Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Abschluß beim Einzelhandel:
       

VERSCHAUKELT!

Die Sache ist gelaufen. Obwohl die Verträge noch nicht unter- zeichnet sind, läßt sich die Bilanz der Tarifrunde ziehen. Für das Verkaufspersonal der Geschäftswelt fällt sie negativ aus. Zur Erinnerung! - Da verabschiedet die Regierung ein Gesetz zur Verlängerung der Ladenschlußzeiten am Donnerstag. Dem Handelskapital soll die Ge- legenheit gegeben werden, den Leuten noch ein paar Stunden länger das Geld aus der Tasche zu ziehen. - Für das Personal der Kaufhäuser wäre damit ein Feierabend voll- ständig für die Katz. - Die HBV und DAG machen in der Tarifrunde dagegen Front. Sie be- tonen, daß bei all dem, was dem Verkaufspersonal ohnehin schon zugemutet werde, der Dienstleistungsabend gar nicht in die Tüte käme. - Den Handelsunternehmungen ist die Sache zwar nicht egal, aber irgendwie stehen sie auch auf dem Standpunkt, den die Gewerk- schaften vertreten, daß nämlich die Kaufkraft nicht mehr wird, wenn die Läden länger offen sind. Aber wenn es die M ö g l i c h k e i t zur Schlußzeitenverlängerung gesetzlich gibt, dann soll sie ihnen in der Konkurrenz gegen andere Kaufhäu- ser auch zur Verfügung stehen. - Und schon haben die Gewerkschaften den schönsten Streit mit dem Tarifgegner. Sogar zu S t r e i k s kommt es. Die Verkäuferin- nen und Verkäufer beteiligen sich massenhaft an der Urabstimmung und streiken - für ihren freien Donnerstagabend. Denken sie we- nigstens! Fauler Kompromiß! ----------------- Sie haben danebengedacht. Einen "Kompromiß" will die Gewerkschaft in Sachen Dienstleistungsabend erstritten haben! Sie hat unter- schrieben, daß die Unternehmer ihren Dienstleitungsabend haben können, wenn sie es aus "Wettbewerbsgründen für erforderlich" halten. Schöner Kompromiß ist das! Welche Interessen standen sich denn gegenüber? Die Leute wollten k e i n e Verlängerung der Ladenschlußzeiten. Die Unternehmer wollten die Verlängerung an- setzen d ü r f e n, wenn die Konkurrenz damit anfängt. Was ha- ben also die Unternehmer im Kompromiß bekommen? Das, was sie oh- nehin nur wollten! Und das Verkaufspersonal? Das, was es gerade v e r h i n d e r n wollte; nämlich am Dienstleistungsabend im- mer dann antreten zu müssen, wenn das Kaufhaus das aus "Wettbe- werbsgründen" anordnet. Der Betriebsrat ist wie immer dabei. Und Regelungen darüber, w i e o f t im Monat die Leute länger da- behalten werden können, liegen auch schon in den Schubladen. Dafür haben die Leute also streiken dürfen: Daß die Gewerkschaft sofort ein Einsehen hat, wenn die Betriebe ihr Geschäftsinteresse auch nur erwähnen. Dann kann sie sich auf einmal gar nicht mehr daran erinnern, daß sie in zahlreichen Flugblättern die - nicht einmal übertriebene - Ausbeutung der Leute durch die Handelsun- ternehmen angeprangert hat. 'Kompromiß' heißt für HBV und DAG also: 'Ihr sagt JA zu 18.30 Uhr, dann sagen wir JA zu 20.30 Uhr.' Oder anders gesagt: 'Wenn Ihr uns bescheinigt, daß die R e g e l 18.30 heißt, dann bekommt Ihr von uns jede Verlängerung als A u s n a h m e gebilligt.' So handhabt das eine Gewerkschaft, die einfach nicht ertragen kann, daß irgendeine Arbeitszeitrege- lung ohne ihre Mitwirkung zustande kommt. Kampf für die Gewerkschaftsehre! Jetzt gibt es noch ein paar Nachhutsgefechte von HBV und DAG. Die Öffnungsklausel ist allerdings nicht mehr das Thema. Da sehen HBV und DAG keinerlei Nachverhandlungsbedarf. Auch der Ein- zelhandelsverband ist in der S a c h e mit den Gewerkschaften längst einig. Nur ist ihm in Bremen angesichts der Abschlüsse in anderen Tarifbezirken eingefallen, daß die vereinbarte F o r m u l i e r u n g für die Ausnahmeregelung etwas zu e n g ausgefallen ist: Bei "Gefährdung der Existenz" soll die Aus- nahmeregelung erst greifen. Und so erklärt der Händlerverband die Vereinbarung kurzerhand für nichtig. Das erbost die Gewerkschaf- ten fürchterlich: Daß der Einzelhandelsverband eine bereits ge- troffene Vereinbarung e i n s e i t i g wieder für null und nichtig erklärt, weil er meint, er könnte auch in Bremen den Dienstleistungsabend noch ein bißchen billiger, sprich: mit w e n i g e r B e g r ü n d u n g s aufwand bekommen, d a s verstößt für die Gewerkschaften gegen gute Tarifsitten. Da fühlen sie sich als Tarifpartner schwer mißachtet. Dabei hätten sie ge- gen einen anderen Vertragstext, der die Ausnahmeregel zum Dienst- leistungsabend etwas weicher formuliert, gar nichts einzuwenden - sie selbst verstößt nämlich n i c h t gegen die Gewerk- schaftsehre, wie der HBV-Chef in Bremen versichert. Aber daß die Unternehmer einfach machen, was sie wollen, ohne sich dazu vorher die t a r i f v e r t r a g l i c h v e r e i n b a r t e E r l a u b n i s von der Gewerkschaft abgeholt zu haben, d a s geht der Gewerkschaft über die Hutschnur. Und sie läßt die Leute in Bremen erneut zum Streik antreten. Zur Rettung der Gewerk- schaftsehre dürfen die sich jetzt mit ihren Betrieben anlegen. Zur Tagesordnung! ----------------- Irgendwann ist auch wieder Schluß mit dem Getöber. Zur Kenntnis wird dann vielleicht noch genommen, daß der Lohnzuwachs von 3,9% ab Mai 1989 und von 3,4% ab Mai 1990 bereits sogar von der offi- ziellen Inflationsstatistik fast überholt worden ist; daß mal wieder eine Wochenarbeitszeitverkürzung ausgehandelt worden ist, von der man nichts merken wird; und daß - sage und schreibe - 10% mehr Weihnachtsgeld rüberkommen sollen. Dann geht es wieder zur Tagesordnung über. Und was wird aus dem Feierabend am Donnerstag? ---------------------------------------------- Was soll mit dem schon werden? Der Betriebsrat wird den Leuten schon rechtzeitig mitteilen, wann sie anzutreten haben. Mehr wird nicht sein. Es ist schon erstaunlich, wie die Gewerkschaft mit dem Wunsch ih- rer Mitglieder, wenigsten die alten Ladenzeiten zu erhalten, Schindluder treiben kann. Da malt sie wochenlang das Elend des Verkaufspersonals aus - "10 Stunden im Laden, jeden Samstag arbeiten, den ganzen Tag ste- hen, Arbeit auf Abruf und das alles bei kargem Einkommen" (DGB- Flugblatt) - und dann müssen die Leute erfahren, daß alles gar nicht so ge- meint war. Daß selbst das ohnehin mehr als bescheidene Anliegen, den Donnerstagabend frei zu haben, für HBV und DAG nur dann gilt, wenn dem kein Interesse der Geschäftswelt entgegensteht. Merken kann man sich also folgendes: Die Gewerkschaft bringt die Arbeits- und Entlohnungsverhältnissse der Leute n i c h t etwa deshalb zur Sprache, weil sie an ihnen etwas zugunsten der Be- schäftigten ändern will. Die miserable Lage des Verkaufspersonals taugt ihr nur dazu, auf die M o r a l t u b e zu drücken: 'Schaut her, liebe Leute, wie dreckig es den Verkäufern geht. Habt deshalb Verständnis dafür, daß die auch mal einen Tag den Laden dicht machen!' Die B e r e c h t i g u n g des Protestes soll unterstrichen und aller Welt klargemacht werden, daß die Ge- werkschaft nichts U n g e b ü h r l i c h e s will. Allein dazu taugen ihr die Elendsgemälde! Weder beim Lohn noch bei der Arbeitszeit will sie dem Handelskapital an den Karren fahren. Da- mit würde sie sich glatt Sympathien verscherzen - in der Öffent- lichkeit. Der Sympathien ihrer M i t g l i e d e r scheinen sich HBV und DAG sehr sicher zu sein. So sicher wenigstens, daß sie keinen Sympathieverlust fürchten, wenn sie deren Feier- abendbedürfnisse hinter die Sorge um ihr Ansehen als eine um die 'Wettbewerbsfähigkeit' der Betriebe schwer besorgte gesellschaft- liche Kraft zurückstellen. Deswegen gilt es noch etwas anderes zu merken: Die Tour der Ge- werkschaft, die elende Lage der Leute als Werbematerial für ihren Mitwirkungswahn zu benutzen, kommt nur deshalb zum Tragen, weil den Verkäuferinnen und Verkäufern eines selber eine ziemliche Selbstverständlichkeit ist: daß i h n e n so etwas wie der freie Donnerstagabend nur dann einfallen darf, wenn die G e w e r k s c h a f t ihn von sich aus zum Thema macht. Und daß sie den Wunsch nach Erhaltung der alten Ladenschlußzeiten dann wieder in ihren Hinterkopf zurückzubefördern haben, wenn die Gewerkschaft den Tanz beendet. Und zwar ohne daß ernsthaft Auf- wand und Ertrag des Tarifstreits bilanziert worden wären. Für al- les erklärt sich die Gewerkschaft allein zuständig. Und für alles w i r d sie für zuständig e r k l ä r t. Das aber ist nicht nur eine schlechte, sondern eine schädliche Angewohnheit der Kaufhausbelegschaften: immer nur dann und auch nur solange die eigene Unzufriedenheit mit den Arbeitsverhältnis- sen bei Karstadt, Horten oder Wertkauf für ein Argument zu hal- ten, wie die Gewerkschaft es einem e r l a u b t. 'Schlecht' ist diese Angewohnheit, weil die von der Gewerkschaft reklamierte Z u s t ä n d i g k e i t für die Leute gar nicht deren Anliegen verfolgt. 'Schädlich' ist sie, weil so der Gewerkschaft das aus dem Leben gegriffene Material für ihre Elendsgemälde von dem Ver- käuferberufsstand nie ausgehen wird. zurück