Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Tarifabschluß beim Pflegepersonal:
10% MEHR FÜR SCHWESTER ANGELIKA. UND DAMIT SOLL DIE WELT
DER PFLEGER UND SCHWESTERN WIEDER IN ORDNUNG SEIN?
Bedienungen in einer Gaststätte bekommen ca. 10% Trinkgeld, weil
ihr Verdienst ziemlich gering ist. Heißt das etwa, der Job der
Bedienung ist Klasse, weil es auch noch ein Trinkgeld gibt?
Das Krankenpflegepersonal bekommt jetzt 10% mehr; und alle sind
damit zufrieden. Etwa weil die vielbeklagte Lage des Pflegeperso-
nals - "unterbezahlt und überbeansprucht" (ÖTV) - sich zum Guten
geändert hat? Wie hoch ist denn der Pflegelohn, der jetzt um 10%
erhöht ist? Bedeuten 1650 DM statt bisher 1500 etwa, daß Schwe-
ster Angelika ihre materiellen Sorgen los ist? Und sind Schicht-
und Nachtarbeit nicht mehr ruinös, weil die Nacht- und Wochenend-
zuschläge erhöht wurden und es eine monatliche Zulage zwischen 70
und 100 DM für Schichtarbeit gibt? Führt schließlich die Form der
Lohnerhöhung - Höhergruppierung in einem neu geschaffenen
Zeitaufstiegssystem - etwa dazu, daß die Krankenschwestern auf
ihren vielgelobten Standpunkt des opferbereiten Dienstes verzich-
ten und einen auf Karriere im Krankenhaus machen können?
Wenn Krankenhausträger und Sozialstaat Gerechtigkeit beim Pflege-
personal mit "10% mehr" definieren, sollte man auf so viel Ge-
rechtigkeit und Anerkennung nicht hereinfallen. Die Arbeitgeber
wissen genau, was sie am verantwortungsvollen Dienst der Kranken-
schwester haben und wie sie ihn weiterhin billig auszunutzen ge-
denken. Ihre Antwort auf die folgende Frage steht grundsätzlich
fest:
Wieviel verdient die Krankenschwester?
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Viel Lob und wenig Lohn
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Pflegekräfte sind in der Lohnhierarchie der Berufe ziemlich weit
unten angesiedelt. Kranke Leute gesund zu pflegen oder im Alter
zu betreuen, ist in dieser Gesellschaft offenbar recht wenig wert
- so zwischen 1500.- und 2000.- DM brutto pro Monat. Die Arbeit
einer Krankenschwester, früher unentgeltlich von Nonnen und ande-
ren idealistischen Wohltätern verrichtet, verlangt nämlich einer-
seits keine besonderen Fertigkeiten: Patienten waschen, Betten
machen und umherschieben, Essen und Medikamente verteilen, Fieber
messen und aufschreiben, worin immerhin der Schwerpunkt der täg-
lichen Pflegearbeit besteht, muß jede Hausfrau früher oder später
auch ganz ohne Ausbildung können.
Als verlängerter Arm des Arztes sorgen Schwestern außerdem dafür,
daß auch jeder Patient in den Genuß der ihm zugedachten Behand-
lung kommt. Ein bißchen Patientenbeaufsichtigung gehört auch zu
ihren Aufgaben, die Krankenhausordnung will ja eingehalten sein.
Ein bißchen verwalten, ein bißchen Sekretärin spielen, auch das
ist schnell erlernt und wird auf keinen Fall extra vergütet.
Im Krankenhausalltag sind die Schwestern zwar für alles verant-
wortlich. Bloß tarifrechtlich gesehen tragen sie keine Verantwor-
tung, das, was sich hierzulande so gut auszahlt (man denke nur an
die satten Politikergehälter). Das übernehmen ganz die Ärzte, de-
ren Einkommen gerechterweise dann auch in einem Mehrfachen des
Schwesterngehalts besteht. Am meisten verdienen sie auf Posten,
auf denen sie sich gar nicht mehr blicken zu lassen brauchen. Da-
für darf das Pflegepersonal wiederum den Ärzten einen Teil ihrer
Arbeit abnehmen: Spritzen setzen, Blut abnehmen und Daten für die
Verwaltungsabteilung erfassen sind die täglichen "berufsfremden
Tätigkeiten" (DAG) des vollausgebildeten Pflegepersonals.
Daß die Arbeit der Pflegeberufe einfacher Natur ist, heißt natür-
lich gerade nicht, daß sie deswegen auch leicht wäre. Nacht- und
Wochenenddienst mit windigen Zuschlägen sind für Pflegekräfte
selbstverständlich; ihre Arbeit wird immer intensiver, weil sie
mehr Patienten betreuen müssen. Dafür sorgen nämlich die Kranken-
hausträger. Die, seit 1985 per Gesetz dazu verpflichtet, sich als
Gewerbebetriebe zur Gewinnerzielung aufzuführen, kalkulieren wie
jeder kapitalistische Laden. Daher dürfen erstens keine Betten
leerstehen. Und zweitens sind mal wieder wie in jedem Betrieb die
Personalkosten die Größe, an der sich sparen läßt.
Die kapitalistische Wahrheit, daß die Arbeit umso schlechter be-
zahlt wird, je unangenehmer und anstrengender sie ist, gilt also
auch in Krankenhäusern und Altenheimen.
Noch mehr als in anderen schlecht bezahlten Berufen bekommt die
Pflegekraft jedoch ganz viel moralischen Lohn. Jedermann klopft
ihr anerkennend auf die Schulter wegen ihrer aufopfernden Näch-
stenliebe. Für das öffentliche Lob des Berufs als selbstloser
Dienst am Nächsten ist der Lohn gerade niedrig genug. Florence
Nightingale hatte eben keine volle Lohntüte! So verteilen sich
die wirklichen und die eingebildeten Vorteile gerecht. Die Schwe-
stern und Pfleger genießen eine Anerkennung als ziemliche Ideali-
sten - alle wirklichen Vorteile liegen bei ihren Arbeitgebern.
Krankenschwestern sind lieb - die männlichen Krankenpfleger nicht
minder. Sie fordern nicht einfach weniger Arbeit und mehr Lohn,
sondern beklagen den "Pflegenotstand". So als fehle es an Perso-
nal für eine ordentliche Betreuung der Kranken, weil niemand mehr
bei der schlechten Bezahlung und den miesen Arbeitsbedingungen
ihren Job ergeife. Und nicht deshalb, weil die Arbeitgeber sehr
berechnend die Personaldecke der Schwestern und Pfleger so knapp
halten.
Jetzt wundern sich die lieben Schwestern und Pfleger nicht ein-
mal, daß mit dem Tarifabschluß auch der Pflegenotstand beendet
ist, obwohl überhaupt kein neues Personal eingestellt wird.
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