Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Stahltarifrunde '87
       

WER BRAUCHT SCHON LOHN...

Die IG Metall hat die Stahltarifrunde mit der Forderung nach 5% mehr Lohn und Gehalt ab 1.11.87 und der mal wieder fälligen "Einführung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich" ab 1.1.88 eingeleitet. Der Gewerkschaft gilt es als Gütesiegel für die Stahltarifrunde, daß Stahl sich nicht "tarifpolitisch" von Metall "abkoppeln" dürfe, weswegen sie ihre Forderung gleich so gestaltet, daß der Verdacht gar nicht aufkommen kann, sie wolle hier etwa ü b e r den "Kompromiß" bei Metall vom Frühjahr h i n a u s Ungehöriges vom Stahlkapital verlangen. Insofern nichts Neues: daß der Gesichtspunkt, was A r b e i t e r von ihrem Lohn kaufen können und wieviel sie dafür zu arbeiten haben, in einer T a r i f r u n d e nichts verloren hat, ist eben zwi- schen Gewerkschaft und Unternehmen Konsens, noch ehe sie in die Verhandlungen einsteigen. Tarifrunden sind ja auch nicht für die Arbeiter eingerichtet, sondern dafür, daß am Ende ein Tarifver- trag herauskommt, der auf Punkt und Komma regelt, welche Freihei- ten sich das Kapital beim flexiblen Einsatz seiner Belegschaften herausnehmen darf - einschließlich der dafür zu leistenden Be- zahlung. Und weil dies auch der einzige Inhalt und Zweck der Ta- rif v e r h a n d l u n g e n ist, nehmen es sich die Unterneh- mer heraus, noch an jeder Prozentforderung der Gewerkschaft öf- fentlich herumzumäkeln und über den "enormen Kostendruck" zu la- mentieren; als wären ein paar Lohnprozente mehr ein einziger An- schlag auf ihre geheiligte betriebliche Kostenkalkulation. Schließlich, so ihr Standpunkt, ist der Lohn Mittel für unseren Gewinn - also sind wir auch die einzigen, die hier etwas zu for- dern haben. ...wo das Kapital so viele entläßt? ----------------------------------- Für den immergleichen Standpunkt, daß die Kostenkalkulation des Kapitals den Lohn nicht verträgt, haben sich die Stahlkapitali- sten diesmal ein neues Argument einfallen lassen: es heißt "Stahlkrise". Unter dem Motto "Sozialpläne oder Lohnerhöhungen. Beides zusammen wird nicht gehen", gehen sie in die Offensive und klagen bei den Stahlarbeitern, die sie weiterhin beschäftigen, ein Sonderopfer für die ein, die sie gerade rausschmeißen. Ein- fach zu sagen: unser I n t e r e s s e am Geschäftserfolg set- zen wir gegen j e d e Lohnforderung durch - das wäre den Stahl- kapitalisten nämlich zu unfein. Stattdessen stellen sie ihren Unwillen, auch nur einen Pfennig zuviel herauszurücken, als Folge von lauter sozialen Wohltaten dar, die sie bereits an die Arbeiter vergeben hätten: "Die IG Metall müsse sich also entscheiden, ob sie das kostspie- lige soziale Netz für die Kollegen wolle, die ihren Arbeitsplatz verlieren würden, oder aber die massiven (!) Tariflohnerhöhungen für die Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsplätze behielten. Die Stahlunternehmen seien bei weitem überfordert, sowohl die eine wie die andere Leistung zu erbringen." (Handelsblatt v. 20.9.) Frech sind sie schon, die Stahlkapitalisten. Nicht nur setzen sie mir nichts, dir nichts zigtausend Arbeiter auf die Straße, wenn das Geschäft deren Lebensunterhalt nicht mehr verträgt, und e r s p a r e n sich auf die Weise lauter Ausgaben für Lohn. Sie geben auch noch damit an, daß sie doch glatt für die Rausge- schmissenen ein paar Mark locker machen - als ergäbe sich aus ih- ren I n t e r e s s e, mit den überflüssig gemachten Arbeitern auch gleich die Kosten für deren Lebensunterhalt loszuwerden, auch ganz selbstverständlich der Anspruch, für die keine müde Mark mehr rausrücken zu müssen. So besehen ist dann das Geld für die "sozialverträgliche Abwicklung" der Rausschmisse eine einzige soziale W o h l t a t für die Betroffenen, die den armen Unter- nehmern so sehr ans Portemonnaie geht, daß man doch glatt für Löhne für die Beschäftigten kein Pfennig zusätzlich übrigbleibt. Im Klartext: wenn es bei den Entlassungen um Kostenersparnis f ü r u n s geht und wir dann t r o t z d e m noch was dafür blechen müssen - dann können wir unmöglich noch was für die Be- schäftigten hinlegen! Die IG Metall findet diesen Standpunkt nicht etwa frech, sondern hat für ihn vollstes Verständnis. Gerade deshalb befindet sie, daß das Stahlkapital hier unbillige Forderungen aufstellt: "Natürlich befinde sich die Stahlindustrie in einer schweren Strukturkrise, und selbstverständlich würden die Stahlarbeiter wieder einmal einen "Abschlag" fordern. Doch ist ein solcher Stahlrabatt nach Meinung Steinkühlers nicht berechtigt. Denn die IG Metall beziehe ja auch nicht die enormen Subventionen, die die Stahlindustrie mit Unterstützung der Gewerkschaft erhielte, in ihre Verteilungsrechnung ein." (Handelsblatt v. 14.9.) Daß der Topf, aus dem die Kapitalisten ihre Wohltaten auf die Ar- beiter niederregnen lassen, im Prinzip so leer ist, daß da für Lohnerhöhungen nichts mehr drin ist - das sieht die IG Metall voll ein. Das hat ihr ja schon immer eingeleuchtet: daß das Einkommen ihrer Mitglieder, das die Unternehmen als Lohn zahlen, für letztere eine einzige Last und Kostenfaktor ist, den man immer daraufhin begutachten muß, ob das Geschäft ihn auch v e r t r ä g t. Also begreift sie sofort, daß Kapitalisten, die gerade zahlen, um Ar- beiter l o s z u w e r d e n, nicht "nochmal" zahlen können für Arbeiter, die sie b e n u t z e n. Aber in diesem Fall, so das Argument der IG Metall, haben die Ka- pitalisten diese Kosten ja gar nicht g e h a b t und wollen t r o t z d e m nicht zahlen. Das findet die Gewerkschaft unfein - wo man sich doch im Prinzip so einig ist. Fazit: wo alle Welt der einmütigen Auffassung ist, daß 35000 Ent- lassungen nicht so sehr denen Sorgen bereiten, die hinterher ohne Lohn dastehen, als vielmehr denen, die sie an die Luft setzen - da sind diese Rausschmisse noch für Einiges mehr gut als b l o ß dafür, dem Kapital die Geschäftsbasis zu verbessern. Da taugen sie doch glatt noch dazu, zu begründen, warum man für's A r b e i t e n auf keinen Fall mehr verlangen darf. zurück