Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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Der Fall Rheinhausen
ÜBERFLÜSSIGES WERKZEUG DARF UM SEINEN EINSATZ BETTELN -
ALLE INSTANZEN BETTELN MIT.
Das Revier, bzw. seine Arbeiterschaft ist in den Schlagzeilen.
Also dort, wo sie vier Jahrzehnte nichts zu suchen hatte, wenn
nicht gerade im Zuge einer Tarifrunde oder sonstwie ein Arbeits-
kampf der gewerkschaftlichen und nationalen Kontrolle überantwor-
tet werden sollte. Das Revier ist in den Schlagzeilen, weil es
nicht mehr das ist, was es einmal war. Die Geschäfte mit Kohle
und Stahl dort gehen nämlich nicht mehr so flott, und manch einer
meint, das wäre schade. Betroffene, entlassene oder von Entlas-
sung bedrohte Arbeiter, gibt es genug, und sie stellen den Ver-
gleich mit den Tagen an, in denen ihre Abhängigkeit von den Bi-
lanzen der Stahl- und Kohle AGs ihren Lebensunterhalt ausmachte.
Bei diesem Vergleich werden sie nicht alleingelassen, weil die
Dreieinigkeit von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft mit dem
Segen von Kirche und Kultur nichts höher schätzt als geregelten
und rentablen Dienst. Dank dieser Unterstützung sind die Be-
schwerden telegen, das heißt sie passen ins Fernsehen. Sie sind
inszeniert, das heißt unter Aufbietung der Betroffenen als Stati-
sten öffentlich in Szene gesetzt; sie sind organisiert, das heißt
zurecht gemacht und ganz auf die Botschaft zugeschnitten, daß da
ganz unschuldige Opfer garantiert nichts anderes verlangen als
ihren Dienst und lauter ehrenwerte nationale Fürsprecher dafür
bürgen.
Gestern, also in den letzten vierzig Jahren war das alles nicht
der Rede wert: daß im Revier zigtausende Leute wegen Arbeit und
Verdienst auf Krupp angewiesen sind, und zwar ein Leben lang; daß
die Bilanzen dieses Konzerns und einiger anderer über die Le-
bensumstände in Vor- und Großstädten entscheiden. Weil die Bilan-
zen jetzt das Leben nicht nur bestimmen, sondern auch offenkundig
in Frage stellen, ist Aufregung angesagt. Was hat sich verändert?
Eine Unternehmensrechnung, die besagt, daß sich die Tag- und
Nachtschichten von ein paar tausend Leuten bei 60 Grad Hitze
nicht mehr lohnen. Daß sich diese Schichten für die Leute gelohnt
haben, auch wenn ihr Arbeitsplatz kein Vergnügen war und ihr Lohn
ihnen auch keine erlaubte, wollen alle ganz genau wissen. Die Ge-
müter erhitzen sich auf knapp 60 Grad, weil sie ziemlich künst-
lich darüber erschrecken, daß nun ein Fall eingetreten ist, in
dem die Rechnungen von Krupp und Co. einfach nicht mehr als das
Lebensinteresse der Lohnabhängigen zu deuten gehen. Nicht wegen
der Arbeits- und Verdienstbedingungen, nicht wegen massenhafter
Entlassungen, sondern weil entgegen bisherigen Aussagen und
'Optimierungskonzepten' zur 'Gesundschrumpfung' die Konzernlei-
tung ein ganzes Stahlwerk stillegen will. Deswegen sitzt das Un-
ternehmen nun auf der öffentlichen Anklagebank. Der Kläger sind
viele. Wer da alles vorbeikommt! Alle ehrenwerten Instanzen und
Figuren des nationalen Lebens kochen ihre Suppe auf den Opfern
unternehmerischer Kalkulation, d.h. denen, die überhaupt bloß als
Opfer gelten, weil sie zur Entlassung vorgesehen sind. Herzliches
Beileid ist angesagt und damit einiges an Klarstellungen, was die
Anwälte der Arbeitersorgen überhaupt ändern und in Bewegung brin-
gen wollen.
Die Politiker
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stellen sich auf die Seite der Opfer. Das ist frech; denn sie
sind schließlich die Machthaber. Als solche sichern sie genau den
Geschäftsgang, um dessentwillen die Stahlunternehmen jetzt ihre
Belegschaften abbauen. Die Freiheit des Kapitals, was sie Markt-
wirtschaft nennen, ist ihr Anliegen und ihr Werk. Den Wider-
spruch, den sie sich mit ihrem Solidaritätsgefasel leisten, lösen
unsere demokratischen Führer mit einer Lüge: Der Beruf des Unter-
nehmers wäre grundsätzlich zur Beschaffung von Arbeitsplätzen da.
Genau in dem Augenblick, wo Massenentlassungen angekündigt oder
vollzogen werden, bestehen diese Herren darauf, daß sie mit ihrer
Macht die freie Marktwirtschaft nur zum Wohle der arbeitenden
Menschheit erfunden haben. Sie behaupten, daß sie die Rechnungen
von Kapitalisten respektieren und mögen, weil diese Rechnungen
der Menschheit dienen. Sie plustern sich auf, als wären sie er-
schrocken darüber, daß die Stahlproduktion und der Verkauf des
harten Geschäftsartikels gegen die ausschlägt, die nichts anderes
gelernt haben, als ihn herzustellen. Sie geben sich empört und
ohnmächtig dazu, weil sie nichts mehr mögen, als den Schein, an
ihnen läge das bestimmt nicht. Das soll die fernsehende und zei-
tungslesende Menschheit einsehen: Für die sozialen Härten der ge-
heiligten Marktwirtschaft können deren Fanatiker ob sie nun Rau,
Blüm, Bangemann oder Kohl heißen, in Bonn und Düsseldorf regieren
oder in Duisburg und Hattingen die Kommune lenken, ganz bestimmt
nichts. Sie stehen auf Seiten der Opfer, die es nur deshalb geben
soll, weil die Männer an der Macht angeblich genauso hilflos sind
wie die Arbeiter von Rheinhausen.
Die Gewerkschafter
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sind mindestens genauso engagiert wie die gewählten Volksvertre-
ter. Sie sind daran gewöhnt, im Aufsichtsrat, im Betriebsrat,
eben in allen Mitbestimungsorganen, über die beste Strategie der
Unternehmen nachzudenken, die sie offenbar für gemeinnützige Ein-
richtungen halten. Jede Berechnung über verkäuflichen Stahl, über
'vom Markt diktierte' Rationalisierung, über 'von der Technik'
her erforderliche Arbeitsschichten, Lohn und Leistung ist ihnen
geläufig. Daß ihre Argumente, daß ihr strategischer Einsatz für
die Geschäftsnotwendigkeiten g e g e n die Belegschaft
ausschlagen, wissen sie von Fall zu Fall genau.
Aber die Konsequenz einer Massenentlassung, die durchaus auf ih-
rer kapitalistischen Linie liegt, wollen sie nicht auf ihr Ver-
antwortungskonto verbucht wissen. Ein Betriebsrat weiß die Form
zu wahren. Er gibt kaltlächelnd zu, den notwendigen Kündigungen
und geplanten tausenden Entlassungen zugestimmt zu haben. Aber
den Entlassungen, welche seine Partner in der Betriebsleitung für
notwendig halten, begegnet er mit empörtem Unverständnis: Ein
ganzes Werk dichtmachen, das ist diesen Arbeitervertretern zuwi-
der. So sehr hängen sie an ihrer Überzeugung, daß Stahlunterneh-
men wie Krupp zur Arbeitsplatzbeschaffung erfunden wären. Perso-
nalkürzungen vertreten sie entschieden und geradeheraus, wenn sie
dem Gerücht von der Erhaltung der übrigen Arbeitsplätze förder-
lich sind. Wenn die Tatbestände an diesen Schein absolut nicht
mehr zu glauben gestatten, wird unser DGB auch einmal radikal.
Dann bezichtigt er die Betriebsleitung des Verbrechens, kaltlä-
chelnd und des Profits wegen ehrliche Arbeitsleute brotlos zu ma-
chen, bzw. - schlimmer - ihnen ihr gutes Recht auf Arbeit und da-
mit die Würde vorzuenthalten.
Die demonstrative Verachtung des 'reinen Profitdenkens' paart
sich sehr realistisch mit dem Respekt vor dieser Notwendigkeit
des Wirtschaftens. Ganz im Einklang mit den besorgten Herrschaf-
ten in den politischen Ämtern wissen auch Gewerkschafter, daß
nicht Krupp, sondern letztendlich dessen Konkurrenz zurechtgewie-
sen gehört. Ausländische Stahlunternehmen, die weiß Gott nichts
anderes treiben als Krupp, dienen da ganz gut zur Entlastung der
Konzernherren des 'eigenen' Unternehmens. Das ist so eigen wie
deutsch. Der DGB versteht sich gut auf die Vertretung von Arbei-
terinteressen: Wenn Arbeiter wegen der 'Marktlage' und der
'Überkapazitäten' gefeuert weiden müssen, dann sollen es keine
deutschen sein. So ähnlich denkt auch die Regierung und das Un-
ternehmen, weil deutsches Geschäft vor fremdes geht und deutsche
Arbeiter für deutsches Geschäft zu arbeiten oder zu stempeln ha-
ben.
Die Kirche
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die schon immer an jedem gesellschaftlichen Elend schmarotzt hat,
fühlt sich wegen Rheinhausen prompt berufen. Nicht ganz zu Un-
recht. Was sich schon daraus ersehen läßt, daß sie den Gewerk-
schaften die Schau stiehlt. Gottesmänner haben für Dienst, für
brave, ehrliche und darüber arm gebliebene Leute immer viel üb-
rig. Wenn dem Dienst die Anerkennung, ja sogar die blanke Betäti-
gung versagt wird, wittern sie Sünde, Not und Ungerechtigkeit und
finden es himmelschreiend. Das Lob des rechtschaffenen Knechts,
der nichts dafür kann, was mit ihm angestellt wird, posaunen die
Pfaffen ins Revier - und finden jede Menge Publikum, das ihnen
zuhört, weil es von seiner Unschuld ebenfalls überzeugt ist und
auch von allen anderen Stellen diese fromme Botschaft zu hören
bekommt. 'Beten und betteln!' lautet die Parole an der Ruhr, weil
Ohnmacht und Hilflosigkeit 'die Menschen' so wunderbar verbindet
und jeden in seinem Amt bestätigt: die einen als Opfer, die ande-
ren in der Last der Verantwortung, die sie zu tragen haben, aber
nie und nimmer aus der Hand geben wollen.
Das mögen auch die Vertreter der politischen Macht gerne, die zum
Arbeitslosengottesdienst anreisen und angesichts der Betroffen-
heit ihres Arbeitervolks ganz ergriffen sind. An der
'ohnmächtigen Wut' der demonstrierenden und protestierenden Be-
völkerung gefällt den Pfaffen wie dem Bundespräsidenten die Ohn-
macht mehr als die Wut, die sowieso kein anderes Ziel hat, als
die Verantwortlichen auf eine Pflicht hinzuweisen, die sie gar
nicht haben.
In und um Rheinhausen läuft im Augenblick alles schief. Das Ein-
vernehmen zwischen Opfern und ihren Betreuern, die der Betroffen-
heit so prächtig Anerkennung zollen und Öffentlichkeit verschaf-
fen, bezeugt es. Niemand kommt darauf, die untertänigen Fragen
'Wie geht es weiter? Was wird aus uns?' zu lassen und
Die einzig fälligen Fragen
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zu stellen: Geht es im Kapitalismus an der Ruhr und anderswo um
Beschäftigung; geht es gar um Versorgung und Vermeidung von Ar-
mut? Geht es in Ordnung, sich auf Gedeih und Verderb ein Leben
lang den Geschäftskalkulationen von Krupp und Co. zu unterwerfen?
Ist Lohnabhängigkeit ein Segen, solange man beschäftigt ist, und
Not nur dann am Mann, wenn er in keine gewinnbringende Rechnung
mehr paßt? Soll man auf dieser Abhängigkeit bestehen, weil man
sie gerade mit aller Härte zu spüren kriegt? Sind Politiker und
Pfaffen Anwälte der armen Leute? Vermeiden sie Opfer, oder be-
treuen sie sie nur, weil sie sie schaffen und für zwar bedauer-
lich, aber unausweichlich befinden? Sind klagende Bitten auf Ar-
beitslosigkeits-Gottesdiensten, sind Mahnwachen und Solidaritäts-
feiern die passende Antwort auf kühl kalkulierte Marktstrategien
des industriellen Kapitals? Soll man sich freuen und bestätigt
sehen, wenn man als bemitleidenswertes Opfer kapitalistischer
Notwendigkeiten auch noch in der Weihnachtsansprache des Bundes-
präsidenten vor Behinderten, Ausländern und Hungernegern vor-
kommt? Was hat man davon, wenn Weizsäcker, Steinkühler und Pfaf-
fen verkünden, sie würden für die Betroffenen kämpfen und alles
mögliche tun? Was halten sie wohl für unmöglich? Was ist eigent-
lich gewonnen, wenn der Betriebsrat mit den Krupp-Herren jetzt in
aller Freiheit aushandelt, wieviele in Rheinhausen oder anderswo
außer Brot gesetzt werden? Warum kann man eigentlich von Lohnar-
beit so schlecht leben? Und warum lösen sich der ganze Betroffen-
heitsjammer und die öffentliche Anteilnahme immer nur in das Pro-
gramm auf: Es lebe der Staat und die Wirtschaft, weil ohne sie
nichts geht? Was geht denn eigentlich m i t ihnen?
Solange Not beten lehrt, ist sie so sicher wie das Amen in der
Kirche.
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