Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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WARNSTREIKS GEGEN DEN DIENSTLEISTUNGSABEND -
KEIN STREIK FÜR KÜRZERE ARBEITSZEIT
HBV und DAG rufen zu Warnstreiks auf. Dabei zeichnen sie ein dra-
stisches Bild, wie es um die Lage der Beschäftigten bestellt ist.
So sieht es heute noch im Einzelhandel aus:
* Feierabend erst nach halb sieben
* 10 Stunden im Laden
* jeden Samstag arbeiten
* den ganzen Tag stehen - bei künst-
lichem Licht, unter den Augen der
Kunden
* Arbeit auf Abruf
* Verschiebung der Freizeit
* zu wenig Personal, immer mehr
Umsätze
* und das alles bei einem mehr als
kargen Einkommen
Nicht einmal übertrieben. Ein vernichtendes Urteil über die Ar-
beit in den Kaufhäusern: so sehr die Leute in der Arbeit etlichen
Härten ausgesetzt sind, so wenig lohnt sie sich für sie. Diese
Bilanz liest sich wie eine Selbstkritik der Gewerkschaften. Diese
Zustände sind ja nicht vom Himmel gefallen, sondern unter tat-
kräftiger Mitwirkung von HBV und DAG zustandegekommen. Das sind
schließlich die Ergebnisse der Tarifpolitik nicht nur der letzten
Jahre. Kritisieren sich HBV und DAG nun selbst, daß sie entschie-
den zuviele Rücksichten auf das Geschäft genommen haben? Wollen
sie ihre Versäumnisse nachholen und endlich etwas für die Be-
schäftigten rausholen? Weit gefehlt!
Weder mehr Lohn...
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Ist denjenigen, die zur Urabstimmung aufgerufen sind und zum
Warnstreik antreten sollen, überhaupt eine Forderung der HBV und
DAG nach mehr Lohn bekannt. Daß sich das Einkommen der Leute um
mindestens 50% erhöhen muß, damit sie von ihrer Arbeit etwas ha-
ben, war nirgendwo zu hören. Irgendetwas zwischen 6 und 8 % sol-
len die Gewerkschaften verlangen. Liegt die Scheidelinie zwischen
einem "kargen Einkommen" und einem ordentlichen Lebensunterhalt
etwa bei 100 DM im Monat? Ein Witz! Über den keiner so recht la-
chen kann, weil er davon leben muß.
Die Lohnfrage halten HBV und DAG für erledigt. Daraus hätten sie
nie ein Aufhebens gemacht, hätte nicht der Unternehmerverband
seinen Mitgliedern empfohlen, den Angestellten freiwillig ein
paar Prozent mehr zu zahlen. Über das mickrige Angebot hat sich
keiner aufgeregt. Wie auch, wo die Gewerk-
schafts f o r d e r u n g vom Unternehmer a n g e b o t über-
haupt nicht zu unterscheiden ist. "E i n s e i t i g e Ge-
haltserhöhungen'' sind eine grobe "Mißachtung des Tarifpartners",
beschwert sich Schwegler von der HBV. Als ob die Angestellten un-
bedingt eine Gewerkschaft dafür brauchen, daß sie von zwei Seiten
billig abgespeist werden!
Nach der HBV schon. "Wer glaubt, er könne Arbeitnehmern durch un-
sicheres Geld Rechte abkaufen, darf sich nicht wundern, wenn das
als Kampfansage an die Ehre beantwortet wird." Schenken lassen
sich die Angestellten nichts. Verlangen tun sie auch nichts, da-
für sorgt schon die HBV. Um so mehr Wert sollen sie darauf legen,
daß sie die Billiglöhne von der Gewerkschaft verordnet kriegen.
Darauf und sonst gar nichts haben die Angestellten ein Recht. Und
wenn von den Unternehmern die Zuständigkeit der Gewerkschaft über
den Lohn infragesgestellt wird, haben die Leute s i c h gefäl-
ligst auf den Schlips getreten zu fühlen und zum Streik an-
zutreten. Von dieser Ehre kann man sich bekanntlich nichts kau-
fen, aber das soll gerade das Schöne an ihr sein. Ist das nicht
ein bißchen viel verlangt?
...noch weniger Arbeit
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Gegen die geplante Einführung eines "Dienstleistungsabends" tre-
ten die Gewerkschaften in der Hauptsache an. Ein ausgemachter
Schwindel, daß es dabei um kürzere Arbeitszeiten für die Ange-
stellten geht:
Was geht das eigentlich die Beschäftigten an, wenn in Bonn ein
Gesetz geplant wird, das die Konkurrenz der Geschäftsleute re-
gelt?. Denen wird erlaubt, am Donnerstag bis 20:30 Uhr die Ge-
schäfte aufzulassen. Na und? Ist es nicht eine v ö l l i g
g e t r e n n t davon zu behandelnde Frage, wie die
A r b e i t s z e i t für die Leute aussehen soll?
Für die Gewerkschaften offensichtlich nicht. Sie gehen nämlich
wie selbstverständlich davon aus, daß verlängerte G e-
s c h ä f t s zeiten gleichbedeutend sind damit, daß sich auch
die A r b e i t s zeit der Leute v e r l ä n g e r t. Als wäre
es ein Naturgesetz der Arbeit, unterstellen HBV und DAG, daß wenn
die Geschäfte zwei Stunden länger auf sind, die Beschäftigten
zusätzliche Arbeit am Hals haben, sich ihr Arbeitstag einfach um
zwei Stunden verlängert.
Wieso sind sich HBV und DAG denn da so sicher? Die kennen sich
selbst nur zu gut! Es ist doch gängige gewerkschaftliche Praxis,
in Tarifverträgen den Geschäftsleuten alle Freiheiten für die op-
timale Ausnutzung der Geschäftszeiten zu genehmigen: erstens hat
für die Geschäftszeit das Personal fraglos zur Verfügung zu ste-
hen, von morgens früh bis abends spät, von montags bis samstags.
Zweitens stehen den Geschäftsleuten die 40-Stunden-Woche plus
Überstunden genauso zu Gebote wie alle erdenklichen Formen der
Teilzeitarbeit und Arbeit auf Abruf. In diesem Gewerbe sind alle
Methoden der lohnkostensparsamen Anpassung der Arbeitszeit an den
Geschäftsumsatz schon seit Urzeiten zuhause, als Flexibilisierung
noch ein Fremdwort für die geschäftstüchtige Ausnützung der Ar-
beitszeit war.
HBV und DAG lieben es sehr, das Ladenschlußgesetz mit einer Ar-
beitszeitordnung für die Angestellten zu verwechseln. Die Ange-
stellten sollten auf diesen Schwindel nicht hereinfallen. Was
bleibt einem denn erspart, wenn die Gewerkschaften sich durchset-
zen mit ihrer Forderung "18 Uhr 30 Feierabend - keine Minute län-
ger!" Damit wird doch nur der Rahmen festgelegt, der den
Geschäftsleuten als potentielle Arbeitszeit zur Verfügung steht.
Den sie geschäftsmäßig ausnutzen können mit Flexi wie bisher. Wie
lang der Arbeitstag ist, weiß mit dem Feierabend doch kein
Mensch. Der ist damit doch gar nicht festgelegt. Garantiert be-
kommt man dadurch nur eines: daß die Freizeit das bloße Abfall-
produkt der Geschäftskalkulation bleibt.
Alles soll so bleiben, wie es ist
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Dagegen Einspruch zu erheben, ist das letzte, woran die Gewerk-
schaften denken. Viel lieber rechnen sie den Unternehmern vor,
daß sich längere Ladenschlußzeiten für die Geschäftsleute gar
nicht auszahlen. Der "Dienstleistungsabend" sei unnütz, da län-
gere Ladenschlußzeiten gar nicht mehr Umsatz bringen, weil die
Kaufkraft gleich bleibt, die Kosten aber steigen. Au weia! Jetzt
tun HBV und DAG glatt so, als wäre der "Dienstleistungsabend" ein
ganz gemeiner Angriff der Politiker auf deren Lieblingsbürger.
Wenn Bonner Politiker das Geschäft der Kaufhäuser zu ruinieren
drohen, da sei die Gewerkschaft vor! Wo HBV und DAG den Lohn als
Kaufkraft ins Spiel bringen, wo sie sich um den Lohn in seiner
Eigenart kümmern, wie für das Geschäft den Leuten das Geld aus
der Tasche gezogen werden kann, da fällt ihnen ein, daß der Lohn
reichlich knapp ist! Und ihnen fällt ein, daß längere Geschäfts-
zeiten doch nur Lohn kosten und nichts einspielen, weshalb der
Umsatz auch in kürzerer Zeit, also dichterer Arbeit zu machen
ist. Der Streß der Leute liegt den Gewerkschaften weit weniger am
Herzen! Gegen eine drohende Verlängerung der Arbeitszeit wollen
HBV und DAG dann, aber auch nur dann an antreten, wenn sie sich
fürs Geschäft nicht lohnen.
Auf ihr Einvernehmen mit den Unternehmern sind sie stolz. Mit dem
alten Ladenschlußgesetz ist alles bestens für das Geschäft gere-
gelt, keine Zumutung für die Beschäftigten war den Gewerkschaften
je zuviel. Das sollen die Herren aus Bonn nicht gefährden, da
sollen die Unternehmer auch mal Flagge zeigen und im Tarifvertrag
zu Protokoll geben, wie gut sie mit HBV und DAG bisher gefahren
sind. Damit die Unternehmer an den Verhandlungstisch zurückge-
kämpft werden, sollen die Angestellten auch noch dafür streiken,
daß f ü r s i e alles so b e s c h i s s e n bleibt, wie es
ist. Können sie sich solche Gewerkschaften überhaupt noch lei-
sten?
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