Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn


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       Tarifabschlüsse in der DDR:
       

LOHN ALS BEWÄHRUNGSHILFE

Die erste Tarifrunde der DDR ist gelaufen. Die Ergebnisse, die die Einzelgewerkschaften erzielten, - zuletzt war die ÖTV dran -, stimmen weitgehend überein. Die Regelungen betreffen den Lohn, die Arbeitszeit und den Umgang mit Entlassungen. Ausgehandelt wurden: - Lohnerhöhungen zwischen 250,- und 350,- DM - die 40-Stunden-Woche - ein Entlassungsschutz bis zum 1.7.91 - Kurzarbeitergeld in Höhe von 85-90% des Nettolohns für diejeni- gen Arbeitnehmer, die von ihren Betrieben nicht mehr beschäftigt werden können. Wie sind die Gewerkschaften eigentlich darauf gekommen, daß DDR- ler durchschnittlich 300,- DM mehr zum Leben brauchen? Haben sie sich an den Kassen der Kaufhallen bei den Hausfrauen erkundigt? Haben sie ausgerechnet, Daß 300,- DM Zuschlag auf den durch- schnittlichen 1200,- DM DDR-Lohn das sind, was man braucht für Edeka-Lebensmittelpreise, den Eisschrank und die neue Reise- freiheit in die Alpen? Das kann ja wohl nicht sein! Das glauben auch die Gewerkschaften nicht, daß 300,- DM Zuschlag so etwas wie einen gesicherten Lebensunterhalt für DDR-Arbeiter abgeben. Die Frage, was DDRler an Lohn zum Leben b r a u c h e n, hat bei den Lohnforderungen der Gewerkschaften keine Rolle gespielt; diesen Maßstab haben sie in der DDR ebensowenig angelegt wie sie es in der BRD zu tun pflegen. Hier wie dort sehen sie sich beru- fen mitzuentscheiden, was den Leuten an Lohn berechtigterweise und nach Abwägung aller politischen und ökonomischen Umstände so z u s t e h t. "Nettolohngarantie" ------------------- hieß der großartige Anspruch, den die Gewerkschaften im Falle der DDR für gerade richtig hielten. Lange vor Abschluß der Me- talltarifrunde wußte Steinkühler: "Wenn mit dem 1. Juli nur die jetzigen DDR-Löhne in DM umgewech- selt würden, dann hätten die Arbeitnehmer in der DDR einen Real- lohnverlust von schätzungsweise 25%. Es fängt damit an, daß die Arbeiter und Angestellten bislang kaum Steuern und Sozi- alversicherungsbeiträge gezahlt haben. Diese Abgaben und Steuern, die nun fällig werden, müssen durch eine pauschale Lohn- und Ge- haltserhöhung ausgeglichen werden." (Spiegel 25/90) Ein interessanter Standpunkt! Für einen deutschen Gewerkschafts- führer ist die Geldsumme, die die Regierung den DDR-Arbeitern mit dem 1:1-Umtausch d i k t i e r t hat, ab sofort der "Reallohn". Zu gut deutsch: der gilt nun einmal, und damit ist er auch für die Gewerkschaft der M a ß s t a b, an dem sich ihr Korrektur- bedarf in Sachen Lohn orientiert. Mit ihren Forderungen einen An- griff auf dieses Diktat zu fahren - das kommt ihr gar nicht erst in den Sinn. Auf ihre Weise teilt nämlich die Gewerkschaft das nationale Dogma über die Lebensverhältnisse, die in der DDR seit Einführung der DM herrschen. Das heißt: ein Lohnniveau wie das der BRD - das g e h t in der DDR noch gar nicht. Das "geht" nur dort, wo das Kapital die Arbeitskraft anwendet und aus dem Einsatz der Ar- beitskraft f ü r s i c h ordentlich Gewinn schlägt. Nur dort haben Arbeiter überhaupt eine Chance, zu einem geregelten Le- bensunterhalt zu kommen; und solange das in den DDR noch nicht der Fall ist, kann diesem Dogma zufolge auch eine Gewerkschaft keinen Lohn herausholen, der diesen Namen verdient. Da kann das "Lohnfinden" gar nicht anders gehen, als daß die P o l i t i k erst einmal ein "Lohnniveau" vorschreibt. Die weiß ja schließlich am besten, was die Nation an Arbeitereinkommen so verträgt, und deshalb muß sich verantwortliche gewerkschaftliche Lohnpolitik auch daran orientieren. Daß gerade der Einzug der DM in die DDR dafür gesorgt hat, daß der vordem gesicherte Lebensunterhalt der DDRler jetzt massenhaft infragesteht, stört die Gewerkschaft in ihrem Dogma überhaupt nicht. Das Kapital ist nun einmal das ein- zige Lebensmittel für Arbeiter, das sie kennen will. In dessen gedeihlichem Wirken sieht sie die feste Basis für sich, "im In- teresse der abhängig Beschäftigten" tätig zu werden; und deswegen definiert sie ihre Lohnpolitik in der DDR gleich als Bewältigung einer Notlage. -------------------------- Entsprechend wurden die Gewerkschaften denn auch in ihren DDR-Ta- rifrunden tätig. Ihre Kritik an der Durchführung des 1:1-Diktats hieß: wenn der DDR-Lohn politisch diktiert ist und sich noch gar nicht dem gewinnbringenden Wirken des Kapitals verdankt - dann kann man von ihm auch nicht noch die Sozialkassenbeiträge abzie- hen. Das ist nämlich das zweite Dogma der Gewerkschaften: daß ein ordentlicher Lohn es auch schaffen muß, nicht nur den privaten Lebensunterhalt der Arbeiter zu bewerkstelligen, sondern auch für die Finanzierung der Zwangsabgaben aufzukommen, mit denen der Staat der Arbeiterklasse die Kosten für Arbeitslosigkeit, Krank- heit und Alter aufhalst. Wo, wie in der BRD, die Löhne vom Ka- pital gezahlt werden, also i h m das Geschäft sichern, dann geht das laut Gewerkschaft auch prinzipiell schon immer in Ord- nung. Dann ist auch in einem 450-DM-Lohn Marke BRD noch ein Sozialversicherungsbeitrag drin! In der DDR bedarf es dazu nach Auffassung der Gewerkschaft einer "Nettolohngarantie". Deshalb wurde sie hier in der DDR ganz radikal: mit ihren 25%-Forderungen verlangte sie, daß die Arbeitgeber in der DDR einen Solidarbei- trag leisten zur Herstellung der neuen, funktionsfähigen Ar- beiterklasse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die fanden sich in aller Regel ohne viel Widerstreben dazu bereit. Und den DDR- Arbeitnehmern wird so die unschätzbare Erfahrung zuteil, daß ihre 850,- bis 1200,- DM noch erheblich weniger gewesen wären, wenn davon 25% abgezogen worden wären, und daß so gesehen 300,- DM ganz schön viel sind. Was die Gewerkschaft den DDR-Arbeitnehmern in dieser Tarifrunde als Lohn festschreibt, ist also so etwas wie eine n a t i o n a l e S o z i a l h i l f e. Das ist ein Geld, auf das die DDRler als d e u t s c h e Arbeiter Anspruch haben: nicht, weil sie es sich a l s A r b e i t e r im Dienst am Ka- pital "verdient" hätten, sondern weil sie als neue deutsche S t a a t s b ü r g e r ein Recht auf Betreuung haben, solange sie sich noch nicht in ihrem eigentlichen Beruf nützlich machen dürfen. Daß eine solche "Betreuung" die Mittel fürs blanke Durch- kommen nicht übersteigen kann und darf - da sind sich die Gewerkschaften mit den Machern des Anschlusses völlig einig. Der R e i c h t u m der neuen deutschen Nation ist ja schließlich nicht zum Verfüttern an die Leute da: der soll als das Kapital privater Geschäftsleute und als staatliche Hilfen für dessen Eigentümer seine segensreichen Wirkungen entfalten. Also muß die drübige Arbeiterklasse solange auf A r m u t festgelegt werden, wie das in der DDR nicht so gut läuft wie hier. Die Gewerkschaf- ten wirken bei dieser Festlegung mit, indem sie der Armut die s o z i a l e K o m p o n e n t e verleihen. Damit sorgen sie auf ihre Weise mit für die Befestigung des Vorurteils, daß Not herrschen m u ß, wo das Kapital (noch) nicht ordentlich aus- beuten w i l l, und daß man deshalb dem Staat dafür dankbar zu sein hat, daß er wenigstens fürs Nötigste sorgt. Womit auch klar ist: wenn das Kapital auch in der ehemaligen DDR erst ordentlich herumfuhrwerkt, dann geht jeder Lohn in Ordnung, den es mit der Gewerkschaft aushandelt. Welcher ehemalige DDRler dann mehr, we- niger oder genausoviel zum Leben haben wie jetzt - das wird sich dann zeigen. Auf jeden Fall gilt dann: die Bezeichnung "Armut" hat kein Lohn verdient, den die Gewerkschaft absegnet! Dem Anliegen, die Überführung der DDR-Arbeiterklasse in ihre marktwirtschaftliche Benutzung s o z i a l u n d g e o r d- n e t zu gestalten, verdanken sich auch die übrigen Errungen- schaften der Tarifrunde. Kündigungsschutz als Schonfrist, -------------------------------- in der sich das Arbeitermaterial sortiert ----------------------------------------- Mit der Vereinbarung eines Kündigungsschutzes bis zum 1.7.91 hat die Gewerkschaft einerseits geholfen, einen weitergehenden Rationalisierungsschutz, den noch die Modrow-Regierung als Gesetz festgelegt hatte, zu beseitigen. Daß man dem Kapital dort, wo es die Arbeitskraft b e n u t z e n will, keine Schranken in den Weg legen darf, hat ihr offenbar eingeleuchtet. Andererseits will sie vermeiden helfen, daß die Umstellung der DDR-Betriebe auf Marktwirtschaft, die erst einmal als massenhaftes Zusammenbrechen bisheriger Produktion und Versorgung stattfindet, zu "unnötigen" Massenentlassungen führt. Die IG Metall (Ost) etwa steht auf dem Standpunkt, daß die Betriebe bis zum Juli des nächsten Jahres herausgefunden haben sollen, wieviele und welche Arbeitskräfte sich gewinnbringend anwenden lassen, und wer bei echt marktwirt- schaftlicher Rechnungsführung von der Lohnliste gestrichen ge- hört. Also hat sie mit den Ost-Arbeitgebern ein Entlassungsverbot bis Mitte nächsten Jahres ausgehandelt. Danach soll dann alles seinen üblichen geregelten kapitalistischen Gang gehen, wo be- kanntlich alle Entlassungen das gewerkschaftliche Placet bekom- men, die sich - nach gewerkschaftlicher Überprüfung, versteht sich - für den Gewinn nicht bezahlt machen. Und weil über die Leute, die j e t z t von keinem DDR-Betrieb und keiner Verwaltung benutzt werden, ein endgültiges Urteil in Sachen Brauchbarkeit nicht gefällt sein soll, heißen sie nicht Arbeitslose, sondern Kurzarbeiter, und kriegen erst einmal Kurzarbeitergeld, bis endgültig entschieden ist, welchen Platz ihnen das Kapital in seiner Reservearmee zuweist. Fazit : Eines haben die Gewerkschaften mit ihren ersten DDR-Tarifrunden bewiesen: auch die "Umstellung" der DDR-Wirtschaft auf Kapitalis- mus geht nicht o h n e s i e. Wer sonst sollte Staat und Kapi- tal mahnend in Erinnerung rufen, daß eine ehemalige DDR-Arbeiter- klasse, die sich demnächst nützlich machen soll für den Reichtum der Nation, ein Mindestmaß an sozialer Zuwendung braucht, um ihre eigene Umstellung zu bewerkstelligen? Wem sonst fällt ein, daß das neue Arbeitskräftematerial Anspruch hat auf Betreuung durch seine Herren - jedenfalls solange, wie es seinem eigentlichen Dienst nicht nachkommen kann? Eben das bekommen die DDRler jetzt. Damit sind sie endlich nicht mehr von SED und FDGB gegängelte, unterdrückte Unterhaltsempfänger; aber auch nicht bloße Opfer "kapitalistischen Wildwuchses". Sondern eben freie deutsche Lohnarbeiter: mit einem Lohn, der nicht mehr ein von der Bundes- regierung beschlossenes Diktat, sondern frei gewerkschaftlich ausgehandelt ist, und einer "sozialen Absicherung", die ihnen das Recht zugesteht, sich in ihre neuen Dienstverhältnisse hinein- zufinden. Wer wollte da noch danach fragen, wozu Lohn und Arbeit sonst noch taugen! zurück