Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


       zurück

       Tarifrunde
       

WENN DIE GEWERKSCHAFT RECHNET

Was hat eigentlich der "Produktivitätszuwachs" damit zu tun, daß die Arbeitnehmer mehr Lohn brauchen? Eigentlich nichts. Ist es wichtig für eine Lohnerhöhung, die den Arbeitgebern abgerungen werden muß, wie hoch deren Gewinne gestiegen sind? Eigentlich nicht. Die Gewerkschaft aber will sich bei dem, was sie an Lohnerhöhun- gen fordert, nicht einfach von dem leiten lassen, was die Mit- glieder an Lohn brauchen. Sie kennt lauter andere Gründe für ihre Lohnforderung und rechnet mit diesen fein säuberlich aus, was sie als Forderungssumme beschließt. "Bis jetzt beziffert die IG Metall ihren Forderungsrahmen mit 10,5 bis 12 Prozent. Er setzt sich aus 3 Prozent Produktivitäts- zuwachs (der in Form von Arbeitszeitverkürzung 'verteilt' werden soll), 3 Prozent Inflationsausgleich und 4,5 bis 6 Prozent Um- verteilungskomponente zusammen. Die auf den ersten Blick hoch er- scheinende Gesamtforderung relativiere sich aber dadurch, daß die Metallfirmen seit Beginn der achtziger Jahre regelmäßig zweistel- lige Gewinnsteigerungen erzielt hätten, nämlich jahres- durchschnittlich 9,7 Prozent brutto und sogar 14,4 Prozent netto ..." (Kuda, IG Metall, in "Süddeutsche Zeitung", 11.12.) Die ganze Gewinnsteigerung zu nehmen und zu ihr die Reallohnver- luste der achtziger Jahre dazuzurechnen, so daß man bei einer Forderung an die 20 Prozent landen würde, fällt der IG Metall aber auch nicht ein. Eben! Das ganze gewerkschaftliche Rechnungs- wesen dient ja nur dazu nachzuweisen, daß die geforderten Pro- zente aus lauter gerechten Teilen bestehen: Wenn mehr Reichtum geschaffen worden ist, sollte es doch nur billig sein, daß die Arbeitnehmer davon etwas abbekommen. Wenn die Kaufkraft des Geldes gesunken ist, wäre es doch wohl selbstverständlich, diesen Verlust in diesem Jahr auszugleichen. Wenn die Unternehmer hor- rende Gewinne gemacht haben, müßten sie auch etwas davon an die Arbeitnehmerschaft abgeben. Nichts liegt also der Gewerkschaft ferner als ein Lohndiktat. Wer nämlich um einen gerechten Anteil bittet, dem ist selbstverständlich, daß er von der Gegenseite ab- hängig ist; davon, was die für gerecht hält. Was und wieviel also nun wirklich gerecht sein soll, darüber läßt sich dann schön streiten. Es liegt nämlich in der Logik all die- ser guten Gründe, daß die Gewerkschaft nicht einfach auf ihrer beschlossenen Lohnerhöhung beharrt. So ist es jetzt schon klar, daß schließlich nur ein Kompromißangebot wirklich zu einer ge- rechten Lösung führt: "Wir bestehen auf der tariflichen Vereinbarung der 35-Stunden-Wo- che in der Tarifbewegung 1990. Aber wir bestehen nicht auf dem Inkrafttreten der 35-Stunden-Woche zum 1. April 1990. Möglichkei- ten des Kompromisses bestehen außerdem vor allem in der Einkom- mensfrage." (Kuda). zurück