Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
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Die IG Metall kommentiert ihr Traumergebnis
DAS HAT MAN NUN DAVON!
1
Keine Schiebung
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"Ohne wenn und aber - die 35 steht." (metall-nachrichten)
Daß über die tatsächliche "Durchführbarkeit" der tariflichen Ar-
beitszeitverkürzung für 1993 und 1995 erst noch Verhandlungen
vereinbart wurden, soll daran nach Auskunft der Gewerkschaft
nichts ändern:
"Nur wenn die IG Metall selbst sagt, der Wirtschaft geht es so
schlecht, daß die Arbeitszeitverkürzung unzumutbar ist, kann sie
verschoben werden."
Kein Wenn und Aber, sondern sonnenklar. Wenn die 35 im Jahre 1995
doch nicht steht, dann jedenfalls deshalb, weil die IG Metall
selber, frei und vollkommen gleichberechtigt mit den Kapitalisten
entschieden hat, daß ihre Durchführung zu verschieben ist. Und
das garantiert nur im Interesse des Wohlbefindens der Wirtschaft,
deren Gesundheit natürlich über unsere geht. Das ändert aber
nichts daran, daß die 35 steht und stehen bleibt, egal wann sie
kommt.
2
Kröte oder Bonbon? Hauptsache geschluckt.
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Die IG Metall ist gespalten in der Frage: Wie verkauft man den
Mitgliedern die vereinbarte reguläre 40-Stunden-Woche, die ab so-
fort für 13 - 18 % der Belegschaft gilt?
Was meinen Sie? So oder so?
Die Württemberger IG Metall meint:
"Es gibt keinen Grund, das als 'Kröte' darzustellen!"
Sondern als Bonbon, das der Basis bestens schmeckt:
"Freiwillig kann auch eine Arbeitszeit von 40 Stunden gewählt
werden. Damit hat ein weitverbreitetes Bedürfnis nach Zeitsouve-
ränität eine Lösung gefunden." (IG Metall Stuttgart)
Nicht dumm, die Schwaben-Gewerkschaft! Wer die Wahl hat zwischen
entweder regulären 37 Stunden plus 3 Überstunden oder regulären
40 Stunden Wochenarbeit, der ist sein freier Herr über die Ar-
beitszeit. Nicht, daß er über die Nebensächlichkeit zu entschei-
den hätte, wieviel Stunden er real in der Fabrik zubringt. Dafür
kann er sich den Namen von 3 Stunden souverän auswählen:
"Überstunden" oder "Normalarbeitszeit". Das ist doch mal ein An-
gebot, oder?
Die IG Metall Hessen zieht es vor, die 40-Stunden-Vereinbarung
als ein gewisses Zugeständnis darzustellen:
"Unser Preis für die 35 ist das Zugeständnis, daß bis zu 13 Pro-
zent der Beschäftigten freiwillig längere Arbeitszeiten bis zu 40
Stunden vereinbaren können."
Ja was denn nun, "Zugeständnis" oder "freiwillig"? Kein Problem!
Daß der Freiwilligkeit in den Betrieben und Büros ein bißchen
nachgeholfen wird, weiß doch jeder, weshalb man sie ruhig in An-
führungszeichen setzen kann. Macht aber auch nichts: dann kann
man immer noch mit 87 : 13 einen haushohen Sieg verbuchen:
"Um zu verhindern, daß alle unter den Tarifvertrag fallenden Kol-
legen zu dieser 'Freiwilligkeit' gezwungen werden, darf deren An-
zahl 13 Prozent aller Arbeitnehmer eines Betriebes nicht über-
schreiten."
Im Klartext: Weil die Gewerkschaft die Anzahl derer, die zur "40-
Stunden-Woche" gezwungen werden können, auf 13 % begrenzt hat,
haben die restlichen 87 % die Freiheit errungen, ihre Arbeitszeit
mit der Zahl 35 zu beziffern.
Bleibt unter dem Strich, daß ab sofort in Hessen, genau wie bei
den Schwaben, ein beträchtlicher Prozentsatz von Überstunden wie-
der den Namen 'Normalarbeitszeit' trägt. Wenn das kein gelungener
Beitrag zum Abbau von Überstunden ist!
3
Ein Vergelt's Gott für die Basis
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"Über 36000 warnstreikende Metaller allein am Donnerstag und
Freitag in unserem Bezirk Frankfurt (hier Glyco Wiesbaden) haben
sich durchgesetzt: Die 35 und das freie Wochenende stehen im Ta-
rifvertrag."
"Ihr habt's mit euren Warnstreiks geschafft. Danke!"
Merke: Man bedankt sich immer nur bei jemandem, der anderen einen
Gefallen getan hat und nicht sich selbst. Die IG Metall ist eben
höflich und verwechselt ihren Erfolg nicht mit dem ihres Fuß-
volks.
4
Erstmals im Tarifvertrag: Gesunde Leistungsverdichtung!
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Ist Euch schon aufgefallen, daß Eure Interessenvertretung
zugleich mit der Jahrhundert-35 ein zusätzlicher "Einstieg" ge-
lungen ist? Die hat nämlich erfolgreich
"...in einem neuen Paragraphen 2a erstmals festgeschrieben, daß
die Arbeit nicht so verdichtet werden darf, daß sie auf Dauer zu
gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt. In einer Protokollno-
tiz wird betont, daß auch aus Anlaß von Arbeitszeitverkürzungen
keine Leistungsverdichtung erfolgen darf, die für die Arbeitneh-
mer zu unzumutbaren Belastungen führt." (metall-nachrichten)
Eine tolle "Bremse gegen den Streß"! Die Gewerkschaft weiß, daß
das Kapital die Leistung pro Arbeitsstunde verdichtet, so gut es
geht. Ob aus Anlaß verkürzter Arbeitszeit oder ohne Anlaß - ein-
fach wegen dem Gewinn. Also schreitet sie zur Tat. Bitte nur Lei-
stungsverdichtungen mit zumutbaren Belastungen, fordert sie und
läßt die Fabrikbesitzer unterschreiben, die Arbeitergesundheit
mit jeder Verschärfung der Arbeitshetze garantiert "auf Dauer"
nicht beeinträchtigen zu wollen. Und schon geht mit dem förmli-
chen Verlust von Exzessen der ganz normale "Streß" als zumutbar
in Ordnung. Und es gilt die Volksweisheit: 'Ein Gesunder hält's
aus'.
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