Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Der Tarifabschluß bei den ostdeutschen Metallern:
       

ANGLEICHUNG AN WESTLÖHNE - SCHRITTWEISE

Der "wegweisende Tarifabschluß" für die ostdeutsche Wirtschaft ist vor etwa einem Monat für die Metallindustrie Mecklenburg- Vorpommern abgeschlossen worden. Er ist von den Gewerkschaften, den Arbeitgeberverbänden und der Presse als "vorbildliche Grund- lage" für alle anderen Tarifverhandlungen gelobt worden: "West- Löhne ab 1994 gesichert". Der ostdeutsche Lohnarbeiter ist also dem westdeutschen gleichgestellt - in Abstufungen innerhalb eines Zeitraumes von drei Jahren jedenfalls. Die Angleichung... ------------------ Das Bedürfnis der schrittweisen Angleichung haben sich die Tarif- politiker der Gewerkschaft selbst geschaffen. Einerseits dadurch, daß sie national ö k o n o m i s c h denken und vor kaum einem halben Jahr in einer konzertierten Aktion zusammen mit Staat und Unternehmerverband den Ostlohn auf etwa die Hälfte des Westnive- aus festsetzten. Das hatte damals seine guten gewerkschaftlichen Gründe und die werden auch durch die jetzigen Bestrebungen zur Angleichung der Löhne an die westdeutschen keineswegs zurückge- nommen. Die Arbeitervertretung im Kapitalismus anerkennt das arbeiterfeindliche Grundprinzip dieser Wirtschaft: Zuerst kommt der Profit, dann der Lohn. Sie findet es ganz normal, daß kein Lohn bezahlt werden kann, wo es keinen Profit gibt. In der Ex-DDR kann der "wirtschaftlichen Vernunft" der Gewerkschaft zufolge ei- gentlich überhaupt kein Lohn bezahlt werden, und Westlohn vertra- gen die paar wackeligen Geschäfte, die überhaupt gehen, schon gleich nicht. Nach wie vor will und verordnet die Gewerkschaft die "Vorleistung" eines Billiglohnes für das Wirtschaftswachstum im Osten. Andererseits kennt der d e u t s c h e Gewerkschaftsbund eben auch noch n a t i o n a l e neben den nationalökonomischen Ge- sichtspunkten: Kaum war das Niedriglohngebiet Ost beschlossen, hatte die IG Metall ihre neue Aufgabe: die Beseitigung der Lohn- differenz. Sie litt sofort an der Aufspaltung ihres Tarifgebiets. So wenig sie nämlich gegen die erheblichen Lohndifferenzen zwi- schen Lohngruppe 2 und 10 einzuwenden hat, die s i e organi- siert und überwacht, so wenig sie gegen die Verschiedenheit des Lohnniveaus zwischen der BRD und dem A u s l a n d einzuwenden hat - so unerträglich findet sie es als Gewerkschaft, die a l l e D e u t s c h e n in Arbeit vertreten will, wenn sich die allfälligen Unterschiede in Lohn und Leben nicht ihrem Tun, sondern einer i n n e r d e u t s c h e n, u n ö k o n o m i- s c h e n S c h e i d e l i n i e verdanken. D a s wider- spricht eindeutig der Einheit der deutschen Gewerkschaft und ihrer Mitgliedschaft. Das Ärgernis einer ostzonalen Sonderbehandlung wurde nun aufge- löst in einem Tarifvertrag, der den Ostlohn durch seinen Bezug auf einen einheitlichen deutschen Metalltarif definiert: Er ist heuer 62,5%, nächstes Jahr 71%, dann 82% und schließlich 100% vom nationalen Tariflohn. Der neue Vertrag ist der Kompromiß, der beiden Gesichtspunkten der gewerkschaftlichen Lohnfindung für den Osten gerecht wird: der Billiglohn als proletarische Vorleistung zum Investitionsan- reiz muß sein, aber die Einheitlichkeit des deutschen Lohnsystems auch: Einerseits wird der Lohnunterschied im Verhältnis zum We- sten für die nächsten Jahre festgeschrieben, andrerseits nur übergangsweise. Tarifpolitisch ist das "Ostlohnproblem" damit er- ledigt. Was die Leute davon haben, ist eine ganz andere, die Ge- werkschaft nicht groß interessierende Frage. ...was sie in den Geldbeutel bringt... -------------------------------------- In 4 Jahren verdienen diejenigen, die dann einen Job haben, das im Westen Übliche. Das ist auch nicht ganz das, was man will oder was man braucht, sondern halt, was die Gewerkschaft im Westen festgesetzt hat. Das definiert, was sich Deutsche leisten können, und auf dieses Normalmaß haben beschäftigte Ossis in 4 Jahren auch ein Recht. Vorläufig aber nicht: Erst einmal bekommt man laut Tarifvertrag zwei Drittel des im Westen Üblichen. Die Angleichung besteht in einer P e r s p e k t i v e. Für einige Jahre wird man sich an der Aussicht erwärmen dürfen, statt des gegenwärtigen Hungerlohns demnächst einmal echten Westlohn zu verdienen. Allerdings nicht jeder: Die Angleichung an das westliche Tarifsy- stem bedeutet nämlich vor allen Dingen das Ende aller sozialisti- schen Gleichheit in der Bezahlung: Während Meister und Ingenieure die im Kapitalismus höhere Wertschätzung ihrer Aufsichtstätigkeit am Geldbeutel ablesen dürfen, wird die große Mehrheit der norma- len Lohnabhängigen feststellen, daß die Prozenterhöhungen des E c k l o h n e s sich für die lohngruppenmäßig niedrig Ein- gestuften relativ lohnsenkend auswirkt. Für die Mehrheit der Metaller im Osten aber bringt der Vertrag ganz etwas anderes: sie wird auch den jetzt vereinbarten mickri- gen Lohn nicht einstreichen. Die Mehrheit der Metaller nämlich wird ab 1. Juli (oder verlängert ab 1.1.92.?) arbeitslos sein und Arbeitslosengeld beziehen. Die Eingliederung in das westdeutsche Tarifsystem wird für sie nur die Berechnungsgrundlage des Ar- beitslosengeldes verändern - wenn sie Glück haben und es nicht doch noch nach dem alten Lohn berechnet wird. Als echte gesamt- deutsche Arbeitslose bekommen sie dann gut 2/3 von knapp 2/3 des Westlohnes. Die Eingliederung in das gesamtdeutsche Ar- beitslosenheer - mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten - das ist die vorläufige Hauptleistung des neuen Tarifvertrags. ...was sie also leistet ----------------------- Mit diesen Tarifverträgen, die jetzt abgeschlossen werden, wird die trostlose Situation der ostdeutschen Arbeiter eingeordnet in die normalen deutschen Tarif- und Sozialversicherungs- verhältnisse. Ohne daß sich ihre Lage groß ändert, haben sie jetzt das Recht, abgestuft, aber dafür deutschen Lohn bzw. deut- sches Arbeitslosengeld zu beziehen. Damit sind nun endgültig alle Ansprüche abgegolten, die sich aus der n a t i o n a l e n Z u g e h ö r i g k e i t ergeben. Das Versprechen der Einheit, die rechtliche Gleichstellung der DDR-Bürger mit den anderen Deutschen zu verwirklichen, ist perspektivisch eingelöst; die Klage von den "Deutschen Zweiter Klasse" ins Unrecht gesetzt. Mit diesem Vertrag sind die Ossis r e c h t l i c h so gleich- gestellt, wie es nur möglich ist. Was das materiell heißt, ist eine andere Frage. Aber darum geht es ja sowieso nicht. zurück