Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       In der Metalltarifrunde 1990 wird alles auf dem Kopf stehen:
       

DAS KAPITAL STELLT DIE FORDERUNGEN - DIE IG METALL STELLT SICH AUF DIE ABWEHR EIN!

Auch wenn die IG Metall wie gehabt die Tarifrunde mit "drei For- derungen" - 1. vollständige Einführung der 35-Stundenwoche, 2. keine Wochenendarbeit und 3. Lohnerhöhung - einleitet, so ist un- verkennbar, daß sie damit auf eine Offensive der Unternehmer rea- giert. Die Unternehmer-Offensive --------------------------- Seit Monaten machen nämlich die Unternehmer auf allen Kanälen schwer Stimmung gegen die 35-Stundenwoche und rechnen der Gewerk- schaft vor, daß die letzten beiden Tarifrunden zur Wochenar- beitszeitverkürzung keines der gewerkschaftlichen Ziele einlösen konnten: Die Arbeitslosigkeit sei nicht zurückgegangen, sie habe im Metallbereich sogar zugenommen. Die Arbeitszeitverkürzung sei durch Leistungssteigerung aufgefangen worden und den Metallarbei- tern habe sie nur Lohnverluste eingetragen. Diese Rechnung, auf- gestellt von den Unternehmerverbänden, ist schon ziemlich frech: Erst sorgen sie s e l b s t dafür, daß die Erwartungen der Ge- werkschaft sich nicht erfüllen und dann tun sie so, als wären sie Parteigänger der gewerkschaftlichen Interessen und müßten der IG Metall gute Ratschläge erteilen. Ein besonders dicker Hammer ist es, wenn sie nachrechnen, daß den Arbeitern durch die Tarifpoli- tik ihrer Gewerkschaft 7 - 8% mehr Lohn durch die Lappen gegangen seien. Als ob sie jemals daran gedacht hätten, freiwillig auch nur 1% mehr Lohn herauszurücken! Als ob nicht gerade sie es gewe- sen wären, die das Lohnverzichtsangebot der Gewerkschaft in den letzten Jahren mit Kußhand und ohne Gegenleistung angenommen hät- ten! So heißt denn auch die F o r d e r u n g N r. 1 der Unter- nehmer: "Stellt Eure nutzlose und für Eure Leute sogar schädliche Kampa- gne zur Wochenarbeitszeitverkürzung endlich ein!" Natürlich haben sie ganz e i g e n e Gründe, aus denen sie die weitere Wochenarbeitszeitverkürzung ablehnen. Nicht, daß sie mit den letzten Tarifverträgen schlecht gefahren wären: weder hatte die IG Metall auf Einstellungszusagen beharrt, noch den Verzicht auf Leistungssteigerung durchgesetzt. Und auch der sogenannte Lohnausgleich war nichts anderes als der Verzicht auf Tariflohnerhöhungen. So daß unter dem Strich noch jedesmal her- auskam, daß die Unternehmer ihre Flexi-Modelle weiter ausbauen konnten. Wenn die Metallunternehmer jetzt ein Ende der Wochenarbeitszeitverkürzung fordern, dann deshalb, weil es ihnen lästig zu werden beginnt, ihre Flexibilisierungsansprüche immer sehr umständlich als Auslegung von Tarifverträgen zur Wochenarbeitszeitverkürzung durchzusetzen. Auch die zunehmende Anzahl von Freischichten, ohne die das nicht aufgeht, wird all- mählich zu einem Problem. Sie müssen erst einmal untergebracht sein, was manchmal in die Konjunktur paßt, aber manchmal eben auch nicht. So sind die Metallkapitalisten dann auch auf die Idee gekommen, die IG Metall, mit einer F o r d e r u n g N r. 2 zu konfron- tieren: "Das Wochenende muß in die Regelarbeitszeit einbezogen werden!" Als Antwort auf die gewerkschaftlichen Forderungen zur Wochenar- beitszeit v e r k ü r z u n g deren V e r l ä n g e r u n g zu fordern, ist dreist. Es entbehrt jedoch nicht einer gewissen Lo- gik. Denn wenn die Unternehmer es nach jeder Tarifrunde zur 35- Stundenwoche - mit betriebsrätlicher Unterstützung - hinbekommen haben, die Wochenarbeitszeitverkürzung in eine Verlängerung der B e t r i e b s n u t z u n g s z e i t umzurechnen, dann darf es nicht wundern, daß sie dadurch ermuntert werden, ihr Interesse an einer optimalen Ausgestaltung der Betriebsnutzungszeit ganz o h n e das gewerkschaftliche 35-Stunden-Theater auf die Tages- ordnung zu setzen. Also her mit der Regelarbeitszeit am Wo- chenende, mindestens am Samstag! Und zwar ohne den Zirkus mit der Ausnahmegenehmigung! Zur Untermauerung ihres Anliegens bedienen sich die Unternehmer zum einen eines Arguments, das bei der G e w e r k s c h a f t neuerdings verfängt wie sonst keines: Standortsicherung wegen Binnenmarkt Europa. Das ist zwar ziemlich verlogen, denn was so defensiv und arbeitsplatzbeflissen als Standort s i c h e- r u n g s anliegen daherkommt, das will nichts anderes erreichen, als den A u s b a u eines Konkurrenzvorsprungs für das deutsche Kapital vor der "Öffnung der Grenzen". Zum anderen beginnen sie bereits damit, den Metall a r b e i t e r n die Wochenendarbeit schmackhaft zu machen. Etwa dadurch, daß sie - wie bei Uni Royal - die gesamte Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden verkürzen, die dann bei gleichem Lohn auf d r e i Tage um das Wochenende herum verteilt werden; natürlich nur, um so das volle Wochenende nach eigener Kalkulation mit in die Anlagennutzungszeit einbeziehen zu können. Das ist dann ein Angebot, das Arbeiter schwerlich ablehnen können, die das neue Lohn-Leistungsverhältnis und die tatsächliche Verkürzung der Wochenarbeitszeit nachrechnen. Natürlich, und das ist das Gemeine an dem "Lockangebot", denkt kein Unternehmer daran, diese ungewöhnliche und auch noch freiwillige (relative) Lohnerhöhung zur N o r m f ü r a l l e B e s c h ä f t i g t e n zu machen. Umgekehrt kalkuliert er: 'Auf der Grundlage, daß der weitaus größte Teil der Belegschaft zu den a l t e n Lohn-Leistungsbedingungen wie gehabt weiterar- beitet, kann ich es mir leisten, für einen kleinen Teil der Mann- schaft dieses Sonderangebot zu machen, w e n n sich dadurch die Verlängerung der Anlagennutzungszeit auf 7 Tage durchsetzen läßt.' Und so kommen die Metallarbeitgeber mit der ihnen eigenen Unver- schämtheit daher und fordern im Interesse des "deutschen Indu- striestandortes" u n d im Interesse der Metallarbeiter die Gewerkschaft auf, von ihrem Tabu zu lassen, daß der Vati, wenn schon nicht am ganzen Wochenende, so doch wenigstens in der Regel am Sonntag der Familie gehöre. Die IG Metall rüstet zum Abwehrkampf ------------------------------------ Gegenüber dem Ansinnen, die 3 5 - S t u n d e n w o c h e einzumotten, kontert die IG Metall recht eigenartig. Wo die Un- ternehmer ihr ganz öffentlich vorrechnen, daß sie alle Hoffnungen der Gewerkschaft auf Abbau der Arbeitslosigkeit lässig durch- kreuzt, da setzt die IG Metall unbeirrt auf die F o r t s e t z u n g dieser Kampagne. Von Selbstkritik ist weit und breit nichts zu sehen. Daß die Metaller Lohnopfer und eine Leistungsverdichtung hinnehmen mußten, und die Unternehmer fein ihre Flexi-Modelle ausbauen konnten, irritiert die IG Metall wenig. Bis zum bitteren Ende will sie Wochenarbeitszeitverkürzung durchziehen. Warum? Einfach deswegen, weil sie diese nun 1. einmal mit viel Trara angefangen hat und weil ihr 2. darüber hinaus noch kein neuer Schlager dazu eingefallen ist, wie sie deutlich machen kann, daß niemand sich in dieser Republik so viel Sorge um die Arbeitsplätze macht wie die Gewerkschaft. Gegenüber der Forderung nach W o c h e n e n d a r- b e i t s z e i t möchte sie besonders hart bleiben. Nach wie vor möchte sie alle betrieblich für notwendig erklärte Wochenendarbeit nur als die A u s n a h m e v o n d e r R e g e l zulassen. Dabei ist auch ihr klar, daß die Unternehmer in aller Regel gar nicht vorhaben, das Wochenende d u r c h arbeiten zu lassen, sondern nur dann Samstags- und Sonntagsarbeit an- und auch wieder absetzen wollen, wenn es ihnen in die Konjunktur paßt. Es geht also gar nicht um das A u s m a ß der Wochenendarbeit, sondern in erster Linie darum, wie e i n f a c h die Unternehmer an sie herankommen können: Mit oder ohne Betriebsratsunterschrift, mit oder ohne Umrechnung in eine Arbeitszeitverkürzung. Das hindert die IG Metall nicht daran, den Verlust des heiligen Wochenendes zu beklagen! Sie möchte sich als Sachwalter der deutschen Familie aufspielen, die sie ebenfalls für ziemlich heilig hält, und für "gemeinsame Frei- zeit" kämpfen. Und so macht sie frühzeitig mit Kampagnen unter dem Titel "Gemeinsam Zeit haben" mobil, für die die Metaller dann g e m e i n s a m mit ihrer Familie das Wochenende verplempern sollen; natürlich nur, wenn sie Z e i t h a b e n, also nicht gerade - ausnahmsweise, versteht sich! - arbeiten müssen. Die frechen Rechnungen der Unternehmer, daß die IG Metall mit ih- rer 35-Stundenwoche den Metallern erhebliche L o h n- e i n b u ß e n verpaßt habe, kontert sie nicht etwa mit einer gesalzenen Lohnforderung, sondern mit der Umdrehung der Schuldzuweisung: Daran, daß es die Leute im Portemonnaie kneift, sei doch gar nicht sie, die IG Metall, schuld, sondern das hätten die Unternehmer mit ihrer unverantwortlichen Preispolitik ver- schuldet. Und so ist denn die Forderung der IG Metall nach Loh- nerhöhung bei Lichte besehen nichts anderes als die Klage, daß die Unternehmer, verantwortungslos wie sie sind, die IG Metall dazu nötige, "einkommenspolitische Fehlentwicklungen" zu monie- ren. Sie korrigiert damit überhaupt nicht ihre Lohnverzichtspoli- tik der letzten Jahre. Sondern sie jammert darüber, daß die Un- ternehmer diese noblen Gesten der Gewerkschaft einfach nicht ho- noriert, sondern schamlos ausgenutzt hätten. So meldet sie einen Korrekturbedarf beim Lohn an und sagt gleich dazu, daß ihr das Korrigieren äußerst lästig ist. Es gehört wenig Phantasie dazu, sich auszurechnen, daß sich auf diese Weise an der Lohnfront nichts ändern wird. Fazit: Wenn die IG Metall ihre 35-Stundenwoche zu einem Ende bringen will, dann wird es ein schlechtes sein. Die Preise, die die Me- tallkapitalisten dafür berechnen, sind bekannt: Wochenend- regelarbeitszeit und Lohnverzicht wie gehabt! Ohne Kommentar -------------- "Kollegen, ich hab' etwas gelernt, als die Kollegen bei Daimler- Benz in Bremen dagegen gekämpft haben, daß Samstag Regelarbeits- zeit wurde. Als ich da war und mir erklären ließ, daß da die Lac- kiererei jeden Samstag Überstunden macht, da habe ich gesagt, jetzt verstehe ich die Welt nicht mehr. Ihr seid doch sowieso am Samstag da. Das kann doch nicht richtig sein. Natürlich ist es nicht richtig. Aber die Kollegen haben eine Antwort gehabt. Ob- wohl sie jeden Samstag arbeiten, haben sie das Gefühl, es läuft immer noch nach dem Prinzip der Freiwilligkeit und sie könnten zumindest NEIN sagen. Ich gebe zu, das ist wenig. Aber es ist et- was, was wir bitte berücksichtigen müssen, daß Menschen gefragt werden wollen." (aus der Rede des IGM-Bezirkssekretär Frank Teichmüller auf der Vertrauensleute-Konferenz, Bezirk Hamburg, 4./5.11.88) zurück