Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
zurück
Stahltarifrunde:
DAS ERGEBNIS STEHT FEST
- OB DAFÜR GESTREIKT WERDEN MUSS, IST FRAGLICH
Die Unternehmer haben letzte Woche 6% Lohnerhöhung geboten. Die
Gewerkschaft hat daraufhin die Verhandlungen für gescheitert er-
klären lassen. Ob demnächst gestreikt wird, ist noch nicht raus.
Was ist da los?
Die Unternehmer haben wochenlang überhaupt kein Angebot an Loh-
nerhöhung gemacht, dann 4,8% ins Spiel gebracht und zuletzt 6%
auf den Verhandlungstisch gelegt. Und die 35-Stunden-Woche für
Ende 1995. Eine lupenreine K o p i e des Metallabschlusses war
das l e t z t e Unternehmerangebot.
Darüber ist die Gewerkschaft schon ziemlich beleidigt. Die IG Me-
tall hat nämlich für den Stahlbereich "Nachholbedarf" angemeldet,
wollte ein besseres Ergebnis als bei Metall. Und besseres Er-
gebnis heißt für sie nicht, daß sie statt einem Billiglohn wie
bei Metall für eine kräftige Lohnerhöhung streiten wollte, die
den Namen tatsächlich verdient. Ein w e n i g m e h r als im
Metallbereich sollte schon drin sein. Diese Forderung läßt sich
nach Auffassung der Gewerkschaft mit dem Gewinninteresse der Un-
ternehmen bestens vereinbaren. Weil im Stahlbereich die "Gewinne
explodiert" sind, können die Unternehmer die verlangte Lohnerhö-
hung auch locker verkraften.
Das sehen Unternehmer ganz anders. Für sie gibt es überhaupt
keine Lohnforderung, die mit ihrem Interesse vereinbar ist. Sie
wollen einen möglichst billigen Abschluß. Und an den Reaktionen
der Gewerkschaft haben sie mitbekommen, daß sie mit dem sturen
Beharren auf ihrem Interesse völlig richtig liegen. Die Gewerk-
schaft beeindruckt so etwas nämlich sehr. Erst jammert sie dar-
über, daß die Unternehmer kein Angebot vorlegen. Also akzeptiert
sie jedes noch so minimale Angebot als Einstieg in die Verhand-
lungen. Dann läßt sie die Stahlarbeiter zum Warnstreik antreten
und jammert darüber, daß ihr nichts ferner liegt als eine
"Störung des sozialen Friedens". Sie warnt vor Streiks, wenn sie
zum Warnstreik bläst.
Daß die Gewerkschaft lieber heute als morgen zu einer gütlichen
Einigung am Verhandlungstisch kommen möchte, haben die Unterneh-
mer für sich ausgenutzt. Die Übernahme des Metallabschlusses ist
ihr letztes Angebot. Damit bestreiten sie der Gewerkschaft jeden
Sondergesichtspunkt bei der Festlegung des Lohns. Was den Arbei-
tern zusteht, darüber entscheidet einzig und allein das Gewinn-
interesse der Unternehmer. Die Gewerkschaft soll unterschreiben,
was Unternehmer zu zahlen bereit sind.
So befindet sich die Gewerkschaft tatsächlich in einer Zwick-
mühle. Mit einer 7 vor dem, oder auch hinter dem Komma wäre sie
vollauf zufrieden gewesen. Wegen 0,7 bis 1 % mehr Lohn den
heißgeliebten sozialen Frieden zu stören, da bekommt die Gewerk-
schaft noch mehr Bauchschmerzen, als sie eh schon immer hat. Wo
man sich i n d e r S a c h e s o g u t w i e e i n i g
ist, nämlich was den Arbeitern als wirtschaftsverträglicher Lohn
zusteht, spricht alles g e g e n einen Streik. Andererseits:
darauf hat die Gewerkschaft in der Stahltarifrunde ja besonders
viel Wert gelegt, daß sich das Ergebnis vom Metallabschluß ein
wenig unterscheiden soll. Lassen es die Unternehmer da nicht an
dem gebührenden Respekt gegenüber der Gewerkschaft fehlen, wenn
sie eine auch nur s y m b o l i s c h e Differenz zum Billig-
lohn im Metallbereich ausschließen wollen. Da geht es der Gewerk-
schaft ums Prinzip, und das macht sich nicht an Lohnprozenten
fest. Wo die Gewerkschaft in der Tarifrunde ihre verantwortliche
M i t z u s t ä n d i g k e i t in Lohnfragen von Unter-
nehmerseite n i c h t h i n r e i c h e n d g e w ü r d i g t
sieht, da spricht einiges f ü r einen Streik.
Für die Stahlarbeiter bedeutet dies die spannende Frage, ob ihnen
ein Streik droht. Wenn, dann sollen sie ja nicht für mehr Lohn
und weniger Arbeitszeit antreten, sondern für die Ehre der Ge-
werkschaft. Aber vielleicht bleibt ihnen das ja erspart. Eines
bleibt ihnen allerdings garantiert nicht erspart: sie haben das
nächste Jahr mit den 6-7% zurechtzukommen.
zurück