Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Die Lohnrunde der IG Metall
       

DIE UNTERNEHMER BITTEN ZUM WARNSTREIK

1. Gewerkschaft und Arbeitgeber verhandeln zur Zeit darüber, wie hoch der Lohn der Arbeiter in der Metallindustrie im kommenden Jahr sein soll. Bevor die Zahl letztlich genau ausgehandelt ist, steht für alle Beteiligten das Ergebnis im Prinzip fest: Für die Arbeiter wird der Lohn in Zukunft weniger und das Leben teurer werden. Daß Mieten und sonstige Preise steigen ist ebenso sicher wie die Kürzung des Lohns durch die vom Staat verordneten Steuererhöhungen. In dieser Frage gibt es überhaupt keinen Streit zwischen den Tarifparteien. Die Gewerkschaft hat tiefstes Ver- ständnis dafür, daß die staatlich beschlossenen Lohnopfer sein müssen angesichts der Vorhaben der Nation in Ostdeutschland, und die Unternehmer sind die letzten, von denen sie dafür einen Aus- gleich verlangen will. Von denen fordert sie schließlich nur das, was deren Kostenrechnung erlaubt. Fragt sich bloß, warum ange- sichts von so viel Einigkeit in der Sache auch in der letzten Verhandlungsrunde vor Ablauf der Friedenspflicht nicht das zwi- schen 5 und 7% angepeilte Ergebnis erzielt wurde. 2. Die Arbeitgeber sind stur. Sie weigern sich, ihr erstes Angebot von 4% zu erhöhen und bestehen stattdessen vor jedem weiteren Vorschlag darauf, daß die Gewerkschaft ihre 10%-Forderung nach unten korrigiert. Sie zeigen keinerlei Bereitschaft, über die Be- rechtigung der Forderung zu streiten und diese - das wäre ganz im Sinne der Gewerkschaft - auf das "Machbare" hinzuverhandeln. Sie teilen ganz einfach mit, daß eine solche Lohnforderung in diesem Jahr nicht in die "wirtschaftliche und politische Landschaft" passe. Angesichts dessen, daß alle Welt einschließlich Gewerk- schaft von den Unternehmern verlangt, ihre "Verantwortung" wahr- zunehmen und gefälligst auch den Osten Deutschlands als Quelle für die Vermehrung ihres Reichtums zu benutzen, tun sich diese Herren sehr leicht. Ganz in Übereinstimmung mit der von ihnen geforderten "Verantwortung" verfolgen sie ihr Interesse an billi- gen Lohnkosten. Weil sie schlicht davon ausgehen, daß die Gewerk- schaft die nationalen Anliegen für unwidersprechlich hält, verweisen sie bloß auf diese und lehnen die Lohnforderung der IG Metall als "indiskutabel", weil "verantwortungslos" ab. Sie bauen einfach darauf, daß in dieser "politischen Landschaft" und mit dieser Gewerkschaft der Preis der Arbeit für sie günstiger zu ge- stalten ist. 3. Und die Gewerkschaft? Die bestätigt den Arbeitgebern, daß sie mit ihrer Vermutung ziemlich richtig liegen. Erstens gibt sie sich beleidigt. Angesichts dessen, daß sie nur "vernünftige" Forderun- gen kennt und ganz "verantwortungsvoll" die staatlichen Lohnkür- zungen nicht berücksichtigt hat, mag sie den Vorwurf der "Verantwortungslosigkeit" nicht auf sich sitzen lassen. Sie be- tont die abgrundtiefe Gerechtigkeit ihrer Forderung und beruft sich darauf, daß der von ihr ausgehandelte Lohn ihren Mitgliedern selbst beim besten Sparwillen kein Auskommen mehr ermöglicht. Sie wirbt für Entgegenkommen mit dem Hinweis, daß die staatliche So- zialhilfe höher ist als so mancher Tariflohn. Zweitens beklagt sie, daß sie jetzt das tun muß, was sie überhaupt nicht mag und dieses Jahr schon gar nicht: "Druck machen", nicht etwa, um ihre Forderung durchzusetzen, sondern um die Unternehmer an den Ver- handlungstisch zu zwingen. Deswegen macht sie "Druck", indem sie ihn vermeidet. Sie fordert ihre Mitglieder in einzelnen Betrieben zu Warnstreiks auf, vorzugsweise in den Pausen, um nur ja nicht die Geschäfte derjenigen zu schädigen, von denen sie als verant- wortlicher Mitgestalter eines wirtschaftsdienlichen Lohns an- erkannt sein möchte. Dafür läßt sie ihre Basis jetzt ein bißchen antreten: Damit die längst ausgemachte Lohnsenkung dann auch ge- werkschaftlich abgesegnet, also garantiert in Ordnung ist. zurück