Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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IG METALL BESCHLIESST GESAMTDEUTSCHE TARIFPOLITIK:
1. Im Namen des Billigtarifs (Ost) ein Billigtarif (West)
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Mit Lohnerhöhungen, die sie im Tarifgebiet West wegen der blen-
denden Gewinnlage der Metallunternehmen hier für möglich hält,
hat die IG Metall in der kommenden Tarifrunde etwas ganz beson-
deres vor:
"der kleinere Teil wird für Einkommensverbesserungen in West-
deutschland reklamiert, der größere Teil soll für die Einkom-
mensangleichung in Ostdeutschland reserviert werden" (Steinkühler
auf dem außerordentlichen Gewerkschaftstag Anfang November).
Wo die "Reserve" für die Osteinkommen wohl angelegt wird? Bei den
Arbeitern jedenfalls nicht. In die Taschen der Arbeiter/West soll
ja nur der "kleinere Teil" rein. Daß Unternehmen andererseits
Lohn für Leute reservieren, die sie gar nicht auf ihren Lohn- und
Gehaltslisten führen, glaubt auch die Gewerkschaft nicht. Wieso
also ein so idiotisches Umverteilungsmodell für "moderate" Tarif-
forderungen, die die Arbeitgeberseite gleich darin ausmachte?
Praktisch folgt aus dieser Tarifstrategie nichts anderes, als daß
in Zukunft ein paar mickrigen Prozenten an Lohnerhöhung ein un-
glaublicher Nutzen angedichtet wird. Die Gewerkschaft sieht in
ihrer
"Bereitschaft zu Lohneinbußen die moralische Grundlage dafür,
einen realen Solidaritästbeitrag der westdeutschen Arbeitgeber
anmahnen zu können." (Steinkühler)
Nachdem der gewerkschaftliche Lohnsondertarif für die Ostzone
kein Hebel war, Kapital zu Investitionen in den Ostprovinzen
anzustacheln, paßt die IG Metall sich dem Umstand an, daß es gar
nicht in der Macht von Arbeitern liegt, Kapitalisten zur Ausbeu-
tung ihrer Arbeit zu bewegen, und sei sie noch so billig zu ha-
ben. Wenn ökonomisch nicht hinhaut, wozu die Gewerkschaft Unter-
nehmen im Namen von Deutschland verpflichten möchte, nämlich die
der Nation zugewonnenen Arbeiter mit deutscher Wertarbeit zu be-
glücken, dann kriegt die Gewerkschaft kein Problem mit dieser
Wirtschaft, die zum Arbeitsplatzstiften gar nicht da ist, sondern
mit ihrem Anspruch an die Arbeitgeber. Sie beweist, wie
b e r e c h t i g t gleichwohl ihr weiteres Anmahnen ist: sie
macht einen Lohnverzicht dort, wo er tatsächlich "real" ist -
eben für die beschäftigten Arbeiter West, und kann dann damit an-
geben, zumindest i h r e n Beitrag fürs nationale Aufbaupro-
gramm geleistet zu haben. Eine weitere Klarstellung, was Arbeiter
vom Erstarken der Nation haben: nicht nur der Fiskus wird sich
umfangreicher aus dem Portemonnaie seiner Bürger bedienen, um In-
vestitionsanreize damit zu finanzieren. Auch die Gewerkschaft
will Deutschland stärken mit einer Tarifpolitik der Lohneinbußen.
Der Gewinn für die Arbeiter hüben und drüben: sie nehmen "keine
west-östliche Zwei-Drittel-Gesellschaft in Kauf". Das wider-
spricht nicht der Ankündigung, die der frischgebackene IG Metall-
Bezirksleiter für Sachsen-Anhalt auf demselben Gewerkschaftstag
machte: man wolle "bei der Lohnrunde 1991 Einkommen durchsetzen,
die rund 65 % jener Löhne betragen, die im Westen bezahlt wer-
den". Denn
2. Keine Lohngerechtigkeit ohne Lohnunterschiede
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Vor der "Angleichung der Einkommensstrukturen" in den kommenden
Lohnrunden will die IG Metall als erstes die "Angleichung der Ta-
rifstrukturen" durchsetzen. Der größte Mißstand drüben liegt für
sie in der "ideologisch motivierten Lohnpolitik des alten SED-
Staats, in dem die Arbeiter mehr verdienen als Meister oder Ange-
stellte." Das spricht dem Prinzip des Leistungslohns, der gewerk-
schaftlichen Errungenschaft in Sachen Lohngerechtigkeit, Hohn.
Zwar ist aus der Leistung von Meister oder Angestelltem genauso
wenig abzuleiten, wieso sie mehr Lohn verdienen als die Arbeiter.
Gebraucht werden sie auch in kapitalistisch kalkulierenden Fabri-
ken gleichermaßen. Die ideologisch motivierte Lohnpolitik westli-
cher Provenienz bedeutet mit ihrer Umdrehung der Lohngerechtig-
keit erstmal nichts anderes, als daß es den Betrieb auf jeden
Fall billiger kommt, wenn er den Meistern statt den Arbeitern
mehr zahlt. So plump, nämlich lohnkostensenkend, sieht die Ge-
werkschaft ihr feines Leistungslohnsystem bundesdeutscher Machart
mit seinen Tausenden von Eingruppierungsmerkmalen natürlich
nicht. Da ist ja der Arbeitsplatz bekanntlich ausschlaggebend für
den Verdienst und nicht die Wertschätzung, die der SED-Staat be-
stimmten Berufen in Form von Lohnunterschieden ausgesprach.
Nur: das der Arbeitsplatz einfach von selbst ergeben würde, wie-
viel Lohn an ihm verdient wird, stimmt nur dort, wo dieses
Entlohnungssystem längst eingerichtet ist. Für die Übertragung
des Leistungslohns auf die ehemalige DDR sieht die IG Metall eine
Wahnsinnsarbeit auf sich zukommen: da heißt es
"1,5 Mio. Beschäftigte der Metallindustrie in Lohngruppen einstu-
fen. Anhaltspunkte für die Lösung dieser schwierigen Aufgabe ge-
ben die im Westen längst definierten Tätigkeitsmerkmale: Welche
Qualifikation kann der Arbeitnehmer vorweisen? Handelt es sich um
eine schwere körperliche Arbeit, um einen verantwortungsvollen
Posten oder um einen Job, für den der Beschäftigte lediglich an-
gelernt wurde?" (zitiert nach Stuttgarter Zeitung vom 3.11.90)
Eingruppiert wird prinzipiell ohne Rücksicht auf so lei-
stungsfremde Gesichtspunkte wie den, was man sich mit dem Lohn
eigentlich für ein Leben leisten kann. Das zugrundegelegt, ist
der Export unseres Lohnsystems in die Zone im Prinzip schon
gelaufen. Was heißt da "schwierige Aufgabe"? Wenn es erstmal ums
Einstufen geht, ist die IG Metall doch voll in ihrem Element:
Qualifikation und Verantwortung 'ergeben' die meisten Lohn-
pfennige, natürlich nur, wenn die Qualifikation, die der Arbeiter
vorweisen kann, auch vom Unternehmen benutzt wird. Deswegen fehlt
der schweren Arbeit alles, wofür es Lohnpfennige gibt: Qualifika-
tion, Verantwortung. Mit Arbeit, für die der Beschäftigte le-
diglich angelernt wurde, verdient man schlecht Û es fehlt ja die
Qualifikation. Und Verantwortung ist an solchen Arbeitsplätzen
sowieso nicht gefragt: dafür sorgen ja die Meister. Was das Ge-
schäft der Eingruppierung schwierig macht, ist höchstens der Um-
stand, daß durch die Zuordnung von Tätigkeitsmerkmalen und Lohn-
pfennigen auch genau die Löhne in der Höhe begründet werden, die
das Unternehmen zahlt. Das ist der Witz der Tarifstruktur, die
vor der Einkommensstruktur angeglichen wird: mit ihr wird jeder
Streit um Lohn zur Frage der gerechten Eingruppierung. Ist der
Lohn im Unterschied zu den anderen Löhnen an anderen Arbeitsplät-
zen auch wirklich gerecht? Darauf hat jeder Arbeitnehmer ein
Recht. So daß der tariflich strukturierte Lohn erstens im Prinzip
für jeden in Ordnung zu gehen hat: andere kriegen auch nur das,
was sie gemäß Eingruppierung ihres Arbeitsplatzes verdienen. Und
zweitens ist er nicht von oben aufgedrückt, sondern demokratisch
mit Gewerkschaft und Betriebsrat vereinbart. Es kommt also sehr
auf die Ideologie an, damit die Zonis sich mit dem Leistungslohn
beglückt sehen. Und da wittert die IG Metall bei den Exwerktäti-
gen der DDR die Gefahr von Mißverständnissen:
3. Keine freie Gewerkschaft ohne ideologische Gleichschaltung
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Radikaler als alle staatlichen Behörden hat sie jetzt eine Säube-
rung beschlossen, der auch die in Opposition zum alten FDGB ge-
standenen Gewerkschafter zum Opfer fallen. Keine Funktion der Ar-
beitervertretung drüben, die nicht mit ideologisch zweifelsfreien
Köpfen aus der Westgewerkschaft besetzt werden! Und damit auch in
der ideologischen Gleichschaltung bei den Massen der Mitglieder
nichts anbrennt, werden die vom FGDB übernommenen Karteien bis
Dezember 91 daraufhin durchstöbert, ob man sich wegen dieses
Übernahmeverfahrens, bei dem kein einziger Arbeiter überhaupt ge-
fragt wurde, ob er Mitglied in der IG Metall werden will, nicht
das ein oder andere "unerwünschte Mitglied" eingesackt hat. Die
West-Stasi gewerkschaftseigener Machart duldet keine Arbeiter in
ihren Reihen, die die Regelung von Lohnfragen mit einem Streit um
die Einkommenshöhe verwechseln.
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