Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Arbeitgeberchef Murmann will den flexiblen Lohn:
"TARIFLICH GESICHERTE FREIHEIT FÜRS LOHNSENKEN"
Arbeitgeber-Präsident Murmann, "Praktiker mit eigener (florie-
render) Firma" (BILD), weiß, wo seine Interessen liegen: Wo es
mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit so wunderbar klappt, da
darf eine F l e x i b i l i s i e r u n g d e s L o h n s
nicht fehlen! Warum denn den Lohn "starr" hundertprozentig
zahlen, wo man doch Arbeiterlöhne wie Produktionsanlagen auch
"herunterfahren" könnte, wenn es in der Firma "schlecht läuft"?
Vor allem, wo "heruntergefahrene" Arbeiterlöhne eben gar nicht
automatisch ein Zurückfahren der Produktion bedeuten müßte.
Die Arbeitgeber setzen also einen neuen happigen Angriff auf den
Lohn auf die Tagesordnung. Nach dem Streichen von übertariflichen
Zahlungen in vielen Betrieben haben die Unternehmer jetzt den
T a r i f l o h n selbst ins Visier genommen. D e n möchten
sie wie Tarif und Übertarif behandeln können: Ein Teil des je-
weils auszuhandelnden Tariflohns soll ganz ihrer Betriebskalkula-
tion unterworfen bleiben! Da könnte man sich den Tarifzirkus ei-
gentlich endgültig sparen. Zumal - und darauf zielt der Murmann
auch - eine "ertragsabhängige" Tariflohnkomponente natürlich von
Betrieb zu Betrieb extra festgelegt werden müßte.
Die letzte Bremse gegen eine Lohnzahlung, die nur noch die Ge-
winnkalkulation des Betriebes als ihr Maß kennt, nämlich die
e r t r a g s u n a b h ä n g i g e u n d ü b e r b e-
t r i e b l i c h e T a r i f l o h n f e s t s e t z u n g,
soll auch noch fallen. Es reicht den Arbeitgebern nicht, daß
schon die bisherige Tarifpraxis der letzten Jahre nur ihre
Interessen berücksichtigt hatte. Das wollen sie sich gleich als
ihr R e c h t bei der Lohnfestsetzung t a r i f l i c h
bescheinigen lassen.
Es ist schon sehr verrückt: Ursprünglich sind Tariflöhne einmal
gegen die Betriebe, die willkürlich und rücksichtslos gegen alle
Notwendigkeiten des Lebensunterhalts des Arbeiters die Löhne run-
ter und rauf gesetzt haben, durchgesetzt worden. Heute möchten
sich die Kapitalisten ihre Freiheit der Lohnfestsetzung nach ih-
ren Maßstäben gar a l s P r i n z i p d e r T a r i f-
p o l i t i k von der Gewerkschaft bescheinigen lassen.
Eines ist dabei schon mal sicher: Das liegt n i c h t daran,
daß sich Arbeiter mit 70 % vom Tariflohn bereits alle Wünsche er-
füllen können!!
Das Bestechendste an diesem Vorschlag eines flexibel gestalteten
Lohns: er soll doch tatsächlich ganz im Interesse der Arbeiter
liegen! Nur komisch, daß die nie selber darauf kommen und der Ar-
beitgeber-Präsident für sie vordenken muß. Mehr oder weniger
Lohn, je nachdem, wie die Firma läuft, denn: "Vorübergehend ein-
mal etwas weniger zu verdienen, ist sozialer, als Leute zu ent-
lassen." Auch wenn dieser erfahrene Praktiker aus dem Kapitali-
stenlager genau weiß, wer Leute arbeitslos macht und warum und
daß Lohnsenkungen für ihn gar nicht als Alternative zu Entlassun-
gen in die Tüte kommen - der Mann weiß auch, was Arbeitslose
heutzutage wert sind: sie sind das beste, weil allgemein aner-
kannte Argument dafür, daß Arbeit ein Dienst ist und außer
Pflichterfüllung für die Arbeiter nichts drin ist.
So bringen also Arbeitgeber rechtzeitig vor der nächsten Ta-
rifrunde den Lohn ins Spiel. Die Gewerkschaft hat sich dazu noch
nicht geäußert. Natürlich wird sie sich erst einmal empören. Aber
was von der Empörung zu halten ist, das kann man an ihrer Weige-
rung, von den Betrieben einen Nachschlag zu fordern, ebenso able-
sen, wie an den letzten Tarifrunden: Der Tariflohn war für sie
immer nur die Manövriermasse für ihre bescheuerte Arbeitszeitver-
kürzungspolitik, die keinen Arbeitstag kürzer, dafür aber den
Lohn knapper gemacht hat. Das will sie auch in der nächsten Ta-
rifrunde nicht ändern.
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