Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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Das Ende von Rheinhausen
DER GANZ GEWÖHNLICHE KAPITALISMUS
Fünf Monate Belegschaftsproteste; fünf Monate öffentliche Anteil-
nahme; fünf Monate Solidaritätsbekundungen von allen Seiten; fünf
Monate Verhandlungen zwischen Krupp-Geschäftsleitung und Be-
triebsrat, Betriebsrat und Politikern, Politikern und Geschäfts-
leitung. Jetzt ist er zu Ende, der historische "Kampf an der
Ruhr" - und herausgekommen ist, was von Anfang an feststand, was
jeder wußte; aber die einen nicht wahrhaben wollten, die andern
immer schon und dritte überhaupt nicht gewußt haben wollen. Auch
wenn die Belegschaft noch so enttäuscht und verbittert ist - mehr
war nicht drin. versichern jetzt alle Verantwortlichen. Wie wenn
sie etwas ganz anderes vorgehabt hätten; wie wenn irgendwelche
Zugeständnisse gemacht worden wären. Und? Was war jetzt drin?
Geschäftsfortschritte wie geplant...
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Die Hütte wird programmgemäß dichtgemacht - ein Jahr später als
ursprünglich angekündigt und nach einer neuerlichen Prüfung, ob
sich dann die Weiterführung doch lohnt. Solange dient sie als Si-
cherheit für den reibungslosen Übergang zu einer gemeinsamen
Stahlproduktion von Krupp und Mannesmann in einem anderen Werk
mit verringerter Belegschaft. Ein Teil der Arbeiter - angeblich
ein paar mehr als ursprünglich vorgesehen soll woanders ange-
stellt werden bei Krupp und Mannesmann. Bundespost, Regierung und
Land haben nämlich auf einer Ruhrkonferenz Zuschüsse und Aufträge
versprochen. Wieder andere gehen in Rente oder Vorruhestand, an-
dere werden mit Sozialplan in denselben überführt. So verschwin-
den unter dem Titel 'Rettung von Arbeitsplätzen' einige tausende.
Und das nicht wegen Kapitalmangel und aus Geschäftsnot, sondern
weil und damit sich das Geschäft von Krupp und Mannesmann weiter-
hin lohnt.
Was "drin" war in Rheinhausen, ist also genau das, was tagtäglich
im kleinen und immer wieder auch auf einen Schlag und massenhaft
in dieser florierenden Republik passiert nach den Grundsätzen des
freien Unternehmertums und der sozialen Marktwirtschaft: Unren-
table Anlagen werden geschlossen oder mit neuer Technik und ver-
ringertem Personal rentabel gemacht; nach neuen Geschäften wird
Ausschau gehalten; die Wirtschaftspolitik hilft tatkräftig mit -
und das Arbeitermaterial wird entsprechend sortiert. So kommen
Beschäftigung und Arbeitslose zustande, in Rheinhausen und an-
derswo. Insofern haben die Arbeiter von Rheinhausen wirklich
nichts erreicht - außer der Klarstellung, daß für sie nichts an-
deres gilt wie für alle anderen: Existenzsicherheit für Lohnab-
hängige gibt es nicht, nicht im Ruhrgebiet und nicht sonstwo. Von
wegen 'Kompromiß'!
...aber demokratisch abgewickelt
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Genau dafür waren die fünf Monate öffentlicher Befassung und De-
batten, die Proteste und Verhandlungen gut. Einfach bloß so be-
schäftigt und entlassen wird keiner in diesem Land. Schon gar
nicht, wenn es um die profitable Zukunft nationaler Großbetriebe,
wichtiger Branchen und Wirtschaftsregionen geht. Da werden alle
Geschäftsnotwendigkeiten von den Zuständigen geprüft und abgeseg-
net, da werden Alternativen aufgemacht und verworfen, da werden
die sozialen Folgen und Opfer einkalkuliert und gemanagt - und da
wird all das in aller Öffentlichkeit ausgiebigst besprochen und
erwogen. Natürlich mit vollstem Verständnis für die Betroffenen,
ihre allzuberechtigten, aber leider unerfüllbaren Anliegen und
ihre unvermeidlichen Nöte. Durch die Autorität des Landesvaters
vermittelt, mit der Verhandlungsmacht des Betriebsrats und der
Gewerkschaft ausgestritten, vom Unternehmen erst nach zähem Rin-
gen zugestanden, von der Öffentlichkeit mit nationalen Wirt-
schaftserwägungen und Stimmungsberichten vor Ort gebührend durch-
gehechelt - so bekommt die Durchsetzung des Geschäftsinteresses
und die allgemeinverbindliche Regelung seiner ungemütlichen Moda-
litäten den Charakter eines Kompromisses. Eines Kompromisses, bei
dem die Verhandlungspartner des Unternehmens angeblich nur schwe-
ren Herzens den Zwängen des Marktes Rechnung tragen und dafür an-
geblich der anderen Seite das Zugeständnis abgerungen haben, alle
Härten für die Manövriermasse des Geschäfts soweit wie möglich
'sozial' abzumildern.
Worauf sich die Zuständigen geeinigt haben und wozu die Öffent-
lichkeit ihren kritischen Senf abgegeben hat, das sind dann die
Sachnotwendigkeiten, außer denen nichts mehr geht - abgesehen von
Krokodilstränen für die Betroffenen. Dafür stehen all diejenigen,
die sich zum Anwalt der Betroffenen aufgeschwungen haben, dann
mit der ganzen Macht ihrer Ämter ein und verpflichten die Beleg-
schaft, sich ins Unvermeidliche zu fügen, andernfalls... Die öf-
fentliche Anerkennung, will nämlich verdient sein, indem die Ar-
beiter die Schnauze halten und sich fügen, wenn ihre Beschwerden
nicht mehr erwünscht sind als Begleitmusik bei der Regierung na-
tional bedeutsamer Geschäftsvorhaben. Die Enttäuschten dürfen
sich mit der Lüge zufriedengeben, ohne ihren aufrechten Kampf
wäre das Ergebnis nie und nimmer zustandegekommen.
So rächt sich
Der Fehler der Rheinhausener Stahlarbeiter
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an ihnen. Mit ihren Beschwerden, Warnstreiks, öffentlichen Um-
trieben und Gebeten haben sie nämlich ausgerechnet auf diese de-
mokratische Abwicklung gesetzt: Wie wenn sich bei den Verhandlun-
gen extra um sie gekümmert würde, wenn sie sich bemerkbar machen
und ihr gutes Recht auf "ihre" Hütte anmelden. So gut ist ihr
Recht aber gar nicht. Um die Rechtfertigung ihres Anspruchs auf
Berücksichtigung haben sich die Beschwerdeführer deshalb mehr ge-
kümmert als um sich selbst. Als ob sie gewußt hätten, daß die
Sorgen von Arbeitern in Wirklichkeit keinen Pfifferling wert
sind, haben sie ihre Interessen von Anfang an in lauter höhere
Anliegen übersetzt, um Anerkennung zu finden vor den Hütern des
Allgemeinwohls. Nicht ('bloß') ihr Lohn und ihre Existenz sollen
da auf dem Spiel gestanden haben, sondern die Zukunft, die ihrer
Kinder, die von Rheinhausen, die der deutschen Stahlindustrie,
die des Reviers usw. Ihr eigenes Ein- und Auskommen fanden sie
als Argument für zu wenig stichhaltig und als Kampfziel für zu
unrealistisch - und haben prompt erfahren müssen, daß die ehren-
werten Kollektive, auf die sie sich berufen haben, diesem ihrem
Interesse nach einer einigermaßen sicheren Existenz für sich und
ihre Familie nicht Gewicht verleihen, sondern entgegenstehen. Zu-
stimmung bekommen haben die Arbeiter als überlebenswillige Rhein-
hausener, als heimatliebende Revierbewohner, als demütige Chri-
sten, als Basis einer um gesamtwirtschaftliche Mitbestimmung buh-
lenden Gewerkschaft, als Belegschaft für die Beteiligung des Be-
triebsrats an der Geschäftspolitik, als Anwälte einer überlebens-
fähigen deutschen Stahlindustrie und politikgläubige Bittsteller
um Beschäftigung. Und belehrt worden sind sie darüber, daß sie
als Arbeiter Material der nationalen Wirtschaftsfortschritte sind
und deswegen alles so zu laufen hat, wie die Raus, Krupps und
Steinkühlers es für notwendig halten.
So haben sich die Rheinhausener Stahlkocher mit ihren Beschwerden
und Appellen zu nützlichen Idioten für die öffentliche Demonstra-
tion gemacht, daß ihre Belange in die Hände derjenigen gehören,
die die nationalen Interessen verwalten, und daß sowieso nichts
geht, außer was die Zuständigen beschließen - in Rheinhausen
haargenau wie überall, wo die schlichte Logik zum Zuge kommt:
ohne Profit keine Beschäftigung, und profitable Beschäftigung nur
bei viel Leistung und nicht so viel Lohn. Hätten die Arbeiter von
Rheinhausen sich dagegen zur Wehr setzen wollen, sie hätten sich
rechtzeitig dazu entschließen müssen, auf Bittgottesdienste,
Mahnwachen, Autokorsos, Protestversammlungen, auf das geheuchelte
Verständnis von Politikern und den Einsatz der Gewerkschaftsfunk-
tionäre zu verzichten. Auf die Hoffnung also, die allgemeinwohl-
dienliche Abwicklung der Geschäftsnotwendigkeiten könnte irgend-
wie ihnen zugute kommen. Statt an die jeweiligen Verantwortlichen
zu appellieren und die Mauscheleien in den Chefetagen mit Be-
schwerden zu begleiten, hätten sie eine Gegenerpressung gegen die
Stahlunternehmer und ihre politischen Geschäftsbetreuer aufmachen
müssen.
Diesen Klassenkampf haben die Stahlarbeiter nicht führen wollen.
Erspart bleibt er ihnen dennoch nicht. Geführt wird er nämlich
von oben, mit Entlassungen, Betriebsstillegungen und ein paar
neuen Billigangeboten für Beschäftigung, bei der laufend die Ar-
beitsproduktivität, aber nicht die Arbeitsbequemlichkeit und das
Einkommen wächst.
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