Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT TARIFPOLITIK - Von Lohnrunden ohne Lohn
zurück
DER LOHN, DER DIE WELT IN FUGEN HÄLT
Daß j e d e Lohnforderung, die von der von Kapital und Staat
vorgegebenen nach oben abweicht, die Welt zum Zusammenstürzen
bringen muß, gehört zum Standard der tarifpolitischen
"Argumente", Den "harten Zeiten" entsprechend, denen "wir entge-
gengehen", ist die Ausgestaltung dieser Argumente in diesem Jahr
allerdings geradezu apokalyptisch. Bevor sich jemand dazu einfal-
len läßt, daß der Lohn das alles doch gar nicht sein kann; was er
in diesen Berechnungen sein soll - was man schon daran merkt,
wieweit mittlerweile Tarif- und Effektivlohn voneinander abwei-
chen, wie schön also die gewerkschaftliche Tarifpolitik den un-
ternehmerischen Spielraum erweitert hat, je nach Bedarf mit Son-
derzulagen, übertarifen etc. über ihre Belegschaft zu disponieren
-, die F i k t i v i t ä t der tarifpolitischen Berechnungen
ist ja zugestanden, ist aber doch nie ein Argument dagegen, daß
es ebensogut immer darauf ankommt, die Arbeiter an ihre Bedeutung
als Kostenfaktor zu erinnern, gerade damit das Kapital seine
lohnpolitische Bewegungsfreiheit voll ausnützen kann.
Also w ü r d e n die deutschen Arbeiter auch nur ein halbes
Prozent mehr fordern und durchsetzen - wir stützen uns dabei auf
die Berechnungen von Gesamtmetall und die Auskünfte des Bundes-
bankpräsidenten, die es ja wissen müssen -, m ü ß t e notwendi-
gerweise
- die "Sicherung eines Beschäftigungsstandes, der um 200.000 Be-
schäftigte höher ist als nach der Prognose der Forschungsinsti-
tute und der Bundesregierung," hinfällig werden;
- der "Kostendruck auf die Inflationsrate durchschlagen", dadurch
"das Wachstum" auf null bis minus zurückgehen, "Investitionen und
Absatzschancen" ins Bodenlose sinken; über die Lohnstückkosten
würden die deutschen Produkte auf den Auslandsmärkten vollends
konkurrenzunfähig, unsere Exportabhängigkeit stürzte über uns zu-
sammen, ebenso wie der Binnenmarkt durch Inflation und Minus-
Wachstum.
Was alles nur abzuwenden w ä r e (da beim "gegenwärtigen Kon-
junkturbild auch das herkömmliche finanz- und geldpolitische In-
strumentarium nicht anwendbar ist" - Pöhl), l i e ß e die Bun-
desbank ihre Rücksichten fahren und durch eine Politik "billigen
Geldes" den DM-Kurs rasant fallen (Dollar auf 4,50 DM?). Wir
könnten unsere Ölrechnung nicht mehr bezahlen, Auslandsreisen wä-
ren gleich unmöglich, kein Kanake nähme mehr eine DM, das Benzin
ginge aus und geheizt würde mit Torf.
Was wiederum nur abzuwenden w ä r e, w ü r d e der Bund sein
letztes Geld zusammenkratzen für ein Investitionshilfeprogramm.
Die Bundeswehr bekäme keinen Schuß Munition mehr dazu, Panzer
würden ersatzlos verschrottet und der Tornado storniert. Wir
stünden wehrlos da, die Ami-Soldaten allein könnten uns nicht
schützen, die Russen benützten die Gelegenheit und kassierten als
erstes Berlin. ...
All das abzuwenden, liegt allein in der Hand des deutschen Arbei-
ters! Nur ein Prozentchen Lohn weniger, und die Welt bleibt in
Ordnung.
zurück