Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Metalltarifrunde 1990
LAUTER DUMME ARGUMENTE FÜR EIN BISSCHEN MEHR LOHN
Schon jetzt steht fest, was aus der laut IG-Metall-Boß Steinküh-
ler angeblich "bisher härtesten Tarifauseinandersetzung" heraus-
kommen wird, egal ob mit oder ohne Streik: "Die Prognosen lauten
auf eine Fünf vor dem Komma." Gefordert haben das zwar weder die
Gewerkschaft und schon gleich gar nicht die Millionen Lohnempfän-
ger. Die fünf Prozent sind einfach von der Kapitalseite und di-
versen Wirtschaftsgutachten in die Welt gesetzt worden. Ihre
journalistischen Nachbeter finden, daß diese "substantielle Ein-
kommensverbesserung" in der "reinen Lohnrunde 1990" wirtschaft-
lich zu verkraften sei, wenn sich die Gewerkschaft "beim
Realisierungszeitraum für die 35-Stunden-Woche flexibel" zeigt.
Das hatte diese eh schon längst vor. Und das war's dann schon.
Gestritten wird in dieser "komplizierten Tarifrunde" dafür um so
mehr, und zwar als Schaukampf für die Öffentlichkeit. Schließlich
will sich jede Seite das Ergebnis als eigenen Erfolg an die Brust
heften, und dafür ist keine Begründung dumm genug.
Die Arbeitgeber geben sich heuer ganz ungewohnt freigiebig: "Es
gibt was zu verteilen: Packen wir's in den Lohn." Was es da zu
verteilen gibt und wieso fünf Prozent, ist ziemlich egal. Es geht
ja nur um die schöne Gelegenheit für die Kapitalisten, ihre immer
wiederholte Lüge wahrzumachen, daß eine gut funktionierende und
gewinnträchtige Wirtschaft auch was für die Arbeiter abwirft. Be-
eindrucken kann diese Großzügigkeit allerdings nur gemessen an
den zwei bis drei Prozent, die die IG Metall für die letzten
Jahre ausgehandelt hat, und die gezeigt haben, w i e die
"Arbeitnehmer am Wachstum beteiligt" waren, nämlich durch Real-
lohnsenkungen. Und jetzt soll man über eine "kräftige" Lohnerhö-
hung froh sein, die glatt die Preissteigerung ausgleicht?
Auf ein besseres Auskommen für die Arbeiter ist das Lohnangebot
der Arbeitgeber ohnehin nicht berechnet. Sie wollen die Jahrhun-
dertstrategie der Gewerkschaft durchkreuzen, die 35-Stunden-Woche
zu fordern und dafür beim Lohn zurückhaltend zu sein. Deswegen
"packen" sie das, was sie für die Verteilung vorgesehen haben, in
ein paar Lohnprozente und behaupten, daß dann für die Arbeits-
zeitverkürzung nichts mehr da wäre, weil sonst der Boom gefährdet
sei. Das ist zwar genauso gelogen wie in den letzten acht Jahren
Boom. Aber es genügt dafür, daß die IG Metall mit ihrer Jahrhun-
dertforderung in der Öffentlichkeit blöd dasteht und deshalb ihr
Forderungpaket und seine Durchsetzung in jeder Hinsicht flexibel
geschnürt hat.
Am schönsten ist es für die Kapitalseite, daß sie sich auch noch
auf die Meinungen der Arbeitnehmer berufen kann. Die "wollen mehr
Lohn und nicht mehr Freizeit". Das haben sie zwar nicht be-
antragt, sondern erfahren es aus den Propagandablättchen ihrer
Herren oder das Umgekehrte aus den Zeitungen ihrer gewerkschaft-
lichen Betreuer. Und beide Seiten haben recht, denn daß Arbeiter
etwas gegen mehr Lohn u n d mehr Freizeit haben, läßt sich ja
nun wirklich nicht behaupten. Aber was die Arbeitnehmer wollen,
darauf kommt es in der Tarifrunde gar nicht an. Sie sind die Sta-
tisten der Tarifrunde, auf die sich Gewerkschaft und Unternehmer
berufen. Mit ihren gesammelten und hochgerechneten Meinungen läßt
sich in der demokratischen Tariföffentlichkeit vortrefflich
streiten.
Dabei sind sich die Unternehmer sicher, daß die Gewerkschaft
keine Argumente gegen ihre Vorstellungen hat und sich an ihnen
orientiert. Und die IG Metall gibt ihnen recht.
Die Gewerkschaft hat die "Signale" der Arbeitgeber verstanden und
läßt sich "mit dem hohen Lohnangebot von der Arbeitszeitverkür-
zung weg-locken"; natürlich nur unter der Bedingung, daß die 35-
Stunden-Woche "noch in diesem Jahrzehnt eingeführt" wird. An das
eigene Märchen, daß die Arbeitszeitverkürzung die Arbeitslosig-
keit abbaue, glaubt sie offenbar selbst nicht mehr. Und vom Mär-
chen der Gegenseite, daß wegen Boom, Europäischem Binnenmarkt,
Facharbeitermangel und wirtschaftlichem Umbau im Osten die
Arbeitszeitverkürzung eine mittlere Katastrophe sei, läßt sie
sich beeindrucken. Also entnimmt sie den "guten Gründen" der
Arbeitgeber, daß schon einige Zugeständnisse in Sachen Lohnver-
zicht und Arbeitszeitflexibilität fällig sind, wenn die Sonne der
35 nicht ganz verblassen soll.
Grotesk wird es, wenn die Gewerkschaft in die Offensive geht. Da-
mit die ihr von der Unternehmertaktik aufgezwungene Lohnrunde als
Ergebnis ihrer berechtigten Forderungen dasteht, fällt ihr ausge-
rechnet ihre beschissene Tarifpolitik ein. Wegen der von ihr aus-
gehandelten moderaten Lohnerhöhungen der letzten Jahre, die stän-
dige Reallohnsenkungen waren, sei es nur gerecht, daß die Arbei-
ter für ihre Opfer mit ein paar Lohnprozenten mehr belohnt wür-
den. Mit solch bescheidenen Sprüchen kann sie dann sogar von den
Herren Wirtschaftskommentatoren ein gewisses Verständnis erwar-
ten. Selbst die haben gemerkt, daß die Gewerkschaft ohne die
"Verweigerungsstrategie" der Arbeitgeber in Sachen
Arbeitszeitverkürzung nie auf die Idee gekommen wäre, daß es
diesmal etwas mehr Lohn sein darf.
Wieviel mehr, errechnet sie nicht aus dem leeren Geldbeutel ihrer
Mitglieder, sondern ganz objektiv aus 3% Produktivitätszuwachs,
3% Inflation und 3% Gerechtigkeitsprämie für die explodierenden
Unternehmergewinne. Bewiesen wird mit solchen Rechnereien nur,
daß der Fünfprozentabschluß wirklich nicht zuviel für die Unter-
nehmer ist. Damit ist er auch das wirtschaftliche Augenmaß der IG
Metall.
Daß bei diesem ganzen öffentlichen Hin und Her die Interessen der
Betroffenen nicht vorkommen, braucht diese nicht zu wundern. Sie
haben dort auch nichts zu suchen, wie man sieht.
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