Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Metall-Tarifexperte Zwickel gibt die Parole für die Stahlta-
rifrunde '90 aus:
"JETZT SIND WIR DRAN" - ABER WOMIT BLOSS?!
Die IG Metall macht Stimmung für ihre Tarifrunde im Stahlbereich.
Die ist jetzt nämlich dran, nach dem langfristigen Fahrplan der
Gewerkschaft. Sie fordert 10%, um mit den Unternehmern zwischen 5
und 6% abzuschließen; das ist das eine. Das andere, die Hauptsa-
che: Sie macht viel Theater um ihre Forderung. Damit ihre Leute
auch merken, wie furchtbar die Gewerkschaft sich um sie kümmert.
Und damit alle Welt wohlwollend nickt und die Welt in Ordnung
findet, wie die IG Metall mal wieder eine Stahltarifrunde durch-
zieht.
Dafür stehen die ganz besonders g u t e n G r ü n d e, die die
Gewerkschaft diesmal für ihre 10 % auftischt. Nämlich:
1. "...mehr als berechtigt",
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so kommt der IGM die Forderung nach 10 % mehr Lohn und die nach
einer Vorweganhebung des Ecklohns vor. Das mit dem JETZT im "sind
wir dran" gehört sich nämlich so aufgefaßt: "Das Konjunkturbaro-
meter zeigt in der Stahlbranche beständig ein Hoch an... Einma-
lige Profite werden gemacht". Nein, "wir" sind nicht dran - die
Bilanzen der Stahlunternehmer waren dran und sind's auch weiter-
hin. Die, tiefschwarz wie sie ausfallen, lassen es doch glatt zu,
an eine Lohnforderung zu denken, die sich eines ganz gewiß nicht
vorhalten lassen muß: ungebührlich zu sein.
So eine Auffassung mag zwar gang und gäbe sein, schäbig, beschei-
den und höchst unnütz ist sie gleichwohl.
S c h ä b i g - weil für die Arbeiter immer nur das gehen soll,
was die Profitlage für sie vorsieht - und da muß die Konjunktur
schon b e s t ä n d i g eine Goldgrube sein für die Anwender
von Arbeitern, und da müssen die Profite schon e i n m a l i g
sein, daß der Löhner - eben ganz a u s n a h m s w e i s e - an
Lohn zu denken wagen kann. Schäbig auch, weil die Gewerkschaft
sich rühmt, auch zu Zeiten des Stahlbooms jahrelang auf Krise be-
standen zu haben, nämlich auf Krise im Geldbeutel ihrer Mit-
glieder: "Es ist Zeit, daß die Stahlindustrie nach jahrelanger
tarifpolitischer Zurückhaltung..."
B e s c h e i d e n - weil sich ausgerechnet das auszahlen soll,
daß man den Geschäftsbilanzen 1a-mäßig gedient und damit den Un-
ternehmern schwer genützt hat. Obwohl das ja in unserer freien
Marktwirtschaft nur geht, wenn die Leistung hoch und der Lohn
niedrig ist. Aber was heißt für eine gerechte Forderung da schon
"obwohl"! Gerade w e i l man sich nichts herausnimmt, fällt ja
die Berechtigung um so höher aus: "Leistungsverdichtung, Streß
und Arbeitshetze sind dabei ebenso einkalkuliert wie die enorme
Überstundenzahl."
H ö c h s t u n n ü t z - weil der Spruch: Jetzt hab' ich auch
mal was verdient, gar keinen Verdienst im materiellen Wortsinne
anpeilt. Denn Dienst und Verzicht, jene 'Tugenden', die am Lohn-
arbeiter so geschätzt werden und wegen denen man dann etwas
"verdient", zahlen sich nun einmal nicht aus - sonst wär's ja we-
der ein Dienst noch ein Verzicht.
2. "Zulegen, aufholen, gleichziehen!"
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"Spätestens beim Blick auf die monatliche Lohnabrechnung kommt
der Aha-Effekt. Das Geld stimmt nicht mehr im Stahl". Aha. Und
wie geht's weiter: "Früher waren wir mal Spitzenverdiener, heute
laufen wir der Metallverarbeitung weit hinterher".
Das ist vielleicht ein "Aha-Effekt"! Woran hat sich der Stahler
zu messen? An seinesgleichen, nämlich am Metaller (jenem aktuel-
len Spitzenreiter in der Welt zwischen 2000 und 3000 Mark im Mo-
nat). Sehr bescheiden gedacht. Was "unsereins" zusteht, das ent-
scheidet sich im V e r g l e i c h mit denen, die auch immer zu
nichts kommen. Und zu denen ist der "Abstand" in gewerkschaftli-
cher Lesart zu groß geworden.
Nicht was der Mensch auf die Kralle kriegt und was ihn die Arbeit
kostet, steht da auf dem Prüfstand. Sondern ob er ganz und gar
gerecht einsortiert ist in die Hierarchie der verschiedenen
Blech-Branchen. Ob also sein Lohnniveau leistungsgerecht ist oder
nicht. Das ist zwar auch wieder eine sehr gängige Anschauung,
dumm und schädlich ist sie gleichwohl.
D u m m - weil sie den Lohnunterschieden, von denen nun wirklich
nur die Unternehmer etwas haben, unbedingt eine quasi-objektive
Berechtigung abgewinnen will. Im Stile von: Die gibt's, weil sie
dem Fleiß und der harten Maloche der Leute "entspricht". Wie fik-
tiv das ist, könnte man sogar noch dem "Argument" der IGM entneh-
men, mit dem sie den "Nachholbedarf" der Stahler begründet: "Die
Ungleichheit (der Facharbeiterecklöhne) bei nicht weniger Fleiß
und Arbeit...". Vielleicht hat die Lohnzahlerei gar nichts mit
der Menge Schweiß, den die Proleten vergießen, zu tun! Aber die
rechtschaffene Gewerkschaft will ja auch hier wieder nur betonen,
daß es die Leute "verdient" hätten, Lohn zu fordern. "Diese Malo-
che hält keiner aus", titelt die IGM in ihrer Mitgliederzeitung.
Wofür das steht? Dafür: Wer Tag für Tag "diese Maloche" aushält,
der hält bloß eines im Kopf nicht aus: die Ungerechtigkeit des
Abstandes zum Metaller...
S c h ä d l i c h - weil Gerechtigkeit und das Interesse, sich
besser zu stellen, so gut zusammenpassen wie die Faust aufs Auge.
Die Gewerkschaft buchstabiert einem diese Faustregel in gewohnt
dreister Manier vor: "Vor der eigentlichen Lohnerhöhung steht die
Forderung nach einer Vorweganhebung der Ecklöhne... Das kann an-
gerechnet (!!) werden. Mit diesem Schritt wollen die Beschäftig-
ten im Stahl den Einkommensvorsprung in der Metallindustrie ein
Stückchen verringern". Wenn's um den gerechten "Abstand" geht,
dann braucht sich das mit keinem Zwickel im Reallohn niederschla-
gen. So klar sind Gerechtigkeit und Geld voneinander geschieden!
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"Jetzt sind wir dran" - als profitförderliche, unschlagbar bil-
lige, enorm fleißige Malocher aus der Stahlbranche. So sieht sie
aus, die "Pulle", aus der man auch diesmal den schon sprichwört-
lichen "kräftigen Schluck" nehmen wird.
Ach ja, die 35-Stunden-Woche,
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das muß der Gerechtigkeit halber gesagt werden, steht auch im
Forderungskatalog der IGM: "Hitzig werden die Diskussionen erst
bei der Frage der Umsetzung. Was ist die beste Regelung? Einfüh-
rung der fünften Schicht, weitere gebündelte Freischichten" oder
was. Irgendwie scheint die IGM die Schnauze gestrichen voll zu
haben vom leidigen "Prinzipienstreit um die 35". Auf alle Fälle
erklärt sie die "35" für eine Sache, die im Prinzip schon längst
eingeführt ist bzw. demnächst - wenn's paßt - in den einzelnen
Betrieben eingeführt wird. Seit es z.B. auf der Bremer Weserhütte
die fünfte Schicht im Vollkontibereich gibt, haben wir - jawohl
die "35" rein rechnerisch nicht bloß erreicht, sondern schon um
1,4 Stunden unterschritten. Na also. Irgendwann wird's das in den
anderen Betrieben auch noch geben: "In den Hütten im Ruhrgebiet
wandert das Bremer Modell, kritisch gelesen und durchgerechnet,
von Hand zu Hand". Wenn es die "35" sowieso schon irgendwie gibt
und als Wandermodell durchs Land zieht, dann hat sich die Gewerk-
schaft offenkundig entschlossen, bei Stahl nicht nochmal einen
Streit vom Zaun zu brechen, für nix und wieder nix. Wo es doch
sowieso bei den Arbeitszeiten bleiben soll, die ins jeweilige Be-
triebskalkül passen.
Für ein "sachliches und ruhiges Verhandlungsklima" ist also ge-
sorgt. Und das ist ja auch schon was, mitten in den feierlichen
Zeiten der deutschen Einigung, die "kein kleinliches Parteienge-
zänk verträgt" (DGB-Vorsitzender Meyer).
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