Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Lange Laufzeiten bei den Tarifabschlüssen
DIE UNTERNEHMER SIND ZUFRIEDEN.
DER DGB HAT BESSERES ZU TUN.
UND WAS IST MIT DEM LOHN?
Inzwischen gibt es keinen Tarifabschluß mehr, in dem die Tarif-
partner Lohn und Arbeitszeit nicht für mindestens drei Jahre
festgeschrieben hätten. Für Arbeiter und Angestellte aus der Me-
tall-, Chemie- und Druckbranche gibt es bereits 1988 keine Tarif-
verhandlungen mehr, weil sich die zuständigen Arbeitgeberverbände
und Gewerkschaften im letzten Jahr auf eine dreijährige Laufzeit
ihrer Tarifverträge geeinigt hatten. Als letzte große Branche hat
kürzlich der öffentliche Dienst nachgezogen und die Löhne und Ge-
hälter auf drei, die Arbeitszeit gar auf vier Jahre festgelegt.
Die "Kleinen" bemühen sich nach Kräften, es den "Großen" gleich-
zutun, so daß jährliche Tarifverhandlungen in der Bundesrepublik
nun endgültig der Vergangenheit angehören.
Der Lohn - langfristig zur freien Verfügung der Unternehmer
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Zur Vergangenheit zählen damit die Zeiten, in denen einmal pro
Jahr die Veränderung der Lohnhöhe zum Ausgangspunkt einer Rech-
nung gemacht wurde; die Bedingungen, die einem Arbeiter präsen-
tiert werden, zu einem Streitgegenstand gemacht wurden. Lange
Laufzeiten haben nämlich die Eigenschaft, den Lohntarif über
Jahre hinweg festzuschreiben, und den Umgang mit dem Lohn aus-
schließlich der anderen Seite zu überlassen. Und die bleibt wäh-
rend der Laufzeit der Tarifverträge ganz und gar nicht untätig:
Wo immer nämlich ein Betrieb zu der Auffassung gelangt, daß mit
einer veränderten Produktion die ganze Geschichte effektiver zu
haben wäre, stellt er damit die Lohnfrage, und zwar immer in ein-
deutiger Absicht.
Da ist eine neue, produktivere Maschine der Beleg dafür, daß die
Arbeit "einfacher" geworden ist, und Grund genug, den stolzen
neuen Arbeitsplatzbesitzer abzugruppieren und ihn dementsprechend
niedriger zu bezahlen. Die überflüssig gemachten Arbeiter finden,
wenn sie das "Glück" haben, daß der Betrieb sie anderswo braucht,
eine neue Tätigkeit, die in aller Regel schlechter bezahlt wird.
Wo keine Senkung der Lohnzahlung stattfindet, sorgen die Lei-
stungssteigerungen dafür, daß man für den gleichen Lohn mehr Ar-
beit zu verausgaben hat.
Wenn der Lohn ausgegeben wird, bekommen es die, die von ihm leben
müssen, schon wieder mit einer Errungenschaft der sozialen Markt-
wirtschaft zu tun. Unternehmer haben nämlich die Freiheit, ihre
Preise zu erhöhen, wann und wie sie das für richtig halten. Und
die Grundeigentümer steigern die Mieten, wo sie nur können. Das
Resultat, daß dieselbe Lohnsumme bei steigenden Preisen immer we-
niger kaufen kann, ist im Arbeitergeldbeutel als die ganz private
Verringerung der Kaufkraft regelmäßig zu spÜren.
Abgruppierungen und Leistungssteigerungen verbilligen den Lohn,
den Unternehmer zahlen müssen; und Preissteigerungen erhöhen ihre
Einnahmen. Für beide Maßnahmen haben die Unternehmer gute Gründe,
weshalb sie sie auch regelmäßig praktizieren. Dafür kennen sie
keine anderen Laufzeiten als die, die sie sich selbstsetzen. Der
Staat tut das seine dazu, daß Arbeitnehmer immer weniger Geld für
ihren Lebensunterhalt zur Verfügung haben. Höhere Lohn- und Ver-
brauchssteuern, steigende Beiträge zu den verschiedenen staatli-
chen Kassen oder einfach nur neue Rezeptgebühren und andere
"Kleinigkeiten" auf der einen Seite und staatliche Sparsamkeit
bei den Ausgaben für seine lohnabhängigen Bürger auf der anderen
sorgen zusätzlich dafür, daß ein Arbeiter mit seinem Lohn übers
Jahr immer weniger anfangen kann.
Staat und Unternehmen bieten keinerlei Garantie, daß 2000 Mark
netto auch morgen noch 2000 und daß mit dieser Summe übermorgen
noch genauso viel gekauft weiden kann wie heute. Im Gegenteil:
Staatliche "Sparsamkeit" und eine "solide Haushaltspolitik" gel-
ten als Tugenden, unternehmerische "Innovationsfähigkeit" und
eine "kluge Preispolitik" sind ein Erfolgsausweis - alles zusam-
men also die Garantie dafür, daß der Lohn sinkt. Umgekehrt haben
die Unternehmer die Garantie, daß zwischen den Tarifverhandlungen
der Lohn von der Seite, die ihn bezieht, nicht zum Streitpunkt
gemacht wird. Je länger somit die Laufzeit der Tarifverträge, de-
sto größer ist der Zeitraum, während dem Unternehmer am Lohn spa-
ren können, ohne mit einer Gegenforderung rechnen zu müssen. Des-
halb ist den Unternehmern diese neue Praxis des bundesdeutschen
Tariflebens nur recht und billig. Sie können langfristig mit fi-
xen Lohnkosten kalkulieren und haben damit das Mittel in der
Hand, das Verhältnis von Lohn und Leistung zu ihren Gunsten zu
verändern.
Die Politik des DGB: Zu schade für den Lohn
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Mit den langen Laufzeiten haben sich die DGB-Gewerkschaften eines
Problems entledigt, das ihnen schon lange auf dem Magen liegt.
Schon der Vorvorgänger des IG Metall-Vorsitzenden Steinkühler,
Eugen Loderer, forderte angesichts der jährlichen Tarifauseinan-
dersetzungen, "Schluß mit dem Gewürge" zu machen. Wegen ein paar
Lohnprozenten jedes Jahr ein solches Theater zu veranstalten,
manchmal sogar Streiks organisieren zu müssen, geht dem DGB nicht
erst seit 1987 gegen den Strich. Schon bei einer jährlichen Ta-
rifrunde war die Gewerkschaft nie darauf bedacht, die im
v e r g a n g e n e n Jahr gelaufene Verschlechterung des Lohns
rückgängig zu machen. Vielmehr dachte sie sich lauter tolle Be-
griffe aus wie "Teuerungsausgleich", Kaufkraftstärkung" und
"induzierter Produktivitätseffekt", die alle nur auf eines hin-
ausliefen: Der Lohn fürs k o m m e n d e Jahr sollte so ausge-
handelt werden, daß er nicht nur mit der Wirtschaft
"verträglich", sondern ihr auch noch eine gute Bedingung fürs
Wachstum schaffen sollte; davon würde - vielleicht - auch ein
"gerechter Anteil" für die Arbeiter abfallen. Aber in dem jährli-
chen Ritual" steckte zumindest noch die E r i n n e r u n g
drin, daß es einen g u t e n G r u n d gibt, den Gebrauch des
Lohns durch die Unternehmer (nachträglich) zu korrigieren. Diese
von Politikern, Unternehmern und Journalisten als ständige
"Störung des sozialen Friedens" angeprangerte Notwendigkeit einer
Korrektur paßt dem DGB überhaupt nicht mehr ins Konzept. Wegen
ein paar Lohnprozenten sah sich die Gewerkschaft immer wieder in
die Rolle des "Störenfrieds" gedrängt. Dieses Hemd hat sie sich
nun ausgezogen. Nicht umsonst hat es der DGB bei jeder passenden
und unpassenden Gelegenheit weit von sich gewiesen, eine
"Lohnmaschine" zu sein. Wenn schon mehr Lohn fordern, so die De-
vise des DGB, dann sinnvoll; nämlich so, daß alle etwas davon ha-
ben: die Arbeitslosen, die Wirtschaft und der Staatshaushalt. Die
Geldbeutel der Lohnbezieher selbst waren nie das Argument für
eine Forderung - weshalb das Lohnniveau 88, wie man ab und an im
Wirtschaftsteil der Tageszeitungen nachlesen kann, wieder auf dem
Niveau der Mitte der siebziger Jahre liegt. Für den DGB ist eben
die Arbeitslosigkeit das drängendste Problem der Stunde: Sie mit
dem illusionären Programm der Verteilung der Arbeit auf alle zu
bekämpfen, hat er sich auf seine Fahnen geschrieben. Für dieses
Jahrhundertopfer bietet er nicht nur den Lohn als Solidaropfer
der Arbeitnehmer an, sondern auch die Zusicherung mehrjähriger
Enthaltsamkeit an der Tariffront.
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