Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
zurück
Rheinhausen - erster Jahrestag
DIE LEGENDE LEBT, ODER
JE GELUNGENER DER GEDENKTAG, DESTO TOTER DIE LEICHE
Weil es der Kalender so will, wird Rheinhausen derzeit wieder von
Zeitungsreportern und Fernsehteams besucht. "Kein Zweifel: Ein
Jahr nach dem Krupp-Beschluß wollen sich die Rheinhauser nicht
ohne weiteres in ihre Wohnzimmer zurückziehen", weiß dann z.B.
die WAZ als Ergebnis solcher Recherchen zu berichten. Was man
sich unter dem vielsagenden "nicht ohne weiteres" vorzustellen
hat, erfährt man auch gleich. Die "Betroffenen" von damals haben
sich "schon ganz auf die Lage der Dinge eingestellt, bewerben
sich bei Thyssen und schimpfen auf die Überstunden. Daneben hal-
ten sie sich - betreut von Kirche, Volkshochschule und Gewerk-
schaft - ein reges kulturelles Leben, in dem die Erinnerung ge-
pflegt wird und so lebendig gehalten werden soll. Ein permanenter
Totensonntag für Rheinhausen, das ist also der Ertrag des
Kampfes, von dem es immer hieß, daß er "nicht umsonst" gewesen
sein durfte.
Ein neugegründeter Verein "Leben und Arbeiten in Rheinhausen" or-
ganisiert eine Ökologie-Gruppe, die sich vermutlich mit dem Pro-
blem von Industriebrachen unter dem Gesichtspunkt des Biotops be-
schäftigt. Eine Video-Gruppe läßt täglich einen "Streiksender"
ausstrahlen, wo überhaupt niemand streikt. In der Krupp-Werkskan-
tine finden regelmäßig Talkshows statt, die der hier genau rich-
tig aufgehobene Talkmaster Helmut Laakmann moderiert (schon An-
fragen vom WDR, 3 vor Mitternacht und so?). Zu allem Überfluß
laufen überall Soziologen der Uni Duisburg herum, die das gewe-
sene "Konfliktfeld" für ihre Feldstudien beackern. Und ganz zu
schweigen von den dauernden Fackelzügen und Gedenkgottesdiensten,
mit denen die schöne Leiche Rheinhausen bis zum Gehtnichtmehr be-
gangen wird.
Presse, Funk und Fernsehen finden das alles nicht nur ganz toll,
sondern (wie gesagt, aus Anlaß des Kalenders) auch höchst mittei-
lenswert. Vorbildlich nämlich, wie sich eine so gebeutelte Stadt
einfach nicht unterkriegen läßt! Um die Botschaft dieses zyni-
schen Lobs der Gelackmeierten auch noch dem letzten Blödmann/frau
einleuchten zu lassen, wird dann im Stil historischer Berichter-
stattung die Sache von "damals" so richtig schön dramatisch auf-
bereitet:
"Das Ruhrgebiet bebte - 160 Tage lang."
---------------------------------------
Ein schönes Bild, das die "Bild-Zeitung" da zur Einstimmung gibt.
Demnach hat es sich bei Rheinhausen um so etwas wie ein Naturer-
eignis gehandelt, um ein fast halbjähriges Erdbeben, mit dem,
weil es so schaurig-schön war und vor allem vorbei ist, jetzt
noch einmal innerlich mit- und nachgebebt werden kann.
"Walzendreher Willi Dannöhe (41) wurde zuhause vom Schwager ange-
rufen. 'Ich dachte, der spinnt dann habe ich es im Radio gehört.'
Dannöhe kämpfte: bei Brückenblockaden, Fackelzügen. 'Die Angst
vor der Zukunft', sagt er, 'hat mich erst losgelassen, als ich
wußte, daß ich bei Thyssen unterkomme'." (Bild, 25.11.88)
Dann ist ja nach der Aufregung alles in Butter. Oder doch nicht
ganz?
"Keiner in Rheinhausen will diesen Tag vergessen: Elfriede Blanke
stellt morgen wieder einen glühenden Kokskorb vor die Mahnwache
in der Margarethen-Siedlung." (Bild)
Nicht nur, weil es zeitlich zusammenpaßt: Es ist wirklich so, als
würde hier unter beifälliger öffentlicher Anteilnahme die erste
Adventskerze in Gestalt eines Kokskorbes angemacht. Das darf man
dann als Zeichen des Dankes verstehen, daß doch nicht alles so so
gekommen ist, oder als Mahnung an einen "schönen Tag". Beides
bleibt sich gleich. Wo immer eine "Erinnerung" wach gehalten wer-
den soll, sind die Beteiligten in Wirklichkeit längst damit fer-
tig. Die Stahlarbeiter samt Angehörigen haben aus ihrer Nieder-
lage gefolgert, daß "nicht mehr drin" war, und sich aufs
"Unabänderliche" eingestellt. Die Krupps, Farthmanns, Bruck-
schens, Kelps (in dieser Reihenfolge: Kapital, Politik, Gewerk-
schaft und Kirche) und sonstigen Profiteure haben gewonnen und
können sich ein bißchen Mitgefühl sowieso leisten. Dann trifft
man sich beim gemeinsamen Gedenken. "Das soll nicht wieder vor-
kommen!" - was denn eigentlich, Entlassungen oder bloß der
Streit, den es um sie gegeben hat?
Egal - der öffentlich-rechtlichen Meinungsmache ist diese Sorte
Unterschiedslosigkeit der Interessen gerade recht. Sie betrauert
und/oder feiert das "persönliche Schicksal". Ihre Sache ist die
Kunst des Zurechtkommens mit den anderwärts gesetzten Fakten. Da
verteilt sie ihre Zensuren und malt Vorbilder aus. Ein bißchen
Kampf und wissen, wann er vorbei ist; ein bißchen Schimpfen und
wissen, daß das eh nichts bringt - das ist die aus Anlaß eines
Jahrestags öffentlich gepflegte Arbeiterkultur.
"Stimmung gereizt",
-------------------
meldet die "WAZ" anläßlich des Gedenktags. Wie das, wo doch "die
Sache" längst ausgestanden ist?
"Um die 30 000 Überstunden haben die Männer in dem totgesagten
Werk im vergangenen Monat gefahren, mehr als 300 000 Tonnen Stahl
haben sie produziert - soviel wie nie zuvor. Trotz der vorausge-
sagten Stahlkrise, trotz kleinerer Belegschaft." (WAZ, 26.11.88)
Und? Ist jetzt vielleicht einmal eine kleine Kritik der Lüge fäl-
lig, daß Arbeiter wegen übergeordneter, ungewollter und unabweis-
barer Notwendigkeiten (leider, leider, leider) gekündigt würden?
Eine kleine Kritik des kapitalistischen Sachverhalts, daß Arbei-
ter für den Markterfolg des Unternehmens beschäftigt und ausge-
preßt werden? Nein. Die Zeitung macht sich nicht zum Anwalt des
Arbeiterinteresses, sondern zu dem seines beleidigten Ehrgefühls:
"'Wir sind doch nur betrogen worden', sagt ein 54jähriger Maschi-
nist vom Werk. 'Jetzt müssen wir malochen, bis die Knochen kra-
chen. Und dann machen die das Werk doch zu.'" (WAZ)
Ein bißchen mehr Ehrlichkeit bei der Ausbeutung, das wär's? Nur
rechtzeitig vorher alles angekündigt und der Maschinist macht
freudig mit? Mehrarbeit und Entlassung auf termingenaue Ansage,
das würde es bringen? Immer so weiter malochen und das Werk
bleibt auf, da kommt Freude auf?
Mit der hier geäußerten proletarischen Weltanschauung, daß "wir
ja doch immer die Dummen sind", kann sich ein Blatt wie die WAZ
mühelos solidarisieren. Denn so hat man sie gern, die Proleten:
ehrlich, anspruchslos und gut. Und sich für keine Feier und für
keinen Gedenktag zu schade. Denn daran sei bei dieser Gelegenheit
auch einmal erinnert: Niederlagen pflegt man nicht zu feiern, es
sei denn, man hat ganz andere Gründe dafür. - Kurz und (un)gut:
Der Kampf ist endgültig beerdigt - Rheinhausen lebt!
----------------------------------------------------
"Auch wenn die Krupp Stahl AG kürzlich versprach, in den nächsten
Jahren 620 neue Arbeitsplätze in Rheinhausen zu schaffen: Die
Sorge um die Zukunft ist geblieben." (WAZ)
Man ist also gründlich skeptisch geworden in Rheinhausen, man
glaubt nicht mehr gleich und sofort alles. Und wem oder was nützt
das?
"Die Panik aber ist verschwunden, ein Stück Normalität zurückge-
kehrt." (WAZ)
Also: Eine gesunde Skepsis schützt vorbeugend vor unnötiger Ent-
täuschung. Wer sich nie zuviel erhofft, der wird auch nie eines
Schlechteren belehrt, der ist von vornherein wasserdicht in Sa-
chen Heulen und Zähneklappern. Das kann und soll man sich auch
für die Zukunft merken.
"Deutliches Zeichen: Die Kaufleute der Stadt rechnen wieder mit
einem 'normalen Weihnachtsgeschäft' nach 'katastrophalen Einbrü-
chen' im vergangenen Jahr." (WAZ)
Dann ist ja auch für den Rest der Welt alles in Ordnung. Die
Rheinhauser haben es schließlich vorgeführt: Erst eine Menge Auf-
regung, dann die gelungene Belehrung, daß es nicht anders geht.
Und nach einem Jahr die Auflösung, daß bei entsprechend niedriger
Anspruchshaltung (= Skepsis) die ganze Aufregung höchst unnötig
gewesen wäre. Ein schöner, ein geradezu adventsmäßiger Schluß der
ganzen Affäre.
***
Boom für Gottes Geier
---------------------
"Auch die Geistlichen in Rheinhausen hatten aktiv in die Ausein-
andersetzungen um das Krupp-Werk eingegriffen - allen voran der
evangelische Pfarrer Dieter Kelp, der das Bürgerkomitee leitete.
In vielen Diskussionen und nach manchem Streit gelang es der
'Basiskirche', die Oberen zu überzeugen."
Wovon? Davon:
"Acht zusätzliche Stellen wolle die evangelische Kirche in Rhein-
hausen finanzieren, sagt Kelp: Schulden-, Drogen- und Rentenbera-
ter, Sozialarbeiter und Pädagogen." (WAZ, 26.11.88)
Genau, Elendsbetreuer von diesem Schlag braucht Rheinhausen jetzt
mehr denn je. Und so hat außer Krupp wenigstens einer am Ende et-
was von der Schließung der Hütte. Schuldenmachen, Drogenkonsumie-
ren und Zwangsverrentetwerden nicht ohne geistlichen Beistand -
das ergötzt den Herrn und freut die Gemeinde. Eine tiefe Sorge
bleibt dem Pfaffen jedoch:
"Am 26. November 1987 ist die traditionelle Liebe der Kruppianer
zum Unternehmen zerbrochen." (Kelp laut Bild, 25.11.88)
Ist ja wirklich schlimm, bloß: steht das in der Bibel, daß der
Arbeiter seine Firma lieben soll? Wie soll sich da der Rheinhau-
ser noch auskennen? Welchen Herrn soll er denn jetzt lieben,
Krupp oder den-da-oben? Oder jeden zu seiner Zeit?
Wenn es irgend etwas helfen würde, gehörte Kelp bei der Heiligen
Inquisition angezeigt. Aber er ist ja evangelisch.
zurück