Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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Öffentliche Diskussionsveranstaltung
Die Massenentlassungen von Rheinhausen
Ein nationales Rührstück - vom Spielplan abgesetzt
ALLES ÜBER GEWINNER UND VERLIERER
Zwei geschlagene Monate standen sie im Mittelpunkt, die Stahlar-
beiter und Bürger von Rheinhausen. Mit ihren Aktionen und Pro-
testmärschen gegen die angekündigte Stillegung "ihrer" Stahl-
hütte, die Krupp gehört, haben sie sich die Anteilnahme der gan-
zen Nation zugezogen. Jede Menge von Sympathie und Solidaritäts-
bekundungen haben sie ausgelöst, aber auch von Anfang an gewisse
Zweifel über die Berechtigung und Nützlichkeit ihres Aufbegeh-
rens. Das Fernsehen, die Gewerkschaften, ja sogar hochrangige Po-
litiker sind so frei gewesen, den Leuten im Revier ihren Respekt
zu bezeugen.
Hat ihnen das etwas gebracht?
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Schon zu Beginn, als die Aufregung noch frisch war, lautete die
einhellige Meinung über Straßensperren und Protestgottesdienste
ziemlich merkwürdig: "Ohnmächtige Wut" sei da am Werk, und ganz
verständlich sei die Reaktion der "Betroffenen", die angesichts
einer höheren Gewalt namens "Stahlkrise" ja wohl wenig zu bestel-
len hätten. Betont realistisch ließen sich die Berichterstatter
und Kommentatoren des Geschehens vernehmen: Gegenüber den über-
mächtigen Sachzwängen des Wirtschaftslebens haben die Opfer alle-
mal die schlechteren Karten.
War und ist das nun die Wahrheit über Rheinhausen
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und seine Bewegung?
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Im Revier verhandeln inzwischen Politiker, die Vertreter von Kon-
zernen und Gewerkschaftler über allerlei "Konzepte", weil sie
während der bewegten Wochen eine Entdeckung gemacht haben wollen.
Sie reden nicht mehr von beschlossenen und angekündigten Entlas-
sungen, sondern von einem Ding namens "Strukturwandel". Den wol-
len sie gemeinsam planen, obwohl wir keine Plan-, sondern eine
Marktwirtschaft haben. Ihre Bemühungen verkaufen sie als Rettung
des Reviers und seiner Lohnabhängigen dazu.
Heißt das nun, daß demnächst mit dem "Arbeitgeben"
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ernst gemacht wird?
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Der ganze "Fall Rheinhausen" hat enorm viel genützt. Jetzt wissen
Verantwortliche wie Betroffene noch einmal ganz genau, daß die
"Vernichtung von Arbeitsplätzen" zwar für Arbeitsleute ziemlich
schlimm und auch ungerecht ist, aber manchmal unumgänglich. Die
"Schaffung von Arbeitsplätzen" ist das Programm der Stunde, und
es wird im Rahmen des Möglichen durchgeführt. Unternehmer sind
nicht nur "Arbeitgeber", sondern wegen der Entlassungen auch noch
"Ersatz-Arbeitgeber". Und die Bundesanstalt für Arbeit zählt dem-
nächst nicht mehr die Arbeitslosen, sondern drei Millionen Anwär-
ter auf "Ersatzarbeitsplätze".
Ist das die passende Konsequenz aus den
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"schmerzhaften Erfahrungen" im Revier und anderswo?
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Alle, aber auch alle Lehren, die mit dem Kampf im Revier in Um-
lauf gebracht worden sind, standen schon vorher fest. Wer will
denn in der BRD nicht längst wissen, daß Arbeitsplätze nur ge-
schaffen und erhalten werden können, wenn sie sich rentieren? Wer
streitet denn ab, daß immer mehr Arbeitslose ein hartes Schicksal
gewärtigen, wenn und weil die Bilanzen des Kapitals die Gnade der
"Beschäftigung" nicht zulassen? Wer zweifelt daran, daß Geschäft
und Politik - und sonst niemand - dafür "verantwortlich" sind,
daß beschäftigt und entlassen wird?
Dabei ist der "Fall Rheinhausen" durchaus für ganz andere Lehren
gut. Immerhin nämlich für die Einsicht, daß auch ein Kampf nichts
nützt, wenn er die "Verantwortung" dort läßt, wo sie im Kapita-
lismus nun einmal ist.
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