Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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LIEBE LEUTE,

wißt Ihr eigentlich, warum Ihr heute auf die Straße geht? Ihr seid stinkendsauer über die beschissene Bezahlung und die rui- nösen Arbeitsbedingungen im Krankenhaus und der Altenpflege. Keine Frage. Das ist so. Bloß, seid Ihr Euch sicher, daß die Ge- werkschaft Abhilfe im Sinn hat, wenn sie Euch zum Protest auf- ruft? Hört Sie Euch doch einmal genau an, Eure Gewerkschafts- vertreter: Erstens werden die vollen Betten und das knappe Personal, die dauernden Überstunden und die schlechte Bezahlung in drastischen Tönen geschildert. Übertreiben braucht da keiner. So führt die ÖTV wortreich Klage über den "Pflegenotstand" und Ihr dürft Euch ruhig einbilden, daß die Gewerkschaft damit meint, daß sie solche Arbeitsbedingungen für unzumutbar und wenig einträglich hält. Zweitens wird das Angebot der Arbeitgeber gegeißelt. 150 DM Wechselschichtzulage oder 60-120 DM Zulage für den normalen Schichtbetrieb nennt die Gewerkschaft ein "Phantomangebot" der Arbeitgeber. Und Ihr dürft Euch ruhig denken, daß die ÖTV das Ar- beitgeberangebot für ziemlich unverschämt hält, weil sie an einer Verbesserung der Lebensumstände des Pflegepersonals interessiert ist. Drittens wird in kämpferischem Ton auf die Forderung der ÖTV ver- wiesen, daß die unterste Vergütungsgruppe wegfallen soll und alle Beschäftigten eine Stufe höhergruppiert werden sollen. Und jetzt? Soll das etwa ein "phantastisches Angebot" an die Pflegekräfte sein? Gemessen an einer Verbesserung der Lebensum- stände des Pflegepersonals ist die Gewerkschafts f o r d e- r u n g ja wohl ein genauso schlechter Witz wie das Arbeit- geber a n g e b o t. Daran könnte Euch folgendes auffallen: Wenn die ÖTV über den "Pflegenotstand" Klage führt, geht es ihr überhaupt nicht um die Beseitigung des Notstandes beim Pflegepersonal. Dagegen, daß Ihr zu wenig Geld und zu viel Arbeit habt, verspricht die ÖTV keine Abhilfe. Für die ÖTV tut nichts so sehr Not wie ein bißchen mehr Anerkennung für die Beschäftigten. Heute läßt sie Euch antreten, damit Ihr mal kräftig Euren Unmut äußert. Dampf ablassen, nennt man das. Nichts ist nämlich schöner für die ÖTV als das Deuten auf Eure schlechte Bezahlung und miesen Arbeitsbedingungen, um dann gegen- über den Arbeitgebern darauf hinzuweisen, wie verantwortungsvoll sich doch das von der Gewerkschaft beaufsichtigte Personal schon immer aufführt. Das soll den Arbeitgebern ein paar Mark mehr wert sein. Eure aufopferungsvollen Dienste sind von der ÖTV also auch weiterhin fest eingeplant. Wer sich als Arschloch der Nation gewürdigt wissen will, ist auf der heutigen Protestveranstaltung am richtigen Platz. Wer sich so billig nicht abspeisen lassen will, sollte sich mal überlegen, ob es ratsam ist, dieser Gewerkschaft die Zuständigkeit für die ei- genen Lebensumstände zu überlassen. zurück