nicht um kürzere Arbeitszeit", sondern schreiben sie für übermorgen mit ein paar "Es-sei-denn"-Klauseln in den Tarifvertrag. Nicht ohne, da sind die Herren von Gesamt- metall auf Zack gewesen, ein paar Klarstellungen damit zu verbin- den: - Der erste Schritt zur 35 findet in genau drei Jahren statt; 1995 dann der letzte. - Dafür gilt ab sofort: Für bis zu 18 % der Belegschaft gibt's ganz offiziell wieder die "40-Stunden-Regelarbeitszeit". - Die 35 Stunden pro Woche sind auf einen Durchschnitt von einem halben Jahr berechnet. Da gelten weiterhin die bisherigen Ver- träge. - Der gewerkschaftliche Vorstoß, Überstunden, Sonderschichten und Wochenendarbeit zu beschränken, ist abgeschmettert worden. Eine wirkliche 35-Stunden-Woche braucht es also in absehbarer Zeit nicht zu geben. - Und überhaupt hat man mit der vereinbarten Laufzeit bis Ende 1998 den Streit mit der IGM um Arbeitszeitfragen vom Tisch. Das Ganze läuft unter dem Motto: ein "Zugeständnis" der Unter- nehmer. An w e n eigentlich? An das Bedürfnis der Arbeiter nach freier Zeit auf alle Fälle nicht. Das wußte die "Bild-Zeitung" gleich zu vermelden: "Heißt das jetzt, daß Vati länger zu Hause ist? Nein...". Darum ging's ja auch gar nicht. Nein, das war, so vernimmt man, ein "Zugeständnis" an die Gewerkschaft. Als solches war's gemeint - und das wirft schon ein bißchen Licht auf die Position der Gewerkschaft. H a l t e n w i r z u n ä c h s t f e s t: Die eine Seite des "akzeptablen Kompromisses" heißt: die "wirtschaftliche Vernunft", also die gänzlich ungestörte Verfügung der Unternehmer über Lohn und Arbeitszeit, hat gesiegt. Und noch einer hat gesiegt: --------------------------- Die Zufriedenheit der Gewerkschaft: ----------------------------------- Unternehmertabu gebrochen, Selbstachtung gewahrt "Dies ist ein sehr vernünftiger Kompromiß. Wir wollten von Anfang an so bald wie möglich einen neuen Tarifvertrag unterzeichnen, aber nur, wenn er die 35 schwarz auf weiß festschreibt". Und da steht sie ja nun, schwarz auf weiß. Der IGM ist es von vorneherein um genau einen Beweis gegangen in dieser Tarifrunde: "Die Gewerkschaft läßt sich von Gesamtmetall nicht zur reinen Lohnmaschine machen. Und damit ihre gesellschaftspolitische Kraft aufs Spiel setzen". Den Vorschlag, sich auf Lohnforderungen zu "beschränken", das hat die Gewerkschaft gleich als versuchte Sabotage an der "gesellschaftspolitischen Position 35-Stunden-Woche" durchschaut. D a s hat ihr nicht geschmeckt am Lohnangebot des Tarifgegners: Wo bleibt denn da das unverzichtbare gewerkschaftliche Recht, die Tagesordnung dessen, was alles zur Vereinbarung steht, mitzube- stimmen! Es muß ihr doch erlaubt sein, ihre "vernünftige", weil wirtschaftsverträgliche Position miteinzubringen (so war schließ- lich die Sache mit der 35 immer schon gemeint: eine "gerechtere Arbeitsverteilung zum Nutzen aller"). Dafür: daß ohne sie, die IG Metall, eine Lohnfindung einfach nicht geht, stand ihr Pochen auf der "35 im Vertrag" - und vom Eis sollte diese Kuh ja auch endlich. Deswegen hat sie von Anfang an glaubhaft beteuert, daß es wegen des zur Verabredung stehenden I n h a l t s - Lohn irgendwo bei 6 % und die 35 unter Festlegung "zeitlicher und objektiver Bedingungen" (Steinkühler) - keinen Streit gibt und braucht. Nicht die Höhe des Lohns und nicht die Länge der tatsächlich gearbeiteten Arbeitszeit sind ihr Knack- punkt, sondern der Grad des respektvollen Umgangs der Gegenseite mit ihr. Wie sagte ihr Vorsitzender ein paar Tage vor dem "Durchbruch" so schön: Bei der Frage mit der 35 geht's um die "Selbstachtung der Organisation". Also darum, einen Punkt zu erwischen, an dem sie sagen kann und will, daß das "Arbeitgebertabu" gebrochen ist. Nochmals Franz Steinkühler kurz vor dem Abschluß: "Nun kann man die jüngsten Erklärungen von Gesamtmetall auch als Angebot ver- stehen, über die Bedingungen der 35-Stunden-Woche weiter nach- zudenken, aber man muß das nicht so sehen." Alles klar? In der Nacht von Donnerstag auf Freitag "konnte" die IGM es nicht nur so sehen, sondern sie "mußte"... Und dann durfte sie jubilieren, daß die Schwarte kracht: "Ein eindrucksvoller Sieg", "Ein Traumergeb- nis". H a l t e n w i r f e s t: - Der Gewerkschaft war also die Z a h l 3 5 wichtig und nicht die g e n a u e W o c h e n a r b e i t s z e i t. - Ihr war die F e s t s c h r e i b u n g dieser Zahl wichtig und nicht der Z e i t p u n k t, ab wann sie gelten soll. - Ihr war der "D u r c h b r u c h" bei der Wochenarbeitszeit wichtig und nicht, was die Unternehmer an F l e x i b i- l i s i e r u n g daraus machen. Auch nicht, daß die Unternehmer mit dem "freien Wochenende" schalten und walten können wie bisher. So sieht es aus, wenn der "soziale Fortschritt", die "wirtschaft- liche Vernunft" und die Selbstachtung der Gewerkschaft gemeinsam einen Sieg erringen. * Ach ja, die Arbeiter können auch zufrieden sein, so hört man. Ih- nen ist ein Arbeitskampf e r s p a r t geblieben. G e- k r i e g t haben sie eine Lohn- und Arbeitszeitregelung, die ihnen in den Betrieben nichts erspart. Aber d a r u m ist es ja auch niemandem gegangen. zurück